Test: Perdition’s Mouth

Als junger Rollenspieler und Kind der 80er Jahre war ich seinerzeit begeistert, als 1989 das Brettspiel Hero Quest in den Handel kam. Die Kerkergewölbe, durch die wir damals mit unseren Helden streiften, wurden mit diesem Spiel zu neuem Leben erweckt. Plötzlich sah ich sie nicht mehr nur in meiner Fantasie, sondern ganz plastisch vor mir. Hielt Hero Quest in dieser Zeit noch fast ein Monopol in diesem Genre, so finden sich heute zahlreiche Dungeon-Crawler im Angebot der Brettspiel-Händler wieder. Auf der SPIEL in Essen bin ich mit Perdition’s Mouth über einen weiteren Vertreter dieses Genres gestolpert. Nach einer kurzen Erklärung war mir klar: dieses Spiel muss ich unbedingt ausprobieren.

Viele Rollenspiel-Fans kennen das Problem. Bevor man sich einen neuen Dungeon-Crawler ins Haus holt, gilt es erst einmal einen gewissen Anschaffungswiderstand zu überwinden. Neben dem nicht gerade geringen Platzbedarf, den so ein Spiel im Schrank für sich beansprucht, stellt vor allem der Preis ein größeres Problem dar. Viele Spiele dieser Art beinhalten detaillierte Miniaturen, haufenweise Spielpläne und umfangreiches weiteres Material. So kommt ein Dungeon-Crawler-Brettspiel gut und gerne mal auf ein Gewicht von fünf Kilogramm und mehr. Entsprechend fällt dann natürlich der Preis aus. Alle erwähnten Eigenschaften treffen auch auf Perdition’s Mouth zu. Das Spielmaterial ist bombastisch, dafür müsst ihr mit rund 130€ aber auch etwas tiefer als üblich für ein Brettspiel in die Tasche greifen.

Düsteres Rollenspiel für Horror-Fans

Thematisch siedelt sich Perdition’s Mouth etwas in einer Nische an. Grundlage des Szenarios ist eine Fantasy-Welt mit Zwergen, Elfen, Zauberern und was sonst noch alles zu einem ordentlichen Fantasy-Setting gehört. Die Welt von Perdition’s Mouth wurde zusätzlich aber noch mit einer guten Portion Horror-Atmosphäre überpinselt. Als eine Gruppe gestählter Helden stürzt ihr euch in den Dungeon. Dort stöbert ihr einen Kult auf, der es sich zum Ziel gemacht hat, einen seit Äonen verloren geglaubten Dämonen wieder zur alten Stärke zu verhelfen. Dabei kooperieren die Kultisten mit seltsamen Insektenwesen, von denen es im Dungeon nur so wimmelt.

Die Abenteuer im Spiel müsst ihr gemeinsam meistern, spielt also kooperativ. Viele Dungeon-Crawler fordern den Einsatz eines Spielleiters, der die Kontrolle über alle feindlichen Figuren übernimmt. Perdition’s Mouth könnt ihr vollkooperativ spielen, ihr müsst weder einen Mitspieler als Dungeon-Master abstellen, noch eine App installieren, die euch diese Aufgabe abnimmt. Alle Kreaturen im Spiel werden durch vorgegebene Mechaniken gesteuert. Das Regelwerk zeigt euch im Detail auf, wie sich die Feinde verhalten.

Perdition’s Mouth ist nicht der einzige vollkooperative Dungeon-Crawler ohne App-Einsatz, doch es spielt sich dafür vergleichsweise einfach. Oftmals sind die Mechaniken aber doch recht komplex und erfordern Einarbeitungszeit. Hier hat Perdition’s Mouth einen ganz guten Kompromiss zwischen Zugänglichkeit und Komplexität gefunden.

