Test: Shadow of the Tomb Raider

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Shadow of the Tomb Raider: Mit Lara in die Maya-Apokalypse

Die Grabstätten der Maya, Inka und Azteken mögen seit Jahrtausenden verfallen sein und trotzdem gibt es eine Archäologin, die sie alle wieder aufbricht, um sich auf die Suche nach uralten Schätzen zu begeben. Mit Shadow of the Tomb Raider steht seit einigen Tagen der neueste und letzte Teil der Reboot-Trilogie in den Läden und feiert ein furioses Finale. Mit im Gepäck: Lara Croft in Höchstform, zottelige Lamas und das Ende der Welt. Wir haben uns ins schattige Dickicht des peruanischen Dschungels gewagt, um herauszufinden, ob uns am Ende der Reise ein spielerischer Schatz oder doch nur ein Schatten der Vergangenheit erwartet.

Ausversehen Apokalypse

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Aller Warnungen zum Trotz: Die Apokalypse kommt

Der Urwald ist ein hartes Pflaster. Das bemerkt die gute Lara Croft spätestens, als sie im Prolog in einem zur Hälfte gespaltenen Flugzeug sitzt und mit rasender Geschwindigkeit in Richtung Steilküste rast . Gemeinsam mit ihrem alten Kompagnon Jonah hat sie sich auf eine Mission eingelassen, die nicht nur ihr eigenes Leben in Gefahr bringt, sondern das Wohl der gesamten Menschheit aufs Spiel setzt. Aus Aufzeichnungen ihres verstorbenen Vaters hat die findige Lara nämlich herausgelesen, dass irgendwo in Südamerika ein uralter Maya-Tempel verborgen ist, in dem sich ein Relikt von unvorstellbarer Macht befindet. Dieser mystische Opferdolch wartet jedoch nur darauf, von der Untergrundorganisation Trinty eingesackt und für üble Zwecke missbraucht zu werden. Ein klarer Fall für Miss Croft und ihr ausgeprägtes Helfersyndrom.

Zurück in der Gegenwart, zwei Tage vor dem verhängnisvollen Flugzeugabsturz, kämpft sich Lara durch eine Ruine im mexikanischen Cozumel und stößt am Ende einer Opferkammer auf den besagten Dolch – natürlich genau einen Schritt vor den Schergen des machthungrigen, aber überraschend sympathischen Dr. Dominguez. Warnungen an den Höhlenwänden ignoriert die gute Lara gewohnt konsequent, schnappt sich das Folterinstrument und schwupps, ist es passiert. Unabsichtlich hat Miss Croft die Maya-Apokalypse in die Wege geleitet und als wären die damit einhergehenden Schuldgefühle nicht schon Bestrafung genug, erfährt sie, dass es zum Dolch ein Gegenstück – eine Schatulle – gibt, das dem Träger die Macht verleiht, zwar das Ende der Welt zu verhindern, aber gleichzeitig ganze Zivilisationen auszulöschen.

Inka-rnation von Abenteuer-Klischees

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Alle wissen, was passiert – nur Lara tappt im Dunkeln

Lara bekommt es dieses Mal also gleich mit zwei verschiedenen Bedrohungen zu tun. Auf der einen Seite steht Dr. Dominguez, dessen Männer der toughen Grabräuberin immer wieder zusetzen und sich rücksichtslos ihren Weg durch den Dschungel sprengen, auf der anderen wartet die drohende Apokalypse, welche ihre Vorboten in Form von Sturmflut und Erdbeben vorausschickt. Ein erbittertes Rennen gegen die Zeit, ambivalente Bösewichte mit hirnlosen Handlangern und Gräber über Gräber: Shadow of the Tomb Raider erfüllt sämtliche Klischees, die wir aus Indiana Jones, Uncharted und nicht zuletzt den Vorgängern kennen – nur eben im Kosmos von Maya, Inka und Co. Nur ganz selten blitzen emotionale Momente zwischen der Abenteuer-Schablone hindurch, die dann aber hervorragend funktionieren.

Neu oder gar innovativ ist das ganz und gar nicht, da Eidos Montreal ganze Handlungsabschnitte aus vorangegangenen Teilen recycelt und dem Spieler vor die schlammigen Füße wirft – zugegeben deutlich schicker und mit tropischem Anstrich. Schlecht oder langweilig ist das Ganze deshalb aber noch lange nicht, denn die Inszenierung verschleiert kleinere Schwächen in der Geschichte mit reichlich Gamer-Pathos und großartig choreographierten Zwischensequenzen, die schnell vergessen lassen wie vorhersehbar die Story rund um die Maya-Göttinnen Chak Chel und Ix Chel letztlich bleibt. Zum Ende hin nimmt die Narrative zum Glück ordentlich an Fahrt auf und kann in der ein oder anderen Szene tatsächlich für Überraschungen sorgen. Die großen Stärken des Spiels liegen allerdings in einem anderen Bereich.

