Tropico 6 im Test: Aufbausimulation mit Witz und Wonne

Ob Kolonialzeitalter, Weltkrieg, kalter Krieg oder Moderne – Die Tropicaner müssen immer von A nach B kommen.

Goldene Kokosnüsse, gestohlene Weltwunder, Oompa Lumpas im Zuckerparadies und eine wütende Meute. Das kann nur eines bedeuten: El Presidente ist wieder zurück. Auch in Tropico 6 weicht ihm sein Berater Penultimo nicht von der Seite und opfert sogar seinen loyalen Körper bei einem Attentat. Ob der sechste Teil mit seinen Vorgängern mithalten kann und ob sich eine Anschaffung lohnt, wollen wir jetzt für euch herausfinden.

Unreal – Ganz wie die Engine

Urlaub im Weltkrieg? Darauf verzichtet doch niemand. Es ist wieder an der Zeit, dass Tropico zum Reiseziel Nummer Eins wird. Erstmals versucht sich Limbic Entertainment an der Tropico-Reihe und bringt ganz nach Wunsch der Producer das Managementspiel dank Unreal Engine 4 auf vielen Plattformen gleichzeitig raus. Nachdem die letzten drei Teile von Haemimont Games entwickelt wurden, steht Tropico 6 nun vor der Frage, ob er sich durchsetzen und neuen Schwung in das altbewährte Spielprinzip bringen kann.

Zunächst gibt es keine Ladebildschirme zwischendurch, was ein reibungsloses Spielen und Strategiepläneschmieden möglich macht. Beim ersten Starten kann sich die Grafik sehen lassen. In der Spielwelt tut sich so einiges. Das Spannendste an Simulationen ist zu sehen, was all die Bewohner, Arbeiter, Touristen und Verbrecher auf den Straßen und im Alltag tun. Selbst El Presidente macht sich in seiner Freizeit von seinem Palast aus zur Stadt auf. Da alle Einwohner über Bedürfnisse verfügen, müssen sie die entsprechenden Dienstleistungen aufsuchen. Diese gilt es zu erfüllen, um die Gesamtzufriedenheit des Volkes hochzuhalten, was wiederum zu politischer Zustimmung von Seiten des Volkes bei euren Tätigkeiten als El Presidente führt. Kein Wunder, dass die Vielzahl an Animationen Tropico so lebendig machen.

Ein Clipping-Fehler: Der Transporter ragt durch die Brücke hindurch.

Trotz all der Lebendigkeit schleichen sich momentan dennoch einige Bugs in das Spiel. Unvollständig beschriebene Aufgaben oder Clipping-Fehler, um nur einige zu nennen. Sieht zum Glück schlimmer aus, als es ist, denn wenigstens bleibt kein Objekt stecken. Manches Mal hören wir Penultimo mit uns plötzlich auf Englisch sprechen, wobei wir dann ja noch ein Auge bzw. Ohr zudrücken können. Als wir allerdings eine Forderung der Umweltschützer annehmen und beim Klick darauf jedoch den Auftrag der Militaristen angezeigt bekommen, bildet sich aufgrund der unterschiedlichen politischen Konsequenzen schon die eine oder andere ärgerliche Denkfalte auf der Stirn.

Leicht, leichter, Tropico

Trotz allem ist der Einstieg in das Strategiespiel unproblematisch. Die einfache Steuerung macht den neuen Tropico-Teil auch für Neueinsteiger der Reihe überschaubar. Ob Vogelperspektive oder ganz nah dran am Geschehen und den Bürgern Tropicos ist euch selbst überlassen. Scrollt ihr an die Ränder des Bildschirms, kann es mit der Maus in den Ecken zu leichtem Rucken kommen, aber mit Pfeiltasten und WASD-Steuerung ist das Problem gelöst. Weiter hilft das Tutorial, welches alle Bausteine der karibischen Nation wie z.B. Wirtschaft, Bürger und Politik, Staatsführung usw. verständlich macht, damit wir als El Presidente unsere Macht auf den Inseln ausüben können.

Bevor wir uns in die erste Partie stürzen, müssen aber zunächst El Presidente und der Palast angepasst werden. Männlicher Mafiaboss im 70er-Look? Check. Lockenfrisur und schicke Brille? Check. Insgesamt stehen acht Merkmale neben den Gestaltungsoptionen zur Auswahl, aus denen ihr euren Diktator formen könnt. Beispielsweise gewährt euch das Merkmal 3D-Wunderkind eine fünfprozentige Erhöhung der Lagerkapazität aller Gebäude, der Ladekapazität aller Transporteure und Schiffe sowie der maximalen Passagierzahl von Flugzeugen und Touristenschiffen. Wer sich also besonders auf Tourismus und Handel spezialisieren will, erhält hierdurch Vorteile im Spiel.

