Test: Scythe

Scythe-Spielbrett

Scythe: Die Herrschaft um Osteuropa steht auf dem Spiel

Wir schreiben das Jahr 1921. Der große Krieg hat in Europa viel Zerstörung und verbrannte Erde hinterlassen. Die Nationen Osteuropas und ihre Bevölkerung sind kriegsmüde und haben ihre Waffen gegen Sensen eingetauscht. Dennoch patrouillieren die gepanzerten Mechs, mit denen die „Fabrik“ die Kriegsparteien während des Krieges gleichermaßen ausgestattet hat, immer noch durch das Land. Außer wenigen vereinzelten Scharmützeln, halten sie sich nun jedoch eher im Hintergrund.

Sie beschützen die Bauern und Arbeiter, mit denen der Wiederaufbau der Landstriche gelingen soll. Es sind Erinnerungen an den Krieg, den alle Nationen nun hinter sich lassen wollen. Dennoch ist das Ringen um Einfluss und Macht noch immer nicht beendet, denn die Anführer der Nationen arbeiten immer noch gegeneinander und jeder für sich daran, der zukünftige Anführer Osteuropas zu werden.

Fiktive Geschichtsstunde

Diese Geschichtsstunde kommt Euch nicht bekannt vor? Das liegt daran, dass ihr Euch in der alternativen historischen Welt von Scythe befindet. Der Name, welcher Sense bedeutet, steht stellvertretend für das Setting des Spiels.  Eine Sense kann sowohl Waffe als auch Erntewerkzeug sein. Hier treffen Aufbau- und Entwicklungsspiel auf Elemente, welche sonst eher in strategischen Kriegsspielen vorhanden sind.

Diese sind jedoch so geschickt und subtil in das Gesamtbild eingebaut, so dass es nicht zwangsläufig zu handfesten Auseinandersetzungen kommen muss. Auch die Bilder des Spiels spiegeln diese Balance wider.  Die bewaffneten Mechs sind häufig nur schemenhaft im Hintergrund zu sehen, während sich im Vordergrund das „normale“ Leben der kriegsgebeutelten Bauern und Handwerker abspielt. Als Spieler müsst ihr Euch nicht allzu viele Gedanken um Gefechte machen, denn Scythe ist eher den Eurospielen zuzuordnen.

 

Zur Lage der Nationen

Zunächst weckt der Spielplan von Scythe möglicherweise Erinnerungen an Aufbauspiele, wie zum Beispiel Sieder von Catan, da er aus Sechseckfeldern besteht. Jedes dieser Felder produziert eine bestimmte zugehörige Ressource. Mit den Ressourcen können wiederum Dinge gebaut werden. Hier hören die direkten Ähnlichkeiten jedoch schon beinahe auf. Bei Scythe wird nicht gewürfelt und der Zufall spielt daher auch eine eher untergeordnete Rolle.

Ebenso können die Spieler nicht untereinander handeln. So kommt es, dass ihr bei Scythe nicht von der Hand in den Mund spielt, sondern eher versuchen werdet, mehrere Züge im Voraus zu planen, um kurz- oder mittelfristige Ziele zu erreichen. Da die Züge der einzelnen Spieler üblicherweise recht schnell gehen, entsteht daraus ein kurzweiliges Spiel mit dennoch nicht zu unterschätzender Spieltiefe.

Am Anfang erhält jeder Spieler eine Nation zugeteilt und bekommt deren Nationentableau. Dieses zeigt die Sonderfähigkeit der Nation, sowie die Fähigkeiten ihres Anführers und ihrer Mechs. Sie müssen jedoch erst im Laufe des Spiels freigeschaltet werden. Dazu bekommt jeder Spieler ein Spielertableau, auf dem sich eine Übersicht über die Aktionen befindet, die ihr im Lauf des Spiels auswählen könnt. Jeder Spieler hat die gleichen vier oberen und unteren Aktionen zur Auswahl, die jedoch jeweils anders auf einem Feld kombiniert sind. In einem Spielzug können also bis zu zwei Aktionen gleichzeitig ausgelöst werden.

Neben den unterschiedlichen Kombinationen sind die Aktionen auf jedem der existierenden Tableaus auch mit unterschiedlichen Kosten und Boni versehen. So ergeben sich unterschiedliche Stärken und Schwächen der einzelnen Tableaus. Auf diese Weise spielt sich jede Nation, trotz immer gleicher Startaufstellung auf dem immer gleichen Spielplan, immer wieder anders. Ihr müsst Eure Spieltaktik neben persönlichen Vorlieben und Nationsfähigkeiten also auch auf euer jeweiliges Spielertableau anpassen.

