Test: Tsukuyumi – Full Moon Down

In den 80er und 90er Jahren war Risiko ein Riesenhit und galt in Jugendzimmern als das Strategiespiel schlechthin. Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Heute lässt sich der Klassiker nur noch durch die rosarote Brille der Nostalgie genießen. In Sachen Komplexität und Spieltiefe haben viele andere Strategiespiele Risiko längst den Rang abgelaufen. Als Geheimtipp in der Brettspielszene konnte in diesem Jahr der Strategiebrocken Tsukuyumi: Full Moon Down auf sich aufmerksam machen. Was als ambitioniertes Kickstarter-Projekt begonnen hatte, mündete in diesem Herbst in einer Fassung für den regulären Handel.

Die Hintergrundgeschichte von Tsukuyumi führt euch in ein ungewöhnliches Szenario. Der Mond ist auf die Erde gestürzt. Sein Aufprall deckte dabei auf, was seit Äonen verschlossen blieb. Innerhalb des Mondgesteins verbarg sich der weiße Drache Tsukuyumi, der vor etlichen Jahrtausenden von seinen Geschwistern in den Mond verbannt wurde. Jetzt ist er zurück und sinnt auf Rache. Die Drachenerscheinung hat das Antlitz der Erde verändert.

Die neue Erde

Die Kontinente wurden verschoben und der Pazifische Ozean ist zu einem kleinen Rinnsal verkümmert. Die Menschheit ist von der Oberfläche der Erde nahezu verschwunden. Dafür haben sich andere Lebewesen gebildet. Es gibt mutierte Wesen oder seltsame Hybriden aus Mensch und Maschine, die auf der Erde ebenfalls ums Überleben kämpfen. Alle Fraktionen kämpfen nicht nur gegeneinander, sondern auch gegen die Armeen des Drachen. Es entsteht ein unerbittlicher Kampf um die Vorherrschaft auf dem Planeten.

Dem Spiel liegen gleich fünf verschiedene Fraktionen bei, die von euch als Spieler kontrolliert werden können. Zusätzlich gibt es noch die Armee der Oni, welche die Streitkräfte der Finsternis darstellen und im Spiel eine neutrale Position einnehmen. Die Oni werden dabei abwechselnd von den Spielern selbst gesteuert. Gleichzeitig versucht ihr aber natürlich auch eure eigenen Militäreinheiten in eine günstige Ausgangslage zu bringen.

Modularer Spielbaufbau

Die grundverschiedenen Armeen der einzelnen Fraktionen sorgen allein schon für eine ziemliche Materialschlacht. Jede Fraktion verfügt über ein individuelles Set, das in erster Linie aus militärischen Einheiten besteht, dazu aber noch durch Spezialkarten oder Zusatzmarker ergänzt wird. Damit ihr einen Überblick über eure Möglichkeiten bewahrt, verfügt jeder Spieler über ein Fraktionstableau mit allen wichtigen Informationen. Hier seht ihr gleich eine der ganz großen Stärken von Tuskuyumi: Full Moon Down. Die Armeen unterscheiden sich nicht lediglich durch ihre Farbe und vielleicht ein paar Sonderfähigkeiten, sie spielen sich wirklich völlig unterschiedlich. Ein Wechsel der Fraktion führt so gleich zu einem vollkommen anderen Spielerlebnis.

Ebenso abwechslungsreich könnt ihr das Spielfeld gestalten. Die Erdoberfläche könnt ihr ganz nach eurem Belieben aus einzelnen Teilen zusammenstecken. Jedes Feld stellt ein bestimmtes Terrain dar, das Einfluss auf den weiteren Spielverlauf hat. Ein Gebirgsfeld ist beispielsweise schwerer einzunehmen als andere Territorien. Die verteidigende Armee erhält einen Bonus auf den Kampfwert. Im Zentrum des Spielfelds steht jedoch immer der herabgefallene Mond, der gleich aus mehreren Spielfeldern besteht. Aus den Mondfeldern können jederzeit neue Oni-Wesen herauskrabbeln. Sie sind damit praktisch ein Quell des Bösen.

Strukturierter Spielablauf

Tsukuyumi folgt einer klaren und einfachen Struktur, die sich in jeder Runde wiederholt. Ausgangspunkt einer Runde ist die Aktionskarte, die jeder Spieler zu Beginn einer jeden Runde wählt. Aktionskarten sind nicht fraktionsspezifisch gestaltet, sondern werden bei Spielbeginn zufällig verteilt. Nachdem jeder Spieler eine Karte gewählt hat, werden die verbleibenden Karten in der nächsten Runde an den nächsten Spieler weitergereicht.

