Test: Pokémon: Let’s Go, Pikachu

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Im Test: Pokémon: Let’s Go, Pikachu!

Mensch, Pokémon, jetzt hast du doch schon glatt über 20 Jahre auf dem Buckel. Weißt du noch damals, als nach Rot und Blau von einer waschechten Pokémania die Rede war? Das war doch noch was. Natürlich hat sich alles um dich herum inzwischen etwas beruhigt, die Kids schwänzen nicht mehr die Schule, um deine Spiele zu spielen und prügeln sich nicht mehr um deine Sammelkarten. Das alles ändert aber nichts daran, dass du eines der erfolgreichsten Videospiel-Franchises aller Zeiten bist. Das ist doch mal eine Marke, oder?

Bald gehst du schon in die achte Generation. Kaum vorzustellen, was für verrückte Ideen du dir dieses Mal für deine kleinen Monster einfallen lässt, aber bis dahin dauert’s ja noch ein bisschen. Wie nett von dir, dass du uns in der Zwischenzeit nochmal dahin einlädst, wo alles anfing. In die Kanto-Region, zurück zu den Pokémon der ersten Generation. Wir freuen uns, dass du uns mit Let’s Go, Pikachu/Evoli deine Anfänge in würdiger Schönheit neu erleben lässt.

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Willkommen in Kanto

Ja, das habt ihr ganz richtig gelesen, Pokémon geht – schon wieder – zurück zu seinen Ursprüngen. Mit Let’s Go Pikachu (von uns getestete Version) und Let’s Go Evoli bekommt ihr ein Remake der roten/blauen Edition aufgetischt. Die Prämisse ist die gleiche wie eh und je. Ihr spielt ein Kind aus dem Örtchen Alabastia, das mit einem Pokémon in die Welt hinauszieht, um den Pokédex zu vervollständigen und nebenbei mal eben Champion der Pokémon-Liga zu werden. Anstatt aber zu Beginn aus einem von drei Starterpokémon auszuwählen, bekommt ihr je nach Edition das namensgebende Pokémon an die Hand, also entweder Pikachu oder Evoli. Dieses wird aber nicht nur als Anfangspunkt für euren späteren Kader fungieren, es stellt auch einen aktiven Begleiter dar, mit dem ihr im Verlauf des Spiels eine Beziehung aufbauen werdet. So könnt ihr mit Pikachu spielen, es füttern und seine Reaktionen auf bestimmte Situationen erfahren.

Generell bringt euch eine gute Beziehung zu euren Pokémon einiges an Vorzügen. Setzt ihr sie regelmäßig ein, werden sie häufiger Volltreffer landen, überleben manche normalerweise tödliche Attacken und können sich mitunter sogar von dauerhaften Statuseffekten wie Gift und Paralyse erholen. Eine clevere Designentscheidung, wie wir finden. So werden aus austauschbaren Kampfmaschinen waschechte Begleiter, um die es sich zu kümmern lohnt. Die ursprünglichen 151 davon könnt ihr in LGP finden und fangen, hinzu kommen aber noch ein paar weitere, völlig neue Pokémon und auch die in X und Y eingeführten Mega-Entwicklungen.

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Schnapp sie dir alle…

Das Fangen der Pokémon und Erweitern des Pokédex ist natürlich wieder ein wichtiger Bestandteil der Spielerfahrung. In der Wildnis wird aber eine der größten Änderungen gegenüber früheren Pokémon-Teilen offensichtlich: Der Kampf gegen wilde Pokémon ist so ziemlich komplett aus dem Konzept gestrichen. Auch werdet ihr keine zufälligen Kämpfe im hohen Gras mehr über euch ergehen lassen müssen. Stattdessen werdet ihr jedes wilde Pokémon direkt in der Spielwelt sehen und selbst entscheiden können, ob ihr es konfrontieren wollt.

In diesem Fall wechselt das Spiel in den Fangmodus, den es weitestgehend 1-zu-1 aus Pokémon Go übernommen hat. Ihr werdet also das Pokémon anvisieren und im richtigen Moment einen Ball werfen müssen, um es zu fangen. Je nach Stärke müsst ihr noch auf bessere Bälle und gegebenenfalls Beeren zurückgreifen, mit denen ihr das zu fangende Pokémon besänftigt. Bei erfolgreichem Fang geht es in euer Team über und alle im Team aktiven Pokémon erhalten EXP. Ein so simplifiziertes Konzept mag so manchen Veteranen jetzt verschrecken und Schreie von „Ver-casual-isierung“ hervorrufen. Wir müssen aber sagen, dass uns dieser Weg mächtig gut gefallen hat, in mehrerlei Hinsicht.

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…gern auch zwanzig Mal!

