Test: The Crew 2 – Voller Fahrspaß trotz vieler Fehler

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The Crew 2: Nicht nur auf vier Rädern ein Vergnügen?

The Crew 2 entführt euch ein weiteres Mal in die unendlichen Weiten der Vereinigten Staaten und verspricht an allen Ecken etwas mehr für’s hart verdiente Geld. Dem Racing-MMO von Ubisoft sind sowohl Flügel als auch Flossen gewachsen und so begebt ihr euch nicht nur in exotischen Schlitten an die Startlinie, sondern nehmt Platz in wendigen Booten, bevor ihr euch an Bord schnittiger Sportflugzeuge in luftige Höhen schraubt. Ob das Spektakel dabei einen Gang hochschaltet oder mit angezogener Handbremse fährt, haben wir für euch getestet – Anschnallen und genießen!

Wer vorne fährt, fängt Follower

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Ubisoft setzt auf soziale Medien

Bevor Ivory Tower mit dem zweiten Teil der Open-World-Odyssee das Rennen um die diesjährige Arcade-Krone eröffnet, sollten wir eine Sache direkt zu Beginn aus dem Weg räumen: Die Geschichte, mit der The Crew 2 uns ködert. Anders als noch im Vorgänger geht es nämlich nicht darum, zum krassesten Gangster der USA aufzusteigen. Ganz im Gegenteil: Die hungrigen Racer mit Blei im Blut wollen Straßenrennen wieder salonfähig machen und organisieren sich deshalb in sogenannten Familien. Jede Familie steht dabei für einen Fahrstil. Die Pro Racer tragen ihre Wettkämpfe gern in abgesteckten Parkouren mit hochgezüchteten Karossen aus, während für die Freestyler nur zählt, wer mit seinem Gefährt die coolsten Stunts hinlegt – egal ob Monstertruck oder Reisschüssel. Competition statt Korruption lautet die Marschroute.

Als Neuling in der Motornation ist es eure Aufgabe, in den Rängen jeder Familie aufzusteigen, um euch einen Ruf als Motorsportass zu verdienen und die extrem coolen und doppelt so korrekten Street-Racer aus dem Schatten ins Licht zu führen. Und Ubisoft wäre nicht Ubisoft, wenn nicht an irgendeinem Punkt dieser Geschichte die sozialen Medien ins Spiel kämen. Im Rahmen von Events, die über das fiktive Streaming-Portal LIVE in alle Welt übertragen werden, generiert ihr Follower und baut somit Stück für Stück eure eigene Marke aus. Dementsprechend dürft ihr dieses Mal sogar einen eigenen Avatar erstellen. Mehr als ein Dutzend voreingestellte Charaktere hat The Crew 2 allerdings nicht zu bieten, während die Social-Media-Schiene sich recht schnell als pseudo-hipper Story-Fetzen entpuppt, um euren Fortschritt darzustellen.

3…2…1…Fahrspaß!

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Fahrspaß ohne Hindernisse

Wenn es also nicht die Geschichte ist, mit der Teil zwei überzeugen kann, worin liegt dann die Faszination des Arcade-Racers? Machen wir es kurz: The Crew 2 spielt sich einfach unglaublich gut. Und damit meinen wir nicht nur die direkte, knackige Steuerung der Fahrzeuge, sondern auch die Atmosphäre, die bei Tempo 300 in den Serpentinen des Grand Canyon aufkommt. Schon mit dem Vorgänger haben die Entwickler bewiesen, dass sie wissen wie sich ein Rennspiel anfühlen muss, das nicht auf perfekte Bremswege und Schaltabläufe setzt, sondern gnadenlosen Fahrspaß in den Vordergrund rückt, der selbst bei Neulingen das Benzin in den Adern hochkochen lässt. Kopf ausschalten, einsteigen und genießen lautet das Motto, wenn ihr im Koenigsegg Agera durch Manhattan ballert.

