Brettspiele mit Videospiel-Lizenz

Die Zeiten, in denen Lizenzspiele in erster Linie für mäßige Videospielumsetzungen bekannter Blockbuster aus dem Kino bekannt waren, sind zum Glück längst vorbei. Inzwischen halten sogar vielmehr populäre Videospiele als Vorlage für Comics, Filme und Brettspiele her. Gerade bei den Letztgenannten hat sich in den letzten Jahren ziemlich viel getan. Etliche bekannte Marken vom Rollenspiel-Epos bis zum kleinen Handy-Spielchen findet ihr mittlerweile auch im Regal eures Brettspiel-Händlers. Bereit für ein kleines Namedropping?

Viele Brettspiel-Verlage haben bereits das große Potential erkannt, das in der Umsetzung bekannter Videospielmarken liegt. Entsprechend groß gestaltet sich auch heute schon das Angebot analoger Videospiele. Daher zeigt die folgende Zusammenstellung zwar die zunehmende Bedeutung solcher Projekte, kann jedoch kein lückenloses Nachschlagewerk für solche Titel bieten.

Früh übt sich

Eigentlich sind Videospiele in Brettspiel-Form gar keine Erfindung des Internet-Zeitalters. Umsetzungen bekannter Spiele gab es schon in den 80er Jahren. Spielwarenhersteller Parker Brothers etwa brachte 1983 den Arcade-Klassiker Pole Position in einer analogen Variante in die Läden. Das Rennspiel von Namco war erst ein Jahr zuvor der heiße Scheiß in den japanischen Arcades und wurde später für unterschiedliche Systeme wie den Atari VCS2600, den C64 oder auch den GameBoy umgesetzt. Fast zeitgleich erschien auch das dazugehörige Brettspiel, das bereits auf der Verpackung mit seinen Videospiel-Wurzeln warb.

Seither wagten sich unterschiedliche Brettspiel-Verlage immer mal wieder an der ein oder anderen Computerspiel-Lizenz. So reihten sich etwa auch Donkey Kong, Pacman, Frogger oder Qbert in die Riege der Umsetzungen ein. Mit der zunehmenden marktwirtschaftlichen Bedeutung von Computer- und Videospielen stieg auch die Bereitschaft der Brettspiel-Gemeinschaft, sich diesem Thema intensiver anzunehmen. Als Lizenznehmer traten die oben bereits erwähnten Parker Brothers, mittlerweile in der Masse des Spielzeug-Giganten Hasbro aufgegangen, gerne auf. Nicht unerwähnt bleiben darf an dieser Stelle natürlich die Nemesis aller Kinderzimmer: Monopoly.

Monopoly? Oh noooooo!

Das einfache Würfeln-Ziehen-Zahlen-Konstrukt ließ sich perfekt und ohne viel Aufwand auf fast jede Videospiel-Lizenz übertragen. So finden sich heute Monopoly-Spiele mit Zelda, Fallout, Angry Birds, Assassin’s Creed, World of Warcraft und viele weitere wieder. Abseits des übergestülpten Themas könnt ihr die Unterschiede hier mit der Lupe suchen. Kennt ihr eines, kennt ihr alle. Seien wir ehrlich: Monopoly war noch nie ein gutes Spiel. Kauft es also nicht und konzentriert euch lieber auf den wirklich guten Stoff, die Auswahl ist groß genug.

Doch welche Spiele eignen sich überhaupt gut für eine Brettspiel-Umsetzung? Da wären natürlich insbesondere die Strategiespiele, die sich schon aufgrund ihrer Mechanik ein wenig wie ein Brettspiel anfühlen. Folgerichtig ist die Auswahl in dieser Abteilung auch recht groß. Vielen dürfte bekannt sein, dass Civilization, der Kult-Hit von Sid Meier, seine Ursprünge als Brettspiel hat. Das erste Civilization-Brettspiel erschien bereits 1980 und wurde, ebenso wie das Computerspiel-Pendant, ständig erneuert und verbessert. Im Handel findet ihr lustigerweise mittlerweile Sid Meiers’s Civilization – Das Brettspiel. Damit schließt sich der Kreis, aus dem populären Computerspiel wurde wieder ein Brettspiel. Im Brettspiel findet ihr viele Elemente wieder, die ihr in der digitalen Variante kennen- und lieben gelernt habt. Vorteil der analogen Variante: Ihr müsst euch nicht über die dusselige KI der aktuellen Civ-Spiele ärgern, sondern könnt euch am Tisch gemeinsam und ganz unmittelbar mit euren Freunden messen. Ein wenig Zeit solltet ihr euch dafür aber schon einräumen. Eine Partie kann schnell einmal vier Stunden und länger dauern. Wenn euch das zu viel ist, solltet ihr vielleicht auf das neue Civilization: A New Dawn mit deutlich kürzerer Spielzeit warten. Als Kuriosum sei auch noch das opulente Mega Civilization erwähnt. Diese Version ist kaum für unter 300€ zu bekommen, dafür könnt ihr hier aber gleich mit bis zu 18(!) Spielern gleichzeitig antreten.

