Test: Red Dead Redemption 2

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Red Dead Redemption 2: Das Western-Epos im Test – Bildquelle: Rockstar Games

Das Warten hat ein Ende – Acht Jahre nach dem letzten großen Western der Videospielgeschichte hat Rockstar Games erneut die Pferde gesattelt und veröffentlicht mit einiger Verzögerung einen Nachfolger, der riesige Hufabdrücke zu füllen hat. Red Dead Redemption 2 soll der nächste große Meilenstein dieser Konsolengeneration sein und gilt für viele schon jetzt als das Spiel des Jahres. Selbstverständlich sind auch wir als Bilderbuch-Gesetzloser durch den nicht mehr ganz so wilden Westen geritten, um festzustellen, dass Outlaws auch nach all dieser Zeit nicht eine blaue Bohne ihrer Faszination verloren haben. Also stellt schon mal Whiskey und Zigarre bereit, denn dieser Test ist eine Liebeserklärung an bombastisches Gamedesign.

Der Weste(r)n lebt

Red Dead Redemption 2: Guide: Wie findet ihr euer Pferd oder eure Waffe wieder?

Kein Platz für Outlaws – Bildquelle: Rockstar Games

Ihr seid in einem Western? Was habt ihr erwartet? In einer Welt von Viehdieben, Revolverhelden und Freizeithalunken ist kein Platz für weichgespültes und inkonsequentes Storytelling. Eure Rückkehr zur Dutch van der Linde-Bande ist stattdessen ein Ritt auf der Rasierklinge, ein Duell in der Mittagssonne. Kurz: Die Geschichte von Red Dead Redemption 2 zieht euch die Lederstiefel von den Füßen, so authentisch und detailverliebt erzählt sie Rockstar. Aber alles der Reihe nach. Ihr seid Arthur Morgan, ein starrköpfiges Raubein, das bereits seit einiger Zeit zur Bande des charismatischen Dutch gehört und zusammen mit einer Handvoll Gesetzloser durch die vereinigten Staaten zieht, immer auf der Suche nach dem nächsten Coup. Im Grunde geht es den mal mehr, mal weniger ehrenhaften Outlaws also nur um das eine: Das schnelle Geld. Trotzdem schafft es das Spiel, in eine eigentlich banale Geschichte so viele Emotionen zu stecken, dass ihr nur den Hut ziehen könnt.

Warum sich Arthur nicht einfach zur Ruhe setzen und mit der Schrotflinte im Schoß gemütlich eine Rinderfarm in der Prärie führen kann, erfahrt ihr im Laufe der rund 30-stündigen Hauptstory, in denen euch der knallharte Cowboy Minute für Minute mehr ans Herz wächst. Rückblenden im klassischen Sinne gibt es zwar nicht, dafür bringt euch jeder ruppige Wortwechsel zwischen den Mitgliedern der Gang, jeder bis ins kleinste Detail perfektionierte Dialog, näher an die Vergangenheit von Arthur heran. Seine Geschichte steht symptomatisch für den Wilden Westen, der im modernen Amerika kaum noch Erwähnung findet. Dementsprechend müsst ihr euch ständig mit Gesetzeshütern herumschlagen, die der Bande immer auf den Fersen bleiben. Der Traum von einer Zukunft ohne Verbrechen ist fest in Arthur verwurzelt, der Weg dahin jedoch mehr als nur beschwerlich. Am Ende dieser Reise steht eine Geschichte, die jedem Tarantino Konkurrenz macht.

Eine zweite Heimat

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Gemeinsam auf der Flucht – Bildquelle: Rockstar Games

Arthur ist jedoch bei Weitem nicht der einzige Charakter mit Seele, den ihr in Red Dead Redemption 2 kennenlernen dürft. Im Laufe eurer Reise schließen sich immer mehr skurrile, liebenswerte oder aber völlig grenzdebile Persönlichkeiten der Bande an, weil sie in der Gesellschaft keinen Platz mehr finden. Ein Detail vereint sie jedoch alle: In ihnen tobt das blühende Leben. Das Spiel lässt sich in seiner Erzählung wesentlich mehr Zeit als andere Open-World-Titel, sodass selbst der auf den ersten Blick unbedeutendste Nebencharakter euch zu Tränen rühren oder die Galle hochtreiben kann. Selten hat ein Videospiel es geschafft, dass wir vor lauter Wut den Bildschirm angeschrien haben – und das meinen wir so positiv wie es nur geht. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch, dass ihr immer wieder auf die bunte Truppe stoßt, wenn ihr in euer provisorisches Lager zurückkehrt, das in den sechs Akten des Spiels mehrfach den Standort wechselt, aber immer eine Art Heimat und Ruhepol darstellt.

