Pegasus Spiele: Vorbereitung auf die SPIEL in Essen

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Langsam wird es ernst. Die Verlage in der Brettspielszene haben hart gearbeitet, um euch auch in diesem Jahr wieder jede Menge Highlights auf der Messe präsentieren zu können. Weit mehr als eintausend neue Spiele werden auf der SPIEL nicht nur vorgestellt, sondern können auch direkt dort käuflich erworben werden. Zu den größten Ausstellern der Messe zählt Pegasus Spiele, das seinen Sitz im hessischen Friedberg hat. Der Verlag feiert in diesem Jahr sein 25jähriges Jubiläum und geht die Messe diesmal besonders ambitioniert an.

Der Werdegang von Pegasus Spiele ist eine echte Erfolgsgeschichte. Gegründet im Jahr 1993 beschäftigten sich die Verlagsgründer Karsten Esser und Andreas Finkernagel in erster Linie mit Rollenspielen und Sammelkarten. Vor allem die Rollenspiele sind nach wie vor ein fester Bestandteil der Produktlinie von Pegasus. Darauf ist Peter Berneiser, selbst Rollenspieler aus Leidenschaft, besonders stolz. Die Kunden, die Pegasus erst groß gemacht haben, spielen in der Ausrichtung des Verlags bis heute eine wichtige Rolle. Im Rollenspielbereich bedient Pegasus die Fanszene um Cthulhu und Shadowrun, zwei der wichtigsten Systeme im Bereich des Pen-and-Paper-Rollenspiels.

Den Wurzeln treu geblieben

Positiv fällt vor allem die preisliche Gestaltung der Produktstrategie auf. So könnt ihr euch das knapp 500 Seiten starke Basisregelwerk von Shadowrun in der Softcover-Variante schon für einen Zehner holen. Selbst das Hardcover-Regelwerk fällt mit 20€ angenehm moderat im Preis aus. Wenn ich daran denke, wie viel Kohle ich in meiner Jugend für Das-schwarze-Auge-Spielmaterial ausgegeben habe, wird mir heute noch ganz schwindelig. Dennoch, sowohl die Cthulhu-Line als auch die Shadowrun-Rollenspiele müssen sich von alleine tragen. Quersubventionen durch andere Produkte, so Berneiser, gebe es nicht.

Der Verlag vertraut auf die treue Kundschaft, die man sich in den 25 Jahren Verlagsgeschichte aufgebaut hat. Gedankt wird den Rollenspielern nicht nur mit einem steten Nachschub an neuen Abenteuern und Spielhilfen, sondern auch mit der Übernahme von neuen Rollenspiel-Serien. Im letzten Jahr brachte Pegasus das Rollenspiel 7te See in den deutschsprachigen Handel. Hier stürzt ihr euch als wagemutiger Held in ein fiktives Setting, das dem 17. Jahrhundert in Europa nachempfunden ist. Mantel und Degen gehören ebenso zur Grundausstattung der Heldentruppe wie mächtige magische Fähigkeiten. Seit der Veröffentlichung des Basisregewerks hat Pegasus schon zahlreiche Zusatzmaterialien für 7te See herausgegeben. Kurzum: das Rollenspielgeschäft wird wohl auch in den nächsten Jahren weiter ein fester Bestandteil von Pegasus bleiben.

Verlag und Vertrieb

Das Kerngeschäft hat sich im Laufe der Jahre dennoch verändert. Auch wenn die Rollenspiele dem Verlag sichtbar am Herzen liegen, der große Teil des Umsatzes wird mit Brett- und Kartenspielen erzielt. Pegasus Spiele hat dabei seine Rolle sowohl als Verlag und auch als Vertriebspartner stückweise ausgebaut. Pegasus kümmert sich dabei nicht nur um die Übersetzung in die deutsche Sprache, sondern prüft die hereinkommenden Titel auf Herz und Nieren. So erhalten die Spiele durch die redaktionelle Betreuung oft erst ihren Feinschliff. Zudem muss der Verlag erwägen, welche Produkte überhaupt ins eigene Sortiment gelangen. Eine feine Spürnase für die aktuellen Trends ist hier gefragt. Welche Mechaniken sind gerade in, was für Themen sind en Vogue?