Jede Aktionskarte zeigt vier Phasen an, die alle im Verlauf der Runde durchgeführt werden. Zunächst wird die weiße Phase durchlaufen, die in jeder Runde und bei allen Spielern gleich ist. Hier könnt ihr etwa Ereigniskarten erwerben und ausspielen, die euch einen besonderen Effekt gewähren. Weiterhin lassen sich in der weißen Phase auch Einheiten produzieren, bewegen oder ein erster Angriff durchführen. In jeder weißen Phase dürft ihr zwei der aufgelisteten Aktionen durchführen.

Angriff der Oni-Krieger

Die übrigen Phasen variieren je nach gewählter Aktionskarte. Zunächst geht es über in die blaue Phase. Sie dient der Vorbereitung eures nächsten Raubzugs. Hier kann es weitere Ereigniskarten geben, das Startspielerrecht kann neu vergeben werden oder es lässt sich möglicherweise der Fraktionseffekt nutzen. Letzterer hängt natürlich von der gewählten Fraktion ab und stellt das unterschiedliche Potential der einzelnen Gruppen sehr schön dar. Eher seltener könnt ihr in der blauen Phase Angriffe durchführen oder Einheiten produzieren.

Letzteres findet vorrangig in der grünen Phase statt, die nun folgt. Oft erhaltet ihr hier Produktionspunkte, die ihr jetzt für neue Einheiten ausgeben dürft. Einige Armeen lassen sich auch upgraden. Mit der verbesserten Ausrüstung verursachen sie mehr Schaden, erhalten mehr Lebenspunkte oder bekommen ein anderes nettes Gimmick verpasst. In der grünen Phase werden zumeist auch die Oni-Krieger geweckt.

Als aktiver Spieler übernehmt ihr jetzt die Kontrolle über die Mächte der Finsternis. Häufig dürft ihr nun neue Oni-Einheiten produzieren und sie an bestimmten Stellen auf dem Spielbrett einsetzen. Dazu zählen beispielsweise die eingangs schon erwähnten Felder auf dem herabgefallenen Mond. Auch einen Angriff mit den Oni könnt ihr häufig durchführen und so etwas Schaden bei euren Mitspielern anrichten.

Die Integration einer neutralen Macht, die immer wieder von anderen Spielern kontrolliert wird, stellt einen besonderen Reiz im Spiel dar. Jeder Spieler bekommt die Möglichkeit von der Kraft der Oni zu profitieren, muss jedoch auch gleichzeitig die Mehrung ihrer Macht fürchten. So ist der Ausbau der Oni-Mächte auch immer ein Spiel mit dem Feuer.

Eroberung der Erde

In der roten und auch letzten Phase einer Runde geht es dann in den Kampf. Hier könnt ihr mit den eigenen Armeen in die Schlacht eingreifen. Häufig dürft ihr in der roten Phase noch Armeen bewegen und zusätzlich einen oder mehrere Angriffe durchführen. Erlaubt euch die Aktionskarte die Durchführung eines Angriffs, so wählt ihr nun eine eurer Kampfkarten aus. Die Kampfkarten sind wiederum speziell auf die einzelnen Fraktionen zugeschneidert. Die einzelnen Fraktionen verfügen über eigene Karten mit eigenen Möglichkeiten, auch wenn es in diesem Bereich einige Überschneidungen gibt.

Bei einem Angriff wird prinzipiell zwischen zwei verschiedenen Optionen unterschieden: Eroberung und Vernichtung. Beide Varianten lassen sich überraschend einfach abwickeln. Um eine Region zu erobern, müsst ihr mit euren Armeen lediglich einen mindestens gleich hohen Eroberungswert aufweisen wie der Gegner. Ist dies der Fall, so dürft ihr einen eigenen Hoheitsmarker in das Gebiet liegen. Diese Region gehört ab sofort euch. Einheiten werden bei der Eroberung in der Regel nicht zerstört. Dafür dient die zweite Option der Vernichtung.

Schnelle Abwicklung der Gefechte

Wenn ihr feindliche Einheiten angreift, wird der Angriffswert der eigenen Einheiten relevant. Als Gegenwert dienen nun die Lebenspunkte der Verteidiger. Der Gesamtschaden wird unter den Einheiten der Verteidiger verteilt. Etwaige vernichtete Einheiten werden vom Spielfeld genommen. Der Verteidiger darf im Anschluss jedoch noch einen Konter fahren. Die verfügbaren Kontermöglichkeiten befinden sich direkt auf der Kampfkarte.

Auch hier gestalten sich die Möglichkeiten für den Verteidiger wieder ziemlich individuell. Je nach aktiver Kampfkarte, stehen andere Konteroptionen zur Verfügung. Ein typischer Konter ist etwa der Gegenschlag, bei dem der Verteidiger mit seinen Einheiten ebenfalls Schaden beim Angreifer verteilen darf. Oft besteht auch die Möglichkeit des Rückzugs, überlebende Einheiten können so in Sicherheit gebracht werden.

