Test: Stadt der Spione Estoril 1942

Heute ist die portugiesische Kleinstadt Estoril vor allem für seine schönen Strände und den Tourismus bekannt. Im vorliegenden Brettspiel Stadt der Spione: Estoril 1942 dreht sich jedoch alles um die Ereignisse währende des Zweiten Weltkriegs. Der kleine Ort, der sich ganz im Westen des Landes befindet, wird zum Umschlagsplatz für Spione und Geheimagenten. Wem gelingt es, die besten Spione für seinen eigenen Geheimdienst zu rekrutieren?

Die bunte Comic-Optik von Stadt der Spione sticht sofort angenehm ins Auge. Der Karrikatur-Zeichnungen der Agenten soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es im Spiel nicht immer ganz so lustig zugeht. Beim Rekrutieren neuer Spione wird mit harten Bandagen gekämpft. Das führt am Spieltisch unweigerlich zu Konflikten sowie unverhohlener Schadenfreude gleichermaßen.

Spione in Estoril

Die portugiesische Küstenstadt wird durch acht unterschiedliche Spielfelder dargestellt. Von diesen werden in jeder der vier Runden insgesamt sechs Felder ausgelegt. Auf jedem Spielteil findet ihr einen Ortsteil von Estoril wieder. Die Ortsteile unterscheiden sich nicht nur optisch, sondern auch spielerisch voneinander. Gemeinsam haben sie, dass sie alle einen Agenten bergen, den es auf die eigene Seite zu ziehen gilt.

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Vor jeder neuen Runde wird auf jedem der ausliegenden Stadtviertel eine zufällige Charakterkarte ausgelegt. Diese Charaktere stellen euer Ziel dar. Es handelt sich um die Spione, den ihr für euren Geheimdienst rekrutieren wollt. Dazu müsst ihr eure eigenen Agenten in die Bezirke von Estoril schicken. Jeder von euch beginnt das Spiel mit sechs Charakteren. Es ist euer Grundstock an Agenten, die für euch die Arbeit erledigen.

Die meisten Ortsteile bestehen auf fünf Feldern. Auf einem liegt die Zielkarte, der neue Spion, der sich euch anschließen soll. Auf den anderen vier Feldern platziert ihr reihum eure eigenen Agenten. Jeder Agent verfügt über einen Stärkewert. Am Ende der Runde sichert sich der Spieler die Zielkarte, der über die meisten Stärkepunkte auf einem Ortsteil verfügt. Was zunächst simpel klingt, ist allerdings gar nicht so einfach. Es gibt einige Faktoren, die es zu berücksichtigen gilt.

Es kommt anders als man denkt

Die meisten Charakterkarten werden zunächst verdeckt gespielt, sodass eure Mitspieler gar nicht wissen, wie stark euer Spion ist. Weiterhin verfügen viele Spione über eine oder gar mehrere Sonderfertigkeiten, die für so manche Überraschung sorgen. Die Reihenfolge, in der die Sonderfertigkeiten abgehandelt werden, ist dabei von elementarer Bedeutung.

Die einzelnen Felder, auf denen ihr eure Karten auslegt, sind nummeriert. Die Spione werden der numerischen Reihenfolge entsprechend abgehandelt. Es kann sich also durchaus lohnen, seinen eigenen Spion auf ein Feld mit niedriger Nummer zu platzieren, um die Sonderfähigkeit zuerst auszulösen. Im Spiel gibt es insgesamt fünf unterschiedliche Sonderfertigkeiten. Der Attentäter etwa killt einen beliebigen anderen Agenten im gleichen Ortsteil. Der eliminierte Charakter hat dann logischerweise auch keine Chance mehr, die eigene Sonderfertigkeit einzusetzen. Eine Verschwörung gibt euch die Möglichkeit, die Zielkarte des jeweiligen Orts auszutauschen. Möglicherweise bekommt der Gewinner des Ortsteils nun einen Charakter, den er gar nicht gebrauchen kann.

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Der Nationalismus ist eine weitere Fertigkeit, der dem ausliegenden Charakter weitere Stärkepunkte verleihen kann. Jeder Charakter ist einer Nation zugeordnet. Für jeden weiteren Charakter der gleichen Nationalität im gleich oder einem angrenzenden Ortsteil gibt es einen Stärkebonus von einem Punkt. Noch nicht aufgedeckte Charakterkarten fließen in diese Wertung allerdings nicht mit ein. Einige Spione arbeiten mit der Kunst der Verführung. Sie können andere Charaktere von einem angrenzenden Ortsteil in den eigenen Bezirk locken. Das kann die gesamte Wertung in gleich zwei Bezirken völlig auf den Kopf stellen.

