Test: Tales of Zestiria

Test: Tales of ZestiriaMittlerweile gibt es bei mir alljährlich diesen eigenartigen Tales-Moment. Du nimmst die Disk aus der Hülle, legst sie ein und weißt augenblicklich, dass du damit gerade mindestens 50 Stunden deiner Lebenszeit verdammt hast. Nach einjähriger Wartezeit kommen nun endlich nicht mehr nur die japanischen Spieler in den Genuss von Tales of Zestiria und mit mehr Vorfreude hätten wir diesen zeitfressenden Umstand auch kaum erwarten können. Ob der erste PS4-Ausflug der Serie ein episches Abenteuer geworden ist und ob sich die Wartezeit gelohnt hat? Finden wir es heraus!

I wanna be the white white light!

Eigentlich fange ich Spieletests gerne damit an, dass ich ein paar Worte über die Story verliere, doch in diesem Fall komme ich nicht umher, noch einen Schritt zurück zum Intro zu machen. Klar, gute Openings hatten viele Spiele, aber ich persönlich erinnere mich an kein Spiel, bei der mir der Vorspann mehr Lust auf das Spiel gemacht und mich besser auf die kommenden Abenteuer, Charaktere und neuen Spielmechaniken eingestimmt hätte. Dieses Intro schreit „Rette die Welt!“, es schreit „Zeit, stärker zu werden!“ und es schreib aber sowas von „Tritt dem Bösen in den Allerwertesten!“ Schade ist nur, dass für den westlichen Markt die Gesangsspur des Songs entfernt wurde, hörens- und sehenswert bleibt das Opening dennoch.

Irgendwas mit Helden, Zerstörung der Welt und so…

Der Herr ist mein Hirte? Falsch, denn der Hirte bin ich! Wie die Formulierung schon erahnen lässt, ist der Titel des Hirten in der Welt of Zestiria eine Rolle, die eine gewisse Verantwortung mit sich bringt und in die ihr erst hereinwachsen müsst. Seit alters Zeiten bewahrt der Hirte die Welt vor der Zerstörung durch das Böse, doch zu Spielbeginn wartet die Welt von Tales of Zestiria noch sehnsüchtig auf das Erwachen des neuen Hirten. Dunkelheit  ist über die Welt gekommen, Zwietracht, Krieg und Zerstörung ziehen immer weitere Kreise und die Hoffnung auf Rettung schwindet.

Von den weltlichen Problemen bekommt Sorey allerdings recht wenig mit. Als einziger Mensch lebt er gemeinsam mit den Seraphim in einem kleinen Bergdorf, wo er gemeinsam mit seinem Ziehbruder Mikleo die alten Aufzeichnung und Legenden der Welt studiert und Ruinen erkundet, um der Geschichte weitere Geheimnisse abzuringen. Seraphim sind menschenähnliche Naturgeister, die zur Balance der Welt beitragen und daher eigentlich von den Menschen verehrt oder doch zumindest respektiert werden sollten. Aber bekanntlich ist alles schlecht dieser Tage und die Menschheit verdorben. Eigentlich können Seraphim von den Menschen nicht gesehen oder gehört werden, doch aus einem seltsamen Grund besitzt Sorey diese Gabe.

Als Sorey und Mikleo bei einer archäologischen Erkundungstour auf eine bewusstlose junge Frau treffen, überschlagen sich die Ereignisse. Diese entpuppt sich als Alisha Diphda, Prinzessin und Ritter von Hyland, die auf der Suche nach der Ursache für die schrecklichen Vorkommnisse in der Welt ebenfalls in den Ruinen unterwegs war. Nachdem die friedliche Siedlung dann auch noch von einem gefährlichen Monster namens Hellion angegriffen wird, ist der Ruf des Schicksals nur allzu deutlich hörbar. Sorey beschließt nach Hyland zu gehen und Alisha zu helfen, Mikleo begleitet ihn und ehe sich die beiden versehen befinden sie sich auf einer Mission zur Rettung der Welt. Sorey entpuppt sich dabei als der langersehnte Hirte, der nun eine Gruppe von tapferen Mitstreitern aus Menschen und Seraphim um sich schart und gegen das Böse zu Felde zieht.Test Tales of Zestiria (2)