Sich beim Volk beliebt machen

Zu Beginn hat jeder Spieler eine Anführerfigur in seinem Heimatgebiet, zwei Arbeiter auf Ressourcenfeldern benachbart dazu, sowie etwas Geld, Ansehenspunkte, Kampfstärkepunkte, Kampfkarten, sowie zwei Auftragskarten. Um das Ziel zu erreichen, der zukünftige Anführer Osteuropas zu werden, müsst ihr vor allem weiteres Geld anhäufen, Erfolge erzielen und am Ende des Spiels Felder kontrollieren. Wie viele Siegpunkte erreichte Erfolge, besetzte Spielfelder oder auch übriggebliebene Ressourcen am Ende des Spiels wert sind, hängt vom Ansehen des jeweiligen Spielers ab. Diese Leiste solltet ihr also gut im Auge behalten, denn sie kann über Sieg und Niederlage entscheiden, wenn jedes Feld oder jeder Erfolg eines Spielers am Ende mehr Punkte wert sind.

Erfolge sind Ziele, wie zum Beispiel der Bau aller vier Mechs, aller vier Gebäude oder das Einsetzen aller Arbeiterfiguren. Aber auch bei Erreichen des maximalen Ansehens oder der maximalen Kampfstärke wird ein Erfolg erzielt. Auch bis zu zwei gewonnenen Kämpfen dürfen pro Spiel als Erfolge eingebracht werden. Erwähnenswert sind außerdem die beiden Auftragskarten. Sie warten mit geheimen individuellen Zielen für jeden Spieler auf. Erfüllt ihr eine davon, dürft ihr den entsprechenden Stern für den Erfolg auf die Erfolgsleiste legen. Kaum einer der Erfolge ist „nebenbei“ zu erreichen, so dass ihr gezielt darauf hinarbeiten müsst und auch beobachten könnt, wie nah die übrigen Spieler daran sind, weitere Erfolge zu erreichen.

Das Spiel endet, sobald ein Spieler seinen sechsten Erfolg erzielt, denn dann wird nach der Endabrechnung der Sieger ermittelt. Da es zehn Möglichkeiten für Erfolge gibt, könnt ihr sehr unterschiedliche Wege wählen, um dieses Ziel zu erreichen.

Und „Action“

Die Aktionsauswahl scheint zunächst sehr begrenzt zu sein. In jedem Zug wählt ihr eine der vier erwähnten Kombinationen Eures Spielertableaus, jedoch eine andere als im letzten Zug. Dadurch habt ihr immer die Wahl zwischen „nur“ drei Alternativen. Für die unteren Aktionen des Spielertableaus, die zum Ausbau Eurer Infrastruktur dienen, benötigt ihr Rohstoffe wie Öl, Metall, Holz oder Nahrung. Damit baut ihr Mechs, Gebäude oder auch Entwicklungen, die Eure Aktionen stärker oder billiger machen. Ebenso könnt ihr Rekruten ausbilden, die Euch von Aktionen der Nachbarspieler profitieren lassen.

Diese Ressourcen erhaltet ihr vor allem über die obere Aktion „Produktion“. Sie ermöglicht Ressourcenproduktion auf Feldern mit Euren Arbeitern und wird immer teurer, je mehr Arbeiter ihr eingesetzt habt. Außerdem bieten die oberen Aktionen die Möglichkeit, Eure Figuren zu bewegen oder auch wahlweise Münzen zu nehmen, sowie für Geld Stärkepunkte, Kampfkarten, Ressourcen oder Ansehen aufzustocken. Eine Besonderheit ist, dass bei Scythe Ressourcen auf dem Spielfeld liegen bleiben und so durchaus auch den Besitzer wechseln können. Zwar können Figuren beliebig viele Rohstoffe mitnehmen, dennoch solltet ihr darauf achten, sie auch zeitnah wieder auszugeben, um, vor allem im späteren Spielverlauf, kein allzu lohnendes Ziel abzugeben.

Konfliktvermeidung?

Zunächst beginnt Scythe aber sehr geruhsam, da die Spieler zu Beginn des Spiels nicht direkt zueinander gelangen können. Dafür ist durch Seen und Flüsse gesorgt. Sie können zunächst von keinem Spieler überquert werden. Dies ändert sich jedoch, wenn die erste Mechs gebaut wurden. Dafür wird außerdem durch die, um die Mitte des Spielfelds gruppierten, Tunnelfelder gesorgt, die alle miteinander verbunden sind und sorgen zusammen mit den „Privat“-Tunnelgebäuden der Spieler dafür, dass im späteren Spielverlauf auch gegenüberliegend startende Spieler zueinander gelangen können. Dennoch bleiben die Heimatfelder eines Spielers häufig unbehelligt, denn Kämpfe lohnen sich bei Scythe nur selten.

