Nähern sich Brettspiele den Videospielen immer weiter an? – Ein Interview mit Benjamin Schönheiter

Brettspiele sind voll im Trend. Das liegt möglicherweise nicht zuletzt daran, dass Storytelling im Brettspiel immer mehr Bedeutung gewinnt. Damit eifern die analogen Spiele in vielen Belangen auch den Videospielen nach. Nähern sich die Brettspiele unserem Lieblingshobby wirklich immer weiter an? Wir haben mit einem echten Experten über dieses Thema gesprochen. In Benjamin Schönheiters Lebenslauf befinden sich berufliche Stationen wie Pegasus Spiele, Portal Games und Kalypso Media. Journalistische Projekte wie der YouTube-Kanal SpieLama oder sein aktueller Podcast Regalgezwitscher komplettieren Benjamins spielerische Expertise.

Hallo Ben. Vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Ich habe dich heute zum Gespräch eingeladen, weil du dich sowohl der Videospiel- als auch der Brettspiel-Szene verbunden fühlst. Vielleicht verrätst du uns erstmal, was dich ganz privat mit diesen beiden Hobbys verbindet.

 

Das geht weit zurück. Sehr weit sogar. Computerspiele faszinieren mich seit meinem ersten PC, einem DX386. Selbst mit einem C64 habe ich noch viel gespielt. Brettspiele spiele ich zwar genau genommen einen Tick länger – ich bin mit Obstgarten von HABA aufgewachsen – aber beides hat mir immer sehr viel Freude bereitet. Zu den „richtigen“ Brett- und Kartenspielen kam ich aber erst, als ich mir in der 6. Klasse Magic: The Gathering gekauft habe. Man kann also gut und gerne sagen, dass ich schon lange und viel spiele.

 

Beruflich bist du nun ebenfalls mit beiden Bereichen in Berührung gekommen. Wie ist hier dein Werdegang?

 

Eigentlich bin ich schon wieder auf dem Rückweg in die Brettspielbranche. Mein Ausflug in die Computerspielwelt war nur kurz. Nicht weil es nicht Spaß gemacht hätte, sondern weil es private Gründe gab, die ich nicht näher kommentieren möchte. Ich kann aber sagen, dass Brett- und Videospiele viel verbindet. Sowohl was die grundsätzlichen wichtigen Kernkompetenzen eines Redakteurs bzw. Producers anbelangt, als auch ein tiefes Verständnis von Spielen und warum was Spaß macht.

Mein Werdegang bei Brettspielen ist eigentlich ganz amüsant. Ich hatte einige Jahre lang die Webseite SpieLama.de, bis ich als Volontär bei Pegasus Spiele eine „Ausbildung“ zum Spieleredakteur gemacht habe. Ich schreibe das in Anführungszeichen, weil es da natürlich keine klassische Ausbildung gibt, sondern Learning-by-Doing in Kombination mit ganz hervorragendem Mentoring bei Pegasus. Der Rest ist kaum „lernbar“, aber ich habe mich schon lange tiefer mit Spielen beschäftigt – sogar in meinem Studium, wo ich mich bei jeder Gelegenheit darauf gestürzt habe, auch literaturwissenschaftlich an Spiele heranzugehen.

Dein ehemaliger Arbeitgeber Portal Games hat sich den Slogan „Boardgames that tell stories“ auf die Fahnen geschrieben. Was genau ist damit gemeint?

 

Portal Games hat schon früh erkannt, dass der Trend zu mehr Geschichte und Thema in Brettspielen geht. Man soll ein Abenteuer erleben, von dem man auch Wochen und Monate später noch erzählen kann. Bei Spielen wie Robinson Crusoe ist das sicher der Fall.

Das bedeutet aber auch, dass man umdenken muss, wenn es um die Art und Weise geht, ein Spiel zu entwickeln. Die Amerikaner arbeiten hier zum Beispiel grundsätzlich anders, als wir das in Europa tun. Dort versucht man Brettspiele wie Videospiele zu behandeln, statt eine klassische Redaktion zu haben.

 

Siehst du persönlich einen Trend hin zum erzählenden Stil in Brettspielen? Wird die Spielmechanik künftig einen geringeren Stellenwert einnehmen?

 

Der Trend geht zu thematisch dichteren Brettspielen, ja. Aber es wird immer noch rein abstrakte oder größtenteils abstrakte Spiele geben. Man darf dabei aber nicht vergessen: Storytelling und gutes Writing sind kein Ersatz für eine gute Spielmechanik. Das sollte und muss sogar immer an erster Stelle stehen. Der Drang dabei ist aber eben nicht nur Punkte anzuhäufen, sondern in eine Welt entführt zu werden.

 

In den 90er Jahren war häufig die Rede davon, dass Filme und Videospiele immer mehr mit einander verschmelzen. Zeichnet sich nun ein Zusammenwachsen von Brett- und Videospielen ab?