 

Wir müssen reden

Tales of Zestiria präsentiert uns in Sachen Story den gewohnten Mix aus Politik, Krieg und weltlichen Problemen auf der einen und Fantasy, Spiritualismus und Religion auf der anderen Seite, wobei die einzelnen Elemente natürlich fließend in einander übergehen. Zuweilen kann das natürlich auch mal ein wenig ermüdend oder kompliziert wirken, weshalb ihr Dialogszenen schon nicht abgeneigt sein solltet. Leider ist die Geschichte als solche auch in diesem Teil nicht unbedingt die innovativ und der „Rette die Welt“ Plot auch nicht ganz so taufrisch, dennoch hat mich Tales of Zestiria wie seine Vorgänger hier aufgrund zwei großer Stärken und trotz der schwachen Grundstory stets gut unterhalten.

Zum einen wäre da die Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor, mit der die Story erzählt wird. Während im einen Moment durchaus anspruchsvoll über das Verhältnis zwischen Kirche und Politik debattiert oder existentielle Fragen der Gesellschaft behandelt werden, erwartet uns in der nächsten Situation ein Slap-Stick-Dialog mit Anime-Charme oder ein absolut überzogener Bossgegner, dem wir mit krassesten Special-Moves zu Leibe rücken. Insgesamt fehlt es Tales of Zestiria in beiden Bereichen zwar am nötigen Tiefgang, doch die Mischung funktioniert meiner Meinung nach recht gut für kurzweilige Unterhaltung.Test Tales of Zestiria (1)

Die zweite Stärke liegt in den Charakteren und vor allem der Gruppendynamik zwischen ihnen. Klar, auch in Tales of Zestiria sind wieder alle Archetypen mit dabei, von mutig-ungestüm bis scheu-sarkastisch und dementsprechend blass bleiben die Helden teilweise auch. Aber alles andere hätte mich persönlich auch überrascht und vermutlich sogar enttäuscht, denn was mir eigentlich viel mehr im Gedächtnis bleibt, ist die Dynamik in der Truppe. Egal ob es nun um AVALANCHE oder die Strohhutbande geht, ich mag das von in japanischen Rollenspielen oder Serien häufig dargestellt Gruppengefüge.

Freunde schließen sich zusammen, erleben Abenteuer, Leid und Spaß, werden stärker, verhauen die Oberbösen und retten die Welt, super! Auch Tales of Zestiria hat davon wieder eine ganze Menge, wenngleich dies ohne die optionalen, zusätzlichen Gespräche nur bedingt spürbar ist. Erwartet bei Story und Charakteren also das Gewohnte und erwartet nicht viel mehr als die RPG-Basics, dann könnt ihr mit Tales of Zestiria viel Spaß haben. Und warum könnt ihr trotz eher mauer Story und blassen Charakteren Spaß haben? Nun, weil das Kampfsystem und die Tiefe von Ausrüstung und Customization viel rausreißen. Aber eines nach dem anderen!Test Tales of Zestiria (3)

Fuuuusion Ha!

Tales of Zestiria setzt im Wesentlichen auf die gleichen Gameplay-Grundpfeiler, die schon seit Jahren die Serie tragen. Stundenlang Grinden, Leveln, Items sammeln, um im nächsten Gebiet oder beim nächsten Boss ordentlich Arschtritte verteilen zu können. Die Magie dessen erschließt sich vielen Spielern vermutlich auf den ersten Blick nicht, aber der Prozess, ständig stärker und besser zu werden, neue Fähigkeiten zu erlernen und neue Ausrüstung oder Kostüme freizuschalten, wurde hier einmal mehr perfektioniert. Die Kämpfe sind rasant, die Steuerung eingängig und ein angenehm fordernd-unfordernder Fluss zieht sich durch das Kampfsystem und von Gegner zu Gegner.

