Test: Tetris: Effect

Tetris Effect_Test_headerMit Tetris: Effect erhält das ikonische Puzzlespiel eine Neuauflage, die einen derart immersiven Sog entfaltet, dass wir gar nicht mehr aufhören wollten. Entwickler Resonair bringt uns eine neue Interpretation, die aus einem zeitlosen Klassiker eine unvergleichliche Erfahrung macht.

Der ultimative Flow

Tetsuya Mizuguchi, der kreative Kopf hinter den audiovisuelle Spektakeln Rez und Lumines, entführt uns mit Tetris: Effect in eine Welt synästhetischer Ekstase. Digitale Spiele, die Sounddesign fest in der Gameplay-Mechanik verankern, sind in etwa so alt wie die ersten Musik Visualizer. Zu den Versuchen, eine neue Spiel-, beziehungsweise Hör- und Seherfahrung zu schaffen, zählen inzwischen auch Perlen wie Beat Hazard, Tomb of the Necrodancer und Rez, allerdings ist keines so richtig vergleichbar mit Tetris: Effect.

Jeder, der den Puzzler schon einmal gespielt hat, weiß wie einfach es ist, die Welt um euch herum vollkommen auszublenden und gänzlich in die Matrix der rotierenden Tetrominos einzutauchen. Mit jeder Minute, die vergeht, jeder weiteren Reihe Steine, die sich in Wohlgefallen auflöst und jeder weiteren Geschwindigkeit, saugt euch der russische Puzzle-Klassiker tiefer in seine Welt – bis die Welt auf dem Bildschirm nur noch ein entferntes Echo der Wirklichkeit ist.

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Diese ganz spezielle Erfahrung der Selbstvergessenheit im Handeln hat von der Spielewissenschaft auch einen Namen bekommen: Flow. Flow beschreibt einen Geisteszustand, in dem wir vollkommen in ein Spiel versinken. Wir sind dann im völligen Flow, wenn Aufhören und Gewinnen identisch unbefriedigende Optionen sind und der primäre Antrieb dem Erhalt des Flowzustandes gilt. Mizuguchis Tetris: Effect ist die in ein Spiel gegossene Perfektion des Flows.

Lost in Trancelation

An dem eigentlichen Spielprinzip von Tetris wurde nur wenig geschraubt. Ihr habt die Möglichkeit, Hilfen wie den Geist-Stein einzublenden, um eure Blöcke sicherer zu platzieren, oder könnt unpassende Tetrominos halten und zu einem späteren Zeitpunkt einbauen. Das Abbauen von Reihen füllt die sogenannte Zone-Leiste. Habt ihr die Leiste gefüllt, könnt ihr auf Knopfdruck in die Zone eintauchen und die Geschwindigkeit des Spiels für einen kurzen Moment reduzieren, was gerade in den späteren Levels des Spiels auch bitter notwendig wird.

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Tief durchatmen. Wenn eure Zone aufgeladen ist könnt ihr für einen kurzen Moment die Zeit anhalten.

Der eigentliche Geniestreich von Tetris: Effect ist aber zweifelsohne die Präsentation. Die zwischen Minimalismus und Rausch oszillierende Darstellung umgibt und durchfließt das klassisch gehaltene Tetris-Feld im Takt der Musik. Jede Eingabe, die ihr tätigt, erzeugt einen Ton, jeder Ton einen visuellen Effekt. So fühlt ihr euch beim Spielen wie Teil eines größeren, unergründlichen Ganzen.

Ihr taucht in einen Organismus aus Farben und Tönen ein, in dessen Zentrum die immer schneller purzelnden Blöcke stehen. Das rechteckige Spielfeld wird dabei zur einzigen Konstanten, in der sonst pulsierenden, sich stetig wandelnden Welt. Nichts steht in Tetris: Effect jemals still. Die Geschwindigkeit der fallenden Blöcke folgt den unerwarteten Drops und Crescendos der Musik, unterstützt von den sich langsam aufbauenden Bildwelten der Levels. Tetris: Effect erinnert dabei an die surreale Verschmelzungen von Realität und Fantasie, die wir zum Beispiel im Wachtraum vor dem Einschlafen manchmal erleben. Dabei ist die Neuschaffung von Entwickler Resonair mehr als ein Spiel, es ist eine Erfahrung, ein digitaler Fiebertraum, ein Gefühl – eben der Spiel-gewordene Tetris-Effekt.

Orchester auf Knopfdruck

Die wunderschöne Präsentation wird unterstützt durch die filigran abgestimmten Klänge der Steine. Im Abenteuer-Modus des Spiels werdet ihr, durch immer kniffligere Level geleitet, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Mal erzeugt die Drehung der Blöcke leise Chorklänge, die mit dumpfen Beats und rauschenden Wellen unterlegt werden, mal befindet ihr euch im 50er Jahre New York und komponiert mit eurem Spiel ein Jazz-Stück. Wieder ein anderes Mal tanzt ihr um ein Lagerfeuer zum Klang von Māori Kriegsschreien und Stammes-Trommeln. TetrisEffect_Test_Bild8Letztlich gelingt es Tetris: Effect, die Hintergrundmusik und die von euch erzeugten Töne so fein aufeinander abzustimmen, dass sich jedes Level wie ein arrangiertes Musikstück anfühlt. Unterstützt von dem cleveren Feedback durch das Rumblepad wird Tetris zu einer ganzheitlichen Körpererfahrung.