Helden drehen am Rad

Die Autoren haben sich für die Steuerung der Helden und auch der Gegner einen eleganten Kniff ausgedacht. Beide Parteien wählen ihre Aktionen über ein Aktionsrad aus. Helden und Kreaturen verfügen über ein eigenes Rad, auf dem sie Zug für Zug umherwandern und so ihre Aktionen bestimmen. Jeder Held erhält einen Marker, der sich in kleine Ausstanzungen im Aktionsrad platzieren lässt. Um eine Aktion für die nächsten Heldenphase auszuwählen, müsst ihr nun Aktionspunkte ausgeben. Wendige Kämpfer sind in der Wahl der Aktionen flexibler als die schwer gepanzerten Helden. Sie verfügen über mehr Aktionspunkte und können deutlich entspannter über das Aktionsrad hüpfen und somit auch ihre Aktionen freier auswählen.

Verbleibende Aktionspunkte, die nicht bei der Auswahl der nächsten Aktion verwendet wurden, lassen sich dann im Zug etwa für die Bewegung der Spielfigur einsetzen. Schwerfällige Helden kommen im Dungeon dadurch nicht so gut voran, wie die schnellen Schurken-Charaktere. Das Aktionsrad bietet euch vielfältige Möglichkeiten. Neben den Standard-Aktionen Bewegung, Angriff und Verteidigung, könnt ihr etwa auch noch eure Spezialaktion durchführen. Dabei handelt es sich um eine einzigartige Fähigkeit, über die nur euer Charakter verfügt. Mit dem Sturmangriff dürft ihr euch bewegen und im gleichen Zug noch eine Attacke durchführen. Einen Angriffsbonus erhaltet ihr, wenn ihr eine gezielte Attacke durchführt. Passiv bleibt ihr mit der Rast-Aktion, mit der ihr dafür jedoch eure Kartenhand wieder auffüllen dürft.

Immer auf die Kleinen

Nach der Abhandlung der Heldenphase, kommen nun die Gegner zum Zug. Zunächst zieht ihr eine Karte vom sogenannten Reaktionsdeck. Deckt die oberste Karte auf und zieht den Gegnermarker auf dem Aktionsrad für die Kreaturen um so viele Felder nach vorne wie auf der Karte angezeigt. Zieht ihr eine Reaktionskarte mit einem Wert von drei Punkten, so dürfen die Kreaturen alle drei Aktionen durchführen, die ihr mit dem Gegnermarker durchschritten habt.

Die Auswahl an unterschiedlichen Aktionen ist bei den Gegnern viel geringer. Auf dem Rad befinden sich im Grunde genommen nur drei verschiedene Aktionsmöglichkeiten. Angriff, Bewegung und das Spawnen neuer Gegner. Im oben beschriebenen Fall würden sich die Feinde vielleicht bewegen, dann attackieren und anschließend kämen noch neue Kreaturen ins Spiel.

Die Gegner handeln ihre Aktionen nach bestimmten Vorgaben ab. In ihrer Bewegung laufen die Feinde immer direkt auf den Helden zu, der ihnen am nächsten steht. Für den Fall eines Gleichstandes wählen sie dann den Helden für ihren Angriff aus, der die über die wenigsten Lebenspunkte verfügt. Unter den Gegnern befinden sich aber auch einige Fernkämpfer. Diese suchen immer gebührenden Abstand zu den Helden, bleiben aber in Reichweite ihres Angriffs. Unter den Insektoiden und den Kultisten befinden sich auch noch einige besondere Exemplare, für die gesonderte Bewegungsregeln gelten. Was sich zunächst vielleicht verwirrend anhören mag, gestaltet sich im Spielverlauf aber als halb so wild. Als Spieler wird man langsam auf die vielen Möglichkeiten des Spiels vorbereitet.

Individuelle Heldencharaktere

Deshalb findet ihr im Spiel auch über 30 Szenariokarten wieder. Die ersten Szenarien stellen einen guten Einstieg dar und machen noch nicht von allen Regeln Gebrauch. Zu dem Szenario gehört ein einführender Text, der eine kleine Geschichte erzählt und gibt euch natürlich auch alle Informationen, die ihr für den Aufbau benötigt. Ihr könnt jeden Abschnitt einzeln spielen oder aber Perdition’s Mouth als Kampagne genießen. In der Kampagne haltet ihr euren Spielfortschritt auf einen vorgefertigten Bogen fest. Etwaige Schätze, aber auch Wunden werden so in das nächste Level mitgenommen.

