Test: Seeders – Exodus

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Am Rande des Universums ist das glorreiche Volk der Gründer schwer in die Bredouille geraten. Eine unbekannte Macht sorgt für ein seltsames Phänomen. Energien werden auf unerklärliche Weise absorbiert und gerade in den Außenbezirken des Gründerreichs wird die Lage langsam brenzlig. Deshalb beschließt Thyrinn, in seiner Funktion als Senatsvorstand, die äußeren Reiche schnellstmöglich zu evakuieren, um Zeit zu gewinnen. Deshalb ruft er die Vertreter der Kasten zusammen. Sie sollen eine Arche konstruieren, die mächtig genug ist, das Volk aus den bedrohten Systemen zu retten.

Genau an dieser Stelle springt ihr ins Spiel. Ihr seid die Vertreter der Kasten und eure Aufgabe ist es, innerhalb kurzer Zeit ein funktionsfähiges Raumschiff zur Evakuierung der Bevölkerung zu konstruieren. Vor euch steht eine große Aufgabe. Ihr braucht nämlich nicht nur geeignetes Baumaterial, sondern natürlich auch die passende personelle Besatzung für die Rettungsmission.

Das Kastensystem des Gründerreichs

Ein Kernelement von Exodus ist das Kastensystem des Weltraumvolks, sowohl spielerisch als auch thematisch. Als mächtigste Kaste treten die Theokraten auf. Sie verkörpern den Kult des Gottes Xzhüü und genießen großes Ansehen. Für die weltlichen Angelegenheiten stehen die Ursprünglichen an erster Stelle, die politisch sehr aktiv sind und Mitglieder im Hohen Rat stellen. Gleich darunter befindet sich das Bio-Konsortium. Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Laboren, die sich mit Biotechnologien befassen. Zuständig für Maschinen und digitale Technologien sind die Architex, deren Kaste in der Rangfolge direkt danach folgt. Die Masse der Kaufleute und Arbeiter bilden die Basis in einer eigenen Kaste. Sie generieren ihren Einfluss vor allem über die schiere Masse. Abschließend folgen noch die Devianten, eine Gruppe Ausgestoßener, die gegen das Kastensystem rebellieren.

Das Kastensystem mit seinen vielen Facetten sorgt aber nicht nur für Atmosphäre, sondern ist auch spielerisch relevant. Die unterschiedlichen Kasten liefern euch die Bestandteile, die ihr zum Bau der Arche benötigt. Die Einzelteile des Schiffs werden durch die sogenannten Archekarten dargestellt. Diese werden während der Spielrunde auf dem Spielplan ausgelegt. In jeder Runde findet ihr immer zwölf neue Archekarten vor. Diese sind in einem verstrebten Netz miteinander verbunden. In diesem Netz befinden sich auch Verhandlungszonen. In diese müsst ihr im Spielverlauf eure Unterhändler aussenden, um die benötigten Waren zu besorgen.

Einfluss geltend machen

Eine Archekarte ist, je nach Position auf dem Spielplan, mit drei oder vier Verhandlungsplätzen verbunden. Wechselweise setzt ihr nun jeweils immer einen Unterhändler in den Verhandlungsplätzen ein. In jeden Verhandlungsraum darf dabei immer nur ein Unterhändler platziert werden. Setzt dabei solange neue Händler ein bis alle Räume gefüllt sind. Euch stehen dabei jeweils sechs Unterhändler zur Verfügung, genau ein Händler für jede der oben erwähnten Kasten.

Das Netz der ausgelegten Archekarten und den Verhandlungsplätzen ist so gestrickt, dass jeder platzierte Unterhändler seinen Einfluss auf zwei Archekarten auswirken kann. Habt ihr mit den platzierten Unterhändlern mehr Einfluss auf eine Archekarte als jeder andere Spieler, so konntet ihr den Deal erfolgreich eintüten und die Karte zu euch nehmen. Alle anderen beteiligten Spieler gehen leer aus. Allerdings haben die Unterhändler an Erfahrung gewonnen. Bei der nächsten Verhandlung werden sie gestärkt ins Rennen gehen. Dadurch hat auch eine nicht erfolgreiche Verhandlung noch einen positiven Aspekt.

Bei den Verhandlungen spielen auch die Kasten eine große Rolle. Ein Unterhändler hat immer einen Vorteil, wenn er sich mit einem Mitglied der eigenen Kaste auseinandersetzen kann. Deshalb sind auch die Archekarten einer Kaste zugeordnet. Etwaige Boni müsst ihr also in die Kalkulation mit einfließen lassen.

Der Bau der Arche

Nachdem alle Deals abgeschlossen wurden, kann der Bau der Arche auch direkt vorangetrieben werden. Die erhandelten Archekarten werden grundsätzlich in zwei Arten unterteilt: Module und Besatzung. Module werden zu Bestandteilen der Arche. Ihr könnt sie in euer Gesamtschiff integrieren, müsst dafür aber ein paar Ressourcen investieren. Erst dann dürft ihr sie zur Arche legen. In jedem Modul ist Platz für zwei Besatzungsmitglieder. Das Personalmanagement ist eine von vielen Aufgaben in Exodus. Ein Modul ohne Besatzung bringt euch keine Siegpunkte ein. Ebenso verhält es sich mit Besatzungsmitgliedern, die ohne Beschäftigung sind. Ihr solltet also auf eine gute Auslastung der Modulkapazitäten achten.

