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Age of Wonders Planetfall: Was kann der Strategiebrocken?

Für die gewieften Taktiker unter euch

Age of Wonders Planetfall im Test – unnötig kompliziert oder wunderbar komplex?

  • Tobias Hauser
    VonTobias Hauser
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Triumphs neuester Strategie-Gigant Age of Wonders Planetfall ist draußen! Kann er sich mit Genre-Größen, wie Civilization oder Total War messen?

Star Wars boomt (mal wieder) und von Fantasy-Welten haben wir ja sowieso viel zu viele. Da dachte sich Entwickler Paradox, ein bisschen Abwechslung wäre nett und verfrachtete das Age of Wonders-Franchise mal eben kurz in den Weltraum. Planetfall heißt das Ergebnis dieses Gedankengangs. Wir haben uns für euch in das Strategie-Monster reingewühlt, um berichten zu können, ob das Ganze überhaupt Spaß macht. 

Die Star Union ist zerfallen und sechs Fraktionen streiten sich um die Herrschaft in der zerrütteten Galaxis. Dieser Streit wird auf einer Strategiekarte à la Civilization oder Total War ausgetragen, das Kampfsystem erinnert allerdings stark an XCOM. Es gibt mehrere Kampagnen, aber auch ein normales Szenario-Spiel mit verschiedenen Siegoptionen. Klingt vielversprechend? Dachten wir uns auch. 

Die Grundlagen

Age of Wonders: Planetfall - Bereit zu starten? Dann geht es los mit dem namensgebenden Planetfall, der Ankunft auf dem Planeten.

Unsere fleißigen Arbeiterchen sammeln in Planetfall genretypisch verschiedenste Ressourcen. Es gibt beispielsweise Energie, durch die wir Einheiten rekrutieren, Nahrung, die das Wachstum unserer Kolonien gewährleistet und Forschungspunkte, die den wissenschaftlichen Fortschritt unserer Bürger antreiben. Auch das Diplomatiesystem macht nicht viel neu, dafür gibt es jetzt NPC-Fraktionen. Diese geben uns immer wieder Aufgaben und Belohnungen. Dabei müssen wir aufpassen, helfen wir nämlich der einen Fraktion, könnte das die andere verärgern – wunderbar und motivierend! 

Einstieg = potenzieller Ausstieg 

Schon vor Spieleinstieg gibt es einiges einzustellen. Ihr könnt aber auch voreingestellte Welten nutzen.

Die ersten paar Stunden unserer Age of Wonders-Erfahrung waren allerdings ungefähr so, wie wir uns das Schreiben einer Doktorarbeit vorstellen. Viel Lesen, ein wenig Verzweiflung und eine Menge Prokrastination. Das Tutorial zum Start der Vorhut-Kampagne ist zwar ein wenig besser als die kurze und enorm textfensterlastige Einführung, die man beim Szenario oder in einer anderen Kampagne bekommt, aber dennoch eher mangelhaft. Wer sich Planetfall anschafft, sollte sich bewusst sein, wie umständlich die ersten Stunden potenziell sein können. Zusätzlich wird einiges auch überhaupt nicht erklärt und muss selbst entdeckt werden.

Auch im Spiel gibt es eine Menge auszuwählen. Hier zu sehen: die Forschungsmöglichkeiten.

Wer sich aber durchkämpft, den erwartet auch die Belohnung. Denn wenn man wirklich in das Spiel eintaucht und beginnt, die facettenreiche Komplexität zu entpacken, dann ist es, als ob sich ein neues Spiel auftut. Wir raten also zu Geduld, denn Planetfall bietet beeindruckenden Umfang. Die unfassbare Anzahl an Forschungen, die verschiedenen Rassen, die komplett eigens erstellbaren Kommandanten. Die Mods, mit denen ihr eure Einheiten verstärken und individuell ausrüsten könnt, Heldengegenstände, durch die ihr entscheiden könnt, ob euer Anführer Nah- oder Fernkämpfer sein soll und welchen Schadenstyp er austeilen darf: Es ist alles da, was das Strategenherz begehrt. Und dann sind da die verschiedenen Spielstile und Siegoptionen. Vor jedem Spiel können wir uns eine Weltuntergangswaffe aussuchen, die nach ausgiebiger Forschung das Spiel für uns entscheiden kann. Ansonsten gibt es einen diplomatischen, einen ökonomischen und einen kriegstreiberischen Weg zum Triumph. Auf dem Papier eine der größten Stärken, allerdings haben wir in der Praxis ein paar Probleme feststellen müssen 

K.I? More like K.O

Oh, oh! Eine gegnerische Armee rückt an. Die K.I. dahinter performt aber leider wechselhaft.