Dass der Fahrspaß auch längerfristig erhalten bleibt, liegt nicht zuletzt an den Prioritäten, die das Entwicklerteam für den zweiten Teil deutlich verlagert hat. Drehte sich zuvor alles um Multiplayer-Aspekte, das gemeinsame Erkunden der Karte und jede Menge Fleißaufgaben, mit denen die Karte vollgestopft war, so stehen in The Crew 2 vollwertige Events auf der Pole-Position. Von denen findet ihr nicht nur deutlich mehr über die USA verteilt, jedes Rennen, ob zu Wasser, Luft oder an Land, besitzt seinen ganz eigenen Charme. Diese Liebe der Entwickler spürt man vor allem in den Streckenverläufen, die nun deutlich packender, ereignisreicher und durchdachter wirken. Großen Einfluss hat hier auch die verbesserte KI, die jeden eurer Fehler gnadenlos bestraft, dabei allerdings nicht ohne gravierendes Rubberbanding auskommt.

Alte Welt im neuen Glanz

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Die USA: Schöner als je zuvor

Auch wenn die Straßenrennen weiterhin den Kern des Spiels ausmachen, haben wir uns am Steuer der brandneuen Vehikel sofort heimisch gefühlt. Die Fahrzeuge in Form von rasanten Speedbooten, wendigen Jetstream-Flitzern oder schnittigen Aerobatics-Flugzeugen bringen Abwechslung zu den Rennen auf dampfendem Asphalt und bekommen dank der komplett überarbeiteten Vereinigten Staaten einen riesigen Spielplatz, der dazu einlädt, das innere Kind raushängen zu lassen. Neben euch ist allerdings kaum jemand auf den Straßen, die weiterhin recht leer wirken. Das wohl beste Feature: Ihr könnt per Knopfdruck jederzeit zwischen Flugzeug, Boot und Auto hin und herschalten und euch somit einen ganz eigenen Weg durch die Spielwelt bahnen.

Schon mal vom Dach des Empire State Building mit einem Ferrari mitten auf den Broadway gesprungen? The Crew 2 macht’s möglich. Unterstützung erfährt das Ganze durch viele neue Flüsse, Berge und komplett ausmodellierte Wolkenkratzer, die jeden Roadtrip zu einem Erlebnis machen. Ein Wermutstropfen bei all den Möglichkeiten bleibt jedoch: Anders als im Vorgänger deckt ihr die Karte der USA nicht Stück für Stück auf, sondern könnt sofort an jeden Punkt der Spielwelt schnellreisen. Darunter leidet die Motivation, neue Gebiete zu erforschen und die Vorfreude, durch unentdeckte Landstriche zu heizen, erlebt einen schmerzhaften Dämpfer. Apropos Dämpfer: Damit kommen wir auch schon zu einem der größten Probleme, das wir mit dem zweiten Teil verbinden.

Kein Blick in den Rückspiegel

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Die Fehler häufen sich

Einen etwas befremdlichen Eindruck hinterließ bei uns nämlich die Tatsache, dass The Crew 2 zwar viele Neuerungen spendiert bekommen hat, aber einige der hervorragend funktionierenden Spielmechaniken aus dem Vorgänger ersatzlos gestrichen wurden. Das Tuning-System aus Teil eins erlaubte uns, neue Bauteile on the fly auszutauschen, um sofort weiterzufahren. On the fly sind beim Nachfolger nur die Flugzeuge. Alle komfortablen Funktionen wie der schnelle Wechsel zwischen zwei Autos oder das Crew-Management sind als Overlays verschwunden und verstecken sich nun in dedizierten Menüs, die einem gemütlichen Roadtrip leider im Weg stehen.

Auch der Fortschrittsbalken, an dem wir unsere Follower ablesen, trieb uns mehr als einmal in den Wahnsinn. Das schicke aber sperrige UI-Element schiebt sich nämlich nach jedem Rennen frech über den Bildschirm und blockiert die Minimap. Bevor es also in Richtung des nächsten Events geht, heißt es: Stehenbleiben, orientieren und darauf warten, dass die Fanbase wächst – Geschmeidig sieht anders aus! Letztlich handelt es sich bei diesen Kritikpunkten allerdings nur um Makulatur, denn dem ansonsten flüssigen Spielerlebnis tun sie kaum einen Abbruch. Wer sich Zeit nimmt, durch jeden Winkel der Welt zu cruisen, dürfte sich kaum an einigen Sekunden Wartezeit stören. Schließlich warten im Großen und Ganzen wieder mindestens 40 Stunden Spielzeit auf euch, sofern ihr sämtliche Rennevents erfolgreich abschließen wollt.

