Test: PlayStation Classic

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Im Test: PlayStation Classic, Sonys Vorstoß in die Retro-Konsolen

Über 24 Jahre ist es nun schon her, dass Nintendo einen gigantischen Fehler begangen hat. Über 24 Jahre ist es her, dass Nintendo eine Partnerschaft mit Sony für eine neue Konsole mit CD-Laufwerk abgesagt hat. Also ist es auch über 24 Jahre her, dass Sony seine erste eigene Konsole entwickelte. Was daraus geworden ist, ist bei Weitem kein Geheimnis, PlayStation ist heutzutage fraglos einer der größten Namen in der Gaming-Branche. Um die Wurzeln der Marke zu feiern, hat Sony am Releasedatum der originalen PS1 diese Woche die PlayStation Classic veröffentlicht.

Die PlayStation Classic ist Sonys Versuch, an den Erfolg des NES- und SNES Mini von Nintendo anzuschließen. Wie auch diese beiden Mini-Retro-Konsolen kommt die PS Classic mit vorinstallierten Spielen, zwei Controllern und dem Versprechen einer ganzen Menge nostalgischen Spaßes daher. Fragt sich nur, ob sie dieses Versprechen halten kann.

Klein auf jeden Fall, aber oho?

Fangen wir doch einfach bei den äußersten Äußerlichkeiten an. Wer damals den Release der originalen PS1 miterlebt hat, dürfte schon bei der Verpackung ein nostalgisches Schaudern verspüren. Der äußere Karton ist fast 1-zu-1 der originalen Box der PlayStation nachempfunden, inklusive der charakteristischen gelben Seiten. Ein liebevolles Detail, bei dem wir fast vergessen könnten, dass wir quasi das Remake der PS1 in den Händen halten. Naja, abgesehen von der Größe.

Auch wenn kein „Mini“-Tag auf dem Karton steht, machen sich die reduzierten Größenverhältnisse beim Auspacken schlagartig bemerkbar. Tatsächlich ist die PS Classic um 40 Prozent kleiner als ihr Vorbild. Damit ist sie nur knapp größer als ein handelsübliches Smartphone. Noch amüsanter ist es, dass die Konsole unter den mitgelieferten Controllern untergeht. Und wenn die Konsole erstmal an einen 55‘‘-Fernseher angeschlossen ist, seht selbst:

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Der Anschluss erfolgt praktischerweise lediglich über ein HDMI-Kabel und ein Mikro USB-Kabel für die Stromversorgung. Eins von jedem ist schon im Lieferumfang enthalten, ihr könntet aber auch jedes x-beliebige Mikro USB-Kabel nutzen, das ihr von etwaigen Smartphones zuhause rumfliegen habt.

Ist das erst einmal erledigt, müsst ihr nur noch die Controller anschließen und ab dafür. Zwei Controller sind enthalten, die sich per USB mit der Konsole verbinden lassen. Grundsätzlich sind auch die Controller sehr originalgetreu gebaut, die fehlenden Analog-Sticks sind aber schon ein herber Verlust. Und das ist nur der Anfang von so manchen Problemen, die einen bitteren Nachgeschmack von der PS Classic hinterließen.

Technische Knackpunkte durch Open Source-Emulator

Da wär‘ zunächst das Betriebssystem, über das die Spiele laufen. Während Nintendo beispielsweise ein Linux OS und eigens entwickelte Emulatoren nutzt, um seine SNES Mini zu versorgen, hat Sony es sich denkbar einfach gemacht. Die haben sich kurzerhand nämlich den PCSX-Emulator geschnappt. An sich eine naheliegende Idee, schließlich ist PCSX ein Open Source-Emulator und schon seit Jahren für eine Vielzahl von Geräten verfügbar. Was aber PCSX auf anderen Plattformen so gut macht, sind die dort verfügbaren Einstellungsmöglichkeiten der verschiedenen Plugins.  Auf diese besteht auf der PS Classic allerdings kaum Zugriff, daher müssen wir die Einstellungen hinnehmen wie sie sind.

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Und diese sind nicht immer optimal. Des Öfteren mussten wir Einbrüche in der Framerate oder verwaschene Grafik hinnehmen. Das könnte unter anderem daran liegen, dass die Spiele gemischt als PAL- und NTSC-Versionen auf der PlayStation Classic installiert sind. Dadurch kommt es zu Unstimmigkeiten mit den Plugins und eben grafischen Abzügen.

Generell hinterlässt es schon einen faden Beigeschmack, dass Sony sich bei einer so groß angekündigten Retro-Konsole nicht die Mühe gemacht haben, mit eigenen Emulatoren für grafisch- und performancetechnisch glatt laufende Spiele zu sorgen.

