Test: Roll Player

Ihr seid ein echter Rollenspiel-Veteran? Dann habt ihr mit Sicherheit schon etliche Stunden damit verbracht, eure eigenen Charaktere zu gestalten. Bei der Generierung gibt es so viele Facetten zu berücksichtigen. Es beginnt meist mit der Wahl von Rasse und Klasse, geht über das Auswürfeln der Attribute, wird ergänzt durch die passende Ausrüstung und findet letztlich in der Ausgestaltung der Hintergrundgeschichte ihren Feinschliff. Das Ausgestalten der eigenen Spielfigur gehört nicht nur untrennbar zum Rollenspiel dazu, sondern macht vielen Rollenspielern auch großen Spaß. Roll Player, erst kürzlich auf der SPIEL in Essen erschienen, widmet der Charaktererschaffung nun gleich ein ganz eigenes Brettspiel.

Roll Player ist in einem klassischen Fantasy-Setting angesiedelt. Nun, das ist nicht hundertprozentig korrekt. Schließlich wird die Fantasy-Welt von Roll Player überhaupt nicht betreten. In diesem Spiel geht es einzig und allein um das Zusammenstellen des Charakters, der sich dann später – in der Theorie – ins Abenteuer stürzen könnte. Dazu wählt sich jeder Spieler ein eigenes Spielertableau aus. Sechs verschiedene Tableaus stehen euch zur Auswahl: Elf, Mensch, Zwerg, Ork, Halbing und Drachengeborener, jeweils in einer weiblichen und in einer männlichen Variante.

Die ersten Weichen stellen

Mit der Wahl des Spielertableaus habt ihr die Rasse eures Charakters schon gleich festgelegt. Je nach gewählter Rasse werden einige Werte der Spielfigur leicht modifiziert. Ein Elf erweist sich als etwas geschickter als andere Rassen, dafür muss er Nachteile in Sachen Konstitution in Kauf nehmen. Vor Spielbeginn wird außerdem noch die Klasse des Charakters festgelegt. Hier stehen gleich zwölf verschiedene Professionen zur Verfügung. Darunter befinden sich vor allem klassische Fantasy-Klassen, die auch einem D&D-Regelwerk entsprungen sein könnten. Egal ob Krieger, Magier, Mönch oder Waldläufer, in Roll Player wird jede Vorliebe bedient. Zu Spielbeginn erhält jeder Charakter eine dieser Professionen zugewiesen.

Ebenfalls von Bedeutung ist auch die Gesinnung der Spielfigur. Auch hier haben sich die Macher wohl die Regeln von Dungeons & Dragons ganz genau angesehen. Die Brandbreite reicht hier von rechtschaffen bis chaotisch und von gut bis böse. Insgesamt ergeben sich neun Gesinnungshaltungen, die euer Charakter später einnehmen kann. Beim Spielstart ist der Charakter noch absolut neutral, dies wird sich im Spielverlauf aber sicher bald ändern.

Zu guter Letzt wird noch eine Vorgeschichte hinzugefügt. Die Vorgeschichte betreffend gibt es sechzehn Karten, von denen euch eine zugeteilt wird. Sie enthält einen kurzen Text, der eine kleine Geschichte erzählt. Spieltechnisch sind jedoch nur die Angaben in der Tabelle dieser Karte relevant. Sie zeigen euch, wie ihr die Attribute des neuen Charakters ausgestalten sollt.

Den Helden für das Abenteuer rüsten

Das Ziel in Roll Player besteht darin, die geforderten Attributwerte auf dem Charakterblatt möglichst genau zu erfüllen. Die Vorgaben entstehen in erster Linie durch die Wahl der Klasse. Seid ihr ein Zauberer? Dann solltet ihr etwa einen Intelligenzwert von 18 Punkten erzielen, eine Konstitution zwischen 15 und 16 Punkten und eine Weisheit von mindestens 14 Punkten besitzen. Insgesamt werden sechs verschiedene Attribute abgefragt: Stärke, Geschicklichkeit, Konstitution, Intelligenz, Weisheit und Charisma.

