Test: Valhal

Manche Themen sind sowohl weder im Film-, noch im Video- oder gar im Brettspielbereich totzukriegen. Wikinger etwa sind immer wieder im Mittelpunkt unserer liebsten Hobbys. Das  Gebaren der Nordmänner strahlt auch im Jahr 2018 eine große Faszination aus. Ganz ähnlich geht es da offenbar auch den deutschen Brettspiel-Autoren Martin Otzmann und Mario Arthur, die sich in ihrem Spiel Valhal mit den Wikingern und ihrem Mythos sehr detailliert beschäftigt haben. Valhal entführt euch in eine raue, aber zugleich auch faszinierende Welt und veranschaulicht, mit welchen Problemen sich die Wikinger herumschlagen mussten.

Das Leben der Nordmänner ist, jedenfalls im Universum von Valhal, wirklich kein Zuckerschlecken. Das Land, das die Wikinger zu bewirtschaften versuchen, ist nicht sonderlich ertragreich. Rohstoffe sind eigentlich durchgehend Mangelware. Besonders in der langen Winterzeit herrscht da in der Speisekammer der Wikinger regelmäßig Ebbe. Was bleibt einem da als echter Nordmann also übrig? Richtig, er sucht sich ein Opfer und geht Plündern. Das verspricht nicht nur Wohlstand, sondern auch Ruhm und nicht zuletzt auch die Gunst der Götter.

Reges Treiben in der Wikingersiedlung

Die Gunst der Götter und letztlich die Aufnahme in Valhal ist auch euer Spielziel. Bis dahin ist es jedoch ein langer und steiniger Weg. Dieser beginnt zunächst in eurer kleinen Wikingersiedlung. Jeder Spieler erhält ein Tableau, auf dem das eigene Dorf verwaltet wird. Hier könnt ihr im Spielverlauf einige Gebäude errichten, die euch das Leben etwas leichter machen. Der Aufbau des Dorfes ist jedoch kein Selbstläufer und wird etliche Spielrunden in Anspruch nehmen.

Ein wesentliches Problem der Wikinger ist die Beschaffung von Nahrung, die sich nicht einfach so herstellen lässt. Zwar spendieren euch einige Ereignisse ein paar Nahrungsvorräte, doch im Wesentlichen seid ihr auf die Beute eurer Plünderungen angewiesen. In jeder Jahreszeit müsst ihr eure Krieger mit Nahrung versorgen. Ansonsten steht das Dorfleben erst einmal weitgehend still. An das Bauen von Gebäuden ist jedenfalls nicht zu denken, schließlich ist jeder Wikinger vollauf mit der Nahrungssuche beschäftigt. Wollt ihr also den Ausbau im Dorf vorantreiben, solltet ihr besser ein wenig Futter für eure Mannen bereithalten.

Ressourcenmanagement für Wikinger

Das nötige Kleingeld benötigt ihr für das Errichten von Gebäuden natürlich auch noch. Genügend Kohle und Nahrung vorausgesetzt, entsteht aus dem Dörfchen schon bald eine kleine Stadt. Eine weitere Ressource braucht es aber noch: Zeit. Die Gebäude ploppen nach dem Bezahlen nicht einfach so in eurem Dorf auf, es braucht drei oder sogar vier Runden, bis sie einsatzbereit sind. In jeder Runde dürft ihr natürlich wieder Gold und Nahrung einwerfen, um den Aufbau des Gebäudes weiter voranzutreiben. Gehen euch während des Baus also mal die Ressourcen aus, habt ihr Pech gehabt. Jetzt habt ihr erstmal ein paar nutzlose Baustellen auf eurem Dorfplatz stehen.

Glücklicherweise helfen notfalls auch ein paar Opfergaben in Form von Eisen oder Holz. Diese Ressourcen lassen sich ebenfalls einsetzen, um ein Gebäude entstehen zu lassen. Zum Leidwesen der Wikinger wachsen auch diese Opfergaben nicht auf den Bäumen, sondern müssen – ganz genau – geplündert werden. Man kann es also drehen und wenden wie man will, als pazifistischer Wikinger gewinnt ihr in Valhal keinen Blumentopf. Bereitet euch also schon einmal gut auf den Kampf vor.

Auf in die Schlacht

Wie es sich für einen ordentlichen Wikinger gehört, ist das Langboot das Kriegsvehikel seiner Wahl. Jedes Langboot kann zwei Wikinger-Einheiten aufnehmen. Um stärkere Dörfer, Städte und Festungen einzunehmen, braucht es also am besten gleich eine ganze Flotte von Langbooten. Bei Spielbeginn ist eure Kampfkraft noch stark begrenzt. Zum Glück liegen zunächst tatsächlich ein paar militärisch schwache Siedlungen in erreichbarer Nähe. Per einfachem Würfelwurf entscheidet ihr, welcher Wikingerstamm sich zuerst ein Opfer für den Angriff wählen kann.

