Trials Rising: Auf zwei Rädern in die Sucht – Test

Trials Rising: Das spielerische Suchtmittel im Test – Bildquelle: Ubisoft

Seit fast 20 Jahren beweist die Trials Reihe, dass Games mit Motorrädern auch abseits von knallharten Simulationen funktionieren können und schiebt mit Trials Rising nun endlich ein neues Geschoss an die Startlinie. Wie üblich ist der Racing-Plattformer dabei alles andere als auf dem Boden geblieben und schickt euch nach dem Motto “Höher, schneller, bekloppter!” mit Vollgas über vertrackte Parkours, ohne dabei Rücksicht auf physikalische Gesetzmäßigkeiten zu nehmen. Wir haben die Herausforderung angenommen und den offiziell vierten Teil der Reihe unter Blut, Schweiß und Karpaltunnelsyndrom für euch getestet. Jetzt sind wir süchtig und treffen kaum noch die richtigen Tasten, so sehr juckt es uns in den Fingern, wieder aufs Bike zu steigen.

VLN DNK, TRLS RSNG!

Boden, ständig!

Fahrender Zug? Kein Problem! – Bildquelle: Ubisoft

Für alle, die noch nie ein Trials in der Hand hatten: Das Spielprinzip ist denkbar einfach. Als unverwüstlicher Motorradfahrer hetzt euch das Spiel über verrückte Strecken, die euch sowohl Geschick als auch Geschwindigkeit abverlangen. Mehr als drei simple Eingaben braucht es dabei nicht. Mit den Schultertasten gebt ihr Gas und betätigt die Bremse, um Hindernisse im Streckenverlauf gut dosiert zu überqueren. Über den linken Analogstick richtet ihr den Fahrer aus und verlagert sein Gewicht. Je schneller ihr die Ziellinie überquert, desto mehr Punkte sammelt ihr und werdet mit einer Bronze-, Silber- oder Gold-Medaille belohnt. Daran hat sich auch in Rising nichts geändert. Was in der Theorie also nach einem Titel ohne viel Schnickschnack und spielerische Feinheiten klingt, entpuppt sich recht schnell als Prototyp von “Easy to learn, hard to master”.

Während wir die ersten Strecken der Kampagne mit dem Finger auf dem Gas abschließen, stellt uns das Spiel im späteren Verlauf vor immer größere Herausforderungen. Bald reicht es nicht mehr, nur von Rampe zu Rampe zu springen und dabei möglichst viel Geschwindigkeit mitzunehmen. Stattdessen müssen wir an den richtigen Abschnitten bremsen, um an anderer Stelle das Optimum aus unserem Bike herauszuholen und Gold nach Hause zu holen. Auch wenn ihr jederzeit vom letzten Checkpoint neu ansetzen könnt, solltet ihr Crashes allerdings vermeiden, denn jeder Reset kostet euch wertvolle Sekunden. Genau dieses ewige Scheitern, Herumprobieren und Perfektionieren macht den Reiz von Trials aus, auch wenn sich Im Vergleich zum Vorgänger kaum etwas am Spielkonzept geändert hat. Wer bislang nichts mit dem Arcade-Plattformer anfangen konnte, wird auch an Rising kaum Freude haben.

Auf zwei Rädern um die Welt

Mit Trials Rising in den Urlaub – Bildquelle: Ubisoft

Vielmehr setzen die Entwickler von Ubisoft RedLynx dort an, wo die Reihe in der Vergangenheit viel Potenzial verschenkt hat: Bei der Langzeitmotivation. Während der Kampagne stellt euch das Spiel nämlich immer neue Sponsoren vor, die mehr von euch wollen als einen schnöden Schrank voll Goldmedaillen. Neben den klassischen Time Trials kommt jede Strecke nun also mit zusätzlichen Herausforderungen daher, sogenannten Verträgen. Statt die Bestzeit zu jagen, sollt ihr hier eine bestimmte Anzahl von Front- und Backflips abfeuern, es ohne einen einzigen Fehler ins Ziel schaffen oder andere kreative Aufgaben erledigen. Als Belohnung warten Erfahrungspunkte und kosmetische Items auf euch, mit denen ihr nicht nur euren Fahrer frisiert, sondern auch eure Bikes – Eine sinnvolle Neuerung, die euch nicht nur viel mehr zu tun gibt, sondern auch jeden Winkel der perfekt ausbalancierten Strecken kennenlernen lässt.

