Test: Pillars of Eternity

Wenn wir in der heutigen Zeit an Rollenspiele denken, dann sind es solche, die zwar oft über ein solides Maß an Lore verfügen, aber in anderen Bereichen eher spartanisch ausgestattet sind. So beschränkt sich die Anzahl der Charakter-Klassen oft nur auf Krieger, Schurke und Magier, und ebenso ist das Kampfsystem zwar meist solide, aber nur oberflächlich. Dies gilt zumindest im Vergleich mit Titeln aus dem goldenen Zeitalter westlicher Rollenspiele, zu denen beispielsweise Baldurs Gate 2, Planescape Torment und Icewind Dale gehören. Gerade an diese Epoche möchte Obsidian Entertainment mit Pillars of Eternity anknüpfen und Fans das geben, was sie sich schon seit langem wünschen.

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Nostalgie durch Isometrie und enorme Komplexität

Bereits im vergangen Jahr konnten wir mit Divinity: Original Sin ein isometrisches RPG erfahren, welches zahlreiche neue Aspekte in das klassische Spielprinzip hineingebracht hat. Allerdings fühlte sich dessen Art trotzdem nicht so an, wie die Rollenspiele, mit denen viele von uns aufgewachsen sind. Obsidian wusste, dass es auch heute noch ein Publikum für diese Art von Spielen gibt, nicht zuletzt da sich Fans seit Ewigkeiten ein Baldurs Gate 3 wünschen. Entsprechend hat man das Kickstarter Projekt Pillars of Eternity auf die Beine gestellt, welches über 75.000 Nutzer fand, die dieses Projekt unterstützen wollten.

Wie in der guten alten Zeit beginnt Pillars of Eternity mit einer ausgesprochen detailorientierten Charaktererstellung. So gilt es zunächst aus sechs unterschiedlichen Völkern einen Charakter auszuwählen, eingeschlossen der Abstammung, aus welcher Region er entstammt. Ist dies getan, folgt die Qual der Wahl, denn ähnlich wie bei den klassischen Rollenspielen stehen euch hier nicht nur drei rudimentäre Hauptklassen zur Verfügung, sondern elf sehr unterschiedliche Klassen, die sich ebenso unterschiedlich spielen lassen. Es folgt noch die Verteilung von Attribut-Punkten sowie die Wahl eurer Kultur und eures Hintergrundes, die eurem Charakter zusätzliche Tiefe verleihen und teils auch bestimmte Antwortmöglichkeiten in Dialogen freischalten.

Wir haben uns klassisch für die Klasse des Zauberers entschieden, der einen Magie-Wälzer bei sich trägt und eine feste Anzahl an vorbereiteten Zaubern wirken kann, bevor eine Ruhepause eingelegt werden muss, damit sich diese regenerieren. Auch stehen euch hier einige Fähigkeiten zur Verfügung die pro Kampf verwendet werden können, allerdings ist hier insbesondere die Anzahl an erlernbaren Zaubern der wichtigste Faktor, der auch ein großes Nostalgiegefühl auslöst. So gibt es insgesamt zehn unterschiedliche Zauberstufen, von denen jede zahllose unterschiedliche Zauber beherbergt. Diese immense Vielfalt erinnert abermals wieder an klassische Rollenspiele wie ein Baldurs Gate und ist dabei ein erstes Indiz wie komplex Pillars of Eternity tatsächlich ausgefallen ist.

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Der Weg des Wächters

Die Geschichte von Pillars of Eternity beginnt auf der Reise zur Ortschaft Goldhain. Ihr seid Teil einer Karawane, die unterwegs aufgrund einer Erkrankung Rast machen muss. Ihr begebt euch zusammen mit einer Kriegerin auf die Suche nach Heilkräutern, aber bei der Rückkehr stellt ihr fest, dass fast alle Mitreisenden von einem verrückten Kult niedergemetzelt worden sind. Nach und nach stellt sich ab diesem Zeitpunkt heraus, dass mit euch irgendwas nicht stimmt. Ihr könnt Dinge sehen die sonst niemand sieht und sogar in die vergangenen Leben von Seelen blicken. Wie sich herausstellt seid ihr ein Wächter, aber was das genau für euch bedeutet, stellt sich erst im späteren Spielverlauf heraus.

Bis dahin werdet ihr zahllose Orte und ebenso viele Charaktere kennenlernen, die ihr auf Wunsch in eure Gruppe einladen könnt. Besonders auffällig ist vor allem der sehr intensive Fokus auf das Lore der Welt. Im Verlauf des Spiels werdet ihr so auf zahllose Texte und Bücher stoßen, die euch unterschiedliche Ereignisse der Welt aufzeigen. Ebenso bekommt ihr es mit ellenlangen Dialogen zu tun, auf die ihr in zahlreicher Art und Weise reagieren könnt. Während manche Antwortmöglichkeiten standardmäßig immer verfügbar sind, sind andere von Attributen, Abstammung oder auch von Items, die ihr mit euch tragt, abhängig.