Der Palast kann mit Hubschrauberlandeplatz ausgestattet werden, allerdings bringen diese keinerlei Funktionen im Spiel mit sich.

Während wir unseren Palast einrichten, Fahnenmasten aufstellen, eine neue Fassade auswählen, den Vorgarten und die Zufahrt gestalten, werden wir von beschwingter, lateinamerikanischer Trommelmusik begleitet. Der Soundtrack kann sich im gesamten Spiel hören lassen und macht Lust zum Mitschunkeln. Schließlich geht es dann auch los.

Von Zeitaltern und neuen Kampagnen

Eine der wichtigsten Neuerungen in Tropico 6 sind die Inselgruppen. Jede Mission hat andere Karten mit unterschiedlichen Inselarchipels. Diese besteht nicht mehr nur aus einem großen Eiland, sondern aus mehreren Inseln, zu denen wir mithilfe von Häfen und Anlegestellen fahren oder die wir per Brückenbau direkt an unser Verkehrsnetz anschließen können. Hier gilt es, geschickt den Rohstofftransport zu planen, um jede Insel beispielsweise an das Stromnetz anzuschließen.

Zudem gibt es vier Zeitalter, die aus dem fünften Teil der Reihe bekannt sind. Die erste Kampagne fokussiert sich auf das Kolonialzeitalter. Gleich beim ersten Auftrag gilt es, der britischen Krone die Unabhängigkeit zu erklären. Dabei steht uns nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung, allerdings können wir durch das Erfüllen von königlichen Aufträgen unsere Mandatszeit verlängern. In Wirklichkeit kooperieren wir aber mit Schmugglern und finanzieren unser Vorhaben mit Gold, welches wir in Kokosnüssen verstecken. Da hat sich das hessische Entwicklungsstudio für die Missionen wirklich so einiges Verrücktes ausgedacht.

Im Kolonialzeitalter können wir mit der Piratenbucht Beute wie z.B. Gold schmuggeln oder Weltwunder stehlen.

Zu den Personengruppen des Typs Jäger gehören Piraten, Kommandotruppen, Spione und Hacker. Je nach Zeitalter stehen euch diese zur Verfügung. Haben sie genug Raid-Punkte gesammelt, können sie Aufträge ausführen. Dabei verlassen sie Tropico für eine Weile und kehren erfolgreich von ihrer Mission zurück. Im besten Fall stehlen sie die Weltwunder aus der ganzen Welt. Jedes der natürlich auf legale Weise erworbenen Weltwunder hat individuelle Effekte. Angesichts der Umstände, dass die Weltwunder aber auch bestimmten Supermächten gehören, denen der Raub unverständlicherweise missfällt, könnte sich das auf eure Beziehungen auswirken.

Pro Spiel kann nur ein Wunder geraubt werden. Wird beispielsweise das Brandenburger Tor geraubt, verlieren die Bürger ihre fanatischen Ansichten, Touristen werden verstärkt angezogen und die Besucher haben keine Wohlstandsanforderungen. Bei Weltwunder-Missionen müssen zusätzlich spezielle Aufgaben erfüllt werden wie z.B. Rohstoffe, die ihr den Piraten zukommen lassen müsst. Da kann es durchaus vorkommen, dass ihr zwei Jahre abwarten müsst, bis die Piraten wieder in der Bucht auftauchen, nur weil sie abergläubisch sind und einen Zwischenstopp auf See machen mussten.

Freie Wahl in der Vergangenheit

Tropico 6 im Test: Aufbausimulation mit Witz und Wonne-Straßen-Gebäude

Mit Penultimo die glorreiche Vergangenheit von El Presidente erleben

Nach Wunsch könnt ihr Fortschrittsaufgaben erledigen, um das neue Zeitalter zu erreichen. So kann man selbst bestimmen, wie lange man in einem Zeitalter verbleiben möchte. Zeitalter führen neue Spielelemente ein, bringen weitere interne und externe Parteien in den Spielverlauf und schalten neue Gebäude und Regierungswerkzeuge frei, die bei der Entwicklung und Beherrschung von Tropico helfen. Nach den Weltkriegen muss die Verfassung festgelegt werden. Darin muss zu verschiedenen Themengebieten wie z.B. Ökologie eine Wahl getroffen werden, welchen Weg Tropico anstrebt. Legt ihr mehr Wert darauf, auf die Umwelt Acht zu geben oder lasst ihr lieber riesige und effiziente Schornsteine gen Himmel emporsteigen.