Einer der enttäuschendsten Momente, den wir in Planetfall erlebten, entstammte nämlich indirekt den angesprochenen Siegesoptionen. Nach stundenlanger Vorbereitung hatten wir in unserem Spiel die Forschung „letzte Offenbarung“ freigeschaltet. Diese besagt, dass der anwendende Spieler das Spiel nach zehn Runden gewinnt, sollten die Gegner nicht in der Lage sein, einen von drei ausgewählten Sektoren einzunehmen. Also bunkerten wir uns ein und starteten unsere Operation zur Welteroberung. Sämtliche KI-Gegner erklärten uns daraufhin entweder den Krieg oder versuchten Bündnisse mit uns einzugehen, mehr geschah allerdings nicht. Daher warteten wir nur gemütlich die zehn Runden ab und sahen unseren Feinden dabei zu, wie sie sich gegenseitig ausmerzten. Niemand griff uns an. Besonders traurig war das, da sich der Sieg auf diese Weise recht geschenkt anfühlte. Unsere mühsam aufgestellte Verteidigung wurde überhaupt nicht angerührt – schade!

Mit Waffen kann die KI umgehen. Die Schlacht mit Worten beherrscht sie aber leider nicht wirklich.

Während der Kämpfe sind die Gegner auf höheren Schwierigkeitsgraden meist annehmbar stark und spielen taktisch größtenteils clever. Auf niedrigen Schwierigkeitsgraden kann man jedoch ganze Kampagnen spielen, ohne einmal auch nur nah am Verlieren zu sein. Die Gegner agieren unkoordiniert und machen einfache Fehler. Ein wenig mehr Anspruch hätte hier und da sicher nicht geschadet. Hier ist es aber auch wichtig anzumerken, dass all diese Problemchen in der Zukunft leicht zu beheben sind. 

Taktisch forderndes Kampfsystem

Unsere Truppen sind bereit, den Gegner auf dem von Hexagons überzogenen Feld zu vernichten.

Dabei ist das Kampfsystem eigentlich wunderbar durchdacht. Jede Einheit hat drei Aktionspunkte pro Runde, die wir für Kampffähigkeiten oder Bewegungen nutzen können. Die Kämpfe sind rundenbasiert, alle unsere Einheiten dürfen ihre Fähigkeiten nutzen, dann ist der Gegner dran, und so weiter. Unserer Meinung passt dieses System perfekt zum Genre-Archetypen, da das Spieltempo nie zu sehr ansteigt. Es ist immer und zu jeder Zeit möglich sich umfangreich und genau Gedanken über die eigene Strategie zu machen. Panik oder Gedankenschnelligkeit sind keine Faktoren, es geht nur um ausgeklügelte Pläne. Die taktische Tiefe ist dabei auch immer gegeben, denn Positionierung ist enorm wichtig. Wir können hinter Pflanzen oder großen Gegenständen Deckung suchen, um uns vor dem Gegner zu schützen und die Trefferwahrscheinlichkeit zu verringern. Allerdings müssen wir auch immer darauf achten, unsere Kämpfer auf Feldern aufzustellen, die eine gute Schusslinie auf die Gegner bieten. Wer Gegner von der Flanke attackiert, erhält zusätzlich einen Schadensbonus.

Eine wichtige Rolle in den Kämpfen spielen unsere Kommandanten. Die können wir uns sogar komplett individuell zusammenbasteln.

