Test: The Evil Within

Test: The Evil Within

In Zeiten, in denen wir uns vor Splatter in der Pop-Kultur kaum retten können und es praktisch zu jeder menschlichen Urangst bereits ein entsprechendes Spiel gibt, hat unsere Empfänglichkeit für Grusel deutlich nachgelassen und das Horror-Genre scheint sich diesbezüglich ein wenig in Schockstarre zu befinden. Horror-Altmeister Shinji Mikami tritt nun jedoch an, um uns eines besseren zu belehren und setzt dabei auf altbekannte Methoden. Ob The Evil Within die Spieler reihenweise in Angstschweiß baden lassen und für Herzattacken sorgen wird?

Hauptspiel: The Evil Within

Wie die Motte zum Licht…

Es gibt diese Tage, an denen wäre man besser im Bett geblieben. Als die Situation an einem Tatort eskaliert und wenig später die halbe Stadt in Trümmern liegt, wird sich vermutlich auch Sebastian Castellanos zurück unter die wohlige Bettdecke gewünscht haben. Doch weil die Pflicht ruft, die Ereignisse wie ein Alptraum erscheinen und er davon abgesehen ohnehin keine andere Wahl hat, macht er sich auf, den geisterhaften Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Immer wieder verschwimmt die Welt vor seinen Augen und plötzlich findet er sich in einer düsteren Ödnis wieder. Seine Kollegen sind verschwunden, Sebastian ist verletzt und auch das seltsame Stöhnen aus den nahen Büschen kündet nicht unbedingt von einer Besserung der Lage.Test: The Evil Within

Wenige Augenblicke später sieht sich der Detective auch schon mit einigen faulenden Gestalten konfrontiert, die eindeutig schon mal lebendigere Zeiten erlebt haben. In der Ferne dreht sich hypnotisch das Licht eines Leuchtturms und von eben jenem wird Sebastian magisch angezogen. Beim Blick in den Spiegel in einer nahen Hütte verschwimmt die Szene erneut und der Flur einer Irrenanstalt tut sich vor ihm auf, wo ihn eine Schwester freundlich in Empfang nimmt. Und genau so nebulös geht es in den nächsten Spielstunden weiter. Die Story von The Evil Within lebt ähnlich wie etwa Silent Hill davon, dass wir nie so recht wissen, was uns als nächstes erwartet und ob uns am Ende des Ganges nun wie zu erwarten wäre der Ausgang ins Dorf oder doch ein Keller voll Blut und Gedärmen erwartet. Das alleine sorgt bereits für dieses ungute Gefühl ausgeliefert zu sein und in Kombination mit der beinahe immerwährenden Dunkelheit für permanente Anspannung.

Die Geschichte, die uns Mikami und sein Team in The Evil Within erzählen, ist spannend und sorgt durch abrupte Wechsel von einem alptraumhaften Setting zum nächsten für reichlich Verwirrung, die den Spieler mürbe machen könnte. Sie hat aber auch ein großes Problem, denn sie braucht deutlich zu lange, um Fahrt aufzunehmen. In der ersten Hälfte von The Evil Within erfahren wir nur äußerst wenig über den Protagonisten oder die Hintergründe seiner unfreiwilligen Reise. Wer wir eigentlich sind und warum Sebastian dies alles durchmacht, bleibt im Dunkeln. Erst relativ spät gibt uns das Spiel hinreichend Informationen, um über das Offensichtliche hinaus nach eigenen Erklärungsansätzen suchen zu können. Die Motivation weiterzuspielen kommt daher weniger aus der Geschichte, als viel eher aus dem Gameplay. Das Überleben wird eigentlich zum Selbstzweck, was nicht direkt schlecht, wohl aber ein wenig anstrengend ist!

Test: The Evil Within

Light my fire!

