Test: Outlive

Endzeitszenarien sind im Videospielbereich seit jeher ein beliebtes Setting. Doch auch bei den Brettspielen sind postapokalyptische Geschichten mittlerweile ziemlich en vogue. Mit Outlive von Pegasus Spiele kommt nun ein weiterer Vertreter dieses Genres daher. Zunächst wurde das Brettspiel über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter finanziert. Seit kurzer Zeit könnt ihr das Spiel aber auch im regulären Handel und in deutscher Sprache erwerben.

Outilve siedelt sich im Jahr 2079 an. Ein nuklearer Krieg hat die Erde zu einem fast unbewohnbaren Planeten gemacht. Die Weltbevölkerung hat sich zudem drastisch reduziert. Nur etwa 30.000 Menschen haben den Atomschlag überlebt. Die Existenz der Überlebenden ist allerdings massiv gefährdet. Nahrungsmittel und Wasser sind knapp, zudem weitet sich die radioaktive Strahlung immer weiter aus. Deshalb haben sich die Menschen in unterirdische Bunker zurückgezogen. Von dort aus wandern sie von Zeit zu Zeit an die Oberfläche, um Nahrungsmittel oder Ausrüstungsteile zu plündern. Es gibt jedoch einen Lichtblick für die Überlebenden. Eine Organisation namens Convoy hat eine Siedlung unter dem Meer aufgezogen und sucht nun nach Bürgern, die sich ihrer als würdig erweisen. Deshalb beobachtet Convoy das Treiben der Menschen ganz genau. Denn nur die stärkste Gruppe wird in ihrer Gemeinschaft aufgenommen. Sechs Tage habt ihr Zeit, um eure Überlebenskünste unter Beweis zu stellen.

Das Leben nach dem nuklearen Krieg

Jeder Spieler übernimmt die Kontrolle über einen unterirdischen Bunker und seine Bewohner. Jeweils vier Helden wagen sich tagsüber an die Oberfläche und grasen das Umland nach nützlichen Gegenständen und Nahrung ab. Dabei kommen sich die Helden der verfeindeten Bunker aber immer wieder in die Quere. Hier gilt das Recht des Stärkeren. Jeder möchte sich nach Ablauf der sechs Tage in die sichere Obhut des Convoys begeben, für Mitleid und Barmherzigkeit bleibt da kein Platz. Es geht ums nackte Überleben.

Das Spiel findet gleich an mehreren Schauplätzen statt. Da wäre zunächst der allgemeine Spielplan, auf dem sich die Helden aller Spieler bewegen können. Im Spielverlauf könnt ihr in den Wald gehen, um Holz zu hacken, Eisen findet ihr sicherlich im ehemaligen Bergwerk, elektronische Teile lassen sich im alten Freizeitpark plündern und auf dem verlassenen Militärgelände könnt ihr euch mit Munition eindecken.  Dazu gibt es mit Blackwood City und Silent Peak noch zwei Städte, in denen ihr nach Ausrüstungsgegenständen aller Art suchen könnt. Von hoher Bedeutung ist auch der Staudamm, der euch mit Wasser versorgt. Eine ebenso wichtige Anlaufstelle ist der Hafen. Dort findet ihr Konserven und könnt zudem weitere Überlebenden in eure Gemeinschaft aufnehmen.

Zum anderen müsst ihr euch aber auch um euren Bunker kümmern. Dort könnt ihr weitere Überlebende aufnehmen, die in eurem provisorischen Heim wichtige Aufgaben übernehmen. Mit der Zeit werdet ihr den Bunker stetig erweitern. Ihr gewinnt neue Räume hinzu, die euch später nützliche Vorteile einbringen. Die Boni erhaltet ihr aber nur, wenn es euch gelingt, die Räume mit einer entsprechenden Anzahl von Überlebenden zu füllen. Mehr Menschen bedeutet aber auch gleichzeitig, dass ihr mehr Nahrung benötigt. Die hungrigen Mäuler wollen schließlich auch gefüttert werden. Ihr seid also vermehrt darauf angewiesen, dass die Helden am Ende des Tages genügend Nahrung mit nach Hause bringen.