Kernkompetenz: Grabraub

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Mehr Gräber = Mehr Spielspaß

Nachdem es in Rise of the Tomb Raider vor allem dafür Kritik hagelte, dass Lara zu sehr mit dem Bekämpfen von gesichtslosen Schurken beschäftigt war, anstatt ihren Job zu machen und in verfallenen Ruinen herumzuwühlen, kehrt die Reihe nun zu ihren Wurzeln zurück. Das Finale der Trilogie liefert so viele versunkene Tempel, düstere Katakomben und uralte Monumente wie nie zuvor und widmet sich somit endlich wieder der Kernkompetenz von Tomb Raider: Dem Erforschen von Gräbern. Action-Passagen beschränken sich dieses Mal auf ein Minimum, was deutlich mehr Freiraum für ausgedehnte Erkundungstouren und schwindelerregende Kletterpassagen schafft. Doch erst in den finsteren Tiefen der atemberaubenden Maya-Tempel verblassen die Schattenseiten des Spiels und Shadow of the Tomb Raider als atmosphärisches Meisterwerk tritt ans Licht.

Auf ihrer Suche nach der Schatulle stößt Lara auf wild umwucherte Oasen der Ruhe, in denen sie sich waghalsig von Ebene zu Eben hangelt, bis sie schließlich auf dem Kopf einer riesigen Jadeschlange zum Stehen kommt. Jetzt heißt es: Ausblick genießen! Oder aber sie taucht minutenlang durch – im wahrsten Sinne des Wortes – atemberaubende Unterwasser-Ruinen, um dann festzustellen, dass inmitten der monumentalen Tropfsteinhöhle eine pechschwarz getäfelte Grabkammer auf sie wartet. Nicht zuletzt aufgrund des neuen Seilhakens, mit dem ihr euch todesmutig über gewaltige Klippen schwingt oder in enge Felsspalten abseilt, überrascht Shadow of the Tomb Raider am laufenden Band mit Gänsehaut-Momenten, bei denen euch garantiert der Mund offen stehen bleibt. Gräber sind also nicht nur zentrales Spielelement von Shadow of the Tomb Raider, sondern Ort des Staunens, gefährliches Hindernis und optisches Highlight zugleich.

Schlammig schön

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Haarsträubende Klettereinlagen: Ein Fest für Fans

Gleiches gilt auch für die Vielfalt der Kultstätten. Wiederverwertete Texturen und Rätsel müsst ihr hier schon mit der Lupe suchen. Stattdessen bringt jeder Tempel, in die Hauptgeschichte eingemauert oder eines der neun optionalen Herausforderungsgräber, seinen ganz individuellen Stil und spezielle Herausforderungen mit sich. Entweder ihr werdet auf eine akrobatische Probe gestellt, müsst euch flink an einem tödlichen Mechanismus vorbeischlängeln und rechtzeitig einen Vorsprung erreichen oder aber eines der durchaus anspruchsvollen Rätsel fordert euren Hirnschmalz zum Duell. Von Schiebe- über Spiegel- bis hin zu Physik-Knobeleien liefert Shadow of the Tomb Raider alles, was das Abenteurer-Herz begehrt und sieht dabei dank ausgefeilter Licht- und Schattenspiele zu jeder Zeit bombastisch aus.

Für Abwechslung zwischen den spektakulären Seil- und Schwung-Spirenzien sorgt ein System, das die Tomb Raider-Reihe bislang schmerzlich vermisst hat: Stealth. Erstmals habt ihr in den actionlastigen Gameplay-Parts die Wahl, ob ihr wie üblich mit roher Waffengewalt vorgeht oder eure Gegner doch lieber heimlich erledigt. Zu diesem Zweck schwingt ihr euch auf umliegende Bäume, hängt die betriebsblinden Freizeitgangster an den nächsten Ast oder stürzt euch mit gezogenem Messer auf sie herab. Dabei geht es jedoch nicht selten richtig dreckig zu – vor allem, weil Lara sich nun frischen Dschungelschlamm ins Gesicht klatschen kann, um in der Vegetation beinahe unsichtbar zu werden. Die kurzen Schleich-Einlagen fügen sich nahtlos ins Gameplay ein und machen durchaus Laune. Schade nur, dass die KI selbst auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad mit einem toten Winkel in Mammutbaum-Größe zu kämpfen hat.