Und das Überleben erweist sich in The Evil Within als echte Herausforderung, denn das Spiel ist knackig schwer. In Sachen Gameplay stark an frühere Werke Mikamis, vor allem Resident Evil 4 erinnernd, erleben wir ein Wechselbad aus actionreichen Kämpfen und beunruhigend ruhigen Passagen, die jederzeit abrupt enden können. Diese Ungewissheit macht einen wesentlichen Teil des Horrors aus und funktioniert über die Länge des Spiels eigentlich zu jeder Zeit ganz gut. Dabei bekommen wir jedoch relativ wenig neuartiges geboten. Ihr bewegt euch vorsichtig durch die einzelnen Welten, sammelt lebensnotwendige Munition und Heilspritzen und findet gelegentlich neue Waffen, wie Schrotflinte oder Scharfschützengewehr. Einzig die Qualen-Armbrust und ein Päckchen Streichhölzer sorgen in punkto Ausrüstung für frischen Wind.

Ersteres nutzt ihr zum Verbrennen von Gegnern, denn bekanntlich haben Untote die Angewohnheit, wieder aufzustehen, solange sie nicht in Flammen aufgegangen oder ihre Schädel vollends zertrümmert sind. Überraschenderweise bietet The Evil Within dadurch aber auch eine neue taktische Komponente bei den Kämpfen, denn wenn ihr im rechten Moment einen niedergestreckten Feind anzündet, könnt ihr eventuell gleich noch einige andere in Brand setzen und Munition sparen. Auch der Einsatz der Qualen-Armbrust ist interessant, kann sie doch mit diversen Bolzen mit unterschiedlichen Effekten geladen werden. Diese Bolzen können von euch selbst hergestellt werden, sofern ihr denn genügen Fallen auseinandergebaut oder Bomben entschärft habt, um an die benötigten Materialien zu kommen. Bolzen sind teuer, dafür dürfen wir damit aber auch Feinde einfrieren, blenden oder gleich ganz in die Luft jagen.Test: The Evil Within

Kopfschuss, statt Kopfnuss

Doch nicht nur bei den Bolzen ist in The Evil Within Haushalten angesagt. Die grotesken Bossgegner von absurden Mutanten bis zur geisterhaften Spinnenfrau verlangen euch einiges ab und wer vorher die rare Munition oder Heil-Items verbraucht hat, bekommt unweigerlich Probleme. Den schmalen Grat, dem Spieler die richtige Menge an Ressourcen zur Verfügung zu stellen, um ihn zu fordern aber nicht zu überfordern, nimmt The Evil Within hervorragend. Wenn man über Sammelbares schreibt, sollte auch noch der grüne Schleim erwähnt werden, den ihr im Laufe des Spiels sammeln könnt. Was der groteske Händler in Resident Evil 4 war, ist nun ein Hirn-OP-Stuhl, auf dem ihr euren grünen Schleim für Upgrades von Gesundheit, Ausdauer oder Waffen verwenden könnt. Angesichts der harten Kämpfe ist es äußerst wichtig, wann und wie ihr eure geringen Mittel benutzt, sowohl in Bezug auf Upgrades wie auf Waffen. Wer sich die Zeit nimmt und einen Schuss gut platziert, wird in der Regel aber besser damit fahren, als ein Haudrauf-Rambo.

Was The Evil Within macht, macht es gut, aber eben auch nicht neu. Zombie-Handlanger, check! Kettensägen-Mörder, check! Düstere Level, check! Mutierte Tiere, check!… Das reicht um uns zu unterhalten, aber reicht es auch, um uns wirklich zu Schocken und mit Horror zu durchdringen? Nicht immer! Wo uns das Spiel Rätsel aufgibt, sind diese auch relativ schnell gelöst und stellen nur selten eine Herausforderung dar. Zumeist ist das Problem nicht das Finden der Lösung, sondern deren Umsetzung, gerade wenn uns Zombies oder einer hammerschwingender Irrer im Nacken sitzen.Test: The Evil Within