Das ist auch bitte nötig, denn die Tracks in Trials Rising sind das unumstößliche Highlight des Spiels. Hier zeigt sich, wie viel Liebe in den neuen Teil geflossen ist, denn kein Parkour gleich dem anderen – sowohl optisch als auch spielerisch. Die Kampagne führt euch einmal über den Globus, mit Halt an ikonischen Orten des blauen Planeten. Die Reise beginnt in den USA, wo ihr mit Vollgas durch ein Filmstudio brettert und an einem irrwitzigen Set nach dem nächsten vorbeirauscht. Erst nutzt ihr ein explodierendes Stunt-Auto als provisorische Fahrbahn, dann brecht ihr durch eine Leinwand und werdet plötzlich von Aliens mit Laserkanonen beschossen. Eine beeindruckende Leistung der Entwickler, die Hintergrund und Streckenlayout perfekt miteinander kombinieren. Gelegentlich erwarten euch ein paar sehr dunkle Ecken, in denen ihr kurz euer Bike aus den Augen verliert, in der Regel gelingt der Spagat zwischen Übersicht und Effektgewitter aber hervorragend.

Trials Rising: Not even once!

Trials Rising: Symphonie des Scheiterns – Bildquelle: Ubisoft

Viele Freiheiten lässt euch das Spiel in puncto Fortschritt. Alles, was ihr in Trials Rising macht, gibt euch Erfahrungspunkte. Mit jedem Level-up schalten sich neue Strecken und Events in den Regionen der Welt frei, die ihr bereits entdeckt habt. Ein neuer Kontinent wartet immer dann auf euch, wenn ihr das große Stadion-Event einer Region für euch entscheidet. Das Gute: Diese speziellen Veranstaltungen, in denen ihr drei Strecken hintereinander für euch entscheiden müsst, sind ebenfalls an euer Level gekoppelt. Ihr habt also die freie Wahl, ob ihr eure Lieblingsstrecke bis zur Perfektion abfrühstückt oder lieber alle Rennen einer Region abschließt: Erfahrung und damit Spielfortschritt erhaltet ihr überall. Trotzdem empfehlen wir euch, jede der insgesamt 120 Strecken auszuprobieren, denn die Inszenierung der knackigen Herausforderungen, die selten mehr als zwei Minuten andauern, gehört zum Besten, was die Reihe zu bieten hat.

Rampen, Plattformen, Katapulte, Aufzüge und viel mehr: Der neueste Teil erweitert die völlig bekloppten Strecken der Vorgänger nicht nur um sinnvolle, sondern auch ungemein kreative Elemente. Ganz ehrlich: Wer wollte nicht schon immer mal die Pyramiden von Gizeh auf einem brennenden Vorderrad erklimmen oder die Chinesische Mauer im Affenzahn herunterbrettern, ohne einen Pfifferling auf Touristen zu geben? Der Schwierigkeitsgrad zieht dabei mit jedem Event an, welches ihr freischaltet.

Und das so lange, bis ihr Stunden damit verbringt, eine Strecke, die ihr eigentlich schon in und auswendig kennt, nur mit Frontflips zu absolvieren. Nicht, weil das nach drei Stunden noch besonders viel Spaß macht oder am Ende eine krasse Belohnung auf euch wartet. Nein! Letztlich geht es nur darum, sich selbst, dem Leaderboard und, vorne weg, dem verfluchten Spiel zu beweisen, dass man die Strecke schaffen kann. Oder anders formuliert: Bei Crystal Meth zahlt ihr für jeden Rausch – Trials Rising bittet nur ein Mal zur Kasse.

In 10 Lootboxen zum Evel Knievel Look

Evil Knievel wär stolz – Bildquelle: Ubisoft

Weitere Abwechslung entsteht aus kleinen Gimmicks, die ihren Weg ins Spiel geschafft haben. Allen voran die Skill Games. Dabei handelt es sich um spaßige Challenges, in denen ihr auf Punktejagd geht. Egal, ob ihr euren Fahrer wie in Pingu Throw von einer explosiven Tonne zur nächsten Hüpfen lasst oder vom Bike abspringt, um im freien Fall einen Basketball im Korb zu versenken: Die zehn Minispiele helfen enorm dabei, den weiterhin recht hohen Frustfaktor von Trials Rising im Zaum zu halten. Schade nur, dass ihr sie bis dato nicht im Multiplayer spielen könnt. Seid ihr stilbewusst unterwegs, gibt euch das Spiel darüber enorm viele Möglichkeiten der Individualisierung an die Hand. Aus Lootboxen, die ihr für jeden Stufenaufstieg erhaltet oder per Soft bzw. Hard Currency kaufen könnt, erhaltet ihr eine ganze Palette verschiedener Items, mit denen ihr Fahrer und Bike euren Wünschen entsprechend anpassen könnt.