Bevor ihr euch jedoch ins Abenteuer stürzt, solltet ihr euch ein paar Gedanken über die Auswahl der Helden machen. Sechs grundverschiedene Heldencharaktere liegen dem Basisspiel bei. Grundsätzlich lassen sich die Helden in drei Klassen unterteilen: Krieger, Priester und Magier. Doch auch innerhalb einer Klasse wurden die Helden sehr unterschiedlich ausgestaltet. Jeder Charakter verfügt nicht nur über eine gesonderte Spezialfähigkeit, sondern gleich über ein eigenes Kartendeck, das seine Möglichkeiten im Spiel darstellt. Für jeden Geschmack sollte ein passender Held dabei sein. Die feuerballwerfende Magierin ist ebenso dabei wie der hinterhältige Schurke oder der archetypische Krieger mit Nehmerqualitäten.

Die Gefahren des Dungeons

Eure Handkarten könnt ihr spielen, um eure Aktionen zu unterstützen. Auf vielen Karten findet ihr Zahlenwerte wieder, die als Verstärkungsbonus bestimmter Aktionen gelten. Es gibt aber auch so manche Sonderfähigkeit, die auf andere Art und Weise hilfreich ist. Durch die Beschwörung einer Mauer könnt ihr den Kreaturen ein Hindernis in den Weg stellen und so die Sichtlinie unterbrechen. Die lauernden Fernkämpfer der Kultisten werden euch dafür verfluchen.

In Perdition’s Mouth ist taktisches Vorgehen und eine gute Absprache unter den Spielern besonders wichtig. Es gibt zahllose Kleinigkeiten, die Einfluss auf den Spielverlauf nehmen. Das fängt bereits mit der Bewegung auf dem Aktionsrad an. Stellt sich der schnelle Schurke auf den nahegelegenen Angriffs-Slot, bekommt der Kämpfer vielleicht bereits Schwierigkeiten den eigenen Angriff zu planen, da dieser Platz nun schon besetzt ist. Gleiches gilt für die Durchführung der Aktionen im Spielfeld. Mit einer unbedachten Aktion könnt ihr euren Kameraden die Sichtlinie blockieren oder in den Aktionsradius eines Feuerballs geraten, der eigentlich für ein Insektennest gedacht war.

Ohne gute Absprache und Planung werdet ihr in Perdition’s Mouth nicht sonderlich weit kommen. Erwartet zudem nicht, dass ihr immer ganz geschmeidig durch einen Dungeon spaziert. Der Schwierigkeitsgrad ist zwar anpassbar, pendelt sich aber dennoch irgendwo zwischen schwer und sauschwer ein. Ihr betretet den Dungeon ausgeruht und voller Tatendrang. Doch im Verlauf des Abenteuers werdet ihr die Macht des Dungeons zu spüren bekommen. Auf euch Warten nicht nur die feindlichen Monster, sondern auch Wunden und Infektionen.

Helden im Survival-Modus

In der Tendenz wird es euren Helden immer schlechter gehen, je länger ein Szenario andauert. Jeder Schadenspunkt macht euren Charakter schlechter. Je mehr Lebenspunkte ihr verliert, desto weniger Aktions-, Angriffs- und Verteidigungspunkte werdet ihr haben. So werdet ihr zur leichten Beute für eure Gegner. Hinzu kommen noch die Wundenkarten, die ihr euch bei jedem Schadenspunkt einhandelt. Sie verstopfen euer Deck und schränken euch so in den Möglichkeiten empfindlich ein. Deshalb solltet ihr immer versuchen, das Ziel des Szenarios möglichst schnell zu erfüllen.