In einigen Phasen des Spiels könnt ihr mit bestimmten Karten zusätzlich Sonderaktionen oder eine Kastenaktivität durchführen. Genau diese Aktionen sorgen für die nötige Würze und den taktischen Tiefgang im Spiel. Viele Mitglieder der Kaste der Ursprünglichen besitzen die Garde-Fähigkeit. Sie können beliebige Besatzungskarten im Spiel unter Arrest stellen. Mit einer weiteren Aktion lassen sich Inhaftierte später sogar zur eigenen Crew hinzufügen. Bei beiden Fähigkeiten ist jedoch auch der Einsatz von Ressourcen gefragt.

Nicht minder interessant sind die Fähigkeiten des Bio-Konsortiums. Der Einsatz von Mutagen lässt Besatzungsmitglieder zu Mutanten heranwachsen. Außerdem sind sie in sie in der Lage Hospitale zu bauen, die mutierte Besatzungsmitglieder mit zusätzlichen Siegpunkten belohnen. Einige Kastenfähigkeiten erlauben den Zugriff auf eine Zweitbesatzung, die euch weitere Möglichkeiten eröffnen und vor allem keinen wertvollen Platz im Modul für sich beanspruchen. Im Spiel befinden sich hier die Konvertiten und die Arbeiter. Nur die Theokraten können zusätzlich auch Priester als Zweitbesatzung heranziehen.

Üppiges Fähigkeiten-Arsenal

Neben den Fähigkeiten der Kasten gibt es viele Sonderaktionen, die euch zusätzliche Siegpunkte einbringen. Oft müsst ihr hier Karten einer bestimmten Art in eure Arche integrieren oder von ihnen eine Mehrheit besitzen. Lukrativ könnte es auch sein, Ressourcen im Tresor zu verschließen. Weggesperrte Ressourcen werden mit ein paar Siegpunkten belohnt. Vor allem die Devianten bedienen sich gerne dieser Vorgehensweise.

Doch damit nicht genug. In Exodus findet ihr eine Vielzahl an Fähigkeiten, die sich taktisch verwenden lassen und nicht selten gravierende Folgen haben können. Die Möglichkeiten sind riesig. Ihr könnt zusätzliche Archekarten erhalten, Einflussmarker verschieben oder gleich Karten auf dem Spielfeld vertauschen. Natürlich gibt es auch Diebe, die von euren Mitspielern wertvolle Ressourcen stehlen. Unter Umständen können sogar ganze Modulteile zerstört werden. Hier besteht immer die Gefahr, dass darauf gelagerte Tresore mit dem Modul untergehen. Ihr werdet auf jeden Fall etliche Partien brauchen, um euch des gesamten Umfangs des Spiels bewusst zu werden. Immerhin beinhaltet Exodus 162 Archekarten, die in ihren Möglichkeiten doch recht vielseitig ausfallen.

Viele Pluspunkte sammelt Exodus aber vor allem für die thematische Aufbereitung des Science-Fiction-Szenarios. Die Fähigkeiten passen wirklich gut zu den beschriebenen Kasten und man kann sich gut vorstellen, wie das System beim Gründerreich wohl funktioniert. Atmosphärisch spielt Exodus dadurch in der ersten Liga.

Einen Wermutstropfen gibt es aber leider auch. Bislang ist Seeders: Exodus in deutscher Sprache nicht ganz einfach zu bekommen. Daher empfehle ich euch einmal mehr den Shop der Spiele-Offensive. Dort wird das Spiel noch im Februar wieder erhältlich sein. Die deutsche Version wurde seinerzeit erst durch die Crowdfunding-Plattform Spieleschmiede, die ebenfalls Bestandteil der Spiele-Offensive ist, ermöglicht. Preislich müsst ihr mit etwa 60€ rechnen. Dafür bekommt ihr ein komplexes SciFi-Monster mit einer Spielzeit von rund zwei Stunden.

gutes Spielmaterial
dichte Atmosphäre
grafische Gestaltung
benötigt Zeit zum Kennenlernen

Sebastian Hamers

Optisch macht Seeders: Exodus eine gute Figur. Das Spielbrett, die Gestaltung der Karten und vor allem der Spielertableaus tragen erheblich zur düsteren Grundstimmung des Spiels bei. Atmosphärisch trumpft das Science-Fiction-Spiel groß auf. Die Funktionen der Kasten sind detailliert beschrieben und finden sich auch im Spiel selbst wieder. Das erhöht den Spielreiz ungemein. Spielmechanisch gewinnt Seeders: Exodus vielleicht keinen Innovationspreis. Im Wesentlichen werden die wichtigsten Elemente auf den Karten selbst beschrieben. Im Spiel selbst gibt es also noch einiges nachzulesen. Dafür habt ihr die Anleitung recht zügig durchgepaukt. Vermutlich werdet ihr dennoch einige Partien brauchen, um das Spiel in vollen Zügen auszukosten. Erst wenn ihr euch über die Möglichkeiten der Karten im Klaren seid, könnt ihr eure Strategie danach ausrichten. Seeders: Exodus lohnt sich daher insbesondere für Spieler, die sich gerne ganz tief in ein Spiel einfuchsen und länger am Ball bleiben. Andere Spielernaturen erfreuen sich vor allem an der schicken Optik und finden an der dichten Atmosphäre Gefallen.
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