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2,5D in Reinkultur – Bildquelle: Ubisoft

Mit dabei sind Helme, Handschuhe, Reifen, Felgen, Scheinwerfer und andere Bauteile, die ihr anschließend einfärben oder mit bis zu 100 Schichten von Stickern verzieren könnt. Eurer kreativen Freiheit sind hier kaum Grenzen gesetzt. Zusätzlich dazu schaltet ihr im Spielverlauf Emotes frei, mit denen euer Fahrer jede Bestzeit abfeiern oder Niederlagen runterspielen kann. Besonders nervtötend: Spieler, die euch beim Abschluss einer Strecke rotzfrech den Allerwertesten vors Gesicht knallen und dabei hönisch grinsen- zumindest, bis ihr die Geste selbst freigeschaltet habt. Dann ist Payback angesagt! Angst vor Pay-to-win müsst ihr dabei nicht haben, denn ihr könnt lediglich kosmetische Items freischalten, die euch keinerlei spielerische Vorteile verschaffen. Einzige Ausnahme sind zwei zusätzliche Motorräder, für die ihr recht lang sparen müsst, wenn ihr sie mit Ingame-Währung freischalten wollt. Allerdings sind das eher Fun-Bikes als ernst zu nehmende Gamechanger.

Trials auch ohne Doktortitel?

Bleibt natürlich die Frage: Wie sieht es mit der Einsteigerfreundlichkeit von Trials Rising aus? Hier hat sich das Entwicklerteam die Kritik der Vorgänger sichtlich zu Herzen genommen. Bislang hat euch Trials immer ins kalte Wasser geschmissen, was die Mechaniken des Zweirad-Plattformers angeht. Skills wie den Bunny Hop mussten sich die Spieler selbst erarbeiten. Daran hat sich nun einiges geändert, denn mit der Trials University kommt eine Art Tutorial ins Spiel. Während der Kampagne lernt ihr neue Tricks immer genau dann, wenn ihr sie braucht.

Auf einem kleinen Parkour habt ihr unendlich viel Zeit, diese zu üben und könnt dabei jederzeit euren Lehrmeister zu Rate ziehen – entweder, indem ihr hilfreiche Tipps einblendet oder euch seine Tricks im Ghost-Mode direkt abschaut. So bleibt die Einstiegshürde für Casuals wunderbar gering, während das Skill-Potenzial für Trials Profis weiter in die Höhe schießt.

Dr. Editor – Bildquelle: Ubisoft

Die einzige Kritik, die wir derzeit noch an Trials Rising haben, liegt im Streckeneditor des Spiels. Super ist, dass ihr auch hier fast endlose kreative Freiheiten bekommt, denn die Entwickler stellen kurzerhand genau das Tool zur Verfügung, was sie auch selbst benutzt haben, um die Strecken der Kampagne zu bauen. Ihr könnt aus Bauelementen der letzten vier Trials Ableger wählen, mit denen ihr die verrücktesten Strecken erschafft. Von zufälligen Events über Lichtspektakeln bis hin zu Minispielen gibt euch der Editor alle Tools an die Hand, um ein Meister der Streckenkunst zu werden.

Allerdings braucht ihr dafür einen Doktortitel, denn das Programm ist enorm komplex und überladen. Ein Baukastensystem á la Trackmania sucht ihr hier vergeblich. Auch das Handling ist mehr als sperrig – zumindest auf der Konsole. Habt ihr dann allerdings euren ersten Parkour erschaffen, belohnt euch das Spiel gleich doppelt. Teilt ihr eure Kreation mit der Welt, erhaltet ihr nämlich Credits für jeden Download und jede positive Wertung.

Competition ist alles

Wer nicht gern teilt, dafür aber lieber austeilt, kommt natürlich auch im neuesten Trials wieder auf seine Kosten. Im Party-Modus tretet ihr lokal mit bis zu vier Spielern gegeneinander an, habt aktuell aber leider nur die Wahl aus 9 verschiedenen Strecken. Dafür gibt euch das Spiel die Option, freundschaftliche Wetten abzuschließen. Wer am Ende der Playlist auf dem letzten Platz liegt, muss sein Profilbild ändern, darf nur noch im Stehen spielen oder muss der versammelten Mannschaft eine Pizza spendieren – eine witzige Ergänzung, die man allerdings nicht allzu ernst nehmen sollte. Schließlich steht freundliche Competition auch in Trials Rising ganz oben.