Der Kampf ums Überleben

Outlive folgt einer klaren Struktur. Gespielt wird über sechs Runden, jede Runde steht für einen Tag. Innerhalb einer Runde werden jeweils drei Phasen durchlaufen. Die Dämmerungsphase dient dem Wiederauffüllen von Ressourcen. Zu Beginn einer neuen Runde findet ihr auf dem allgemeinen Spielplan neue Ressourcenplättchen wieder. Dazu gehören Holz, Wasser, Munition, elektrische Teile und Metall. Im Hafen legt ihr wieder neue Überlebende aus, die ihr später rekrutieren könnt. Für die beiden Städte zieht ihr jeweils drei Ausrüstungsplättchen. Die Ausrüstungsgegenstände können beim Durchforsten der Städte entdeckt werden. Kleinigkeiten wie Taschenlampen, Spitzhacke oder auch eine Kettensäge erleichtern euch das Überleben.

Anschließend kommen wir schon zur zweiten Phase, dem Tag. Bevor ihr mit euren Helden Aktionen ausführt, wird mit Phasenbeginn ein neues Ereignis aufgedeckt. Positive Ereignisse gibt es in einer postnuklearen Welt natürlich nicht. Stellt euch also gleich schon einmal darauf ein, dass ihr direkt vor einem dicken Problem steht. Entweder frisst euch eine Rattenplage die Nahrungsmittel weg, eine Diebesbande plündert den Elektronikvorrat oder ein Sandsturm reduziert die Anzahl der verfügbaren Aktionen der Helden. Jedes Ereignis betrifft stets alle Spieler gleichermaßen. Doch es kommt noch dicker, jedes aufgedeckte Ereignis wird sich in den folgenden Runden immer wiederholen. Am sechsten Tag könnten also gleich sechs negative Ereignisse auf die Spieler einprasseln. In der dritten Phase einer jeden Runde wird euch aber die Chance gegeben, das Ereignis ein für allemal abzuwenden. Dazu müsst ihr jedoch einige vorgegebene Ressourcen opfern. Als kleine Belohnung für diese Heldentat erhaltet ihr einige Überlebenspunkte, mit denen ihr am Spielende die Chance auf eine Rettung durch das Convoy habt.

Strahlende Helden

Nach dem Auslösen des Ereignisses ist es dann soweit, eure vier Helden wagen sich aus den Bunkern und plündern an der Oberfläche. Die Helden werden dabei reihum aktiviert, der erste Spieler bewegt zunächst einen Helden, dann folgen die Spieler in der Reihenfolge. Dies wird solange fortgeführt, bis jeder Spieler seine vier Helden gezogen hat. Beim Bewegen der Helden gibt es einige Regeln zu beachten, die dem Spiel eine weitere taktische Komponente hinzufügen. Zunächst einmal muss jede Heldenfigur zwingend bewegt werden, ihr dürft mit ihr also nicht einfach am gleichen Ort verbleiben und die Aktionen nochmals dort ausführen. Bei der Bewegung gilt zudem ein Radius von maximal zwei Feldern. An jeden Ort darf sich zudem auch immer nur einer eurer Helden aufhalten. Da alle Helden nach Abschluss ihrer Aktionen am Ort verbleiben, kann es sein, dass ihr eine Figur erst einmal aus dem Bereich entfernen müsst, bevor ihr eine andere Figur dort platziert.

Beim Durchführen der Aktionen an einem Ort spielt es weiterhin eine Rolle, ob sich dort schon eine Figur eines anderen Spielers befindet. Wandert einer eurer Helden an einem Ort an dem sich Figuren anderer Spieler befinden, wird dieser als Angreifer deklariert und versucht die anderen Helden unter Druck zu setzen. Auf diese Art gelingt es ihm unter Umständen, einige Ressourcen zu räubern. Ob dies tatsächlich gelingt, hängt vom Stärkewert des Helden ab. Im Spiel befinden sich Heldenfiguren mit Stärkewerten zwischen drei und fünf Punkten. Für jeden Stärkepunkt, den euer Held den Verteidigern überlegen ist, entwendet ihr eine Ressource. Die Verteidiger können sich allerdings zur Wehr setzen, indem sie Munitionsmarker ausgeben. Pro eingesetztem Munitionsmarker kann ein Stärkepunkt egalisiert werden.