Knoten im Schlauch

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Zwischen linearem Schlauch und offener Spielwelt

In einer Zeit, in der wir von offenen Spielwelten und schier endlosen Nebenaufgaben abgelenkt werden, sehnen sich viele Spieler nach linear erzählten Geschichten und Führung. In dieser Hinsicht liefert Shadow of the Tomb Raider eine gelungene Kompromisslösung. Anders als noch beim Vorgänger, der wesentlich offener gestaltet wurde, nimmt euch Lara im neusten Teil an die Hand und führt euch durch größtenteils schlauchige Spielabschnitte, die kleinere Sammel- und Nebenaufgaben ermöglichen, mehr aber auch nicht. Dabei trennt das Spiel die vielen Miniatur-Level nicht nur optisch voneinander ab, sondern auch spielerisch.

Immer wenn Lara durch einen überfluteten Tunnel schwimmen oder sich durch eine enge Felswand quetschen muss, ist sofort klar: Hier beginnt ein neuer Abschnitt. Ohnehin gehören die Unterwasser-Areale zum Schönsten, was wir seit langer Zeit in Videospielen bewundern durften. Und das soll angesichts von zahlreichen Wassertempel-Traumata schon einiges heißen. Viele wittern hier sicher nachlässiges Gamedesign, unserer Meinung nach geht die Rechnung aber auf, denn abseits des Weges warten kaum Ablenkungen, sodass die Hauptgeschichte in den Fokus gerät und somit wesentlich verdichteter und atmosphärischer beim Spieler hängen bleibt.

Lamas streicheln im Weltuntergang

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Verkaufsargument #1

Wirklich offen ist die Spielwelt von Shadow of the Tomb Raider also eher selten. Wenn ihr dann allerdings eine der drei großen Städte besucht und sich der Schlauch zu einem zentralen Knotenpunkt öffnet, dann gibt es ordentlich was zu tun. Besonders die verborgene Stadt Paititi, ein kleines Idyll fernab jeglicher Zivilisation, bietet jede Menge zu entdecken und zu tun. Das  Städtchen steckt voller Leben, geschäftiger Stammeskrieger und Händler, die auf dem öffentlichen Marktplatz ihre Waren feilbieten und stellt das erste große Highlight der rund 20-stündigen Kampagne dar.

Hier lernt ihr einige der Hauptfiguren erst richtig kennen, versucht euch an einer der verstreuten Nebenquests oder haltet nur einen kurzen Plausch mit den Einheimischen. Achja, und natürlich warten hier auch flauschige Lamas darauf, dass ihr sie hinter’m Ohr krault. Abseits von seltenen Patzern bei den Texturen kann die überarbeitete Foundation-Engine besonders in diesen offenen Gebieten glänzen. Prachtvolle Lichteffekte und Reflexionen auf dem Wasser: Grafisch muss sich Laras Abenteuer nicht verstecken. Einziger Wermutstropfen am ansonsten wirklich gelungenen Paititi: Während ihr in den Optionen einstellen könnt, ob die Bewohner mit euch in ihrer Sprache quatschen, bleibt Lara in den Dialogen stur bei der englischen bzw. in unserem Fall deutschen Sprachausgabe – ein echter Stimmungskiller.

Abenteuerliches Rollenspiel

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RPG-Elemente im Action-Adventure

Obwohl es sich bei Shadow of the Tomb Raider streng genommen um ein Action-Adventure handelt, kommen die Rollenspiel-Aspekte auch im Finale der Trilogie nicht zu kurz. Mit Messer, Bogen oder gar Sturmgewehr bewaffnet macht sich die gute Lara nicht nur auf die Jagd nach den Schergen von Trinity, sondern macht auch vor den Tieren des Dschungels nicht Halt. Jaguare oder Piranhas stellen für Miss Abenteuer die größte Bedrohung dar, denn zumindest vor den hungrigen Fischen kann sie sich nur schützen, indem sie Unterwasser im Algenwald versteckt. Erlegt sie dann doch eins der vielen Tiere, folgt die Belohnung in Form von allerlei Ressourcen.

Über ein simples Crafting – Entschuldigung – Crofting-Menü verbessert ihr anschließend eure Waffen oder fertigt neue Rüstungen, die euch mit passiven Boni wie etwa „Mehr Erfahrung für Stealth-Kills“ ausstaffieren. Wer stattdessen einfach nur gut aussehen will, kann an den vielen Basislagern im Spiel auch gleich in ein neues Outfit schlüpfen. Mit dabei: Verschmutzte Lara im Tarnanzug, verschmutzte Lara im Schnee-Outfit oder aber die spitz-brüstige Lara aus dem Original von 1996 – Solltet ihr unbedingt ausprobieren, sieht irre komisch aus!