Zunächst ist da die bereits erwähnte Beseitigung der Random Encounters, also der Zufallskämpfe im hohen Gras oder in Höhlen. Diese sorgten früher für so manches Augenrollen, wenn wir zum 50. Mal gegen ein LVL 4-Taubsi kämpfen mussten oder im Felstunnel mit Zubats bombardiert wurden. Vielmehr lässt Pokémon uns nun alle Gegenden ausgiebig erkunden und überlässt uns die Entscheidung, wann und welchen Pokémon wir uns in den Weg stellen wollen.

Außerdem ist nun eine zumindest merkbare Menge an direktem Skill des Spielers in den Vorgang des Fangs involviert. Schlechte Würfe wurden mit Fehlschlag abgestraft, besonders gute Würfe sorgten mitunter für mächtige EXP-Boni. Eine gute Wurftechnik sorgt also auch für besseres Training eurer Pokémon.

Zuletzt gibt das Spiel euch einen guten Anreiz, Pokémon mehr als nur ein Mal zu fangen. Wie auch in Pokémon GO könnt ihr überschüssige Pokémon verschicken, um dafür Bonbons zur Stärkung eurer Pokémon zu erhalten. Außerdem könnt ihr durch wiederholtes Fangen der gleichen Spezies eine Fangserie starten. Je länger diese Fangserie anhält, desto mehr EXP gibt es pro gefangenem Exemplar und desto wahrscheinlicher wird das Erscheinen einer seltenen Shiny-Variante des jeweiligen Pokémon.

Es hätte schnell passieren können, dass durch die Implementation der neuen Fangtechnik Langeweile aufkommen würde. Stattdessen hat Game Freak das Erlebnis dadurch weniger grind-lastig gemacht und Erkundungsfreude geschürt, ohne auf Kosten übriger Mechaniken zu gehen.

„Hi! Ich mag Shorts!“ – Teenager auf Route 3, 1999/2018

À propos übrige Mechaniken: Der Pokémonkampf kommt natürlich trotz allem nicht zu kurz in Let’s Go Pikachu. Natürlich ist dieser angesichts des neuen Umgangs mit wilden Pokémon nur noch auf Trainerkämpfe reduziert, funktioniert aber weitestgehend genauso wie immer. Wenn ihr das Sichtfeld eines Trainers kreuzt, kommt es zum Kampf. Wer als erster keine kampffähigen Tiere mehr im Team hat, verliert. Im Kampf kommt es, wie für Pokémon üblich, auf eine Vielzahl an Faktoren an. Der Level der jeweiligen Monster, die Attacken in ihrem Repertoire und der Typ, dem sie angehören, sind alle ausschlaggebend für den Ausgang eines Kampfes.

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Das Herzstück der Kämpfe sind wieder die 8 in der Welt verteilten Arenen und abschließend die Top-Vier. An der Reihenfolge der Arenen und ihrem Aufbau inklusive der kleinen Puzzle-Einlagen hat sich im Vergleich zu früher kaum was verändert. Geübte Pokémon-Spieler werden hier nicht sonderlich viele neue Herausforderung finden und recht problemlos durch die Arenen und Trainerkämpfe fegen.

Es ist ZU effektiv!

Hier findet sich nämlich einer der wenigen potenziellen Schwachpunkte von Let’s Go Pikachu: Der Schwierigkeitsgrad geht selten über ein mildes Mittelmaß hinaus. So schön die Kämpfe auf der Switch anzusehen sind, so einfach sind sie auch, jedenfalls mit dem entsprechenden Team. In kürzester Zeit waren wir so gut aufgestellt, dass kaum ein Kampf noch wirklich fordernd war, komplett besiegt wurden wir nie. Nicht nur das, irgendwann war ein Zeitpunkt erreicht, an dem wir so overpowered waren, dass die meisten Gegner mit einem einzigen Treffer K.O. gegangen sind.

Das ist mit Sicherheit besonders für zurückkehrende Fans schade, aber diese möchte Let’s Go Pikachu gar nicht zwingend ansprechen. Vielmehr ist dieser Ableger für Neu- und Quereinsteiger gedacht, die mit GO erst ihren Zugang zum Franchise gefunden haben und gerade auf die dürfte dieser Schwierigkeitsgrad gut angepasst sein. Dem generellen Spielspaß tut dieser im Großen und Ganzen betrachtet also nur einen marginalen Abbruch.

