Test: Tribes – Aufbruch der Menschheit

30.000 Jahre in einer Stunde: Tribes – Aufbruch der Menschheit im Test

Wir lieben Zivilisationsspiele! Dennoch haben sie meist einen großen Nachteil. Eine Partie spielt man nicht mal eben so vor dem Frühstück runter, sondern nimmt gerne auch mal drei, vier oder sogar noch mehr Stunden in Anspruch. Das vorliegendes Tribes vom Kosmos-Verlag möchte in diesem Punkt Abhilfe schaffen. In weniger als einer Stunde könnt ihr in diesem Spiel euer eigenes Volk durch rund 30.000 Jahre der Menschheitsgeschichte führen. Der schwedische Autor Rustan Hakansson möchte mit Tribes beweisen, dass sich ein schlankes Regelwerk durchaus mit diesem Brettspiel-Genre verträgt.

Die Reise durch Tribes führt euch durch drei Epochen. Als Stammesführer beginnt ihr zunächst in der Altsteinzeit und startet mit nur sehr wenigen Stammesmitgliedern. Im Spielverlauf werdet ihr euren Stamm vergrößern, neue Ländereien entdecken und diese natürlich auch bewirtschaften. Dabei lasst ihr selbstverständlich auch den technologischen Fortschritt nicht außer Acht. Die neuen Errungenschaften ermöglichen euch den Übergang in die Ära der Jungsteinzeit und später auch der Bronzezeit.

Aller Anfang ist schwer

Jeder Stamm beginnt das Spiel zunächst mit einem eigenen Territorium, das aus drei Landschaftsplättchen besteht. Die Plättchen werden per Zufall aus einem Stoffbeutel gezogen und nebeneinander angeordnet. Jedes Landschaftsfeld bietet euch Zugriff auf eine bestimmte Ressource. In Tribes werdet ihr mit fünf unterschiedlichen Ressourcen hantierten: Ziegen, Pferde, Weizen, Gold und Weihrauch. Um die Ressourcen zu erhalten, müsst ihr lediglich ein Stammesmitglied auf dieses Feld schicken.

Damit euer Volk gut mit allen Mitteln versorgt ist, müsst ihr nun dafür sorgen, dass ihr genügend Stammesmitglieder habt, die ihr in die Welt aussenden könnt, um die Ernte für euch einzufahren. Zudem solltet ihr die Umgebung weiter erkunden. So könnt ihr die Stammesmitglieder gezielt auf die Landschaftsplättchen bewegen, auf dessen Ressource ihr es abgesehen habt. Mit diesen drei einfachen Befehlen – Nachwuchs, Bewegung und Erkundung – habt ihr auch schon einen großen Teil des Spielkonzepts abgedeckt.

Mit drei Basisaktionen in die Bronzezeit

 

Gesteuert wird das Spiel über Aktionstafeln, die oberhalb des Spielbretts platziert werden. Insgesamt ordnet ihr sechs Aktionstafeln in einer Reihe nebeneinander an.  Mit der Aktion Nachwuchs dürft ihr weitere Arbeiter zu euerm Stamm hinzufügen. Mit der Bewegungsaktion bewegen sich die Stammesmitglieder über die Landschaftsplättchen und sorgen so dafür, dass ihr neue Ressourcen gewinnt. Erkunden ist bereits die letzte der drei Basisaktionen. Mit ihr dürft ihr neue Landschaftsplättchen zufällig aus dem Stoffbeutel ziehen und sie an euer schon erkundetes Gebiet anlegen. Jetzt habt ihr wieder neue Möglichkeiten, eure Arbeiter auszuschicken und wertvolle Ressourcen zu gewinnen.

Die Ressourcen sind aber natürlich nur Mittel zum Zweck. Sie dienen euch, um den technologischen Fortschritt des Stammes voranzutreiben. Dazu liegen auf dem Spielbrett in drei Reihen jeweils vier Errungenschaften aus. Um euch eine Errungenschaft anzueignen, müsst ihr über die nötigen Ressourcen verfügen. Bei Spielbeginn liegen lediglich die Errungenschaften in der untersten Reihe offen. Sie stellen den Fortschritt aus der Ära der Altsteinzeit dar.

