Test: Steel Rats

Test_SteelRats_headerSteel Rats – vom polnischen Entwickler Tate Multimedia – ist ein eigenwilliger Indiemix, den wir so wohl kaum schon einmal gesehen haben. Mit der Geschichte der namens-gebenden Steel Rats entführen euch die Entwickler in ihr zweites Motorrad-Abenteuer, das diesmal genauso erfrischend unorthodox wie abgedroschen daher kommt.

Die Igel, äh Ratten sind los – Sonic auf der Kreissäge

Steel Rats kommt mit dem Holzhammer-Charm einer präpubertären Inszenierung von Ghostrider daher und schafft es trotzdem, sich bierernst zu präsentieren. Ebenso wie die Urban Trial Freestlye Spiele von Tate Multimedia, ist auch Steel Rats ein 2,5D Motorrad Abenteuer, das so viele untypische Fragen gleichzeitig aufwirft, dass es nur schwer in ein Genre passen will. Die Entwicklung des Titels dürfte in etwa mit dem Satz: „Was wäre eigentlich, wenn wir Kreissägen an die Vorderräder von Motorrädern schrauben?“, oder zumindest so ähnlich angefangen haben. Allerdings scheinen im Zuge der Entwicklung noch einige untypische Fragen und Antworten hinzugekommen zu sein. So präsentiert sich das fertige Spiel, als hätte man Sonic vorne an ein Trials Motorrad geklemmt, ihn dann in eine Metroidvania Spielwelt geworfen und für das Ganze im Anschluss den Ghostrider Skin rausgebracht.

Auch wenn jetzt nichts an diesem Satz auf Anhieb Sinn ergibt, haben wir es ausführlich gespielt und können euch sagen: Es funktioniert – irgendwie.

Schrott für die Welt

In dem vor Steam- und Dieselpunk triefenden Universum trefft ihr die namens-gebende Biker Gang zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Toshi, einer der vier Rats, findet sich zu Beginn der Geschichte ganz allein auf den Straßen der stark an ein 1940er Jahre Detroit erinnernden Coastal City wieder. Nicht nur, dass weit und breit keine Menschenseele aufzufinden ist, auch seine drei Biker Freunde sind spurlos verschwunden.

Schon bald wird auch klar, warum. Der Schrott, mit dem die Gang bisweilen ihren Lebensunterhalt verdient hat, ist aus unerfindlichen Gründen zum Leben erwacht. Als der technikaffine Toshiro eine seltsame, fluoreszierende Kugel findet, die scheinbar für die plötzliche Rebellion der Haushaltsgegenstände verantwortlich ist, nimmt die Geschichte ihren Lauf.

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In kurzen Levelabschnitten, die auf fünf Areale über die Stadt verteilt sind, fahrt, sägt und puzzelt ihr euch durch die Horden an clever benannten Schrottbots. Auf der Suche nach euren Freunden und Antworten knattert ihr auf euren individualisierbaren Höllenmaschinen durch die atmosphärische Hafenstadt. Die ambitionierte Geschichte wird dabei in spärlichen sechs Cutscenes erzählt und gelegentlich durch Dialoge unterfüttert. Habt ihr einen eurer Freunde aufgestöbert, steht dieser auch sofort als spielbarer Charakter zur Auswahl. Da Steel Rats ein sogenanntes Motorrad-Kampf-Spiel ist, bringt jeder der vier Biker seinen eigenen Spezialangriff mit, um die Schrottbots richtig zu zerschrotten.

Die erzählerische Tiefe der Charaktere beschränkt sich dabei auf die Stereotypen, nach denen sie entworfen wurden. Toschi ist der Techie der Gruppe und nutzt einen umprogrammierten Bot als Kampfunterstützung, während die temperamentvolle Latina Lisa Flammen aus ihrem Auspuff stößt. Der durchgeknallte Stuntrowdy Randal schießt eine Enterhakenkette ab, mit der ihr Gegner noch einfacher unter die tödlichen Sägeblätter eures Bikes bringt. Zuletzt lässt der knallharte Anführer James auf Knopfdruck eine Druckwellen-Attacke los. Abgesehen von den Spezialfähigkeiten verfügt jedes Bike über ein Arsenal an Dashes und Rotations-Attacken. Außerdem findet ihr gelegentlich Munitionskisten, um den fiesen Bots auch auf Distanz einzuheizen.

Verdammt gut geklaut

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Gänsehaut. Die Präsentation fährt der Story um Längen davon.

Das Kampfsystem präsentiert sich vielseitig und gerade die Spezialangriffe und Partikeleffekte der funkenschlagenden Sägeblätter sind stimmig. Generell sind Präsentation und Atmosphäre die Stärken von Steel Rats, zumindest immer dann, wenn das Spiel nicht über die eigenen Ambitionen stolpert. In einem Moment rasen wir an der zwielichtigen Treppe einer U-Bahn vorbei, im nächsten nutzen wir die Kreissäge, um uns an der Außenwand eines Gebäudes vertikal nach oben zu fräsen. Die Kamera kippt leicht zu Seite, als wir die Dächer der kleineren Häuser rasant hinter uns lassen, um bereitwillig den Blick auf die wundersam-düstere Industrie der retrofuturistischen Coastal City freizugeben. Fast Tron-esk schießen wir in den von Neonschildern beleuchteten Nachthimmel einer Stadt, die so auch aus Bladerunner hatte stammen können.