Kern des Kampfsystems ist dieses Mal die Verschmelzung der menschlichen und seraphischen Charakteren. Ähnlich wie in Tales of Xillia bildet ihr während den Kämpfen ein Team mit einem Mitstreiter, doch statt gemeinsamer Artes kann nun die Armatisierung ausgelöst werden. Dadurch vereinen sich eure beiden Charaktere zu einem stärkeren Wesen mit mächtigen Fähigkeiten. Sorey kann so mit verschiedenen Seraphim verschmelzen, die unterschiedliche Elementkräfte beherrschen. Der Clou daran ist, dass sich die verschmolzenen Charaktere in diesem Moment Ausdauer und Gesundheit teilen, die beim Lösen der Verbindung wieder gleich verteilt werden. Sogar wenn ein Charakter K.O. gegangen ist, kann er noch Teil einer Armatisierung werden und dadurch „wiederbelebt“ werden.Test Tales of Zestiria (4)

Es gilt also einmal mehr auf sämtliche Anzeigen eures Charakters zu achten, denn neben Gesundheit verbraucht dieser auch Ausdauer und baut gleichzeitig verschiedene Stufen einer Spezial-Energie auf, mit der mystische Artes oder eben Armatisierungen ausgelöst werden können. Timing und Haushalten sind hier wieder Trumpf, zumal Kombos und Trefferfolgen den angerichteten Schaden erhöhen. Als Spieler macht es da häufig Sinn auf seine Mitstreiter zu achten und die Kombo schlicht am Laufen zu halten. Nur Button-mashing sind die Kämpfe in Tales of Zestiria daher folglich auch nicht und ein wenig Taktik- und Timing-Gefühl durchaus gefragt. Auch wenn die meisten Gegner natürlich eher Kanonenfutter sind, stellt euch das Spiel doch häufig genug vor echte Herausforderungen, um euren Ehrgeiz zu wecken.

Wer einen großen Entdecker-Drang mitbringt, der dürfte mit Tales of Zestiria auch nur halb glücklich werden. Die Oberwelt, durch die ihr euch die meiste Zeit frei bewegen und wahlweise auch per Schnellreise durchqueren könnt, punktet mit weitläufigen Arealen, vielen Orten zum Erforschen und natürlich jeder Menge Monstern. Insbesondere die Weitsicht dürfte alteingesessenen Fans positiv auffallen, denn mittlerweile können wir viele Gebiete die wir im Hintergrund sehen auch tatsächlich erreichen. Begeben wir uns dann allerdings in Dungeons oder ähnliches, wird es recht linear. Häufig gibt es hier nur den einen strikten Weg und verzweigte Geflechte, die zum Erkunden einladen, treffen wir eher selten. Schade!Test Tales of Zestiria

Diffiziles Effekt-Feuerwerk

Nachdem Kampf ist hier bekanntlich vor dem Kampf und daher will eure Party natürlich stets gut gerüstet sein. Hier bietet euch das Spiel ein hohes Maß an Individualisierungen, um Skills und Ausrüstung eures Helden an die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Jedem Charakter steht eine Auswahl an Titeln zur Verfügung, die aufgelevelt werden können und Boni wie Angriffskraft oder Verteidigung erhöhen. Gleichzeitig gibt es Fähigkeiten, die euch außerhalb der Kämpfe Extras bescheren, so lässt auch ein Skill zeitweise schneller laufen während ein anderer für stetigen Nachschub an Essen sorgt. Neben dieser Grundausrichtung kann nun allerdings auch die Ausrüstung aufgemotzt werden.

Und das ist der Punkt, an dem es wirklich komplex und kompliziert wird. Je länger euer Held mit seinen Items kämpft, desto besser werden diese. Außerdem können Gegenstände des gleichen Typs bei Händlern verschmolzen werden, wodurch sie ebenfalls bessere Werte erhalten. Nun erhöht die Ausrüstung allerdings nicht nur einen Wert wie Angriffskraft oder ähnliches, sondern sie besitzt auch noch bis zu vier Zusatzfähigkeiten. Die Zusatzfähigkeiten der einzelnen Ausrüstungsgegenstände lassen sich wiederrum kombinieren, wodurch sich ihr Effekt verstärkt. Eine gut gelevelte Waffe aus dem Startgebiet, die perfekt zu eurer restlichen Ausrüstung passt, kann daher besser sein, als eine Waffe, die ihr vor dem letzten Bosskampf erhaltet, aber die falschen Zusatzfähigkeiten hat. Ihr seid jetzt vollkommen verwirrt? Verständlich, darum mache ich es kurz: Tales of Zestiria bietet ein ausgefallenes System zur Charakter- und Itemoptimierung, das ein wenig Einarbeitung braucht, aber dann über Stunden hinweg unglaublich motivierend und spaßig ist!Test Tales of Zestiria (6)