Saubere Geschichte, sauberer Look

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Düstere Atmosphäre gehört der Vergangenheit an

Wie bereits in der Vorschau angeklungen, haben sich die Entwickler beim Look und Feel des Arcade-Racers einiges vorgenommen. In Einklang mit der Story, die voll und ganz auf Competition, Selbstdarstellung und Erfolg setzt, soll die Optik von The Crew 2 eine ganze Schippe auf den dreckigen, leicht verschmierten Charme des Vorgängers drauflegen. Das Ziel: Ein cleaner und klarer Look, der nicht nur zeitgemäß ist, sondern auch zum Saubermann-Image des Spiels passt. Nicht nur Street-Racing soll „legit“ gehen, sondern auch die auf Hochglanz polierten USA. In puncto Grafik funktioniert das Ganze allerdings deutlich besser als in der Story.

Innerhalb der Städte gelingt dieser Effekt nur an einigen Stellen, denn Hausfassaden und Marktstände, die überall im Weg herumstehen, wirken doch reichlich überzeichnet. Erreicht ihr allerdings die wilden, naturbelassenen Arealen wie die Rocky Mountains, dann kommt die Grafikpower der neuen Engine voll zum Einsatz. Ganz besonders Felsplateaus, Bergketten und verschneite Anhöhen geben beim Vorbeirasen ein prächtiges Bild ab. Der riesigen Map geschuldet kann The Crew 2 natürlich nicht mit Grafikmonstern wie Forza 7 oder Gran Turismo: Sport mithalten, die Arcade-Konkurrenz Need for Speed Payback aus dem letzten Winter lässt der spielbare Roadtrip allerdings locker hinter sich.

Motoröl meets Motion Graphics

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Motion Graphics: Ein echter Hingucker!

Dass Ubisoft mit The Crew 2 durchaus neue Pfade beschreiten möchte, wird deutlich, wenn man sich die seltenen Momente genialer Aufmachung anschaut, die gelegentlich durchblitzen. Offenbar haben die Entwickler einen Narren an Motion Graphics gefressen, denn die ansonsten recht blassen Zwischensequenzen werden gern mal mit schicken, handgemalten Animationen aufgelockert, die – anders als die Charaktere – tatsächlich ziemlich cool sind. Bildelemente im Paintbrush-Stil werden zusammengefügt, um ein stylishes Gesamtbild zu erzeugen, bevor sie in minutiöser Kleinarbeit wieder dekonstruiert werden – ein echter Hingucker!

Ansonsten erwarten euch stilsichere Rock-, Hip Hop- und Electro-Sounds, die ihr per Ingame-Radio ganz euren Bedürfnissen anpassen könnt. Besonders Rennen in der Hypercar-Kategorie, die euch quer durch die Staaten führen und meist länger als eine halbe Stunde andauern, profitieren von fetten Beats, die euren Ohren zum Wackeln bringen. Aber auch bei den Sounds der Motoren kommt Stimmung auf. Das typische Schlottern einer Ferrari-Bremse, der brachiale Luftzug des Porsche 918 Spyder oder der schnurrende Antrieb eines Lamborghini Gallardo: Alles mit an Bord und Balsam für eure Ohren.

Präzise Arcade-Steuerung
Fokus auf Rennevents und Streckenführung
Riesige Spielwelt 2.0
Erfrischender Wechsel zwischen Wasser, Luft und Land
Zeitgemäße Grafik und schicke Motion Graphics
Treibender Soundtrack und satte Motoren
pseudo-hippe Geschichte
Freie Spielwelt senkt Motivation, zu erkunden
UI und Menüs kaum durchdacht
Spielwelt weiterhin recht leer

Christian Böttcher

The Crew 2 hat eine Menge Fehler und ist trotzdem der wohl beste Arcade-Racer der letzten Jahre. Ein atmosphärisches Rennen mit gut durchdachtem Streckenverlauf reiht sich an das nächste, während mit Flugzeugen und Booten gleich zwei neue Fortbewegungsmittel frischen Wind in die Motornation bringen. Weniger MMO, mehr Racing lautet das Motto, mit dem Ivory Tower den ersten Anlauf auf die diesjährige Krone der Rennspiele wagt. Wer auf perfekte Bremswege und Schaltabläufe lieber verzichtet und stattdessen Fahrspaß in einer riesigen Welt sucht, kommt an The Crew 2 nicht vorbei.
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