Horror beim Ambiente

Während die Story und vor allem das Gameplay die meiste Zeit gut ineinander greifen und diesen absurden Spaß an der Angst erzeugen, kann die technische Seite da nicht immer mithalten. Klar, finstere Kellergewölbe und verfallene Gehöfte sind ein Muss, um uns in Horror-Stimmung zu versetzen, aber gelegentlich drängen sich doch die Gedanken auf, dass man diese Settings zu oft gesehen hat und die Entwickler grafisch einiges unter dem Deckmantel der Dunkelheit verbergen wollen. Optisch präsentiert sich The Evil Within nicht ganz so, wie wir es, im Falle unseres Test-Musters, von einem PS4-Titel erwarten würden. Relativ arm an Details und mit nicht unbedingt den schärfsten Texturen wäre hier mehr rauszuholen gewesen. Irgendwann geht einem das blau-grau-sepia Bild, trotz gelegentlicher blutroter Farbspritzer, dann doch auf den Zeiger.

Und dann wären da ja auch noch die ominösen, viel diskutierten schwarzen Balken, die oben und unten den Bildausschnitt verkleinern, da The Evil Within für ein 2,35:1 Seitenverhältnis ausgelegt ist und der restliche Bereich gelegentlich für Einblendungen wie den Kapitelnamen genutzt wird. Die Entwickler begründen dies mit cineastisch-atmosphärischen Gründen, während viele Spieler lieber Vollbild gesehen hätten. Unabhängig davon, ob sich das Vollbild nachträglich noch am PC und/oder Konsole aktivieren lässt, als störend haben wir das Bildverhältnis nicht empfunden.Test: The Evil Within

Dass die schmucklose Grafik aber nur geringen Einfluss auf den Spielspaß von The Evil Within hat, liegt nicht zuletzt auch an der guten, auf das Wesentliche beschränkten Soundkulisse. Die meiste Zeit gibt es wenig zu hören außer hier und da eine knarrende Tür, das leichte Ächzen eines Feindes in der Nähe oder die gespenstischen Klänge einer fernen Musik, die fast wie ein Fremdkörper wirkt. Gerade dieser Verzicht auf all zu viele Sounds gibt uns das Gefühl, dass jede Sekunde etwas passieren kann. Weniger ist eben manchmal mehr! Überhaupt spielt sich ganz genre-typisch viel von dem Horror in unserem Kopf ab, auch wenn The Evil Within weniger in die psychische Schiene schlägt, als wir es erhofft hätten und sich auf bewährte Grusel-Elemente verlässt. Die funktionieren auch heute noch, üben aber längst nicht mehr diese Bedrohlichkeit aus, wie wir sie beispielsweise unlängst im Silent Hills-Teaser erfahren haben.

DLC: The Assignment

Juli, was hast du so getrieben?

Wer die Handlung von The Evil Within beendet hat, dem wird sicherlich noch die eine oder andere offene Frage auf der Zunge liegen und auch wenn natürlich einige davon weiterhin unbeantwortet bleiben werden, liefert der erste DLC The Assignment doch zahlreiche Extra-Infos, die dem Gesamtbild zu Gute kommen. Für rund 10 Euro erwartet uns hier eine etwa 4 Stunden lange Zusatz-Kampagne, in der allerdings nicht Sebastian der Hauptdarsteller ist, sondern Juli Kidman. Dabei spielt The Assignment parallel zur Hauptgeschichte und beleuchtet die mysteriösen Ereignisse gewissermaßen von einem anderen Blickwinkel aus. Details würden an dieser Stelle zwangsläufig entweder die Hauptgeschichte von The Evil Within oder eben die Handlung des DLCs spoilern, daher beschränken wir uns auf das Wesentliche.

Die Geschichte von Juli wurde in der Haupt-Kampagne nur lückenhaft geschildert. Zwar trat sie im Laufe der Spielzeit immer wieder in Erscheinung, aber wo genau sie sich in der Zwischenzeit herumgetrieben hat, das blieb uns bislang verborgen. The Assignment schließt diese zeitlichen Lücken in Julis Geschichte und folglich kommt es an der einen oder anderen Stelle auch zu einem Wiedersehn mit Sebastian und Szenen, die wir schon mal aus seiner Sicht erlebt haben. Vor allem die Hintergründe, Motive und Ziele von Juli werden näher beleuchtet, auch wenn die Entwickler an manchen Stellen bewusst den Vorhang des Mysteriösen ungelüftet lassen. Der DLC ist daher zum Verständnis des Hauptspiels auch nicht zwangsweise notwendig, ergänzt dieses aber sehr gut.