Nicht nur narrativ, auch spielerisch steht das Camp im Zentrum von Red Dead Redemption 2. Von den Bewohnern erhaltet ihr die meisten eurer Missionen, stockt dort Munition, Nahrungsmittel oder Tinkturen auf oder versucht euch an einem der vier Minispiele (Five-Finger-Fillet, Poker, Domino, Blackjack), die sinnvoll in die Western-Welt integriert wurden. Aber auch neue Informationen zu allerlei Dingen auf der riesigen Karte erhaltet ihr, wenn ihr einen Moment im Lager verweilt. Immer wenn euch die rechtsversessenen Häscher der Regierung an einen neuen Ort zwingen, habt ihr übrigens auch die Gelegenheit, das Camp zu verbessern, indem ihr mit euren verdienten Dollars die Gemeinschaftskasse aufbessert – Das Leben als Outlaw ist eben nicht immer nur Grashalm-Kauen und Scheine-Klauen.

Der Weg zum stilvollen Outlaw

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Arthur kann auch anders – Bildquelle: Rockstar Games

Die Suche nach dem schnellen Geld stellt allerdings doch den wohl größten Teil von Arthurs Tagesplanung dar. Dazu gibt euch Red Dead Redemption 2 ein wahres Füllhorn an Gelegenheiten. Nach einem rund 2-stündigen, markerschütternden Prolog, wirft euch das Spiel nämlich in eine Spielwelt, die nicht nur offen ist, sondern euch tatsächlich alle Freiheiten gibt, zu tun und zu lassen, was ihr wollt – schließlich seid ihr ein Gesetzloser. Postkutschen, Züge und Passanten warten nur darauf, von euch ausgeraubt zu werden, Banken knackt ihr mit Flinte im Anschlag oder Dynamit an der Hauswand, ihr steigt in den Handel mit gestohlenen Pferden ein oder bringt ein paar Banditen um die Ecke, um ihnen anschließend die Taschen leer zu machen. Aber auch im Rahmen des Gesetzes habt ihr einige Möglichkeiten, an Bares zu kommen, indem ihr auf die Jagd geht oder verschollene Schätze ausfindig macht.

Mit genügend Asche in der Tasche kauft ihr wiederum ein neues Pferd, verbessert eure Schießeisen oder besorgt euch neue Ausrüstung. Auch hier nehmen die Möglichkeiten kein Ende. Von Gravuren auf der Waffe bis hin zu pompösen Pelzmänteln – In der Welt von Red Dead gibt es so viele unterschiedliche Arthur Morgans wie Sterne am Himmel der Prärie. Natürlich denkt Rockstar bereits an das kommende Red Dead Online und gibt der Spielerschaft bereits einen Vorgeschmack auf das, was bereits am Horizont zu sehen ist. Aber auch damit liegt der Entwickler goldrichtig, denn es macht schlichtweg diebischen Spaß, sich auf die Suche nach den besten Waffen, Pferden oder Kostümen zu machen, um als stilvoller Outlaw in die Geschichte einzugehen.

Makellose Immersion

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Entschleunigung bringt Immersion – Bildquelle: Rockstar Games

Die Spielwelt ist gespickt mit kleinen Geheimnissen, die dem Spieler nicht nur etwas zu tun geben, sondern den Wilden Westen mit unendlich viel Leben erfüllen. Jeder noch so kleine Point of interest erzählt eine Geschichte, auch wenn sie euch das Spiel nicht sofort offenbart. Rockstar trotzt damit einem Trend, der sich in den vergangenen Jahren wie ein Schleier über das Genre der Open-World-Spiele gelegt hat. Red Dead Redemption 2 entschleunigt nicht nur die Erzählung, sondern auch das Gameplay und schafft damit, woran es vielen Videospielen fehlt: Makellose Immersion. Die Gameplay-Systeme benötigen einige Umgewöhnung, entfalten dann aber ihr volles Potenzial. Allen voran das dynamische Dialogsystem. Mit jeder Figur im Spiel könnt ihr interagieren und erhaltet je nach Vorgehensweise eine individuelle Reaktion. Nicht alle Menschen lassen sich nach Schema F einschüchtern, was ihr sehr schnell am eigenen Leib erfahrt. Aber auch die Umgebung fordert von euch, dass ihr nachdenkt, bevor ihr handelt und gegebenenfalls Geduld beweisen müsst.