Dabei ist es auch egal, ob ihr auf einfach, normal, oder schwer spielt, die Blöcke schnell, oder langsam bewegt. Innerhalb von wenigen Sekunden rastet das Spiel in euch ein, wird ein Teil von euch. Ihr bewegt die Blöcke fast wie in Trance ganz selbstverständlich zum Takt der Musik. Bald machen euch Geschwindkeitswechsel von Stufe 5 auf 12 nichts mehr aus und ihr fiebert auf das nächste Level, den nächsten Track hin. Nach nur wenigen Minuten fühlt ihr euch wie ein Performance Künstler in seiner wildesten Schaffensphase. Dem wabernden Strudel aus Farben, Bildern und Klängen entkommt nichts, die Welt um euch herum wird weggespült, bis im Zentrum eures Seins nur noch eine simple, klare Wahrheit steht: Tetris.

Kästchen nach Baukastenprinzip

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Der Freiespiel-Modus bietet eine ordentliche Auswahl.

Besonders im Abenteuer.Modus entfaltet Tetris: Effect sein volles Potential. Alle 27 Level sind so erfrischend anders und neu, dass wir immer gespannt auf den nächsten Ton, das nächste Erlebnis gewartet haben. Der ganze Modus ist dabei auf die Erfahrung zugeschnitten, weshalb ihr alle drei Level einen neuen Checkpoint freischaltet und nicht wieder ganz von vorne starten müsst. Schafft ihr einen Block aus drei bis vier Levels am Stück, locken höhere Punktzahlen, mit denen ihr Erfahrungspunkte für den Freispielmodus erhaltet.

Schafft ihr die Levelblöcke allerdings nicht am Stück, dürft ihr auch immer wieder im aktuellen Level starten und werdet so nie aus dem Flow gerissen. Im Freien-Spiel könnt ihr nach Baukasten selbst entscheiden, welchen Track und Hintergrund ihr für euer Spiel bevorzugt. Außerdem könnt ihr zwischen diversen Modi wählen, darunter sind der klassische Marathon, aber auch neue Ideen: So könnt ihr euch beispielsweise Puzzle-Aufgaben stellen, in denen ihr ein ganzes Feld mit nur vier Blöcken aufräumen müsst, oder spielt Tetris auf dem Kopf.

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Auf dieser Weltkarte navigiert ihr euch durch die 27 Level des Abenteuer-Modus.

Wenn Tetris zu krass ballert

Tetris: Effect hat uns die Bewertung nicht leicht gemacht. Die unvergleichliche Spiel-Erfahrung hat uns fantastisch gefallen. Hinter der einmaligen Reise durch den Abenteuer-Modus, steckt allerdings ein Titel, der fast zum Vollpreis im Laden steht. Zum einen Stellt sich also die Frage, ob ‚ein Tetris‘ die 40 Euro wert ist, zum anderen, wie gut sich der Bombast der Ersterfahrung über die Zeit trägt.

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Spielen wir noch Tetris?

Wir denken, dass gerade das erstaunliche Feintuning der vom Spieler erzeugten Töne sowie der VR-Modus eine Meisterleistung sind. Diverse Spielmodi und freischaltbare Hintergründe dürften euch einige Stunden an den Bildschirm fesseln und selbst nachdem der anfängliche Hype abgeflaut ist, trägt die außergewöhnliche Präsentation. Wir haben uns immer wieder dabei ertappt, auch nach der Arbeit nicht Red Dead Redemption 2, sondern Tetris anzuwerfen.

Der Entspannungs-Modus ermöglicht lauschiges Spielen mit Fokus auf der tollen auditiven Erfahrung und Marathon- oder Sprint-Modus bieten Content für die Hardcorefans. Allerdings sei hier gesagt, dass die wunderschönen Effekte beim Auflösen einer Reihe, gerade in den hohen Levels, störend sind. Zwar gibt es Einstellungsoptionen, um die Effekte runterzuschrauben, allerdings sind diese arg begrenzt. Hardcore Tetrisfans könnten also enttäuscht werden, so schön die Erfahrung auch sein mag.

Einmaliges Erlebnis
Große Vielfalt der Levels
Geniales Sounddesign
Fantastischer VR Support
Individuelle Freispiel Optionen
kein lokaler Mehrspieler
Effekte bei hoher Geschwindigkeit störend
Verhältnismäßig hoher Preis

Vincent

Tetris: Effect ist ein synästhetischer Wirbel, der uns im Sturm erobert hat. Diese Neuauflage des russischen Puzzleklassikers erzeugt eine seltene Out-of-Body-Erfahrung, die uns vollkommen verschlungen hat. Tetsuya Mizuguchi schafft es, uns den Zauber wiederzubringen, den Videospiele in unserer Kindheit hatten. Auch wenn Tetris: Effect vielleicht nicht die Hardcore Fans abholt, ist der Titel für alle anderen Puzzle-Freunde Pflicht. Kaum ein anderer Titel hat uns so effektiv in eine andere Welt transportiert, wie dieses bescheidene Meisterwerk.
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