Die Vorteile eines gewonnenen Kampfs sind natürlich der erreichbare Erfolgsstern, die Vertreibung aller gegnerischen Einheiten auf das entsprechende Heimatgebiet und ggf. das Stehlen gegnerischer Ressourcen. Ein Kampf kostet jedoch immer Aktionen, Stärkepunkte, Kampfkarten, und (sofern man feindliche Arbeiter durch einen siegreichen Kampf vertreibt) auch wertvolle Ansehenspunkte. So mancher Angreifer überlegt es sich daher lieber zweimal, ob der Preis den Nutzen eines Kampfes wirklich aufwiegt. So kommt es, dass sich die Spieler während einer Partie eher belauern, als dass es wirklich oft zu Kampfhandlungen kommt.

Stimmungsvolles Setting

Auch wenn dies bei Aufbauspielen dieser Art eher nicht zu erwarten ist, so ist das Thema bei Scythe nicht einfach nur aufgesetzt, sondern Teil des Spielgeschehens. Eure Anführerfigur kann auf dem Spielfeld verteilte Begegnungsmarker einsammeln und „erlebt“ dann Begegnungen mit den Einheimischen. Dies wird durch Ziehen einer Begegnungskarte umgesetzt. Auf einem stimmungsvollen Bild wird eine Situation gezeigt, die euch drei Auswahlmöglichkeiten bietet. Dabei habt ihr häufig die Wahl zwischen freundlichem, neutralem oder bösartigem Verhalten.  Die daraus resultierenden Vorteile sind mit einem passenden „Preis“ verknüpft. Da eine Wahlmöglichkeit immer kostenfrei ist, lohnen sich diese Begegnungen immer. Für genügend Ressourcen oder gar die Abgabe von Ansehenspunkten lassen sich zum Teil so sogar Mechs oder Gebäude erwerben.

Einmal pro Spiel darf jeder Anführer die Fabrik besuchen und sich dort eine Fabrikkarte nehmen. Diese stellen Technologien dar und erweitern das eigene Spielertableau um eine weitere Aktionskombination. Diese neue Möglichkeit könnt ihr ab sofort einsetzen. So kommen noch weitere Aktionsmöglichkeiten hinzu, die Eure Flexibilität erhöhen. Die Fabrik ist aber auch abgesehen davon ein lohnendes Feld, denn sie zählt bei Spielende wie drei besetzte Felder.

viele Wege führen zum Sieg
moderate Spieldauer
intuitive und nicht zu komplexe Spielzüge
große Spieltiefe
tolle Grafik
schönes Material
konfliktreiches Spielende nicht jedermanns Sache

Dennis Schwarz

Scythe ist eine Mischung aus eurolastigem Ressourcenmanagement und Aufbauoptimierung. Dazu kommen einige kampflastige Elemente eines Konfliktspiels und einige Storyelemente durch Begegnungskarten. Garniert mit einer schönen Ausstattung und einer einzigartigen Grafik, spielt es sich, trotz seiner vielen Spielelemente, sehr zügig und hat eine überraschend moderate Spieldauer. Zu Beginn kann es jedoch vorkommen, dass Spieler auch optisch durch die zunächst sehr zahlreich wirkenden Spielelemente abgeschreckt werden und ein sehr viel komplizierteres Spiel erwarten. Da das Spiel durch seine Materialien und Symbole jedoch sehr übersichtlich und verständlich aufgebaut ist, verfliegt dieses Gefühl bereits nach der ersten Spielrunde und alle Spieler, die schon einmal ein Aufbauspiel gespielt haben, können sich vollkommen auf ihre Spielzüge und Planung konzentrieren. Auch mit neuen Spielern ist damit eine Spielzeit von unter 2 Stunden nicht unrealistisch. Durch vielfältige Aktionsmöglichkeiten eröffnen sich bei Scythe viele spielerische Freiheiten, eine hohe Spieltiefe und typische Optimierungsdillemata. Um einen Mech bauen zu können, benötigt ihr beispielsweise Metall. Um möglichst schnell möglichst viel davon produzieren zu können, wäre es sinnvoll, eure Arbeiter auf einem Metallfeld zusammen zu ziehen. Auf der anderen Seite würden eure Mechs weniger Metall kosten, wenn ihr erst eine Entwicklung baut. Dazu jedoch benötigt ihr zuerst Öl. Außerdem wäre es gut, wenn Euer Anführer noch das nächste Begegnungsplättchen erreichen würde, bevor es ein Mitspieler wegschnappt. Es sind diese Probleme, die Scythe zu einem dynamischen und vielfältigen Spiel machen, in dem jeder Spieler seine eigene Strategie verfolgen kann und in dem man nach einer Partie häufig überlegt, was man noch hätte besser machen können. Sogar ein Solo-Modus ist im Spiel enthalten, bei dem der Gegner von einem Automatismus über ein Deck aus Karten gesteuert wird. Mit den verfügbaren Erweiterungen wird das Spiel noch vielseitiger und mit den erhältlichen Deluxe-Komponenten (größeres Spielbrett, Modell-Ressourcen) wird das Spiel ein echter Hingucker.
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