Zum Teufel mit Risiko

Unter den strategischen Brettspielen befinden sich aber natürlich auch Spiele, die ohne das Computerspiel nie das Licht der Welt erblickt hätten. Wie wäre es zum Beispiel mit Starcraft? Auch wenn die Regeln für ein Spiel mit einer Spieldauer zwischen drei und vier Stunden noch relativ simpel sind, richtet sich Starcraft voll und ganz an echte Strategen. Wenn ihr immer noch bei dem Uralt-Schinken Risiko hängengeblieben seid und glaubt, es sei ein Strategiespiel, dann belehrt euch Starcraft eines Besseren. Starcraft, genauso wie viele andere Genrevertreter, fordert euch taktisch alles ab. Neben Starcraft haben weitere Strategietitel eine Umsetzung als Brettspiel bekommen. Dazu zählt etwa Microsofts Age of Empires, Blizzards Warcraft oder XCOM von 2k Games. Letzteres setzt auf den Einsatz einer App für iOS. Ihr tretet gemeinsam gegen die einfallenden Aliens an und erfüllt unterschiedliche Missionen. Jedem Spieler kommt dabei eine eigene Rolle zu, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Aufgaben.

Das Beispiel der Strategiespiele zeigt auch wunderbar, warum das Spielmaterial wesentlich zum Spielgefühl beiträgt. Mit schicken Miniaturen machen die Weltraum- oder Fantasy-Schlachten gleich nochmal so viel Spaß. Beim gut sortierten Händler findet ihr mittlerweile eine große Auswahl an Miniaturen-Spielen. Die kleinen Figuren sind meist sehr detailliert gestaltet. Bemalt sind sie hingegen eher selten. Mit etwas Geschick und Kreativität könnt ihr das aber natürlich auch im Nachhinein erledigen.

Nicht immer kriegerisch

Es gibt jedoch auch weniger kriegerische Brettspiele mit Computerspiel-Lizenz. Wie wäre es zum Beispiel mit Anno 1503 und Anno 1701? Zu beiden Computerspielen gibt es auch eine Umsetzung in analoger Form. Zwar könnt ihr auch hier aggressiv vorgehen und eure Heerscharen aufbauen, doch spielt das Management von Ressourcen eine mindestens ebenso wichtige Rolle. Als Autor ist übrigens Klaus Teuber für beiden Spiele verantwortlich, der mit Die Siedler von Catan einen echten Brettspiel-Boom auslöste.

 

Neben den Strategiespielen sind aber auch noch andere Genres in der Brettspiel-Welt vertreten. Überraschenderweise schicken sogar die Ego- und Third-Person-Shooter ihre eigenen Vertreter ins Rennen. Hervorzuheben wäre das etwa Doom, das bereits 2004 veröffentlicht wurde und lange Zeit vergriffen war. Im letzten Jahr wurde dem stetigen Drängen nach einer Neuauflage nachgegeben, sodass ihr das Spiel auch wieder problemlos im Handel finden könnt. In Doom übernimmt ein Spieler den Part des Bösen und somit die Kontrolle über sämtliche Dämonen im Spiel. Die verbleibenden Spieler steuern ihren eigenen Marines durch die engen Korridore der Raumstationen. Doom ist als Brettspiel genauso geradlinig wie das Computerspiel-Original, die Action steht immer im Vordergrund. Auch in Doom kommen wieder sehr hochwertige Miniaturen zum Einsatz, die für eine tolle Spielatmosphäre sorgen. Weitere bekannte Shooter wie Bioshock: Infinite oder Gears of War haben ebenso ihre Brettspiel-Umsetzung erhalten.