Da kann es schon einmal ein paar Sekunden dauern, einen Fisch zu kochen, den man gerade aus dem nächsten See gezogen hat. Und auch den soeben geschossenen Hirsch auf sein Pferd zu verfrachten, ist keine Sache, die ohne eine entsprechende Animation getan ist. Der Gaming-Western möchte, dass ihr voll und ganz in das Leben als Outlaw eintaucht und lässt euch somit auch die Hindernisse und Probleme der Zeit nachvollziehen. Selbst die Taschen des besten Cowboys sind nicht unendlich groß, also müsst ihr euch z.B auf der Jagd entscheiden, welches der vielen Tiere ihr erlegen möchtet, um dann dessen riesigen Pelz mühevoll auf eurem Pferd zum Händler eures Vertrauens zu schaffen. Es ist die schier endlose Zahl dieser liebevollen und konsequent umgesetzten Kleinigkeiten – im ersten Moment wirken sie sperrig – die aus einem guten Spiel ein großartiges machen. Rockstar hat das verstanden und erntet genau deshalb Applaus.

Ein Schuss ins Schwarze

Lasso und Colt im Anschlag – Bildquelle: Rockstar Games

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch der Umgang mit spielerischen Ressourcen. Selbst der bärbeißige Arthur ist nur ein Mensch und muss gelegentlich etwas essen, um bei Kräften zu bleiben. Auf drei Ressourcen müsst ihr im Spiel achten, um den Revolvermann auch in der blutigsten Schießerei unter Kontrolle zu behalten: Gesundheit, Ausdauer und Dead Eye. Jedes dieser Elemente verfügt über einen Kern, der wenn er gefüllt ist, die Regeneration der entsprechenden Ressource beschleunigt. Ist er komplett leer, fällt Arthur beispielsweise das Zielen deutlich schwerer. Darüber hinaus zeigt euch ein weiterer Balken an, wie viel Gesundheit, Ausdauer und Dead Eye ihr noch zur Verfügung habt. Erreicht dieser Balken ein Minimum, wirkt sich das wiederum auf die Füllmenge des Kerns aus. Klingt kompliziert? Ist es auch! Trotzdem bringen diese Systeme mehr Schwung in das Gameplay von Red Dead Redemption 2 und machen aus den Schusswechseln mehr als nur eine simple Zielübung.

Rauchende Colts und saftige Schlägereien gehören zum Wilden Westen einfach dazu und so ist es kein Wunder, dass auch Red Dead Redemption 2 großen Wert auf körperliche Auseinandersetzungen legt. In den Schießereien, die leider mit dem leicht schwammigen Deckungssystem früherer Rockstar Games ausgestattet wurden, kommt euch eine volle Dead Eye-Leiste sehr gelegen, denn damit friert ihr kurz die Zeit ein und könnt in aller Ruhe die Köpfe eurer Gegner markieren, die anschließend in einer spektakulären Sequenz mit Trommelfeuer aus der Hüfte zerplatzen. RDR2 ist brutal, aber unterhaltsam. Lediglich die Faustkämpfe könnten etwas mehr Cowboy-Oomph vertragen, denn mehr als unkoordiniert zwischen den drei Tasten für Schlagen, Blocken und Greifen zu wechseln, tut ihr hier nicht.