Für ein Szenario müsst ihr etwa ein bis zwei Stunden einplanen. Bezüglich der Spielerzahl erweist sich das Spiel als ziemlich flexibel. Es lässt sich auch wunderbar im Solo-Modus spielen, maximal können sich sechs Helden ins Abenteuer stürzen. Für zusätzliches Spielmaterial ist übrigens auch schon gesorgt. In englischer Sprache stehen bereits Erweiterungen zur Verfügung. Die Chancen stehen jedoch nicht schlecht, dass es in Kürze auch mehr deutschsprachiges Material geben wird. Am Mittwoch, den 28.11. startet eine entsprechende Crowdfunding-Kampagne in der Spieleschmiede.

Fantasy-Setting mit Horror-Einschlag
dichte Survival-Atmosphäre
opulente Ausstattung
individuelle Heldencharaktere
taktisch sehr anspruchsvoll
kommt ohne Spielleiter aus
für 1-6 Spieler geeignet
hat frustige Momente
hoher Anschaffungspreis

Sebastian Hamers

130€ für ein Brettspiel, das ist schon eine Menge Kohle. Angesichts des wirklich tollen Materials ist der Preis sicherlich gerechtfertigt. Spiele ich einen Dungeon-Crawler aber auch wirklich oft genug, so dass sich diese Investition rechtfertigt? Für mich hat sich die Anschaffung von Perdition’s Mouth gelohnt. Unter meinen Rollenspiel-Freunden habe ich eine Gruppe gefunden, die sich gerne regelmäßig mit mir ins Dungeon stürzt, um den Kultisten einzuheizen. Mit dem Basisspiel haben wir erst einmal genug Stoff für viele spannende Spieleabende. Zudem gibt es auch noch die Möglichkeit, sich mit den schon verfügbaren Erweiterungen einzudecken. Perdition’s Mouth bietet außerdem den Vorteil, dass kein Spieler den unliebsamen Part des Dungeon Masters übernehmen muss. Vergleichsweise habe ich die Steuerungsmechanismen noch als recht zugänglich und intuitiv empfunden. Etwas Einarbeitungszeit bleibt euch aber sicherlich nicht erspart, immerhin umfasst das Regelwerk auch hier mehr als 40 Seiten. Die Regeln enthalten aber auch viele Beispiele und eine umfangreiche Bebilderung, so dass alle Regeln wirklich sehr verständlich dargestellt wurden. Unverkennbar beinhaltet Perdition’s Mouth einen nicht zu kleinen Survival-Aspekt. Es macht wenig Sinn, möglichst alle Monster zu bezwingen. Hier geht es oft ums nackte Überleben. Wenn ihr den strahlenden Helden spielen möchtet, der ständig im Level aufsteigt und neue Schätze erbeutet, dann seid ihr bei Perditions’s Mouth an der falschen Adresse. Potentiell werden die Helden im Spielverlauf eher schwächer als stärker. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, beschert Perdition’s Mouth aber eine dichte Horror-Atmosphäre, die man in dieser Form sonst nur selten erlebt. Ständig schwingt dieses bedrohliche Katastrophen-Gefühl im Spiel mit. Gut gefallen hat mir auch die individuelle Ausgestaltung der Helden-Charaktere. Jede Figur verfügt tatsächlich über ein ganz eigenes Profil mit Stärken, aber auch Schwächen. Stärken hat das Spiel auch im taktischen Bereich. Ihr könnt euch die Umgebung im Dungeon zum Beispiel taktisch zu Nutze machen, etwa indem ihr die Sichtlinie für die Gegner einschränkt, euch schützend vor einen schwachen Charakter stellt oder aber auch die Gegner mit einem gezielten Stoß in eine Wand schiebt, um zusätzliche Schadenspunkte zu verursachen. Taktisch hat das Spiel einiges zu bieten. Mir hat es Perdition’s Mouth jedenfalls sehr angetan, freue mich schon auf die nächsten Partien und hoffe, dass ich dem Tod einmal mehr von der Schippe springen kann.
Test: Brikks Test: Landwirtschafts-Simulator 2019
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