Rollenspiele auf dem Brett

Als Lizenz für Brettspiele eignen sich die Rollenspiele natürlich prima. Immer mehr Brettspiel-Autoren wollen mir ihren Spielen auch eine spannende Geschichte erzählen. Warum sollte man sich da also nicht auch mal einer starken Lizenz bedienen, die genau dafür bekannt ist. Bereits 2004 gab es eine Umsetzung zu The Witcher. Vier bekannte Charaktere aus dem Witcher-Universum treten gegeneinander an, um eine dunkle Verschwörung aufzudecken. Neben Geralt von Riva könnt ihr auch die Rollen von Triss Merigold, dem Barden Rittersporn und dem Zwergenkämpfer Yarpen Zigrin übernehmen. Jeder Figur hat in dieser ziemlich düsteren Fantasy-Welt individuelle Eigenschaften und Fähigkeiten, die euch bei der Aufklärung der Verschwörung unterstützen sollen.

Nicht weniger düster geht es in Dark Souls zu. Hier tretet ihr jedoch nicht gegeneinander an, sondern müsst mit gemeinsamen Kräften überleben. Wenn ihr das Videospiel-Original selbst gespielt habt, dann werdet ihr wohl schon erahnen, dass es sich dabei um keine leichte Aufgabe handelt. In Dark Souls stechen die Minaturen besonders heraus. Insgesamt findet ihr 28 hochwertige Figuren in der Verpackung wieder.

Auf ein ganz anderes Terrain führt uns hingegen Fallout. Das Spiel erscheint jedoch erst im Sommer. Wie schon im Videospiel könnt ihr euch beim Fallout-Brettspiel in unzähligen Nebenmissionen verstricken, neue Ausrüstung sammeln und es mit mutierten Kreaturen aufnehmen. Die legendäre Nuka-Cola wird ebenso ihren Platz im Spiel finden wie die sicheren Vaults, das Bezahlen mit Kronkorken und andere Gimmicks aus der Welt von Fallout.

Kuriositätenkabinett

Hin und wieder wagt sich auch mal eine Videospiel-Marke aufs Brett, von der man nicht gerade denken würde, dass sie sich für eine Umsetzung wunderbar eignen würde. Nehmen wir etwa Valves Knobel-Shooter Portal. Das Portal-Brettspiel trumpft genauso mit seinem schrägen Humor auf wie schon die Computerspiel-Vorlage. Ihr dürft euch auf ein Wiedersehen mit GlaDOS und vielen weiteren bekannten Objekten aus Portal freuen. Im Spiel sammelt ihr Kuchenstücke, um das Testlabor als Sieger zu verlassen. Das Portal-Brettspiel ist ein ziemlich witziges Abenteuer, bei dem aber auch schnell die Köpfe qualmen, also durchweg eine gelungene Umsetzung.

Aus dem Bereich der Geschicklichkeitsspiele ist hingegen Angry Birds herübergeschwappt. Markentypisch wurde es nicht bei einem einzigen Spiel belassen. Im Handel findet ihr schon eine ganze Schwemme an Spielen mit den wütenden Vögeln. Ähnlich einfach gestaltet sich auch die Brettspiel-Version von Tetris. Tetris Link bewegt sich erstaunlich nahe an der Originalvorlage. Hier werft ihr die bunten Steinchen in den bekannten Formen von oben in einem transparenten Turm. Per Würfel wird ermittelt, wie die Form des einzusetzenden Steins auszusehen hat. Lücken beim Steinestapeln werden mit Punktabzug bestraft, Pluspunkte sammelt ihr für möglichst große zusammenhängende Flächen der eigenen Farbe.

Gute Aussichten für die Zukunft

Schon heute findet ihr eine Vielzahl an Marken, die ihren Ursprung in Video- und Computerspielen haben, auch in einer Brettspielfassung im Handel. Dieser Trend dürfte wohl auch in der näheren Zukunft weiter ausgebaut werden. Der Brettspiel-Markt macht derzeit mit wachsenden Zahlen auf sich aufmerksam und könnte durch den Einkauf von starken Lizenzen sicher noch profitieren. Auch die zunehmende Bedeutung des Storytellings in Brettspielen sollte dazu beitragen, die Liaison von Video- und Brettspielen weiter zu fördern. Kürzlich erfuhr mit This War of Mine sogar eine Indie-Perle eine Umsetzung als Brettspiel. In Anbetracht der vielen hochwertigen Videospiel-Lizenzen sollte es also auch in Zukunft viele neue Verbindungen zwischen unseren digitalen und analogen Hobbys geben.

Special: Gaming-Monitore - Das müsst ihr beim Kauf beachten Nähern sich Brettspiele den Videospielen immer weiter an? - Ein Interview mit Benjamin Schönheiter