Shadow – Der Traum vom Streamen

Die Vögel können es doch auch. Wir wissen, dass es geht, weil die Vögel es doch auch können. Warum sollte es uns also verwehrt bleiben? Mit Anlauf zur Klippe und dann beide Flügel gleichzeitig von oben nach unten drücken. Ganz einfach und – Flatsch, liegen wir mit gebrochenem Bein im nächsten Dornenbusch. Ganz so einfach ist das Fliegen dann doch nicht. Netflix und Spotify können es aber doch auch. Wir wissen, dass streamen eigentlich ganz einfach sein müsste, weil Netflix und Spotify es ja auch können. Warum denkt man dann nicht einen Schritt weiter, fragt man sich. Warum bei Filmen und Musik stoppen? Man könnte so viele schöne Dinge streamen, auf alles, was man möchte, von jedem internetfähigen Ort zugreifen, vielleicht sich sogar seinem klobigen Computer entledigen?

 

Shadow: Vom 2. Arrondissement in die Welt

Das ist gar nicht so weit hergeholt wie es scheinen mag. Im Herzen von Paris arbeitet man derzeit an einer kleinen Revolte, die sich bald vielleicht in eine waschechte Revolution verwandeln könnte. Blade heißt die Firma, die nach den Sternen greift und mit ihrem Service Shadow nun auch in den deutschen Markt Einzug halten will. Derzeit ist das Büro von Blade noch im 2. Arrondissement gelegen, man plane aber schon, in größere Räumlichkeiten umzuziehen.

Von innen wirkt die Schaltzentrale chaotisch, jung und wild. Es gibt mindestens fünf bis sechs verschachtelte Räume und an jeder Ecke wuselt jemand durch die Gänge, entweder auf der Suche nach einem Kaffee oder um seine neuste Entdeckung den Anderen zu präsentieren. Dirigiert wird dieser Haufen von Emmanuel Freund, der in der Zeit meines Besuches durchgängig sowohl tiefenentspannt als auch unter Storm schien. Wie das möglich ist, keine Ahnung. Nach einer kleinen Tour durch die heiligen Hallen von Blade demonstrierte Emmanuel Freund, worum es eigentlich ging: Shadow.

Blockbuster für Smartphone, Tablet und Co.

Ein schmales, nicht sonderlich leistungsstarkes Tablet in meinen Händen. Darauf ein normaler Desktop. Ein paar Klicks später, Steam geöffnet und zack: The Witcher 3 auf dem Tablet. Schnell noch einen Controller verbunden und Geralt lässt sich ruckel- und lagfrei bewegen. Auf höchsten Grafikeinstellungen wohl bemerkt. Wie der Name es schon verrät, ist Shadow immer da, ohne aber greifbar zu sein. Was Blade an seine Kunden vermietet sind im Grunde virtuelle Tower-PCs. Für einen Obolus von knapp 30€ bis 45€ im Monat lässt Blade einen Oberklassen-Computer aus ihrer Serverfarm auf jedes eurer Geräte streamen, solange es einen Bildschirm und eine Internetverbindung hat.

Dafür reichen nach eigenen Angaben 15 Mbit/s aus, schnellere Verbindungen schaden aber natürlich nicht. Zuhause erhält man schlussendlich nur einen Videostream seines gemieteten Computers. Darum lässt sich auch ein The Witcher 3 mühelos auf Tablet-Krücken oder sogar Smartphones spielen. Bei Blade habe man sich sogar schon den Spaß erlaubt, Leute nach ihren schwächsten und ältesten Geräten zu fragen, um dort die aktuellsten Gaming-Blockbuster zum Laufen zu bringen und Leute kollektiv ins Staunen zu versetzen.

Rechenleistung und Glasfaser zum Ausleihen

Das Verrückte daran ist, dass es wirklich funktioniert. In einer Ecke des Büros waren drei identische Computer aufgebaut. Zwei von ihnen wurden durch Shadow gespeist, während einer normal betrieben wurde. Meine Aufgabe war es nun herauszufinden, auf welchen Bildschirmen nur ein Stream zu sehen ist und zu welchem der echte PC gehört. Nach drei Runden Fortnite auf jedem “Rechner“ war es mir unmöglich, Unterschiede zwischen den Computern festzumachen. Ich war so baff, dass ich nicht einmal raten wollte.

Beim Gaming hört Shadow aber nicht auf. Mac-User, die Windows emulieren wollen, können mühelos zu Shadow greifen. Ihr habt zu wenig Rechenpower, um die riesige Photoshopdatei ohne Lags zu bearbeiten? Shadow hilft. Eure Leitung ist viel zu langsam, um schnell mal kurz ein 70GB großes Game zu laden, selbst da ist Shadow die perfekte Wahl. Da euer virtueller Computer nicht auf eure Internetleitung, sondern die rasend schnelle Glasfaserleitung von Blade zugreift, sind die 70GB mit 1000 Mbit/s schnell geladen. Das einzige, wo Blade seinen Usern einen Riegel vorschiebt, ist Krypto-Mining: „Sonst könnten wir das ja auch selbst machen“, sagte man mir.

Innovativ, effektiv, umweltfreundlich

Es klingt alles fast zu gut um wahr zu sein. Shadow sorgt nicht nur dafür, dass ihr egal wo ihr seid, immer einen top-notch Computer bereit habt (das Angebot wird immer den derzeitigen Standards angepasst), sondern ist sogar noch um einiges grüner und umweltfreundlicher als eure alte Mühle daheim. Denn nutzt ihr Shadow nicht, kann eure Rechenpower einfach jemand anderem zugeteilt werden – eine effiziente Nutzung der Ressourcen.

Spinnt man das Ganze ein wenig weiter, kann man sich leicht eine Gesellschaft vorstellen, die zu großen Teilen ihre Computer nur noch aus der Cloud bezieht. Selbst kauft man sich dann nur einen passenden Bildschirm und schon hat man alles, was man braucht, daheim. Aktuell bietet Blade eine eigene Shadow-Box an, um den PC so schnell es geht aus dem Heim zu verbannen. Das mag noch Zukunftsmusik sein, aber in Frankreich nutzen derzeit bereits 20.000 Menschen Shadow, mit steigender Tendenz. Warum also nicht, warum sollten wir nicht Streamen lernen?

Das einzige, was uns da einen Haken durch die Rechnung machen kann, ist eine stabile Internetverbindung. Fällt die weg, und das ist gerade auf dem Land nicht selten der Fall, verpufft der Zauber von Shadow ganz schnell. Eine hohe Latenz ist überraschenderweise kein all zu großes Problem, solange euer Videostream steht, steht dieser auch, versicherte man mir. Nach dem Fortnite-Experiment möchte ich das glauben und selbst kleine Einbrüche eurer Internetverbindung scheinen verkraftbar, da Shadow im Hintergrund ja nicht aufhört zu arbeiten.

Ich würde abschließend gerne schreiben, dass ich zwiegespalten bin, aber der Ansatz des Cloud-Computing für jedermann hat mich durch und durch überzeugt. Den Traum vom Streamen in die Wirklichkeit umzusetzen, scheint mir der logische nächste Schritt zu sein und wenn nicht durch Blade, dann sicher durch jemand anderen.

Armored Warfare: Wir hatten die Herausgeber zu Besuch Special: Gaming-Monitore - Das müsst ihr beim Kauf beachten