Die einzelnen Attribute des Charakters werden stückweise durch den Einsatz von Würfeln generiert. Eingesetzte Würfel könnt ihr ganz praktisch in ein ausgestanztes Feld auf eurem Charakterbogen auslegen. Pro Attribut werden genau drei Würfel eingesetzt. Dadurch könnt ihr in einem Attribut maximal auf eine Punktzahl von 18 gelangen, sofern der Wert nicht weiter durch die gewählte Rasse modifiziert wird. Die ersten Würfel werden noch vor dem eigentlichen Spielbeginn auf dem Charakterblatt platziert. Ein paar erste Stellschrauben werden also schon vor Beginn des eigentlichen Spiels festgezurrt.

Über Munchkins und Powergamer

Alle weiteren Würfel zur Ausgestaltung der Attribute werden von euch gewählt. In jeder Runde werden ein Würfel mehr als Spieler vorhanden sind, aus einem Beutel gezogen. Die gezogenen Würfel werden geordnet nach ihrer Augenzahl auf die vorbereiteten Initiative-Karten gelegt. Die Würfel mit den meisten Augen landen entsprechend auf den Karten mit dem größten Initiative-Wert. Reihum dürft ihr nun einen Würfel aus der Auslage nehmen und ihn auf einem freien Feld auf dem Charakterblatt positionieren.

Von Bedeutung ist jedoch nicht nur die Höhe der Augenzahl auf dem Würfel, sondern auch seine Farbe. Die Tabelle auf eurer Vorgeschichte fordert, Würfel bestimmter Farbe auf festgelegte Plätze auf dem Wertebogen auszulegen. Je mehr Vorgaben ihr am Spielende erfüllt habt, desto mehr Bonuspunkte winken euch. So müsst ihr immer wieder abwägen, ob euch die passende Augenzahl wichtiger ist oder die richtige Farbe.

Würfelmanipulation durch Attributaktionen

Dies gilt umso mehr, da sich die Würfel auch zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal manipulieren lassen. Immer wenn ihr einen Würfel auf das Charakterblatt legt, dürft ihr als kleine Beigabe noch eine Aktion durchführen. Die Art der Aktion richtet sich nach dem Attribut, das ihr durch den Einsatz eines Würfels bedient habt. Legt ihr beispielsweise einen Würfel zum Stärkeattribut, dürft ihr einen beliebigen schon platzierten Würfel auf die andere Seite drehen. Weiterhin lassen sich mit anderen Aktionen auch Würfel vertauschen, die Augenzahl verändern und vieles mehr. Durch die Attributaktionen kann so manche Schwäche im Nachhinein noch ausgemerzt werden.

Nach dem Einsetzen des Würfels wird der Markt freigegeben. Auf dem Markt werden in jeder Runde neue Karten aufgedeckt, die ihr gegen Gold erstehen könnt. Das Warenangebot auf dem Markt ist erstaunlich breit gefächert. Neben Waffen- oder Rüstungsteilen könnt ihr sogar Charaktermerkmale oder -fertigkeiten kaufen. Durch den Kauf von Marktkarten lässt sich die Spielfigur noch einmal kräftig aufwerten.

Bis an die Zähne bewaffnet

Durch den Besitz bestimmter Waffen könnt ihr nochmals Attribute modifizieren oder ein paar zusätzliche Goldstücke einheimsen. Für Rüstungsteile gibt es oft zusätzliche Siegpunkte am Ende des Spiels. Sammelt ihr ganze Rüstungssets, die zu eurer Charakterklasse passen, werden Extra-Siegpunkte ausgeschüttet. Merkmale hingegen geben euch nicht nur Siegpunkte, sie verändern auch eure Gesinnung. Wählt ihr zum Beispiel das Merkmal „Waghalsig“ schiebt sich der Gesinnungsmarker um ein Feld in Richtung chaotisch. Mit den Merkmalen könnt ihr eure Gesinnung so beeinflussen, dass sie am Spielende möglichst nah an den vorgegebenen Zielwert kommt. Erreicht ihr dieses Ziel, gibt es abermals ein paar Siegpunkte.

Die Gesinnung lässt sich außerdem noch durch den Erwerb und den Einsatz von Fertigkeiten verändern. Fertigkeiten lassen sich im Spielverlauf auch mehr als einmal verwenden. In jeder Runde dürft eine Fertigkeitskarte eurer Wahl wieder einsatzbereit machen. Anschließend kann sie erneut verwendet werden. Mit jedem Fertigkeitseinsatz verändert sich jedoch auch wieder die Gesinnung. Ihr müsst also immer wieder gut abwägen, ob sich der Einsatz einer Fertigkeit rentiert.