Test The Evil WithinEs schleicht sich gut auf High-Heels

Wenn ihr zu der Sorte Spieler gehört, denen das Gameplay von The Evil Within schon ein wenig zu actionreich für ein Horror-Spiel ausgefallen ist, dann dürfte The Assignment ganz nach eurem Geschmack sein. Während sich Sebastian eigentlich nie ohne Schießeisen durch die Welt bewegt hat, ist Juli die meiste Zeit unbewaffnet. Für den DLC haben die Entwickler die Schwerpunkte des Gameplays deutlich verändert und einen größeren Fokus auf Stealth-Passagen gelenkt. Statt mit Blei, bekämpfen wir die Untoten hier eher mit Köpfchen und Vorsicht, sofern wir denn überhaupt kämpfen. Ablenkung und Deckung sind hier Trumpf, ohne dass dabei allerdings Eintönigkeit aufkommen würde. Die Rätsel-Einlagen sind zwar nicht unbedingt fordernd, aber im Kampf ums Überleben einzig eine Taschenlampe zu haben, hinter der wir uns verstecken können, ist dann doch eine nervenaufreibende Angelegenheit.

Überhaupt stimmt die Stimmung im ersten DLC zu The Evil Within. Schauplätze und das Setting sind zwar wie im Hauptspiel nur bedingt innovativ, dafür haben wir schlicht schon zu viel in diesem Genre gesehen, aber das macht sie nicht weniger atmosphärisch. Das surreale Wechselspiel zwischen ruhigen und bedrohlichen Momenten und Orten funktioniert hervorragend und aus unsere Verwunderung und Verwundbarkeit formen die Entwickler in The Assignment möglicherweise noch eine Prise mehr Horror, als es im Hauptspiel der Fall war. Wenn wir dann noch mit einem Augenzwinkern Julis denkbar unpassende Fußbekleidung in Form von High-Heels unter die Nase gerieben bekommen, dann ist für gute Unterhaltung gesorgt.

Wer an The Evil Within seine Freude hatte, der kann mit The Assignment eigentlich nichts falsch machen. Der Umfang des DLCs ist für den Preis vollkommen in Ordnung, gerade wenn man bedenkt, dass sich The Assignment nicht wie ein fehlendes Stück des Hauptspiels anfühlt. Die Änderungen am Gameplay und die Geschichte von Juli sind gelungene Ergänzungen zu The Evil Within und werten dieses sogar auf, sind aber gleichzeitig eigenständig genug, um uns für weitere Stunden in den Bann zu ziehen. Ihr besitzt The Evil Within schon, dann könnt ihr euch guten Gewissens The Assignment gönnen!Test The Evil Within (2)

Grotesk-düstere Story,...
Starkes, forderndes Gameplay
Abstoßend gute Ideen,...
Survival-Horror ist meist Programm
...die sich zu viel Zeit lässt
Grafisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit
... von denen es mehr geben könnte

Martin W.

Ist The Evil WIthin sein Geld wert und ein spielerisches Erlebnis? Absolut! Ist es die von einigen Spielern erhoffte Horror-Offenbarung? Nein! Shinji Mikami schafft mit The Evil Within ein Horror-Spiel der alten Schule, dass sich teilweise aus dem breiten Feld der Grusel-Klischees bedient, teilweise neue groteske Elemente beimischt. Heraus kommt ein Titel irgendwo zwischen Silent Hill und Resident Evil 4, der an keines von beidem vollkommen heranreicht und dabei wenig revolutionäres zum Genre beizusteuern hat. Unterm Strich bleibt dennoch ein gutes Spiel, dessen Elemente gut harmonieren und uns so das Fürchten lehren!
Test: Bayonetta 2 Test: Natural Doctrine
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