Meisterwerk unserer Generation

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Das schönste Spiel unserer Generation – Bildquelle: Rockstar Games

Kommen wir abschließend noch einmal kurz zur Geschichte des Spiels zurück, denn so viele Emotionen wie in Red Dead Redemption 2 stecken, lassen sich nur mithilfe einer unvergleichlichen Inszenierung und Technik vermitteln. Und genau die liefert das Outlaw-Epos über die volle Spielzeit und setzt damit einen Meilenstein für alle kommenden Open-World-Titel. Es sind schlichtweg so viele grafische Details in die Spielwelt, Zwischensequenzen, Waffen, Outfits und Charaktere geflossen, dass es kaum zu fassen ist. Besonders der Prolog beweist, was in acht Jahren Entwicklungszeit möglich ist, denn Fußstapfen im kniehohen Schneechaos haben noch nie so schön ausgesehen, sich im Wind neigende Bäume noch nie so beeindruckend die Stimmung eingefangen und durch Mäntel fauchende Schneewehen uns auf dem Sofa noch nie so frösteln lassen. Besonders auf der Xbox One X sind die Texturen eine absolute Augenweide, auch wenn einigen Charakteren die NVIDIA HairWorks einer PC-Version wirklich gut getan hätten.

Ihr glaubt jetzt vielleicht, dass sich an der grafischen Pracht einiges ändert, sobald man die offene Spielwelt betritt – Denkste! Jeder Winkel der Prärie überrascht euch mit neuen Texturen, erfrischenden grafischen Highlights und vielfältigen, perfekt abgestimmten Lichtstimmungen. Allein die Präsentation von RDR2 ist es wert, sich eine Konsole zuzulegen (Was ich übrigens getan habe, #noregrets), ganz zu schweigen von der Performance. Komplett ohne winzige Einbrücke in der Bildrate kommt das Western-Epos nicht aus, spielt sich aber fast immer konsequent flüssig.

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Stimmungsvoll bis in die Mähne – Bildquelle: Rockstar Games

Hinzu kommt natürlich auch das atemberaubende Sounddesign, für das Rockstar seit Ewigkeiten bekannt ist. Wie in GTA V müsst ihr ohne eine deutsche Sprachausgabe auskommen, dafür liefern die Sprecher der mundfaulen Outlaws eine Leistung ab, die ihresgleichen sucht. Das liegt nicht zuletzt an den perfekt geschriebenen Dialogen, in denen sich die Cowboys gegenseitig unterbrechen, gezischte Beleidigungen um die Ohren pfeffern und beweisen, dass Sprache nicht perfekt sein muss, um die richtige Wirkung zu erzielen. Ganz im Gegenteil: Gerade, weil Red Dead Redemption 2 nicht versucht, perfekt zu sein, sondern schmutzig, echt und nah, ist es ein Meisterwerk unserer Generation.

Packende und emotionale Geschichte
Makellose Immersion dank konsequenter Spielmechaniken
Grafisches Meisterstück
Detailverliebte und stimmungsvolle Inszenierung
Potenzial für mehr als 60 Stunden Spielzeit
Spielwelt mit unendlich vielen Geschichten
Einzigartige Figurenzeichnung
Organische Dialoge
Red Dead Online in der Hinterhand
Deckungs- und Shooter-Mechaniken etwas schwammig
PC-Spieler gehen vorerst leer aus

Christian Böttcher

Red Dead Redemption 2 ist nicht weniger als ein spielerisches, grafisches und vor allem erzählerisches Meisterwerk und wird das Genre der Open-World-Spiele nachhaltig prägen. Am Ende von acht Jahren Entwicklungszeit steht ein Titel, der die Grenzen zwischen Film und Spiel mit Leichtigkeit verwischt, voller kreativer, einzigartiger Ideen steckt und dabei von Anfang bis Ende nicht vergisst, dass Videospiele kein seelenloses Konstrukt sind, keine Dienstleistung, die es zu erbringen gilt. Es ist das Paradebeispiel dafür, dass Qualität sich immer durchsetzen wird, selbst wenn die Wartezeit schier endlos scheint. Dabei versucht das Western-Epos gar nicht erst, perfekt zu sein und trägt Charaktere, die anecken, Dialoge so organisch wie Bohnen aus der Dose und Spielsysteme, die uns aus der Wohlfühlzone reißen, mit stolzer Brust vor sich her. Red Dead Redemption 2 beweist eindringlich, dass Videospiele Kunst sind und der Kauf einer Konsole in diesen Tagen keine allzu schlechte Idee sein kann - Ein Titel, den selbst Western-Muffel gespielt haben müssen.
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