Einige Spiele fallen dabei manchmal hinten runter, wie zum Beispiel das eigentlich angedachte Sammelkartenspiel zu Munchkin. Steven Jackson Games, der Heimatverlag von Munchkin, hat das Spiel bereits in der englischsprachigen Version veröffentlicht, auf die deutsche Umsetzung müssen wir nun jedoch verzichten. Zu stark waren wohl die Zweifel, ob sich der hohe Aufwand einer Übersetzung für den deutschen Markt rentiert.

Blick ins Ausland

Andersherum hat Pegasus aber auch schon längst ein Auge auf den ausländischen Markt geworfen. Vor allem Amerika ist in den Blickpunkt des Verlags geraten. Deutsche Brettspiele genießen seit jeher einen guten Ruf und sind auch in Übersee schwer gefragt. Erfolgsspiele wie Istanbul, Camel Up oder das aktuelle Spiel des Jahres Azul helfen dem Verlag dabei, auch in den USA Fuß zu fassen. Dazu ist der Verlag auch dort auf den großen Publikumsmessen wie etwa der GenCon vertreten. Mit dem Zwei-Mann-Betrieb von 1993 ist das alles natürlich nicht mehr zu stemmen. Mehr als 30 fest angestellte Mitarbeiter sind im Verlag beschäftigt. Weiterhin gibt es aber noch viele Hilfskräfte, etwa von den hessischen Universitäten, die im Verlag eine Nebenverdienstmöglichkeit finden.

Eingesetzt werden diese zum Beispiel auch im riesigen Lager, das sich direkt an die Pegasus-Büros anschließt. Hier werden nicht nur die eigenen Spiele und die der Partnerverlage eingelagert, sondern auch viele Titel anderer Verlage. Zum Geschäft von Pegasus gehört auch der Vertrieb von Brett- und Kartenspielen. Pegasus kann somit den Fachhändlern eine immense Auswahl an Produkten anbieten. Der Händler kann so einen großen Teil seines Portfolios direkt aus einer Hand bestellen. Entsprechend prall gefüllt sind dann auch die Lager bei Pegasus. In zwei Schichten von 07:00 – 21:00 täglich dreht sich hier alles um die logistische Verarbeitung der Brettspiele. Der Renner in diesem Herbst ist natürlich das aktuelle Spiel des Jahres Azul, das gleich palettenweise in den Hallen von Pegasus lagert. Beim Aufbau des neuen Hauptquartiers war der Verlag umsichtig genug, um sich in unmittelbarer Nähe einen weiteren Bauplatz für ein weiteres Lager zu sichern. In nicht allzu ferner Zukunft könnten sich die Lagerungsmöglichkeiten des Verlags also sogar noch einmal kräftig erweitern.

Materialherstellung

Immer wieder im Oktober, wenn die Messe in Essen ihre Pforten für die Brettspieler öffnet, möchten euch die Verlage ihre Neuheiten punktgenau servieren. Viele Spiele werden in der Tat erst kurz vor Schluss fertig. Dabei sind Verlage wie Pegasus auch auf Kooperationen mit Herstellern von Brettspielmaterial angewiesen. Karten, Holzfiguren, Würfel und alles andere wird über Fremdfirmen bezogen. Pegasus arbeitet etwa mit bekannten Herstellern wie ASS Altenburger oder Ludofact zusammen. Große Maschinen zur Herstellung von Spielmaterial sucht ihr im Hause Pegasus Spiele also vergeblich.

Dafür werden jedoch einige Bestände eingelagert. Das Ersatzteillager hält etliche Kleinteile für euch bereit. Falls euch mal ein Bestandteil eines Spieles abhandengekommen ist oder es beschädigt wurde, könnt ihr euch an den Kundendienst werden. Dieser schickt euch kostenlos das fehlende Teil mit der Post zu. Ich habe den Service selbst schon einmal in Anspruch nehmen müssen und erhielt innerhalb weniger Tage das angefragte Kleinteil.