Die Stärke eines Helden zeigt zudem an, wie viele Aktionen er an einem Ort durchführen kann. Für einen Aktionspunkt könnt ihr zum Beispiel an den jeweiligen Orten Ressourcen wie Holz, Wasser oder Eisen abbauen. Die ausliegenden Marker sind jedoch nur in begrenzter Stückzahl vorhanden. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Erst in der nächsten Runde werden die Marker an den Orten dann wieder aufgefüllt. In den Außenbezirken könnt ihr außerdem auf die Jagd gehen. Hier befinden sich unterschiedliche Wildtiere, die euch eine verschiedene Menge an Fleisch einbringen. Je öfter ihr Jagd auf eine bestimmte Wildtierart gemacht habt, desto mehr Fleischmarker springen am Ende der Jagd dabei für euch heraus. Jagderfahrung zahlt sich dabei also für euch aus. Die Jagd bringt euch zwar recht viel Nahrung ein, ist aber auch sehr aufwändig. Je nach gejagtem Wild müsst ihr bis zu sieben Aktionspunkte ausgeben, um an die Fleischvorräte zu kommen. Durch den Einsatz von Munition könnt ihr die benötigte Anzahl von Aktionspunkten jedoch reduzieren. Dadurch habt ihr allerdings anschließend weniger Munition in der Reserve um euch gegen etwaige Angreifer zu verteidigen.

Der Ausbau des Bunkers

Nachdem ihr alle Heldenfiguren bewegt und hoffentlich reiche Beute gemacht habt, geht es schon in die dritte und letzte Phase der Runde: der Nacht. In dieser Phase des Spiels kümmert ihr euch vor allem um den Ausbau und den Erhalt eures Bunkers. Zunächst hat aber jeder, beim Startspieler beginnend, die Chance, ein Ereignis zu bekämpfen. Mit dem Auslöschen eines Ereignisses helft ihr zwar auch euren Rivalen, bekommt allerdings ein paar Überlebenspunkte als Bonus.

Im Anschluss müsst ihr eure Überlebenden im Bunker ernähren. Dazu verfüttert ihr Wasser, Fleisch oder Konserven. Fehlen euch die nötigen Lebensmittel, werden entsprechend viele Überlebenden sterben und euren Bunker verlassen. Dies kann direkt Auswirkungen auf Boni haben, die ihr für einzelne Räume erhaltet, da nur vollständig besetzte Räume ihren Effekt erzielen können. Weiter geht es mit der Überprüfung der Strahlung innerhalb des Bunkers. Die potentielle Bedrohung durch die Strahlen nimmt im Spielverlauf immer weiter zu. Zum Glück habt ihr in eurem Bunker ein integriertes Filtersystem installiert. Jeder Überlebende, der dort aktiv ist, kann das Eindringen von Strahlung reduzieren. Am Ende des Spiels wird das Strahlungslevel in eurem Bunker überprüft und mit einem Bonus oder Malus auf eure Überlebenspunkte angerechnet.

Neue Leute für den Bunker

Weiterhin habt ihr die Möglichkeit, nun neue Überlebende anzuwerben, indem ihr weitere Lebensmittel-Ressourcen ausgebt. Alle neu rekrutierten Überlebenden begeben sich zunächst in das Filtersystem, können innerhalb der Nacht-Phase aber noch in andere Räume versetzt werden. Diese zusätzlichen Räume dürfen nun gebaut werden. Dazu müsst ihr wieder bestimmte Ressourcen, im Normalfall Holz, Eisen oder Elektroteile, investieren. Füllt ihr den neu gebauten Raum jetzt noch mit der passenden Anzahl von Überlebenden, bekommt ihr direkt einen Bonus. Diese Boni können euch in jeder Runde neue Ressourcen einbringen oder aber auch die Baukosten für bestimmte Aktionen reduzieren.

