Test: Star Ocean Integrity and Faithlessness

Lesezeit: 5 min

Das Grundrezept, welches den Spieler in die Haut eines unerfahrenen Knaben schlüpfen lässt, um mit ihm im Anschluss die ganze Welt zu retten, gehört zu jenen, die bei JRPGs schon seit Jahrzehnten verwendet werden und meistens auch funktionieren. Eben für diese Rezeptur hat sich nun auch  das Entwicklerstudio tri-Ace beim fünften Star Ocean Ableger entschieden, in der Hoffnung alte Fans zurückzugewinnen. Dass man sich nach dem schlechten vierten Teil „Last Hope“ nun doch noch für einen neuen Ableger entschieden hat, dürfte bei alteingesessenen Fans zwar Anklang finden – die Tatsache, dass Star Ocean Integrity and Faithlessness allerdings ebenso wenig Hoffnung wie der vierte Teil verkörpert, ist eine andere Geschichte.
Test Star Ocean Integrity and Faithlessness Screenshot 1

Mit Schwert und Magie gegen Schusswaffen und eine fiese K.I.

In Star Ocean Integrity and Faithlessness schlüpfen wir in die Rolle des jungen und doch erfahrenen Schwertkämpfers Fidel Camuze, der zusammen mit seiner Kindheitsfreundin Miki zum Spielbeginn versucht, sein Heimatdorf Sthal vor einer Gruppe herumziehender, räuberischer Söldner zu beschützen. Auf der Suche nach Hilfe werden unsere beiden Helden Zeuge eines abstürzenden Raumschiffs, aus dessen inneren ein mysteriöses kleines Mädchen mit merkwürdigen Kräften stolpert. Zu allem Überfluss wird sie auch noch von einer Gruppe finster dreinblickenden Gestalten verfolgt, die technologisch weit über all dem stehen, was unseren Protagonisten bekannt ist. Zudem mischt sich diese neue Fraktion sogar in einen Krieg auf dem Planeten ein und durch deren fortschrittliche Waffen wird dieser enorm beeinflusst.

Im Verlauf der Geschichte stoßen so auch immer wieder neue Charaktere unserer Gruppe hinzu, die insbesondere mit Schwertern oder Magie agieren. Während das Charakterdesign zumindest optisch zu überzeugen weiß, was insbesondere in der gelungenen Gesichtsanimation zu sehen ist, so verschenkt tri-Ace hier leider sehr viel Potential, da die Charaktere äußerst oberflächlich gestrickt sind und deren Entwicklung im Verlauf der Geschichte ebenso vorhersehbar erzählt wird.

Test Star Ocean Integrity and Faithlessness Screenshot 4

Das Kampfsystem hinter Star Ocean Integrity and Faithlessness schließt an diese Oberflächlichkeit an. Es kommt mit einer Schere, Stein, Papier Mechanik äußerst simpel daher, die auf leichten und schweren Angriffen, sowie dem Blocken dieser basiert. Durch das Verwenden der korrekten Kampf-Mechaniken im richtigen Moment steigt zudem eine Energieleiste an, die zum einen Boni an Erfahrung, Geld und Edelsteinen am Kampfende bietet und obendrein ultimative Attacken auflädt. Edelsteine werden als Währung benötigt, um passive Fähigkeiten zu verbessern, die beispielsweise mehr Mana oder eine bessere Ausbeute an Fol, der Geldwährung des Spiels, zur Verfügung stellen.

Schade ist, dass man sich bei der Entwicklung offenbar sehr wenig an bereits etablierten japanischen Rollenspielen orientiert hat. So kommt das Kampfsystem in der Regel mit ein bis zwei Kampfanimationen pro Standard-Angriff daher. Ebenso unspektakulär zeichnen sich die Kämpfe selbst ab, in denen es im Grunde nur darum geht, einen Kontrahenten im Stun-Lock zu halten; ihn also durchgehend mit Angriffen einzudecken, ohne dass sich dieser wehren kann. Während die große Anzahl an beteiligten Charakteren und Gegnern zunächst positiv zu wirken vermag, so wird man auch hier schnell eines Besseren belehrt, zumindest wenn es um die künstliche Intelligenz der Mitstreiter geht. Besonders in schweren Kämpfen werden dieser der Reihe nach niedergemäht, ohne sichtlich Widerstand zu leisten.

Im Großen und Ganzen fühlt sich das gesamte Kampfsystem sehr unfertig und schlecht balanciert an. Dies beginnt bei den Fähigkeiten der Charaktere, geht über die K.I. selbst und reicht hin bis zu dem sich ständig wiederholenden Ablauf eines Kampfes. Am schlimmsten jedoch ist das Balancing einiger weniger Kämpfe, die wir ab der zwölften Spielstunde des Öfteren erleben mussten. Hier hat sich ein Partymitglied daran gemacht ein Terminal zu bedienen, woraufhin eine Gruppe Gegner spawnte, die eben diesem Partymitglied sofort unter Beschuss nahmen. Hier gilt es diese Angreifer schnellstmöglich auszuschalten, was sich allerdings als sehr frustrierend herausstellte, da diese den Fokus nicht verlieren konnten. Das Fazit: Innerhalb weniger Sekunden blinkte der „Game Over“-Screen auf, da unser Partymitglied schneller getötet wurde als wir dieses mit Items heilen, geschweige denn die Gegner besiegen konnten. Der einzige Ausweg zeigte sich hier nur in einem stundenlangen Grinding, nur um kurze Zeit später auf ein ähnliches Ereignis zu stoßen, das ebenso schlecht balanciert wurde.