Neues Gewand, alte Liebe

Da hilft es, dass der erste HD-Konsolen-Ausflug der Pokémon reichlich hübsch aussieht und klingt. Natürlich dürfen wir keine photorealistischen Texturen oder bombastische Landschaften erwarten, aber der Comic-Look, den Pokémon seit jeher verfolgt, wurde toll auf der Switch umgesetzt. Die Farben sind knallig, die Modelle der Pokémon wurden aus GO übernommen und optimiert und die Arenen warten mit ganz neuem Flair auf. Auch die Kampfanimationen sehen, wie schon angerissen, klasse aus und vermitteln bei so mancher Attacke ordentlich Wucht. Unschön sind dafür leider die häufig arg zackigen Kanten, die ein wenig Glättung vertragen könnten. Darüber können wir aber angesichts der sonst sehr flüssigen Performance hinweg sehen. Gefreut haben wir uns auch über die neu eingebauten cinematischen Zwischensequenzen, die selten, aber gut pointiert eingesetzt werden. Momente wie der Besuch der MS Anne oder die Geschichte des kleinen Tragosso in Lavandia bekommen da ganz neue emotionale Tiefen.

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Besondere Anerkennung verdient auch der Soundtrack von Let’s Go Pikachu. Für diesen wurden alle Stücke aus dem Ur-Pokémon genommen, neu arrangiert und mit Live-Performances neu eingespielt. Das klingt nicht nur zeitgemäß, es macht aus vielen Stücken eine ganz neue Erfahrung. Besonders ist hier wieder Lavandia hervorzuheben, dessen durch Creepypastas berüchtigtes Theme jetzt ganz neu erstrahlt.

Pokéball, los! Nein, nicht da hin!

Ähnlich zeitgemäß ist zuletzt auch die Steuerung, zumindest weitestgehend. Aus Sonne und Mond wurde die 360°-Laufsteuerung übernommen. Eine lang überfällige Aktualisierung, die die Reise durch Kanto unmittelbar organischer wirken lässt. Sämtliche andere Elemente der Steuerung sind clever reduziert, sodass sich das gesamte Spiel mit einer Hand spielen lässt. Dieses Konzept nimmt Let’s Go Pikachu voll für sich ein und bietet Steuerung mit je nur einem Joy-Con. Passend dazu könnt ihr den zweiten Joy-Con an einen Freund weitergeben und gemeinsam sogar im lokalen Coop-Modus die Kanto-Region unsicher machen.

Alternativ kann man natürlich auch im vollen Handheld-Modus spielen, oder aber mit dem mitgelieferten Pokéball Plus. Diese kleine Replika eines Pokéball lässt sich als vollwertiger Controller verwenden, mit eingebaut sind ein Analog-Stick und ein zusätzlicher Button auf der Oberseite. Noch dazu ist der Pokéball Plus mit Beleuchtung und einem kleinen Lautsprecher ausgestattet und läuft per internem Akku. Tatsächlich liegt der Kleine erstaunlich gut in der Hand und fühlt sich wunderbar gewichtig und wertig in der Handhabung an.

Das eine große Problem an der Steuerung per Joy-Con und Pokéball Plus liegt in den Motion Controls. Spielt ihr mit einhändiger Steuerung, müsst ihr durch Schwingen des jeweiligen Controllers euren Ball werfen. Eigentlich eine coole Idee, aber in der Umsetzung sehr schwammig. Wir hatten kaum das Gefühl wirklicher Kontrolle in Sachen Wurfstärke und –richtung, häufig sind Bälle quer durchs Bild geflogen, wenn ein Pokémon mitten vor uns stand. Da empfehlen wir eher den Handheldmodus, in dem ein geworfener Ball immer in mittiger Richtung des Bildschirms fliegt. Das sind allerdings alles Tropfen auf einem heißen Stein. Insgesamt bietet Pokémon Let’s Go Pikachu letzten Endes eine großartig modernisierte Neuauflage des Klassikers, mit dem das Franchise vor 20 Jahren begann.

Remake der 1. Generation der Pokémon-Spiele
Sehr gut aus Pokémon GO übertragene Fangmechaniken
Aktualisierte Steuerung
Anstrengender Grind wurde stark reduziert
Lokaler Coop-Modus für 2 Spieler
Originalgetreuer Comic-Look
Wunderschön modernisierter Soundtrack
Kantige Texturen
Für Serienveteranen etwas zu einfach
Bewegungssteuerung nur mäßig funktionstüchtig

Joost Rademacher

Auch wenn es nur ein kleiner Appetithappen in Vorbereitung auf die 8. Generation ist, weiß Pokémon Let's Go Pikachu zu bezaubern. Die neue Fangmechanik und der liberale Umgang mit Erfahrungspunkten sorgt für ein zeitgemäßes und schnittiges Spielerlebnis, noch dazu mit traumhaftem Grafik- und Sounddesign. Der recht geringe Schwierigkeitsgrad dürfte so manchen alten Hasen zwar vielleicht bewegen, lieber auf die nächsten Teile der Hauptreihe zu warten, jüngere Zielgruppen und Neueinsteiger dürften mit den Let's Go-Teilen aber mehr als glücklich werden. Wir haben uns beim Spielen wieder wie Kinder gefühlt und diesem Sinne hat Pokémon Let's Go Pikachu alles erreicht, was es erreichen müsste.
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