In der Nacht-Phase lassen sich jetzt auch gefundene Ausrüstungsgegenstände instandsetzen. Es ist natürlich eine Illusion zu glauben, man könne in diesen Tagen noch funktionstüchtige Ausrüstung einfach so auf der Straße finden. Jeder geplünderte Gegenstand muss zunächst repariert werden, erst dann lässt er sich verwenden. Für die Reparatur eines Gegenstands braucht es einige Materialien. Dafür bringt euch eine reparierte Ausrüstung am Spielende auch einen Überlebenspunkt ein. Sammelt ihr zusammengehörige Ausrüstungspaare ein, wird dies sogar nochmal mit einem Extrapunkt belohnt.

Ressourcenknappheit

Am Ende der Nacht müsst ihr noch einmal ganz stark sein. In der postnuklearen Welt sind Lebensmittel nicht besonders lange haltbar. Alle nicht verfütterten Fleischreserven müssen abgelegt werden. Ähnlich sieht es mit den Wasservorräten aus, lediglich bis zu zwei Wassermarker dürft ihr mit in die nächste Runde nehmen. Nicht betroffen von dieser Regelung sind die Konserven, denen scheinbar selbst die radioaktive Strahlung nichts anhaben kann.

Nach sechs Runden ist es Zeit für die Abrechnung. Es gewinnt der Spieler mit den meisten Überlebenspunkten. Angerechnet werden dabei die abgewendeten Ereignisse, die vollständig besetzen Räume im eigenen Bunker, die Zahl der Überlebenden sowie instandgesetzte Ausrüstungsgegenstände. Weiterhin gibt es noch Plus- oder auch Minuspunkte für das aktuelle Strahlenniveau im Bunker. Je nach Zahl der Mitspieler braucht ihr für eine Partie etwa 45-90 Minuten. Outlive findet ihr ab sofort im Handel, Kostenpunkt: ca. 40€.

thematisch sehr stark
taktisch fordernd
gut geschriebene Regeln
sieht sehr schick aus
hoher Interaktionsgrad
hat seine Frustmomente

Sebastian Hamers

Outlive hat das postnukleare Setting sehr gut auf ein Brettspiel übertragen. Ressourcen sind ständig knapp und schwer zu beschaffen. Gelingt es euch nicht, die benötigten Gegenstände zu plündern, hat dies oft harte Konsequenzen. Bekommt ihr beispielsweise nicht schnell genug eure Lebensmittel zusammen, geht der hart erarbeitete Stamm an Überlebenden im Bunker wieder dahin. Dies hat dann möglicherweise direkt wieder Einfluss auf die Boni, die euch ein Raum bis dato gewährt hat. Dem Management von Ressourcen wird eine hohe Bedeutung zukommen, euer planerisches Geschick wird auf jeden Fall sehr gefordert. Dabei kommen euch jedoch häufig eure Konkurrenten in die Quere. Outlive ist ein Spiel mit hoher Interaktion unter den Spielern. Viele Züge der Mitspieler haben einen Einfluss auf die eigene Strategie. Mir hat Outlive sehr viel Spaß gemacht, da es nicht nur das Thema gut transportiert, sondern auch taktisch einiges abverlangt. Der Umfang des Regelwerks ist dennoch nicht ausgeufert. Das Spiel folgt einem klar strukturierten Ablauf, an dem ihr euch entlanghangeln könnt. So könnt ihr euch das Spiel auch schnell wieder erschließen, wenn es mal eine längere Zeit nicht mehr auf den Tisch gekommen ist. Insbesondere wenn ihr euch für das Szenario der Postapokalypse begeistern könnt, bekommt das Spiel von mir eine klare Empfehlung.
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