Insgesamt stehen 15 Missionen zur Auswahl, die ihr nach und nach freischaltet. Im Gegensatz zu Vorgängern gibt es aber keinen roten Faden mehr, der sich durch alle Kampagnen zieht, sondern ihr könnt euch eine beliebige Mission auswählen. Penultimo führt euch dann zurück in die Vergangenheit und schwelgt in den glorreichen Erinnerungen der Glanzzeit von El Presidente in seinem Amt als Diktator. Dabei wird jede Mission mit einem Kameraschwenker und synchronisierten Passagen mit dem altbekannten ulkigen Humor eingeleitet.

Trick or Treat – Wie würde El Presidente handeln?

Im Sandkasten-Modus kann in Ruhe für sich gespielt werden. Wählt aus 30 Karten aus und legt alle Startoptionen fest.

Unser loyaler Berater Penultimo steht uns auch in Tropico 6 zur Seite und hilft bei den alltäglichen Aufgaben. Sei es, um Wahlen zu manipulieren, sich den globalen Supermächten entgegenzustellen oder sich um die politischen Fraktionen im Inland zu kümmern. Die Supermächte unterstützen El Presidente oder stellen sich gegen ihn, beeinflussen jedoch nicht sein Volk. Mithilfe der Botschaft steht ihr in regem Austausch mit ihnen oder eben auch nicht. Am Ende soll jeder sich an eure Herrschaft erinnern, ob als gutwilliger Anführer oder machtgieriger Diktator. Hauptsache, ihr haltet die Kontrolle aufrecht.

Zusätzlich hilft euch der Broker, dass sich euer Schweizer Nummernkonto füllt. Wenn seine Anfragen nicht euren Vorhaben entsprechen, könnt ihr ihn auch getrost ablehnen, ohne dass es tragische Konsequenzen mit sich führt. Die Aufträge beinhalten etwa, dass ihr die Verordnung Atomwaffentests entlassen müsst, um eurem netten Nachbarn unter die Arme zu greifen. Schließlich ist auf eurem Archipel genug Platz für solcherlei Kleinigkeiten. Eine saftige Belohnung wartet ebenfalls auf euch. Mit dem Geld des Schweizer Nummernkontos könnt ihr von Zeit zu Zeit Leistungen auswählen. Auch dies geschieht nur freiwillig nach eurem Belieben und ist keine Pflicht.

Penultimo berät euch tatkräftig, dennoch zählt allein eure Entscheidung.

Durch die Forderungen kann es durchaus dazu kommen, dass ihr Gebäude doppelt bauen müsst. Infolgedessen kann es passieren, dass nicht drauf losgebaut, sondern lieber abgewartet wird, wie der nächste Auftrag aussehen könnte. Dies nimmt ein wenig den Spaß am eigenständigen Bauen. Ebenfalls nimmt die Entwicklungshilfe etwas von der Spannung, dass das Geld zur Neige gehen könnte. Die Supermacht mit den besten Beziehungen greift einem so nämlich unter die Arme.

Urlaub auf Tropico: Paradies oder Sündenfall

Ab dem Zeitalter des Kalten Krieges können Touristen anderer Länder das eigene Inselparadies besuchen. Dekorationsobjekte bessern die Schönheit der Umgebung auf, sodass viele der Gebäude für Touristen effizienter arbeiten. Für sie muss ebenfalls entweder ein Touristenhafen oder ein Flughafen extra eingerichtet werden, auf denen sie ihren Urlaub im Archipel beginnen können.

Touristen lieben Vielfalt und langweilen sich, wenn sie immer nur dieselben Attraktionen besuchen. Jeder Tourist gehört einem von verschiedenen Typen an, die bestimmte Unterkünfte oder Attraktionen bevorzugen. Das macht das Ganze abwechslungsreicher und komplexer. Touristen geben am Ende ihres Besuchs eine Bewertung ab, welche beeinflusst, ob die Zahl der Touristen zukünftig steigt. Auch die Politik hat Einfluss auf diese Bewertungen der Touristen, da einige Verordnungen und Verfassungsoptionen das Inselparadies attraktiver machen.

Doppelforderungen sorgen für die extra Prise Abwechslung und Bedenken.

Befindet ihr euch im Krieg, müsst ihr eher mit stagnierenden Touristenzahlen rechnen. Wer möchte nicht gerne in solch einem Land Urlaub machen? Habt ihr einmal zu wenig Touristenzahlen, kann das Cyber-Operationszentrum nachhelfen, indem es Hotelbewertungen im Internet manipuliert oder Technologien von anderen Fraktionen stiehlt.

Die verschiedenen Tourismus- und Unterhaltungsgebäude können anhand der Arbeitsmodi auf einen Touristentyp spezialisiert werden. Den Touristen kann ebenfalls in Unterhaltungsgebäuden mehr Geld aus der Tasche abgeknüpft werden als den Einheimischen – schließlich ist es ja nicht direkt aus der Tasche gestohlen. Im Almanach kann dafür der Touristenindex überprüft werden. Viele Statistiken verhelfen bei Entscheidungen des El Presidente und geben euch einen Überblick über die Entwicklung seiner Nation Tropico.