Das Glück ist mit den Tüchtigen. Freut euch also, wenn ihr euer Ziel möglichst früh auswählen dürft, denn dies stellt im Spiel einen großen Vorteil dar. Gerade in der frühen Spielphase liegen oft einige Städte aus, die ihr mit euren Armeen unmöglich bezwingen könnt. Ein Angriff lohnt sich möglicherweise dennoch, da auch eine Niederlage in der Schlacht, euer Ansehen und somit euren Ruhm erhöht, der sich später in Göttergunst umwandeln lässt. Dennoch steht ihr am Ende der Runde nun mit fast leeren Händen da. Kein Gold, keine Nahrung, kein Holz, kein Eisen. Eure Bauvorhaben müssen wohl also vorerst ruhen, wenn ihr keine stillen Reserven angelegt habt.

Im Vergleich zu den erfolgreichen Mitspielern kommt ihr so nun möglicherweise ziemlich ins Hintertreffen. Nicht selten gleicht sich ein solcher Nachteil im Spielverlauf wieder aus, anfangs kann ein solcher Rückschlag aber schon frustrierend sein. Hier hilft es manchmal, wenn ihr eine Allianz mit einem Mitspieler eingeht. Sind die verfügbaren Angriffsziele zu stark, könnt ihr eure Kräfte bündeln und die Beute im Falle des Erfolges teilen. Wie ihr die geplünderten Ressourcen unter euch aufteilt, ist dann ganz Verhandlungssache.

Städte unter Belagerung

Die Kämpfe selbst werden recht einfach abgehandelt. Jede Kampfeinheit verfügt über eine bestimmte Anzahl von Würfeln sowie ein paar fixe Punkte, mit denen Schaden ausgeteilt wird. Ebenso sieht es bei den Verteidigern aus. Der Gesamtschaden von Angreifer und Verteidiger wird mit einander verrechnet. Die Differenz wird der unterlegenen Partei am Ende des Angriffs von den Lebenspunkten abgezogen.

Der Kampf wird dann solange fortgeführt, bis eine Seite die Segel streicht. Als angreifende Wikinger könnt ihr den Angriff auch vorzeitig abblasen, falls euch das Glück diesmal nicht besonders hold gewesen ist. So könnt ihr immerhin größere Verluste vermeiden. Um den Glücksfaktor etwas zu reduzieren, weisen die sechsseitigen Würfel lediglich Werte zwischen einem und drei Punkten auf. Im Angriff könnt ihr so ein wenig besser eure Siegchancen kalkulieren.

Kriegsbeute gezielt einsetzen

Mit der Beute im Gepäck geht es dann wieder zurück ins Dorf. Die neu gewonnenen Ressourcen könnt ihr nun wieder zu euren Gunsten reinvestieren. Besonders wertvoll sind Goldstücke, die in Valhal als eine Art Joker fungieren. Ihr könnt sie nicht nur einsetzen, um eure Gebäude auszubauen, sondern dienen notfalls sogar als Nahrungsersatz. Offenbar habt ihr als Wikingerhäuptling noch eine gute Quelle, bei der ihr Gold gegen Nahrung eintauschen könnt. Eisen und Holz hingegen sind mehr zweckgebunden und können benutzt werden, um bestimmt Gebäudetypen auszubauen oder um Einheiten zu produzieren.

Erst wenn ihr bestimmte Gebäude errichtet habt, stehen euch zusätzliche Optionen zur Verfügung. Mit Hilfe einer einsatzbereiten Schmiede dürft ihr etwa besonders gut ausgerüstete Streitkräfte entwickeln. Verfügt das Dorf über eine Trockenkammer, lassen sich andere Gebäude oder auch neue Langboote etwas schneller errichten. Sehr hilfreich ist auch ein Vorratslager, das euch im Winter hilft, eure Mannen mit Nahrung zu versorgen. So entsteht eine sehr schöne Verzahnung verschiedener Spieleelemente.

Die Gunst der Götter

Mit Goldstücken könnt ihr zudem den Göttern huldigen. Auf Kosten eines Goldstücks dürft ihr eine Götterkarte ziehen. Diese erzählt nicht nur eine wirklich sehr atmosphärische Geschichte, sondern bietet euch oftmals auch ein paar ganz konkrete Vorteile. Mal springt etwas Nahrung für euch heraus, mal ist es etwas Holz oder Eisen. Ihr solltet euch nur nicht zu sehr auf das Wohlwollen der Götter verlassen. Hin und wieder zeigen sie sich auch schlecht gelaunt und reagieren vielleicht nicht so wie erhofft.