Ausgewogenes Spieleaufgebot, das besser sein könnte

Trotz der technischen Schwierigkeiten lässt sich natürlich eine ganze Menge Spaß in den 20 vorinstallierten Spielen finden. Ob Jump ’n Run, Rennspiel, Rollenspiel oder Puzzler, aus so ziemlich jedem wichtigen Genre werdet ihr etwas Passendes auf der PlayStation Classic für euch finden. Besonders die Klassiker wie Metal Gear Solid, Final Fantasy VII oder Resident Evil sind immer noch einen Blick wert. Auch Tekken 3, auch wenn es arg unter der Technik leidet, bietet immer noch ordentlich lustige Mehrspieler-Kämpfe.

Hier habt ihr schnell einen Überblick über alle Spiele:

  • Battle Arena Toshinden
  • Cool Boarders 2
  • Destruction Derby
  • Final Fantasy VII
  • Grand Theft Auto
  • Intelligent Cube
  • Jumping Flash!
  • Metal Gear Solid
  • Mr. Driller
  • Oddworld: Abe’s Odyssey
  • Rayman
  • Resident Evil Director’s Cut
  • Revelations: Persona
  • Ridge Racer Type 4
  • Super Puzzle Fighter 2 Turbo
  • Syphon Filter
  • Tekken 3
  • Tom Clancy’s Rainbow Six
  • Twisted Metal
  • Wild Arms

Für jedes gute Spiel, das den Weg auf die Classic gefunden hat, findet sich aber auch ein Spiel, das für etwas Kopfschütteln sorgt. So hat es beispielsweise die Zeit nicht sehr gut mit Rainbow Six gemeint. Auch wenn es heute ein großes Franchise mit einem der besten kompetitiven Shooter-Spiele ist, der erste Teil ist heutzutage mächtig altbacken. Auch Battle Arena Toshinden oder Cool Boarders 2 bieten kaum mehr Appeal als für einen kurzlebigen Nostalgie-Trip. Besonders schade wird es, wenn Spiele enthalten sind, deren Nachfolger in Sachen Qualität ausgereifter gewesen wären. So hätten wir lieber die zweiten Teile von Destruction Derby oder Twisted Metal gesehen, oder das maßgeblich bessere Sequel von GTA. Natürlich ist es aber letzten Endes reine Geschmackssache, ob euch die Auswahl zusagt oder nicht.

Zusätzlich müssen wir natürlich eingestehen, dass das Line-Up auch lizenzbedingt etwas schwierig zusammenzustellen gewesen sein muss. Während nämlich Nintendo damals so manchen Klassiker aus den eigenen Reihen hatte, musste Sony sich auf Third Party-Entwicklungen verlassen. In diesem Sinne ist es nachvollziehbar, dass nicht für jedes Tomb Raider, Silent Hill oder Tony Hawk-Spiel eine Lizenz eingeholt werden konnte.

Wenige, dafür nützliche Features

Was das Gesamtbild zumindest noch etwas tröstet, ist die Emulator-eigene Möglichkeit, jederzeit Speicherstände zu erstellen. Damit könnt ihr zu jedem beliebigen Zeitpunkt speichern, zu anderen Spielen wechseln und später genau dort weitermachen, wo ihr aufgehört habt. Eine angenehme Bequemlichkeit, besonders zumal Spiele früher noch nicht alle 30 Sekunden automatisch speicherten. Auch gut: Jedem Spiel ist eine eigene, virtuelle Memory Card zugeteilt. Ihr werdet also nicht Gefahr laufen, eine Memory Card komplett zu füllen und Spielstände löschen zu müssen, um Platz zu schaffen. Zuletzt haben wir uns gefreut, bei jedem Einschalten und Spielstart die ikonischen alten Boot-Sounds hören zu dürfen. Sollte gegeben sein, trotzdem immer schön zu hören.

PlayStation 1 im Miniformat
Dank Mikro-USB und HDMI schnell angeschlossen
20 vorinstallierte Spiele
2 Controller bereits enthalten
Keine eigens entwickelte Betriebssoftware
Technische Unzulänglichkeiten
Spieleauswahl ist geschmackssache
Keine Dualshock-Controller

Joost Rademacher

Schade schade, an den Erfolg anderer Retro-Konsolen kann die PlayStation Classic nicht so wirklich anknüpfen. Zu wenig Mühe scheint in die Verarbeitung des Emulators geflossen zu sein, zu unsauber laufen die Spiele oder sie sehen unschön aus. So manche Spiele wissen weiterhin zu begeistern, besonders die alteingesessenen Klassiker unter der Riege, ob das Aufgebot aber über alle 20 Spiele hinweg fesseln kann, bleibt Geschmackssache. Besonders problematisch ist letzten Endes der Preis von satten 100€, die ihr für die PlayStation Classic hinlegen müsst. Stattdessen könntet ihr genau so gut eine PlayStation Vita inklusive PS TV kaufen und wärt mindestens ebenso gut aufgestellt. Nicht nur das, ihr könntet aus dem PlayStation Store auch eure Wunschspiele nachkaufen. Nur müsstet ihr auf den wunderschönen Boot-Sound verzichten.
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