 

Es gibt sicher aktuell mehr Spiele, die eine App-Unterstützung aufweisen. Aber der Widerstand der ja absichtlich analogen Welt ist sehr groß.Vereinzelt bereichert eine App ein Spiel enorm, aber die horrenden Kosten eine App zu entwickeln – besonders im Umfeld von Spielern, die gerade die Flucht vor solchen Devices suchen in ihrer Freizeit – bedeutet, dass nur die größten Verlage überhaupt über die Mittel verfügen, das umzusetzen.

Was können Brettspiele von Computerspielen lernen? Welche Vorteile bietet ein Brettspiel gegenüber einem digitalen Spiel?

 

Sicherlich die Präsentation und das Worldbuilding. Das wird mit Ausnahme von FFG (Fantasy Flight Games) stiefmütterlichst behandelt. Zu viele Spiele sind One-Shots oder externe Lizenzen. Dabei bietet eine konsistente Welt viel Potential und schafft dabei auch Wert.

Der größte Vorteil, den ein Brettspiel gegenüber einem digitalen Spiel hat, ist natürlich das direkte Miteinander. Brettspiele haben für mich den besten Multiplayer, sage ich gerne … Aber auch besonders die Transparenz seiner Regeln, machen das Brettspiel unschlagbar. Brettspiele bieten eine sehr befriedigende Erfahrung, weil man ihre Systeme vollends begreifen kann und ja muss, wenn man sie spielen will. Dadurch hat man viele Möglichkeiten, kreativ zu denken und die Spielmechanismen zu erkunden. Videospiele verstecken solche Informationen meist so tief, dass nur die findigsten Spieler sie verstehen oder gar austesten, um Wikis zu schaffen. Ich halte das für hochgradig absurd, grundsätzliche Mechanismen so zu verschleiern. Über den letzten Ableger von Dawn of War kann man viel Schlechtes sagen, aber es hat erstaunlich transparent die wichtigen Informationen wiedergegeben. Ich wünschte mir, mehr Videospiele würden das tun.

 

Welche Art von Brettspielen sind insbesondere auch für Videospielfans interessant?

 

Das kommt natürlich ganz auf den Spieler an. Der klassische FPS-Fan, wird kaum ein entsprechendes Spiel für sich finden. Aber Fans von Spielen wie The Witcher und Dragon Age, oder Annoholiker und Siedlerfans finden bei vielen Brettspielen etwas für sich. Und jeder, der Spaß an Stellaris und Civ hat, findet natürlich einem Traum aus Pappe und Plastik in Twilight Imperium 4. Geht kürzer als eine Partie Stellaris und man kann es mit Freunden spielen … :)

In den letzten Jahren gab es immer wieder Videospiele, die auch mit einer Brettspielversion besehen wurden. Werden wir in der nächsten Zeit mehr solcher Lizenzspiele sehen? Ist der analoge Spielemarkt überhaupt interessant für die großen Publisher?

 

Ich denke schon, denn Brettspiele sind eine vergleichsweise einfache Möglichkeit zur Markenpflege. Und wenn man einen guten Partner findet, dann kann man auch ganz neue Zielgruppen damit erreichen. Außerdem haben Brettspiele auch den Vorteil, dass man sich aktiv mit der Marke auseinandersetzt, was immer besser ist, als passiv berieselt zu werden. Man muss sich jedoch klar machen, dass solche Lizenzspiele zumeist viel Aufwand bedeuten. Aus Erfahrung kann ich sagen: Oft deutlich mehr, als sich der Lizenzgeber vorstellen konnte.

 

Welche Marken eignen sich besonders für eine Umsetzung? Was sind deine persönlichen Favoriten auf diesem Gebiet?

 

Alles, was Spaß macht. Ich warte ja noch auf ein Endless Legend oder Total War Warhammer Brettspiel. Da hätte man mich sofort …

In der Videospiel-Branche werden mit Lootboxen, DLCs und Mikrotransaktionen Millionen verdient. Wird es ähnliche Konzepte vielleicht auch bald bei den Brettspielen geben?

 

Bald? Da kommen sie her.Die Lootbox ist nichts anderes als ein Magic-Booster. Vor langer Zeit habe ich einmal gedacht, dass mit FFGs LCG (Anm. d. Red.: Living Card Game, vorgefertigte Booster-Pakete, bei denen der Inhalt nicht zufällig verteilt wird, sondern transparent einsehbar ist)-Format die Random-Booster auf der Müllhalde der Geschichte landen. Leider haben sie mit Lootboxen einfach nur ganz neue Dimensionen angenommen. Die Verknüpfung mit Progression in Videospielen, war dann der letzte Dolchstoß. Aber auch in unserer Brettspielwelt werden wir Random Booster nicht los. Das liegt einfach in der inhärenten Freude eines Menschen, Unbekanntes zu entdecken und Dinge zu sammeln. Eine gefährliche Kombination … oder eine sehr lukrative, je nachdem auf welcher Seite man steht.

 

Warum bleiben Brettspiele auch im Jahr 2018 weiterhin spannend?

 

Weil sie uns stetig neue, innovative Erlebnisse auf den Tisch zaubern. Und wir sie allesamt mit unseren Freunden und Familien live erleben können.

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