Es lebe der Fortschritt

Die ersten Fortschritte sind schnell erreicht. Mit nur einer einzigen Ressource könnt ihr etwa das Jagen, das Kochen oder das Fallenstellen erlernen. Ressourcen werden in Tribes nicht tatsächlich abgegeben. Es ist vollkommen ausreichend, wenn sich ein Arbeiter auf einem Landschaftsfeld befindet, der diese Ressource bereitstellt. Steht euch die nötige Ressource zur Verfügung, dürft ihr jetzt einen Marker auf das Feld mit der Errungenschaft legen. Als Belohnung erhaltet ihr Siegpunkte, die in Tribes in Form von Bärenzähnen ausgezahlt werden.

Weiterhin ebnet euch eine Errungenschaft auch den Weg auf neue Fortschritte in einer höheren Ebene. Der Weg in die Jungsteinzeit ist somit frei. Dabei gibt es jedoch eine kleine Einschränkung. Nur die Errungenschaft, die sich direkt oberhalb der schon erschlossenen Technologie befindet, wird aufgedeckt und kann erforscht werden. Errungenschaften, die sich an einer anderen Position in der Reihe befinden bleiben euch weiterhin verwehrt. Es hält euch jedoch niemand davon ab, weitere Errungenschaft aus einer Ära zu entwickeln. So habt ihr mehrere Möglichkeiten, euer Volk weiterzuentwickeln.

Progressives Wachstum

Abgesehen von den Siegpunkten hat es aber noch einen weiteren Vorteil, wenn ihr neue Errungenschaften erschließt. Je nach erforschter Technik verbessern sich eure Möglichkeiten hinsichtlich des Wachstums, der Bewegungsmöglichkeiten oder der Erkundung. Im fortgeschrittenen Spiel dürft ihr oft gleich drei neue Arbeiter einsetzen, wenn ihr die Wachstum-Aktion wählt. Ähnliches gilt auch für die Bewegung der Figuren und für das Erkunden von neuen Landstrichen. So dehnt sich euer Volk immer schneller aus und gewinnt an Entfaltungsmöglichkeiten.

Eine vierte Eigenschaft, die durch Errungenschaften verbessert werden kann, ist die Stärke. Diese kommt häufig zum Einsatz, wenn bestimmte Ereignisse ausgelöst werden. Ereignisse kommen regelmäßig neu ins Spiel, wenn sich die Stammesführer eine Errungenschaft angeeignet haben. In diesem Fall wird eine zufällige Ereignistafel gezogen, die sich an hinterster Position an die Aktionstafeln anreiht.

Die Wahl der Aktionen

Die Ereignisse werden nicht direkt ausgelöst, wenn sie ins Spiel kommen. Erst wenn sie anstatt einer der regulären Aktionstafeln gewählt werden, wird der Effekt ausgelöst und das Ereignis dann aus dem Spiel entfernt. Die Wahl der Aktionstafeln unterliegt einer sehr interessanten Regel. Die sechs Aktionstafeln liegen in einer Reihe nebeneinander aus. Die erste Aktionstafel kann ohne weitere Kosten gewählt werden. Ihr führt den Effekt der Aktion aus und legt die Aktionstafel anschließend nach ganz hinten in die Reihe.

Häufig empfiehlt es sich jedoch nicht, einfach die erste Aktion in der Reihe zu nehmen. Wollt ihr die zweite Aktion in der Reihe wählen, müsst ihr auf das erste Plättchen eine Muschel legen. Ihr könnt sogar in der Reihe der Aktionstafeln nach ganz hinten wandern. Auf jede ausgelassene Tafel müsst ihr eine Muschel platzieren. Die so ausgelegten Muscheln kommen später wieder ins Spiel zurück. Wählt ihr eine Aktionstafel, auf der sich schon ein oder auch mehrere Muscheln befinden, dürft ihr sie in euren Vorrat nehmen. So entsteht ein schöner Geldkreislauf unter den Steinzeitvölkern.