Start in die neue Spiele-Saison

In diesen Tagen laufen die Vorbereitungen für die Essener Spielemesse also unter Hochdruck, damit die fertigen Spiele dann auch tatsächlich pünktlich verfügbar sind. In diesem Jahr, dem Jubiläumsjahr des Verlags, hat Pegasus wieder einiges aufgefahren. Bedient werden alle Zielgruppen: Kinder, Familien, Rollenspieler, erfahrene Spieler und natürlich auch die Brettspiel-Geeks. Solltet ihr einen Ausflug zur SPIEL in Essen planen, dann lohnt sich ein Besuch bei Pegasus auf jeden Fall.

Im Programm findet ihr zum Beispiel eine ganz neue Variante von Azul mit dem Untertitel „Die Buntglasfenster von Sintra“, die sich ähnlichen Mechaniken wie das Original bedient, sich aber dennoch frisch und neu anfühlt. In eine ähnliche Richtung geht auch Sagrada. Auch hier bastelt ihr an bunten Fenstern, statt der bunten Steine kommen allerdings Würfel zum Einsatz. Jeder erhält einen Bauplan für sein Fenster und muss bestimmte Vorgaben erfüllen, ganz schön knifflig. In meiner persönlichen Wunschliste steht Sagrada ganz oben.

Die Sparte mit den Familienspielen werden in diesem Jahr überhaupt ganz gut bedient. Ein pfiffiges Thema hat zum Beispiel Showtime, bei dem es darum geht, einige ganz spezielle Zuschauer in einem Kinosaal zu platzieren. Die besten Plätze sind natürlich in der hinteren Reihe auf den mittleren Plätzen. Für diese Kinosessel gibt es dann auch die meisten Siegpunkte. Legt ihr einen Kinogast in den Saal, hat das jedoch oft Auswirkungen auf die Punkteausbeute der Spieler. Ein Kinobesucher mit schwacher Blase trübt den Filmgenuss der anderen Gäste in der Reihe, da er während der Vorführung ständig aufs Klo gehen muss. Andere Kinobesucher stören durch lästiges Geplapper oder durch das laute Knabbern von Popcorn. So mancher Kinobesucher kann hingegen Pluspunkte sammeln. Unser Möchtegern-Casanova etwa fühlt sich besonders beschwingt, wenn rund um ihn herum möglichst viele Damen Platz genommen haben. Witzige Idee! Showtime spielt sich schön locker runter und ist auch für weniger geübte Spieler geeignet.

Neue Spiele für Anfänger und Profis…

Im mittleren Komplexitätsgrad findet ihr im aktuellen Programm von Pegasus ebenso einige spannende Neuheiten. Ein wenig näher konnte ich mich schon mit Crown of Emara befassen. Der scheidende König sucht seinen Thronfolger. Die potentiellen Kandidaten müssen nun beweisen, dass sie das Volk in eine glorreiche Zukunft führen können. Jeder Spieler bewegt dabei gleich zwei Figuren über in zwei Rondellen, die unterschiedliche Aktionsmöglichkeiten bieten. In einem Aktionsrondell könnt ihr Rohstoffe generieren, im anderen Rondell lassen sich diese Ressourcen wiederum investieren, um Häuser zu bauen oder Ansehen zu erringen.

In Crown of Emara werden Siegpunkte auf gleich zwei verschiedene Arten erzielt. Einmal gibt es die sogenannten Bürgerpunkte. Euer Ansehen beim Volk kann steigen, indem ihr etwa einen Adelstitel erringt. Errichtet ihr neue Gebäude für die Untertanen des Königs, erhöhen sich eure Baupunkte. Um das Spiel zu gewinnen, müsst ihr euch breit aufstellen und eure Punktzahl in beide Richtungen ausbauen. Dabei entsteht ein schönes Jonglieren mit den Ressourcen, sowie mächtige Kombinationen, die euren Siegpunktstand nach oben schnellen lassen.