Tales of a New-Last-Gen-Game

Und dann wäre da ja auch noch der technische Aspekt, denn immerhin kommt die Reihe mit Tales of Zestiria erstmals auf die aktuelle Konsolengeneration. Optisch zeigt sich der Titel hier nur wenig verbessert. Die Charaktermodelle sind hübsch, die Weitsicht ist eine Wucht, die Anime-Sequenzen hochwertig und sogar die Texturen und Gegnermodelle werden sehr viel früher geladen, als noch auf der PS3. Das alles kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass grafisch mittlerweile sehr viel mehr möglich wäre, selbst wenn der Anime-Look erhalten bleiben soll. Tales of Zestiria wurde noch für PS3 entwickelt, daher kann man hier gerade noch ein Auge zudrücken, aber für den nächsten Teil der Serie sind 60fps und eine weniger leere Spielwelt Pflicht!

Dafür ist Tales of Zestiria in Sachen Audio ein absoluter Volltreffer. Waren hiesige Spieler bislang auf die englische Sprachfassung angewiesen, darf der Titel nun endlich auch in der japanischen Originalfassung mit Untertiteln gespielt werden. Beide Sprachfassung können sich allerding hören lassen und auch die restliche Lokalisierung fällt durch ihre Unauffälligkeit positiv auf. Da wirkt alles wie aus einem Guss und nichts wirklich störend! Von bereits erwähntem Opening abgesehen, ist auch der Soundtrack eine Wonne fürs Ohr, wenngleich er für meinen Geschmack noch ein wenig emotionaler und antreibender hätte ausfallen können.

Last but not least sei auch das leidige Thema DLC-Inhalte noch erwähnt. Während Vorbesteller und registrierte Nutzer auf der hauseigenen Plattform von Bandai Namco einige Inhalte wie eine Zusatz-Geschichte kostenlos herunterladen können, gibt es auch reichlich Content von Items über Dialoge bis zu Kostümen, der gegen bare Münze erworben werden kann. Ich für meinen Teil finde Angeboten wie „Steige sofort 10 Level auf“ zwar recht sinnentfremdet, aber das muss jeder für sich entscheiden. Die Inhalte sind glücklicherweise rein optional und Tales of Zestiria auch ohne diese ein komplettes Spiel.Test Tales of Zestiria (5)

getestet-auf-msi

Spannendes Kampfsystem
Tiefes Item- und Ausrüstungssystem
Frischer Wind durch Armatisierungs-Feature
Schöne Oberwelt mit Weitsicht
Japanische Synchronisation endlich dabei
Episches Intro!
Eher schwache Story mit blassen Charakteren
Eher lineare Dungeons
Technisch irgendwo zwischen den Konsolengenerationen

Martin W.

Ein flottes, spannendes Kampfsystem mit sinnvollen Neuerungen, ein beinahe ausuferndes Skill- und Ausrüstungssystem, das uns über Dutzende Stunden motiviert und Grinding par excellence, Tales of Zestiria könnte ein verdammt gutes Spiel sein. Dazu die Japanische Synchro und grafische Neuerungen, was braucht es mehr? Leider ist die Story-Seite der Medaille nicht ganz so glänzend und ebenso wie die Charaktere zu flach und generisch. Wer geschichtlich nicht zu viel erwartet und auch an eher klischeebehafteten Plots ein wenig Freude haben kann, den erwarten zig Stunden Spielspaß voll großartiger Kämpfe. Eigentlich hatte ich ja schon eine 7,5 als Wertung notiert, aber fürs Opening gibt es einen völlig subjektiven halben Punkt extra! Naa, naa, na, na, na, na, naa, naa, naa, naaa!
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