Die Jagd nach Gold

Um neue Karten auf dem Markt kaufen zu können, braucht ihr allerdings auch das nötige Kleingeld. Es ist gar nicht so leicht, an genügend Gold zu gelangen. Gold gibt es, wenn ihr Würfel auf bestimmten Initiativekarten wählt, goldene Würfel auf dem Charakterbogen platziert oder aber in einer Runde auf den Kauf von Marktkarten verzichtet. Da ihr im Spiel dringend auf einen fetten Geldbeutel angewiesen seid, nimmt auch das Gold einen Einfluss auf eure Entscheidungen.

Eine Partie Roll Player geht zu Ende, sobald jedes Attribut mit drei Würfeln bestückt wurde. Anschließend geht es direkt zur Auswertung. Hier prüft ihr jetzt nach, wie gut ihr die Attributziele auf der Klassenkarte erfüllen konntet und bekommt dafür nun eine Bewertung und entsprechend Siegpunkte. Weitere Punkte gibt es für eingesetzte Würfel, passend zur Farbe der Klassenkarte. Geprüft wird weiterhin wie gut ihr die geforderte Gesinnung erfüllt habt. Danach guckt ihr euch die Vorgeschichte des Charakters an, sie fordert den Einsatz von bestimmten Farbwürfeln an vorgegebenen Stellen auf dem Bogen. Einige Bonuspunkte gibt es abschließend noch für die erworbenen Merkmale und Rüstungskarten. Der Spieler mit der höchsten Gesamtsumme hat den besten Charakter erstellt und gewinnt das Spiel.

Für einen Durchlauf benötigt ihr zwischen 60 und 90 Minuten, je nach Zahl der Mitspieler. Das Regelwerk von Roll Player bietet dabei sogar einen Solo-Modus an, maximal können vier Spieler an einer Partie teilnehmen. Das Spiel ist ab sofort erhältlich und kostet etwa 40€.

hochwertiges Spielmaterial
anspruchsvolle Tüftelei
starkes Thema
selten hat die Charaktererschaffung so viel Spaß gemacht
mit Solo-Modus
Charakter kann sich (noch) nicht ins Abenteuer stürzen
wer ein actiongeladenes Rollenspiel erwartet, wird enttäuscht

Sebastian Hamers

Als alter Rollenspieler hat mich das Thema von Roll Player natürlich sofort angesprochen. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden ich allein in die Erstellung meiner ganzen Charaktere investiert habe. So viel Spaß an der Generierung eines Helden wie in Roll Player habe ich aber selten gehabt. Spielmechanisch erinnert Roll Player stark an das ebenfalls noch recht neue Sagrada, ist aber insgesamt aber doch etwas komplexer. Roll Player ist nicht das actiongeladene Brettspiel, das Name und Cover vielleicht zunächst zu versprechen scheinen. Roll Player ist vielmehr ein feines Puzzlespiel mit Würfeln und einem Fantasy-Thema. Das Spiel fordert ständig wichtige Entscheidungen von euch ein. Es reicht eben nicht, sich immer nur die Würfel mit den hohen Augenzahlen zu schnappen, um seinen Attributwert nach oben zu peitschen. Oft wird das punktgenaue Erreichen eines bestimmten Zielwerts gefordert, ebenso ist die Farbe des Würfels von Bedeutung. Zusatzpunkte gibt es an allen Ecken und Enden des Spiels. So ist die Wahl eines Würfels, so einfach es sich anhören mag, eine richtig komplexe Entscheidung. Viel Schwung kommt auch über die Attributaktionen ins Spiel, mit ihnen lassen sich viele Schwachpunkte des Charakters noch einmal nachträglich verbessern. Angesprochen wird auch die Sammelleidenschaft der Rollenspiele. Mit den passenden Ausrüstungsgegenständen gebt ihr eurem Charakter wichtige Vorteile im Spiel. Pluspunkte sammelt Roll Player zudem über das Spielmaterial. Das Spielepaket bringt ordentlich Gewicht auf die Waage, was bei 73(!) beiliegenden Würfeln auch kein Wunder ist. Es ist nur etwas schade, dass wir mit dem frisch erstellten Charakter nun nicht direkt ins Abenteuer ziehen können. Mit der bereits geplanten Erweiterung wird aber auch dieser Makel behoben. Ich freue mich schon auf mein erstes Abenteuer mit meinem Charakter.
Test: Chimparty Test: 8-Bit-Box
Comments