Das Recht des Stärkeren

Im Spielverlauf wird unweigerlich irgendwann er Zeitpunkt kommen, an dem sich ein Stammesführer für eine der ins Spiel gekommenen Ereignistafeln entscheiden will oder muss. Dies ist häufig die Stelle im Spiel, an der die eben erwähnte Stärke eines Volks zum Tragen kommt. Durch diese Ereignisse erhaltet ihr manchmal eine Strafe, wenn ihr das schwächste Volk stellt. Manchmal werden auch Belohnungen für das stärkste aller Völker ausgeschüttet. Ihr solltet die eigene Stärke also vielleicht nicht ganz vernachlässigen, sonst seid ihr den Ereignissen hilflos ausgeliefert.

Über die Ereignisse wird auch das Ende des Spiels eingeleitet. Je nach Zahl der Mitspieler muss eine bestimmte Anzahl von Ereignissen der letzten Epoche ausgelöst werden, um das Spiel zu beenden. Dann folgt auch schon die letzte Abrechnung. Siegpunkte gibt es für Fortschritte in den vier Kategorien Nachwuchs, Erkunden, Bewegung und Stärke. Weiterhin wird der Stammesführer belohnt, der die meisten Stammesmitglieder eingesetzt und die meisten Landschaftsfelder erkundet hat. Zum Schluss addiert ihr einfach noch die Zahl eurer gesammelten Bärenzähne hinzu, um den Sieger des Spiels zu ermitteln.

Für eine Partie benötigt ihr in der Regel nicht viel länger als 45 Minuten. Tribes ist für zwei bis vier Spieler an zehn Jahren geeignet. Das Spiel ist über den Kosmos-Verlag erschienen und kostet zwischen 25€ und 30€.

Zivilisationsspiel mit kurzer Spieldauer
einfaches Regelwerk
Thema stimmig umgesetzt
geschichtliche Zusatzinfos im Regelheft
gutes Spielmaterial
recht hoher Glücksfaktor
weniger Spieltiefe als andere Genrevertreter

Sebastian Hamers

Natürlich kann der vorliegende Titel in Sachen Komplexität und Umfang nicht mit Civilization & Co. mithalten. Dennoch bietet Tribes erstaunlich viel davon, was wir an Zivilisationsspiele lieben. Ihr könnt den Fortschritt euers Volkes vorantreiben, was diesem ein progressives Wachstum beschert und die eigenen Möglichkeiten so immer weiter erhöht. Ebenso finden die Aspekte der Erkundung und der Besiedlung im Spiel Berücksichtigung. Bevor das Steinzeitvolk so richtig in Fahrt gerät ist das Spiel dann aber auch schon wieder vorbei. Nach Abschluss der Bronzezeit ist Schluss. Bis dahin weiß Tribes aber gut zu unterhalten, selbst wenn es nicht richtig in die Tiefe geht. Der Glücksfaktor im Spiel ist ebenso nicht zu unterschätzen. Wenn ihr Pech beim Ziehen der neuen Landschaftsplättchen habt, wird es euch als Stammeshäuptling schwerfallen, das Volk zu neuen Ufern zu führen. Dafür ist Tribes sehr zugänglich und stellt auch eher unerfahrene Spieler vor keine allzu großen Hürden. Die zufälligen Ereignisse, die regelmäßig eingestreut werden, bringen zusätzlichen Schwung ins Spiel. Gut gefallen hat mir auch der Auswahlmechanismus der Aktionstafeln. Durch die Ansammlung von Muscheln auf einer Tafel, ist man vielleicht sogar gewillt, eine nicht ganz so gut passende Aktion oder ein Ereignis zu wählen. So ist auch gewährleistet, dass die Ereignisse nicht eine halbe Ewigkeit in der Auswahl verbleiben, sondern auch tatsächlich zum Tragen kommen. Tribes ist ein einfaches Zivilisationsspiel, das sich sehr flüssig spielt, dadurch aber – im Vergleich zu anderen Genrevertretern – an Spieltiefe einbüßt.
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