Bleibt noch die Fähigkeit der Diplomatie. Ein Diplomat kann einem anderen Charakter im eigenen oder einem angrenzenden Spielteil einen Schutz gewähren. Der geschützte Charakter kann nicht mehr Opfer eines Attentats oder einer Verführung werden.

Die Bedeutung der Ortsteile

Da die Sonderfertigkeiten der Spione eine bedeutende Rolle spielen, ist die Reihenfolge, in der sie ausgelöst werden, von enormer Bedeutung. Doch nicht nur die Charakterkarten werden in eine bestimmte Reihenfolge gebracht, sondern auch die Ortsfelder. Pro Runde liegen sechs Ortsteile aus. Sie sind ebenfalls nummeriert und werden in der vorgegebenen Reihenfolge abgehandelt. Im Verlauf einer Runde platziert ihr zuvor zwischen drei und sechs Charakterkarten pro Spieler, abhängig von der Zahl der Teilnehmer, auf den Feldern in den Stadtteilen. Danach werden die einzelnen Ortsteile entsprechend der Nummerierung abgehandelt.

Da manche Charakterfertigkeiten auch über die Grenzen des eigenen Bezirks hinaus gelten, kann dies ebenso eine große Rolle spielen. Viele Felder, auf denen ihr eine Charakterkarte ablegt, führen zudem noch eine Sofortaktion aus.  Je nach Feld könnt ihr euch eine verdeckte Charakterkarte im Bezirk, in einem angrenzenden Bezirk oder gar der gesamten Karte ansehen. Auf diese Art und Weise kommt ein wenig Licht ins Dunkel und ihr könnt eure eigenen Aktionen besser planen. Ihr habt einen feindlichen Attentäter entdeckt? Dann sorgt der Diplomat vielleicht für die Rettung, vorausgesetzt, er kommt vor dem Attentäter an die Reihe.

Erfülle die Mission

In Stadt der Spione gilt es jedoch nicht nur, möglichst viele neue Agenten anzuwerben. Vor dem Spiel werden verschiedene Missionen ausgelegt, die ihr erfüllen könnt, um zusätzliche Siegpunkte zu generieren. Hier geht es darum, Mehrheiten zu sammeln. Je nach ausliegenden Missionen bekommt der Spieler mit dem meisten Agenten eines Landes, mit den meisten Diplomaten oder auch den meisten weiblichen Spionen ein paar Extrapunkte.

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Gewertet werden dabei übrigens nur die Charakterkarten auf der Hand. Da es ein Handkartenlimit von sechs Karten gibt, müsst ihr während des Spiels immer wieder Charakterkarten ablegen. Jede abgelegte Karte wird am Spielende mit einem Siegpunkt belohnt. Für die Handkarten gelten die Siegpunkte, die auf der Karte selbst angegeben sind. Es reicht also nicht, wenn ihr euch bei der Rekrutierung der Agenten clever anstellt. Ihr müsst auch noch die richtigen Spione anwerben, um die meisten Siegpunkte über die Missionskarten abzugreifen.

Kein Spiel wie das andere

Da dem Spiel mehr Material beiliegt als unbedingt notwendig, bleibt allerhand Spielraum die Abläufe abzuwandeln. Die acht Ortsteile lassen sich immer wieder anders anordnen, drehen, wenden und austauschen. Dadurch ergeben sich natürlich auch ständig neue Konstellationen. Von den 12 Missionskarten kommen pro Spiel immer nur vier zum Einsatz. Die Belohnungen für die Missionen fallen jedoch etwas hoch aus, so dass diese fast schon spielentscheidend sind. Das Regelwerk bietet aber Alternativen an, um diesen Faktor etwas abzumildern. Dazu kommen noch eine Handvoll weiterer Spielvarianten, die ihr ausprobieren könnt. Stadt der Spione: Estoril 1942 steht ab sofort im Handel und kostet rund 27€.

grafisch stark
taktisch anspruchsvoll
sehr gut zu zweit spielbar
mitunter chaotisch

Sebastian Hamers

Auf den ersten Blick sieht Stadt der Spione: Estoril 1942 aus wie ein Familienspiel. Ist es aber nicht. Taktisch ist das Spiel ziemlich anspruchsvoll, auch wenn sich ein gewisser Chaosfaktor ins Spielgeschehen mischt. Mit den vielen unterschiedlichen Sonderfertigkeiten der Agenten habt ihr jede Menge Möglichkeiten, das Spiel zu euren Gunsten zu beeinflussen. Das Spion-Thema wurde gut ins Brettspiel übertragen, die Atmosphäre stimmt. Stadt der Spione lässt sich übrigens auch sehr gut zu zweit spielen. In diesem Fall dürfen beide Spieler einfach ein paar Charakterkarten mehr auslegen und schon kommt auch im Duell das Spionage-Flair sehr gut rüber.
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