Wie schwer darf’s sein?

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Schwierigkeit ganz nach eurem Geschmack

Erfahrungspunkte wiederum, die ihr für so ziemlich alle Aktivitäten im Dschungel erhaltet, könnt ihr in nützliche Fertigkeiten stecken, die eure Überlebensinstinkte verbessern, eine Art Röntgenblick, der euch interessante Gegenstände und Hilfestellungen der Umgebung zeigt oder aber ihr schaltet praktische Giftpfeile frei, mit denen ihr die Handlanger von Dr. Dominguez aufeinander hetzt. Die Möglichkeiten sind begrenzt, bieten aber mehr als genug Wege an, um einen ganz eigenen Spielstil zu ermöglichen. Im neuen New Game+ sollte es sogar ohne Probleme möglich sein, sämtliche Fähigkeiten gleichzeitig freizuschalten.

Die neuen Fertigkeiten von Lara sind allerdings bitter notwendig, denn auch in Sachen Schwierigkeitsgrad hat sich in Shadow of the Tomb Raider einiges getan. Grundsätzlich wählt ihr vor dem Spiel einen von vier Schwierigkeitsgraden aus: Einfach Einfallsreich, Initiationsritus, Eins mit dem Dschungel und Tödliche Obsession. Besonderer Clou: Diese festgelegten Modi könnt ihr für jedes Spielelement individuell festlegen. Das bedeutet, ihr könnt eigene Prioritäten setzen, was eure Spielerfahrung angeht. Einfluss habt ihr auf folgende drei Kategorien: Kampf, Gelände und Rätsel. Möchtet ihr lieber nur die Geschichte erleben, dann stellt ihr die Schwierigkeit für Kämpfe auf die niedrigste Stufe, habt aber gleichzeitig die Möglichkeit, die Rätsel besonders knackig zu halten.

In der Praxis heißt das Folgendes: Wer an der Kampf-Schwierigkeit herumspielt, verändert Schaden und Lebenspunkte der Gegner – ziemlich klar. Deutlich komplexer wird es im Bereich Gelände. Dreht ihr hier den Regler hoch, zeigt euch das Spiel hilfreiche Markierungen an erkletterbaren Wänden nicht mehr an und ihr seid auf euch allein gestellt. Die Rätsel wiederum werden insofern schwerer, dass Lara keine nützlichen Kommentare von sich gibt, wenn ihr die Überlebensinstinkte einschaltet – Ein tolles System, das jede Menge Freiheiten ermöglicht.

Informationen zum Testfortschritt

Getestet auf: PC (i7-6700, Geforce GTX 1070) auf 27″ WQHD-Monitor

Testzeit: 28 Stunden

Komplett durchgespielt auf Schwierigkeitsgrad: Eins mit dem Dschungel

Spielfortschritt: 86%

Achievements bis zum Testurteil: 53/63

Atemberaubende Atmosphäre
Schwindelerregende Kletter- und Abseil-Passagen
Lebendige und glaubhafte Spielwelt
Kinoreife Inszenierung
Rückkehr zum linearen Abenteuer mit offenen Highlights
Grafisch top dank Engine-Upgrade
Solide RPG-Elemente
Flauschige Lamas
Geschichte zu vorhersehbar
Typische Abenteuer-Klischees
Inkonsequente Sprachausgabe in Dialogen

Christian Böttcher

Shadow of the Tomb Raider ist nicht nur ein würdiger Abschluss der Reboot-Trilogie, sondern ein turbulenter Trip durch eine Spielwelt so lebendig wie der peruanische Dschungel höchstselbst. Lara Croft präsentiert sich in Höchstform und findet im großen Finale zur Kernkompetenz der Reihe zurück: Den Gräbern - jedes davon nicht nur ein optisches, sondern auch spielerisches Highlight. Das Gefühl von Gefahr war selten so groß in Tomb Raider, nicht zuletzt dank einer Inszenierung, die euch packt wie Jaguarklauen. Vom idyllischen Paititi bis hin zu den Porvenir Ölfeldern: Grafisch bewegt sich das Spiel darüber hinaus auf Top-Niveau und lädt zum Staunen und Genießen ein. Über verwaschene Abenteuer-Klischees können wir dabei gern hinwegsehen, denn mit Stealth-Elementen und variablen Schwierigkeitsgraden kommen auch im Bereich Gameplay einige Neuerungen hinzu, die Shadow of the Tomb Raider aus dem Schatten des Vorgängers ins Licht zerren.
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