Test: Solenia

Videospiel-Veteranen, die schon in der Ära des Atari VCS2600 ihre ersten Gehversuche mit digitalen Spielen machten, kennen diese Spiele noch, in denen die Bildschirme eines Levels immer Stück für Stück enthüllt wurden. Für Scrolling-Techniken reichte die Power des 70er-Jahre-Ataris einfach nicht aus. Im Jahr 2018 ist das Scrolling offenbar endlich auch bei den Brettspielen angekommen. Wie bitte? Ja, bei Solenia vom belgischen Verlag Pearl Games dürft ihr tatsächlich ein Luftschiff bei seinem Rundflug über einen kleinen Planeten begleiten. Die Welt von Solenia fliegt dabei an euch vorbei und ermöglicht euch, einzelne Stationen des Planeten anzusteuern.

Der Zwergplanet Solenia hat ein dickes Problem. Schon seit Jahrtausenden ist der Tag-Nacht-Zyklus eingefroren. Während die nördliche Welt seitdem in ständiger Dunkelheit leben muss, strahlt die Sonne auf der Südhälfte durchgehend ohne Pause. Für die Bewohner von Solenia ergeben sich dadurch zahlreiche Probleme. Bestimmte Rohstoffe wachsen nur noch auf einer Seite der Welt. Steine und Wasser tauchen bevorzugt in der Nordhälfte von Solenia auf, Holz und Getreide sind dafür überwiegend in der Südhälfte vorhanden. Solenias Bewohner müssen die Rohstoffe also manuell über den Planeten verteilen. An dieser Stelle kommt ihr ins Spiel. Als Logistik-Unternehmen des Planeten sorgt ihr dafür, dass alle Bewohner über genügend Rohstoffe verfügen.

Spielplan im Fluss

Das Spielfeld von Solenia stellt die Welt des kleinen Planeten dar. Dabei handelt es sich aber nicht um ein großes Spielbrett, sondern um fünf doppelseitige Spielplanteile, die in einander gesteckt werden. Die eine Seite der Welt liegt im Dunkeln, in der anderen strahlt die Sonne. In der Mitte des Spielplans wird das eingangs schon erwähnte Luftschiff platziert. Im Spielverlauf wandert das Luftschiff stückweise nach vorne. Bei jedem Schritt entfernt ihr das letzte Teil des Spielplans, dreht es auf die andere Seite und legt es vorne wieder an. So entsteht der Eindruck, als würde das Schiff tatsächlich über den Planeten gleiten. Durch die wechselnden Tag- und Nachtphasen schippert es so entweder der Sonne entgegen oder hinein in die schwarze Nacht.

Das Luftschiff ist ein zentrales Element des Spiels. Von dort aus unternehmt ihr eure Ausflüge in die Welt von Solenia. Euch stehen dazu jeweils 16 Karten zur Verfügung, mit denen ihr entweder Rohstoffe vom Planeten abbauen oder diese an die Städte ausliefern könnt. Mit den Karten kommt ein weiterer ungewöhnlicher Bestandteil ins Spiel. Die Spielkarten bestehen aus drei Abschnitten. Auffällig ist dabei das große Loch in der Mitte. Legt ihr eine eurer Karten auf einen Abschnitt des Spielplans, bleibt dort eine wesentliche Information für euch frei. Inmitten der Karte strahlt euch aus dem Loch der Karte nun an, welchen Rohstoff ihr an diesen Ort abbauen könnt. Befindet sich an dieser Stelle eine Stadt, seht ihr dort einen Stern.

Rohstoffe ernten

Mit dem Auslegen einer Karte auf dem Spielplan legt ihr also fest, welchen Rohstoff ihr gerade ernten möchtet. Je nach gewählter Karte variiert eure Ausbeute zwischen null und zwei Rohstoffen, die ihr nach dem Platzieren der Karte auf euer eigenes Spieltableau legen dürft. Die Nuller-Karten sind dabei keineswegs nutzlos, sie spendieren euch zwar keine Rohstoffe, lassen jedoch das Luftschiff um ein Feld weiter nach vorne ziehen. Die Bewegung des Luftschiffs löst dann auch das „Scrolling“ des Spielplans aus. So tauchen vor euch wieder neue Teile Solenias auf, die ihr abernten oder beliefern könnt.

Die dritte Information einer Karte wird relevant, wenn genau dieses passiert. Das Luftschiff bewegt sich um ein Feld nach vorne, der hintere Spielplanteil wird entfernt, gewendet und wieder vorne angelegt. Alle Karten, die auf dem entfernten Spielplanteil lagen, schütten nun einen Bonus aus. Meistens handelt es sich dabei um einen Rohstoff, der entweder festgelegt ist oder sich nach dem Feld richtet, auf dem die Karte abgelegt wurde. Bestimmte Konstellationen werden sogar mit einem Siegpunkt belohnt. Entfernte Spielkarten spülen euch schnell neue Rohstoffe ins Lager und erweitern so eure Möglichkeiten.

Belieferung der Städte

Das eigene Tableau kann bis zu acht Rohstoffe aufnehmen. Bevor euer Lager überquillt, solltet ihr eure Waren also besser ausliefern. Dazu liegen, je nach Zahl der Mitspieler, drei oder vier Aufträge der Tag-Städte und die gleiche Anzahl an Aufträgen aus den Nacht-Städten aus. Sie verlangen die Abgabe einer bestimmten Zusammensetzung von Rohstoffen, die ihr dann wieder zurück in den allgemeinen Vorrat gebt. Zur Belohnung erhaltet ihr ein paar Siegpunkte in Form von Sternen.