Die zwei Säulen von Trials: Geschwindigkeit und Geschick – Bildquelle: Ubisoft

Zu diesem Zweck werden euch, wenn ihr über eine Internetverbindung spielt, Geister von anderen Spielern angezeigt, die euch anspornen, es wieder und wieder zu versuchen. Aber ihr könnt auch direkt im Online-Multiplayer gegen bis zu 7 Gegner antreten – das allerdings nur auf den Stadion-Strecken der Kampagne. Als kleines Gimmick packt RedLynx auch noch den sogenannten Tandem-Modus obendrauf, der perfekte Synergie mit eurem Beifahrer erfordert. Hier sitzt ihr zu zweit auf dem Bike und müsst alle Eingaben synchronisieren, um genauso erfolgreich zu sein wie allein – Ein Mordsspaß, der allerdings so einige Freundschaften zerstören könnte. Fazit: An Content, sowohl solo als auch gemeinsam, mangelt es Trials Rising bei Weitem nicht.

Mit Motörhead zur Goldmedaille

Trials Rising: So schön wie nie – Bildquelle: Ubisoft

In Sachen Präsentation macht Trials einiges richtig, war aber in der Vergangenheit schon nicht für seine glattpolierte Optik bekannt. Ein grafisches Wunderwerk dürft ihr nicht erwarten, aber zum Vorgänger von vor fünf Jahren hat sich einiges getan. Vor allem die Lichteffekte sind nun deutlich ausgeprägter, schicker und verleihen den Strecken damit wesentlich mehr Leben. Die Vielfalt der Landschaften ist enorm hoch und abgesehen von einigen verwaschenen Texturen macht die Engine einen guten Job, um die absurden Pisten in ein modernes, wenn auch nicht überwältigendes Licht zu tauchen. Wir haben Rising auf der PS4 Pro getestet und hatten abseits von ein paar winzigen Mini-Rucklern beim Laden der Strecke keinerlei Probleme mit der Performance. Die Competition läuft absolut flüssig, selbst bei Neustarts im Sekundentakt.

Der Sound hingegen gibt noch Anlass zum Schulterzucken. Die Motorengeräusche und Soundeffekte der Umgebungen hätten wir uns etwas präsenter gewünscht, denn nach einigen Stunden Spielzeit verkommen sie zum monotonen Hintergrundgeräusch. Der Soundtrack hingegen ist hervorragend abgestimmt und sorgt für das letzte Quäntchen Extra-Motivation. Altrocker wie Motörhead sind ebenso vertreten wie die Neu-Metaller von Inflames. Zwischenzeitlich ertönen aber auch treibende elektronische Synthie-Hymen – Ein guter Mix, der in kommenden Patches aber gern noch etwas ausgeweitet werden darf. Toll ist auch, dass die Songs über die Strecken hinaus im Ohr bleiben und nicht bei jedem Ladescreen ein neuer Titel anläuft.

Kaum Änderungen am Spielkonzept
Unvergessliches Design der Strecken
Perfekte Balance zwischen Optik und Layout der Strecken
Riesige Auswahl an Strecken
Viel Content dank Mehrfach-Nutzung der Strecken
Simples, aber extrem motivierendes Gameplay
Ausbalancierte Lernkurve
Viele Möglichkeiten der Individualisierung
Zeitgemäße Optik mit viel Liebe zum Detail
Einsteigerfreundlich dank Trials University
Kaum Änderungen am Spielkonzept
Streckeneditor zu sperrig und komplex
Frustfaktor kann in die Höhe schießen i

Christian Böttcher

Obwohl Trials Rising das wortwörtliche Rad nicht neu erfindet, verdient es sich doch die Goldmedaille der Reihe. Kein anderer Plattformer schafft es, seine simple Spielmechanik so gekonnt mit einer brutal steilen Lernkurve zu kombinieren wie das Meisterwerk auf zwei Rädern. Dabei bleibt die Langzeitmotivation nicht auf der Strecke, denn Steuerung und Physik greifen passgenau ineinander, sodass man gar keine andere Wahl hat als die Schuld am Versagen bei sich selbst zu suchen. Diese Symphonie des Scheiterns klingt nicht zuletzt deshalb so gut weil sich die Entwickler in puncto Streckendesign und Layout selbst übertroffen haben. Jeder globale Parkour ein diabolisches Kunstwerk, das sowohl Anfänger als auch Veteranen zielsicher am Rande der Frustgrenze balancieren lässt. Und trotzdem versucht man es wieder und wieder, denn die Sucht hat längst zugepackt und niemand, wirklich niemand gibt sich in Trials mit einer Silbermedaille zufrieden.
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