Natürlich steckt hinter diesen zahlreichen Antwortmöglichkeiten auch ein tieferer Sinn, denn sie ermöglichen euch Quests auf unterschiedliche Art und Weise abzuschließen, und oft bieten sie euch noch zahlreiche weitere Hintergrundinformationen über das Geschehen und die Motivation der beteiligten Charaktere. Allerdings zeigt sich hier auch, dass Pillars of Eternity nicht für jeden Spieler etwas ist. Während heutige Spiele immer stärker dazu tendieren schnelle und intensive Action zu bieten, so orientiert sich Pillars of Eternity stur am klassischen Spielprinzip, welches sehr viel lesen und nachforschen mit sich bringt und zugleich sehr viel über die Welt und die Geschehnisse in dieser offenbart.

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Anspruchsvoll wie vor 15 Jahren…

Die erste Aufgabe, die dem Spieler noch vor der Charaktererstellung gestellt wird, ist die Wahl des Schwierigkeitsgrades. Neben vier unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden stehen in Pillars of Eternity zudem noch der Expertenmodus und das sogenannte Eisenurteil zur Auswahl. Ersterer schaltet Hilfsfunktionen aus und letzteres bietet einen Ironman Modus an, bei dem das Spiel beim Tod komplett beendet wird. Selbst erfahrenen Spielern sei empfohlen sich zunächst für den normalen Schwierigkeitsgrad zu entscheiden, denn Pillars of Eternity hat es ziemlich in sich. Schon nach den ersten 15 Minuten standen wir unserem ersten Game Over gegenüber, als uns ein Bär mit nur einem Prankenhieb das Leben ausgehaucht hat.

Besonders der Kampf gegen größere Gruppen bedarf einiges an Planung und Strategie. Gerade die Fähigkeiten der unterschiedlichen Klassen lassen hier viel Spielraum um eine eigene Taktik aufzubauen und besonders gefiel uns zudem die Freiheit der Gruppenerstellung. Man ist nicht gezwungen auf klassische Klassen-Konstellationen zurückzugreifen. Euch stehen genügend Fähigkeiten und Mittel zur Verfügung auch recht willkürliche Gruppen zum Sieg zu führen.

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Nicht ohne Schwächen…

So großartig Pillars of Eternity auf der einen Seite auch sein mag, so hat es doch seine Ecken und Kanten. So ist zum einen die visuelle Präsentation äußerst solide, allerdings hat man hier nicht alle Möglichkeiten der heutigen Zeit ausgenutzt, was insbesondere durch viel Recycling von Umwelt-Texturen auffällt. Ebenso lässt die Synchronisation zu wünschen übrig. Sie ist zwar vorhanden und durchaus gut zu gebrauchen, jedoch keineswegs durchgehend, was durch zahlreiche Stumm-Phasen bemerkbar wird. Im Gegensatz dazu ist der Soundtrack allerdings großartig gelungen und untermalt durch zahlreiche Orchester-Stücke das Geschehen imposant.

Während die vorhandene Synchronisation in englischer Sprache ausgegeben wird, ist der Bildschirmtext auch in Deutsch lokalisiert worden. Bedauerlich ist jedoch, dass die Verantwortlichen für die Übersetzung offenbar keine Deutsch-Muttersprachler zu sein scheinen, da die Qualität der Übersetzungen sehr stark schwankt. Zahlreiche Fehler in der Übersetzung, im Satzbau und besonders in Redewendungen sind hier sehr auffällig und stören den Lesefluss.

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Komplexes Klassensystem
Tiefgreifendes Lore
Optik wunderschön und nostalgisch, ...
Würdiger Erbe klassischer Rollenspiele
Großer Wiederspielwert
Toller Soundtrack
Synchronisation sehr lückenhaft
Lokalisation mit zahlreichen Fehlern
... Potential aber nicht vollends ausgenutzt

Daniel M.

Im Laufe der letzten 25 Jahre habe ich zahllose Games gespielt und bis zum heutigen Tage gehört Baldurs Gate 2 zu meinen unangefochtenen Favoriten. Entsprechend ist es nicht verwunderlich, dass meine Hoffnung und Erwartung an Pillars of Eternity sehr groß waren, habe ich doch lange auf die Fertigstellung gewartet. Was Obsidian Entertainment uns hier präsentiert ist einfach nur glorreich und ein absolut würdiger spiritueller Nachfolger. Sei es das Gameplay, die Präsentation, das intensive Lore oder die tiefgreifenden Möglichkeiten der Partyerstellung – Pillars of Eternity fühlt sich nostalgisch an und bringt dennoch diverse frische Möglichkeiten wie ein Craftingsystem mit ein. Fans klassischer Rollenspiele wie Baldurs Gate, Icewind Dale oder Planescape Torment dürfen bei Pillars of Eternity ohne große Sorge sofort zugreifen, es lohnt sich. Neueinsteiger sollten sich hingegen über das sehr textlastige Spielprinzip bewusst sein. Weniger Action und mehr Story ist hier die Devise!
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