Um einen Auftrag auszuführen, müsst ihr eine Spielkarte auf ein Stadtfeld legen. Wollt ihr einen Nacht-Auftrag erfüllen, müsst ihr natürlich auch eine Nacht-Stadt dazu ansteuern. Erfüllte Auftragsplättchen legt ihr an euer Tableau an. Das Spielertableau verfügt an der oberen Seite über sechs freie Plätze, in denen ihr die Tag-Aufträge einlegen könnt. Auf der Unterseite lassen sich die Nacht-Aufträge anlegen. Jedes platzierte Auftragsplättchen gibt euch noch einmal einen kleinen Bonus, abhängig von seiner Position auf dem Spielertableau. Taktisch empfiehlt es sich, die Tag- und Nacht-Städte möglichst gleichberechtigt zu beliefern. Für jedes Paar aus Tag- und Nachtauftrag erhaltet ihr zusätzliche Siegpunkte.

Die Tücken der Logistik

Ein paar kleine Widrigkeiten gibt es bei der Logistik aber noch zu überwinden. Ihr müsst alle Aktionen, egal ob Ernte oder Lieferung, vom Luftschiff aus erfüllen. So könnt ihr nur die Felder aufsuchen, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Luftschiff befinden. Einmal besuchte Felder erhöhen eure Reichweite allerdings. So dürft ihr auch Felder aufsuchen, die sich um dieses schon aufgesuchte Feld befinden. Ihr könnt eure Reichweite weiter erhöhen, indem ihr einen Rohstoff abwerft. Für jeden geopferten Rohstoff dürft ihr ein Feld auf dem Plan überspringen und dort eure Anker auswerfen.

Das Spiel endet nach genau 16 Zügen. Dann ist euer Stapel mit Aktionskarten aufgebraucht und es kann zur finalen Wertung übergehen. Relevant sind nun nur noch die gesammelten Sterne. Gerechnet werden die Sterne, die ihr schon im Spielverlauf erobert habt, zählt die Belohnungen auf den Auftragsplättchen hinzu und ebenso die Boni auf dem Luftschiff. Der Spieler mit den meisten Sternen gewinnt das Spiel.

Varianten und Erweiterungen

Das Regelwerk von Solenia ist nicht allzu umfangreich und bietet einen leichten Einstieg ins Spiel. Wenn ihr es gerne etwas komplexer mögt, bietet euch das Spiel eine etwas erschwerte Variante und sogar noch eine kleine Erweiterung an. Jedes Spielertableau verfügt über eine Sommer- und eine Winterseite. Letztere spielt sich ein wenig anders als oben beschrieben. Hier lassen sich die Plätze am Spielertableau für erfüllte Aufträge etwas freier wählen. Außerdem stehen euch hier nur sechs Lagerplätze zur Verfügung, die im Spielverlauf auf acht Plätze aufgerüstet werden können.

Noch ein wenig mehr Tiefgang kommt mit den Verbesserungsplättchen ins Spiel. Mit den Verbesserungen werden die Spielertableaus individualisiert. Vor dem Spiel werden die Verbesserungen von euch gewählt und an das Tableau angelegt. Jeder Spieler startet das Spiel nun mit leicht veränderten Voraussetzungen. Dadurch gestaltet sich der gesamte Ablauf auch noch einmal etwas taktischer.

Solenia ist ein leicht zu erlernendes Familienspiel für 1-4 Spieler ab zehn Jahren. Eine Partie dauert etwa 30-45 Minuten. Das Spiel wurde pünktlich zu SPIEL in Essen veröffentlicht und sollte mittlerweile im Handel problemlos zu haben sein. Preislich pendelt sich Solenia zwischen 40€ und 45€ ein.

endlich: scrollende Brettspiele!!
sehr zugänglich
dennoch taktisch fordernd
mit Solo-Modus
Erweiterung inklusive
tolles Inlay
kein Spiel für Hardcore-Strategen

Sebastian Hamers

Solenia von Pearl Games ist ein Spiel mit vielen Pluspunkten auf seiner Seite. Zunächst fällt natürlich das innovative „scrollende“ Spielfeld auf. Es ist schon cool zu sehen, wie das Schiff durch die unterschiedlichen Hemisphären gleitet. Plötzlich taucht das Luftschiff in die Nacht ein und vor uns breitet sich eine andere Welt aus, die auch tatsächlich andere Möglichkeiten bietet. Die Regeln von Solenia sind sehr einfach gehalten, dennoch bietet das Spiel eine gewisse taktische Tiefe. Es entsteht ein Rennen um attraktive Auftragskarten. Ihr müsst die Aktionen der konkurrierenden Spieler im Auge behalten, damit sie euch nicht das ersehnte Plättchen vor der Nase wegschnappen. Gut gefallen hat mir auch die Erweiterung mit den Verbesserungsplättchen. Sie erlauben noch einmal eine ganz andere strategische Herangehensweise. Solenia bietet so eine angenehme Mischung aus hoher Zugänglichkeit und taktischem Anspruch, so dass unerfahrene Spieler und Vielspieler gleichermaßen bedient werden. Da jedes Spiel nach genau 16 Zügen beendet wird, wird gegen Spielende auch das große Hoffen und Bangen in Gang gesetzt. Schaffe ich es mit den letzten Karten noch diesen einen siegbringenden Auftrag zu erfüllen? Oder kommt mir ein anderer Spieler doch noch zuvor? Gerade am Spielende wird es oft doch ziemlich knapp und spannend. Solenia spricht ein breites Publikum an und fällt in die Sparte der Familienspiele. Mit der Erweiterung zeigt es aber auch weiteres Potenzial auf und ebnet vielleicht so manchem Spieler den Weg zu noch anspruchsvolleren Titeln.
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