Aggressive Spieler können die Götter sogar mit Goldstücken füttern, um gegnerischen Wikingervölkern einzuheizen. In Valhal gibt es sowohl positive als auch negative Götterkarten. Wenn ihr den scheinbar schon sicheren Sieg eines Rivalen verhindern möchtet, kann es sich möglicherweise lohnen den Göttern etwas Gold zu opfern, um den Gegner in seinem Fortkommen zu behindern.

Es ist letztlich auch die Gunst der Götter, nach der ihr strebt. Gunstpunkte erhaltet ihr im Spiel auf unterschiedliche Art. Einen großen Teil der Punkte könnt ihr über Beutezüge erringen. Gerade die großen Schätze der starken Städte und Festungen bringen euch häufig die Gunst der Götter ein. Es gibt aber auch ein paar Meilensteine, die ebenfalls mit Gunstpunkten belohnt werden. Schnelligkeit zahlt sich hier aus. Gunst gibt es etwa, wenn ihr zuerst drei Langboote produziert oder alle Gebäude fertiggestellt habt.

Bevor ihr, oder zumindest einer von euch, in Valhal einziehen kann, dauert es aber eine ganze Weile. Je nach Zahl der Spieler braucht ihr für eine Partie zwischen 90 und 120 Minuten. Geeignet ist Valhal für zwei bis vier Spieler ab zehn Jahren. Da es sich bei Tetrahedron Games um einen kleinen Verlag handelt, ist Valhal im stationären Handel nicht ganz so einfach zu bekommen. Bei Interesse könnt ihr das Spiel auf der offiziellen Website des Verlags für rund 45€ bestellen.

stimmungsvolle Grafik
beinhaltet viele kleine Geschichten
interessanter Aufbau-Anteil
nicht ganz fehlerfreies Spielmaterial
sorgt manchmal für Frustmomente
einfaches Kampfsystem

Sebastian Hamers

Valhal ist nicht das glatt polierte Brettspiel für eine möglichst breite Zielgruppe. Es ist vielmehr etwas rau und ungeschliffen wie die Wikinger selbst. Dieses Spiel kann einige frustrierende Momente mit sich bringen, gerade wenn man zu Beginn nicht gut aus den Startlöchern kommt. Mit etwas Pech wird das Projekt Dorfentwicklung zwangsläufig auf die lange Bank geschoben. Ohne erfolgreiche Plünderungen ist das Leben als Wikinger eben ziemlich hart. Werden die ersten Hürden überwunden, wird aus Valhal ein interessantes Aufbauspiel. Kommen die ersten Ressourcen rein, entwickelt sich auch das Dorf rasch in eine gute Richtung. Der Aufbau neuer Gebäude hilft dann auch oft bei der weiteren Planung und Fortentwicklung. Der kämpferische Aspekt ist ein zentrales Element von Valhal, ohne Kämpfe kommt ihr im Spiel nicht voran. Der Kampfablauf selbst wurde sehr einfach gehalten. Wenn ihr auf komplexe Kampfmechaniken steht, kommt ihr in Valhal etwas zu kurz. Deutlich mehr Spaß gemacht hat mir dafür der Aufbau-Anteil des Spiels. Es ist eine Freude zu sehen, wie das Wikinger-Dorf wächst und gedeiht. Durch das zeitverzögerte Errichten von Gebäuden steigt die Freude auf die Fertigstellung und die damit verbundenen Vorteile. Es ist ein gutes Gefühl, mit einem frisch erstellten Gebäude in die neue Runde zu gehen. Bonuspunkte sammelt Valhal auch für die stimmungsvollen Illustrationen und die schönen Kartentexte, mit denen immer wieder kleine Geschichten erzählt werden. Ein paar Abstriche müsst ihr hingegen beim Spielmaterial machen. Hier gibt es viele kleine Schönheitsfehler: in den Texten befinden sich einige Rechtschreibfehler, die Aufdrucke auf den Würfeln sind nicht ganz mittig, mal fehlt gar eine kleine Ecke an den Würfeln und auch der Druck der Karten scheint nicht ganz astrein zu sein. Das Spiel selbst wird durch die Fehler nicht beeinflusst, es sieht nur eben nicht so wertig aus. Wenn ihr über diese Fehler beim Material und ein paar nicht immer ganz geschmeidige Spielmechaniken hinwegsehen könnt, erhaltet ihr ein stimmungsvolles Wikingerspiel für fortgeschrittene Spieler. Vielleicht erscheint ja eines Tages eine überarbeitete Auflage mit besserem Material und einem feingetunten Regelwerk. Mit etwas mehr Feinschliff würde Valhal dann sein ganzes Potenzial entfalten.
Test: Tetris: Effect Test: Battlefield V
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