Eines ist sicher, die Jungs und Mädels bei Take Multimedia tragen ihre Inspirationen wie die Aufnäher auf der Bikerjacke – und das funktioniert herausragend. Gerade in den hoch-geschwinden Biking-Passagen, in denen wir an den unmöglichsten Orten wie ein tödlicher, brennender Pfeil durch die Nacht rauschen, wirkt Steel Rats so melancholisch wuchtig wie seine Vorbilder.

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Sonic für die Großen. In den besten Momenten rasen wir an umstürzenden Häusern oder an brennenden Zeppelinen entlang.

Auch der Soundtrack des Spiels ist erstaunlich stimmig, besonders der Track zwischen den Levels hat es uns angetan. Am Ende jedes Levels haben wir uns darauf gefreut, unseren gesammelten Schrott in kosmetische und spielerische Upgrades für unseren Fuhrpark zu investieren. Bedauerlicherweise sammelt ihr dabei soviel Schrott an, dass ihr euch niemals zwischen zwei Upgrades entscheiden müsst. Jedes Level kommt darüber hinaus mit drei Zusatzaufgaben, die ihr für bessere Belohnungen lösen könnt. Da ihr den Schrott aber nicht für eure Upgrades benötigt, beschränkt sich der Wiederspielwert hier auf die persönliche Highscore-Jagd.

Rattenscharfe Aktion – Oder viel Wind um nichts?

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Lügenpresse. Nehmt euch in Zukunft lieber vor euren Fernsehgeräten in acht.

Ebenso großartig wie sich Steel Rats in seinen schnellsten und berauschendsten Momenten anfühlt, scheitert es an seinen eigenen irrationalen Ansprüchen. In allererster Linie ist Steel Rats ein 2,5D Biking Game, doch leider spielt es die Stärke des Genres viel zu selten aus. Immer wieder werden wir aus dem ekstatischen Geschwindgkeitsrausch herausgerissen und obwohl wir Combopunkte für gestandene Stunts erhalten, gibt es wenig Möglichkeiten und bisweilen gar keine Gründe, diese zu sammeln. Anstatt sich auf die Rennen zu konzentrieren, fokussiert sich das Spiel auf die Kämpfe. Während ihr durch die Level kachelt, müsst ihr immer wieder zwischen den drei Ebenen wechseln, um Hindernissen auszuweichen oder lästige Gegner zu erledigen.

Ganz im Gegensatz zum langsamen Sackboy aus Little Big Planet seid ihr dabei aber flott unterwegs, was ständig dazu führt, dass ihr bremsen und umdrehen müsst. Die kontinuierliche Aufgabe herauszufinden, auf welcher der drei „lanes“ sich euer Widersacher denn nun eigentlich befindet, wird durch die dunkle Präsentation und die distanzierte Kamera zusätzlich erschwert. Zwar geben euch die Entwickler unzählige Manöver an die Hand, um die Gegner auszuschalten, nur braucht ihr die wenigsten davon wirklich und verbringt mehr Zeit mit U-Turns, als mit den Spezialangriffen.

Rasten statt rosten – Leider werden die Ratten immer wieder ausgebremst

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Richtig mega ist der hier nicht. Selbst die Zwischenbosse sind keine Herausforderung.

Die schwammige und überladene Steuerung wird dabei zur einzigen Herausforderung der Kämpfe, was auch die eine oder andere Platforming-Passage eher frustrierend ausfallen lässt. Gerade dann, wenn die Level-Abschnitte à la Devil May Cry begrenzt werden und ihr nicht weiter könnt, bevor nicht alle Gegner vernichtet sind, drängt sich die Frage auf, warum zu Hölle die Steel Rats nicht einfach mal absteigen.

Im Kontrast zu  den Trials Spielen werdet ihr allerdings auch nicht bestraft, wenn ihr anhaltet oder mal wieder gegen einen Container am Hafen gefahren seid. Anstatt also auf das Geschwindkeitsgefühl zu bauen und euch wieder an den Anfang des Level zu setzen, stoppt euch Steel Rats mitten auf der Strecke und lässt euch unausgegoren um das Hindernis herumgurken.

Tatsächlich müssen wir sagen, dass wir trotz der herben Defizite bei der Steuerung und des mehr schlecht als recht gelungenen Spagats zwischen Trials, Plattformer, Sonic und Metroidvania irgendwie Spaß mit Steel Rats hatten. Die Inszenierung ist fett, der Soundtrack gelungen und gerade in den schnelleren Passagen macht das Zersägen der Schrottbots richtig Laune – zumindest immer solange, bis wir wieder an einem zerschnittenen Bot festclippen oder zum Bremsen gezwungen werden.

Überzeugende, sehr atmosphärische Inszenierung
Guter Soundtrack
Innovativer Ansatz
Geschwindkeitspassagen gut gelungen
Überladene, schwammige Steuerung
Kämpfe bremsen den Spielfluss aus
Überambitionierter Genremix
Schlecht gewählte Rücksetzpunkte

Vincent

Steel Rats versucht sich an einem interessanten Spagat zwischen Metroidvania, Sonic und Trials, der leider nicht immer gut gelingt. Die wuchtige und fantastisch gelungene Inszenierung des Dieselpunk Spektakels leidet arg unter der dürftigen Narrative und lässt erst in den sammelbaren Lore-Schnipsel auf mehr blicken. Das Spiel ist ein mutiger Mix, der mal den wilden Sog eines erwachseneren Sonics ausübt und in anderen Momenten seine Stärken zu Gunsten des unsauberen Kampfsystems aufopfert. Hier steckt das Potential für mindestens zwei richtig feine Indietitel drin – Leider verzocken sich die Entwickler und liefern uns einen Mix, der so manche Stärke gleich mit verrührt.
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