Einheiten gibt es eine Menge. Jede Klasse fühlt sich unterschiedlich und spaßig an und durch Mods und Waffen können wir sie unseren Wünschen anpassen. Auch das Balancing kam uns sehr angemessen vor, nichts war viel zu stark oder viel zu schwach. Es gibt auch die Möglichkeit, Deckungen und Gegenstände zu zerstören. Das Konzept findet allerdings leider nur selten Anwendung. Das Kampfsystem hätte uns noch besser gefallen, wenn die Interaktion mit der Level-Architektur besser umgesetzt worden wäre. Wir denken dabei beispielsweise an Divinity Original Sin 2 mit seiner vielfältig nutzbaren Umgebung und elementaren Untergründen. Auch fanden wir die Kamerasteuerung hier anfänglich nicht sehr intuitiv. 

Szenarien Hui, Kampagnen Pfui! 

Wie schon erwähnt gibt es neben den selbst einstellbaren Karten auch mehrere Kampagnen. Die Story ist leider eher ein glorifizierter Textbox-Simulator. Sehr wenig ist eingesprochen, weshalb Spieler die Story mehr lesen als (er)leben. Daher kommt nie ein wirklicher Sog auf und Dialoge entpuppen sich nur als kurze Unterbrechungen des Spielgeschehens. Das ist schade, denn die Welt, das Setting und die spannenden Völker hätten durchaus eine fesselnde Story im Stil von Starcraft hergeben können.

Am Ende der Kampagne erwarten uns coole und ausführliche Endstatistiken.

Da die Kampagnenmissionen auch keine allzu spannenden Aufgaben bieten und für unseren Geschmack meist viel zu schnell vorbei sind, können wir sie Planetfall nicht unbedingt auf der Stärkenseite anrechnen. Statt 14 kurzen, hätten es auch zwei oder drei lange Kampagnen getan. Das ist allerdings weitaus weniger schlimm, als es klingt, denn an Umfang und Wiederspielwert mangelt es dem Strategie-Giganten auf gar keinen Fall. Dafür sorgt der Umfang, den wir schon desöfteren erwähnten und die spielerische Tiefe. 

Staubig-schöne Präsentation mit leichtem Billig-Charakter

Von Nahem sieht die Übersichtskarte hübsch aus.

Die Strategiekarte, auf der wir den Großteil der Zeit verbringen, ist definitiv die Schokoladenseite von Planetfall. Die Planetenoberfläche, welche von Wäldern, Bergen, Lava und vielem mehr überzogen ist, präsentiert sich übersichtlich und doch schick. Und wenn wir vollends herauszoomen, transformiert sie sich und wird umso anschaulicher. Zu jeder Schokoladenseite gehört jedoch auch ein (zu bitterer) Kakao-Zwilling. In diesem Falle ist das die Optik des virtuellen Schlachtfeldes. Die Einheiten sind zwar schick designed, die Grafik ist jedoch mehr als nur altbacken. Umgebung, Explosionen und Fertigkeiten sind daher leider nicht wirklich anschaulich und wirken nicht selten billig. Spaß macht das Ganze trotzdem, wozu auch der schön-spacige Soundtrack beiträgt. 

...genau wie von weitem.

Fazit

PROSCONS
+ Hunderte Stunden Umfang und Wiederspielwert- K.I schwach in Diplomatiebelangen
+ Stimmiger Soundtrack - altbackene Grafik und kaum Vertonung
+ Spannendes Kampfsystem- Kampagnenstorys wenig fesselnd
+ Viele spielbare Einheiten und Rassen- Schwache Einführung mit anspruchsvoller Lernkurve
+ motivierende NPC-Fraktionen
+Vielfältige Siegbedingungen

Age of Wonders Planetfall ist ein wenig kantig und in manchen Momenten recht unangenehm. Nichtsdestotrotz erkennt man in jeder Sekunde des Spielens, wie viel Liebe in dem Projekt steckt. Der Umfang ist enorm und die Komplexität nicht zu unterschätzen. Planetfall hat einen ganz eigenen, sympathischen Stil und macht auch ordentlich Spaß, sobald man eingearbeitet ist. Wer genug Geduld mitbringt, wird hoffentlich eine Menge Spaß haben. Genre-Veteranen haben mit Planetfall definitiv einen neuen Pflichtkauf, Neulinge fangen vielleicht lieber bei Total War oder Civilization an.

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