Durch dieses einfache Prinzip werden euch epische Würfelorgien erspart. Zudem sind alle Abläufe transparent gestaltet. Sämtliche Werte und Karten sind einsehbar, ihr wisst also immer schon welche Konsequenzen eine Aktion nach sich ziehen könnte. Der Glücksfaktor wird so recht gering gehalten. Strategische Überlegungen sind in Tsukuyumi allemal mehr wert als ein glückliches Händchen.

Mission completed

Tsukuyumi wird über vier Runden gespielt. Das hört sich erstmal nach einer kompakten Spieldauer an. Doch da in jeder Runde immer vier Phasen durchlaufen werden, dauert eine Partie schnell mal drei Stunden. Nein, Tsukuyumi ist in keiner Weise ein Leichtgewicht. Am Spielende gewinnt der Spieler mit den meisten Siegpunkten, die über verschiedene Wege zu gewinnen sind.

Die wenigsten Siegpunkte werden sofort während der laufenden Partie gewonnen. Einen Siegpunkt bekommt ihr etwa, wenn ihr am Rundenende den Mittelteil des Monds kontrolliert. Weitere Punkte können durch das Erfüllen einer Mission erzielt werden. Hier, wie an so vielen anderen Stellen im Spiel, gilt: Individualität ist Trumpf! Jede Fraktion bringt eigene Missionsziele mit ins Spiel. Jedes Missionsziel kann jedoch auch von anderen Fraktionen erfüllt und mit Siegpunkten belohnt werden.

Jede Fraktion verfügt aber zusätzlich noch über ein Fraktionsziel, das nur ihnen selbst offensteht. Es lohnt sich auf jeden Fall, die Ziele immer im Auge zu behalten und daraufhin zu spielen. Mögliche Ziele könnten etwa darin bestehen, eine bestimmte Anzahl von Oni-Krieger auszuschalten oder aber bestimmte Territorien zu erobern. Einen großen Teil der Punkte gibt es allerdings erst am Spielende. Jetzt werden Punkte für die Kontrolle über einzelne Gebiete verteilt und Besonderheiten berücksichtigt, die ihr auf eurer Fraktionsübersicht findet.

Tsukuyumi ist ein anspruchsvolles Strategie-Epos für drei bis fünf Spieler ab zwölf Jahren. Aufgrund des umfangreichen Materials ist es leider nicht ganz billig und kostet rund 70€. Das Spiel ist über Asmodee erschienen und sollte mittlerweile flächendeckend im Handel eingetroffen sein.

Fraktionen spielen sich sehr unterschiedlich
neutrale Macht wird von allen Spielern gesteuert
geringer Glücksfaktor
modularer Spielaufbau
einfache Durchführung der Kämpfe
kommt ohne epische Würfelorgien aus
sehr hoher Wiederspielreiz
beiliegender Comic erzählt die Geschichte
Figurenständer etwas eng: Beschädigungsgefahr
kein Modus für zwei Spieler

Sebastian Hamers

Tsukuyumi: Full Moon Down ist ein strategisches Schwergewicht. Der Glücksfaktor wurde sehr gering gehalten, da alle Abläufe transparent sind. Alle Spieler müssen ihre Aktionen praktisch mit heruntergelassenen Hosen durchführen. Kleine Zufallseffekte sind aber trotzdem vorhanden, etwa wenn neue Ereigniskarten gezogen werden müssen. Die Regeln lesen sich dabei zunächst gar nicht mal so schwierig. Der Teufel steckt wie so oft im Detail. Viele Kleinigkeiten und Finessen lernt ihr erst mit etwas Erfahrung kennen. Die Grundregeln sind zwar vergleichsweise einfach gehalten, jedoch sind es die Fähigkeiten der einzelnen Fraktionen, die das Spiel komplexer machen. Dies ist aber natürlich auch so gewollt und trägt einen großen Teil zum Spielspaß bei. Jede Fraktion birgt völlig andere Möglichkeiten, sodass ihr auch nach vielen Partien immer noch Elemente wiederfinden werdet, denen ihr zuvor kaum Beachtung geschenkt habt. Bei so viel Individualität der Fraktionen stellt sich natürlich auch die Frage nach dem Balancing. Doch offenbar haben die Autoren genügend Zeit in das Playtesting investiert. Eine überpowerte Fraktion ist uns beim Spielen nicht negativ ins Auge gefallen. Unterschiede gibt es allerdings hinsichtlich der Komplexität der Gruppen. Die Mensch-Maschinen der Cybersamurai spielen sich beispielsweise doch ein ganzes Stück schwerer als etwa die Nomaden. Einen großen Faktor stellt zudem auch noch die neutrale Macht der Oni dar. Hier darf jeder Spieler regelmäßig die Kontrolle über die bösen Mächte übernehmen, was natürlich nochmal einen ganz besonderen Reiz hat. Freunde von anspruchsvollen Strategiespielen, die sich auch gerne ganz tief in die Feinheiten eines Spiels einfuchsen wollen, finden in Tsukuyumi: Full Moon Down ein ganz besonderes Highlight des Jahres 2018!
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