Ziemlich spannend dürfte auch Roll Player werden. In diesem Spiel müsst ihr euch einen eigenen Charakter in einem klassischen Fantasy-Szenario erstellen. Es gibt verschiedene Rassen, Klassen sowie Charakterfähigkeiten, die ihr mit Würfeln zum Leben erwecken müsst. Je nachdem wie gut ihr die Voraussetzungen für den gewählten Charakter erfüllt, gibt es mal mehr und mal weniger Siegpunkte. Natürlich gibt es etliche Kniffe und Tricks um euren Punktestand in die Höhe zu treiben. Das Ganze erinnert mich stark daran, wie ich in jungen Jahren versucht habe, mir einen möglichst mächtigen Charakter für ein Rollenspiel zusammenzubasteln. Auf Roll Player freue ich mich daher ganz besonders.

… und für Experten

Neues Futter gibt es aber auch für eingefleischte Brettspieler, die komplexe Spiele mögen und auch vor einem etwas umfangreicheren Regelwerk nicht zurückschrecken. In diese Sparte fällt das kooperative Spirit Island. Im Grunde ist Spirit Island eine umgekehrte Variante eines 4X-Spiels wie beispielsweise Civilization. Während ihr in einem 4X-Spiel auskundschaftet, erobert, ausbeutet und zerstört, so müsst ihr dieses in Spirit Island möglichst verhindern.

Als Naturgötter legt ihr eure schützende Hand über eine große Insel. Lediglich ein paar Ureinwohner bevölkern die idyllische Natur eurer Insel. Nun droht allerdings Ungemach. Ein kriegerisches Volk hat die Insel entdeckt und versucht diese nun für sich einzunehmen. Es werden Dörfer errichtet und ganze Städte, zudem greifen die Krieger auch die Ureinwohner an und betreiben Raubbau an der bislang unangetasteten Natur. Jeder Spieler übernimmt die Kontrolle über einen Gott der Natur mit individuellen Superkräften. Mit diesen heizt ihr den Invasoren ordentlich ein. Die Eindringliche wissen sich aber zur Wehr zu setzen und stellen Runde um Runde neue Gebäude auf den Spielplan.

Reichlich Auswahl für Brettspieler

Ebenfalls für erfahrene Spieler dürfte die große Neuheit von Eggertspiele sein, die ebenfalls über Pegasus veröffentlicht wird. In Blackout: Hong Kong wird es in der namensgebenden asiatischen Metropole dunkel. Kein Strom, nichts funktioniert mehr. Als Spieler bemüht ihr euch die Ordnung in der Stadt zumindest weitgehend aufrecht zu erhalten. Der Autor des Spiels ist in der Branche kein Unbekannter. Alexander Pfister ist auch für Brettspielperlen wie Great Western Trail, Isle of Skye, Mombasa oder Port Royal verantwortlich. Allein das Erbe dieser Spielspaß-Garanten macht Blackout: Hong Kong zu einem Titel, den man als ambitionierter Spieler auf seiner Liste haben sollte.

Bei all diesen anspruchsvollen Spielen ist da vielleicht auch mal eine unkomplizierte Abwechslung willkommen. Zu den Pegasus-Neuheiten zählen natürlich auch einige Fun-Spiele, die keine große Einarbeitungszeit benötigen.  Da wäre etwa das neue Spiel der Edition Spielwiese, das auf den simplen Namen „Farben“ hört. Hier sind vor allem eure Merkfähigkeiten gefordert. Ihr verbindet bestimmte Ereignisse oder Personen mit einer Farbe, um sie euch besser merken zu können. Eure Oma ist grün? Sicher, sie macht schließlich die beste Götterspeise der Welt! Mit solchen kleinen Geschichten helft ihr eurem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge. In Men at Work ist hingegen eher eure Fingerfertigkeit gefragt. Als furchtlose Bauarbeiter treibt ihr euer Gebäude in schwindelerregende Höhen. Mit ruhiger Hand setzt ihr ein Bauelement auf das nächste und hofft, dass die wackelige Konstruktion nicht zum Einsturz gerät.

Die Liste der Neuheiten aus dem Hause Pegasus Spiele ließe sich noch um etliche Einträge ergänzen. Für jeden Anspruch und jeden Geschmack sollte wohl etwas dabei sein. Wenn ihr der SPIEL in Essen in diesem Jahr einen Besuch abstatten möchtet, dann solltet ihr auf jeden Fall am Stand von Pegasus Spiele einen längeren Stopp einplanen.

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