Test Star Ocean Integrity and Faithlessness Screenshot 6

Das Bestreiten von Quests und der Kampf mit der Kamera

In Star Ocean Integrity and Faithlessness besuchen wir im Verlauf der Geschichte zahlreiche Städte und größere Außenareale, die allerdings zumeist in Schlauchlevelform daherkommen. Zum Glück gibt es zu bestimmten Zeitpunkten des Spiels die Möglichkeit der Schnellreise, da sich sonst der Weg in bestimmte Gebiete als äußerst zeitintensiv herausstellen kann. Dies ist insbesondere dann sinnvoll, wenn man sich an die verschieden Nebenquests machen möchte, die wir an entsprechenden Anschlagtafeln in jeder Stadt annehmen können.

Die Quests zeichnen sich allerdings als stupide Sammel- und Tötungsaufgaben ab, sodass sich Spieler von diesen nicht allzu viel erhoffen sollten. Eine Quest-Serie, die die junge Tüftlerin Welch in den Vordergrund stellt, führt uns zudem in das Koch- und Synthese-System des Spiels ein, wodurch wir in die Lage kommen allerlei Dinge eigenständig herzustellen. Allerdings sei hier geraten, schon früh im Spiel die Augen offen zu halten, da diese Questlinie sehr einfach zu verpassen ist und dem Spieler auch keinerlei Hinweise gegeben werden, wie man an diese kommt.

Test Star Ocean Integrity and Faithlessness Screenshot 2

Ein weiteres Beispiel dafür, dass selbst simpelste Mechaniken in Star Ocean Integrity and Faithlessness eine katastrophale Verwendung finden, ist die Kamerasteuerung. Ich gehöre beispielsweise zu den Spielern, die, während sie durch die Welt laufen, gerne die Kamera seitlich der Gruppe positionieren, um die Szenerie zu bestaunen. Dies ist aufgrund einer konstanten Kamerabewegung nicht möglich, was sich ebenso in der Ausgangsstellung aufzeigen lässt. Befindet sich diese also in der Verfolgerperspektive und wir laufen querfeldein, so kommt es alle paar Sekunden zu enormen Rucklern der Kamera, welche offenbar versucht, sich an Geländeunebenheiten anzupassen. Dies mag sich zunächst lapidar anhören, erweist sich im Verlauf des Spielens jedoch als sehr störend, wenn alle paar Meter der Bildschirm ruckelt.

Ähnliche Probleme bereitet die Kamera innerhalb von Kämpfen. Dies zeichnet sich beispielsweise daran ab, dass sie an Wänden hängen bleibt und so die Sicht blockiert oder gar einfach auf den Boden knallt und man mehr von der Bodenvegetation mitbekommt als vom Kampfgeschehen selbst. Zwar ist eine Einstellung der Kamera via dem rechten Analog-Stick möglich, doch schon bei den kleinsten Bewegungen im Kampf kann es zu unkontrollierten Ausschlägen der Perspektive kommen, was diese manuelle Einstellungsmöglichkeit unbrauchbar macht. Dies ist insbesondere aufgrund der suizid-gefährdeten K.I. störend, da es so erheblich erschwert wird diese im Auge zu behalten.

Test Star Ocean Integrity and Faithlessness Screenshot 5

Figuren mit tollen Gesichtsanimationen …
Wunderschön designte Städte
... aber mit wenig Charakter
Sehr störende Kamerasteuerung
Keine richtigen Zwischensequenzen
Fehlende Kollisionsabfrage
Massive Schlauchlevel
Schlechtes Balancing führt zu enormen Grinding

Daniel M.

Nachdem ich das erste Mal an Star Ocean Integrity and Faithlessness Hand anlegen durfte, war ich insbesondere von der schönen Optik und dem Charakterdesign des Spiels begeistert. Leider sind dies zum Abschluss unseres Tests auch die einzigen positiven Argumente, die der Titel aufweisen kann. Wenn man sich im Verlauf des Durchspielens fast durchgehend die Frage stellt, ob die Entwickler vom Studio tri-Ace auch nur einmal in den vergangenen 15 Jahren Hand an ein anderes Rollenspiel gelegt haben, dann ist das keine Übertreibung, sondern ein sehr trauriges Ergebnis. Selbst die simpelsten und heutzutage gängigsten Mechaniken weisen in Star Ocean Integrity and Faithlessness schwerwiegende Mängel auf, die nicht nur den Spielfluss stören, sondern vor allem das Gesamterlebnis erheblich schmälern. Dies soll zwar nicht heißen, dass der Titel eine Katastrophe ist, jedoch lässt sich nicht verschweigen, dass hier unfassbar viel Potential verschenkt wurde und der Titel einen Nachgeschmack der unfertigen Art hinterlässt.
Test: Creative Soundblaster X H7 Lohnt sich Kino: BFG - Big Friendly Giant
Comments