Transportbüros kümmern sich um den Großteil des Rohstofftransports. Ihr stellt Busse, Bahnen, U-Bahnen, Autos, Schiffe und Flugzeuge zur Verfügung und die Büros managen alles Weitere. Dabei könnt ihr selber aber nicht bestimmten, dass beispielsweise ein Teil des Eisens nur auf einer bestimmten Insel für die Autoherstellung zur Verfügung gestellt werden soll. Außerdem kann Industriegebäuden kein Arbeitsstopp verhangen werden.

Befindet ihr euch im Baumodus, blendet euch das Spiel ein Raster ein. Beim Bau von Minen wird bei einer Goldmine die Goldader auf der Insel angezeigt und Farmen sowie Plantagen haben nur in bestimmten Gebieten eine hohe Effizienz. Plant also gut, ansonsten steht ihr vor dem Problem des Platzmangels.

Spruch des Jahres auf Kanal Uno

Ihr habt die Kontrolle über eure Einwohner. Möchtet ihr sie töten oder festnehmen? Kein Problem.

Penultimo hat wie immer die passenden Sprüche auf Lager. Durch das Radio verkündet er die heißesten Neuigkeiten des Palasts. Manches Mal will er euch zum Verordnen von Atomwaffentests überreden und gesteht, dass man für schnelles Geld ja auch ein Auge in Sachen Gesundheit zudrücken kann. Außerdem bringt es die einheimischen Bewohner zum Strahlen und ihr erspart ihnen den Friseurbesuch. Oder gar Forderungen der Fraktionen, wo ihr Schmiergeld zahlen müsst, um herauszufinden, wie viel Schmiergeld ihr zahlen müsst. Dieser schwarze Humor bringt euch immer wieder ein Lächeln ins Gesicht.

Werdet in Tropico 6 zum König der Piraten oder verwandelt eure Inseln in ein Schokoladenparadies und findet das goldene Ticket, um Wonkmeisters Fabrik besuchen zu können. Hoffentlich steckt ihr keine Puppen in Brand. Versucht dabei die sechs Fraktionen auf dem Inselarchipel zufrieden zu stimmen und Rebellionen rechtzeitig zu verhindern. Nehmt ihr einen Verbrecherboss gefangen, wird sich seine Familie mit Sicherheit daran erinnern. Annotation: Mit ihnen ist nicht gut Kirschen essen. Oder schmuggelt heimlich Rum für den Broker, um euer Schweizer Nummernkonto aufzufüllen und lasst eure Verbündeten, die Alliierten, nichts davon mitbekommen. Viel Erfolg, ihr bestimmt den Ausgang der Geschichten.

Tropico 6 ist am 29. März 2019 für Windows, Mac, Linux sowie auf den Konsolen Xbox One und PlayStation 4 erschienen.

Vielzahl an Gebäuden dank verschiedener Zeitalter
15 bunt gemischte Missionen
30 Karten im Sandkasten-Modus
17 Weltwunder mit individuellen Effekten
Neuerungen wie die Inselgruppen fordern Ressourcenabbau und -transport heraus
schicke Grafik
deftiger schwarzer Humor wie keine andere Aufbausimulation
Schwächen der Vorgänger beibehalten
keine individuellen Produktionsstopps
Logistik nicht so flexibel
Aufgaben der Fraktionen wiederholen sich nach einiger Zeit
zu Beginn sind noch einige Bugs auffällig
Palast-Erweiterungen haben keine spielerische Funktion

Jennifer Konopka

Ihr seid leidenschaftlicher Endlos-Bauer? Dann ist Tropico 6 genau das richtige für euch. Er baut auf den bisher besten Teil der Serie Tropico 5 auf und hat einige Neuerungen mit an Bord. Für 49,99€ bei Steam und 59,99€ für die Konsolen erhalten Fans der Tropico-Aufbausimulation unglaubliche, abenteuerliche Missionen voller Witz und Irrsinn, die die Stunden nur dahin streichen lassen. Dank Unreal-Engine 4 kann sich die Simulation sehen lassen. Die Komplexität der Transport-, Touristik-, Wirtschafts- und Politiksysteme sorgen für jede Menge Herausforderungen. Dennoch gibt es kein so umfassendes Logistik- und Produktionssystem wie bei anderen Konkurrenten. Fortgeschrittene sollten bei den ersten Missionen vielleicht den schwierigen der drei Schwierigkeitsmodi in Erwägung ziehen. Dafür können auch Neulinge sich an den neuen Teil heranwagen und zusammen mit freakigen Touristen Schnappschüsse für das nächste Fotoalbum und Spritztouren um die Freiheitsstatue machen.
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