Das nächste Black Flag?

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Neue Wege, alte Stärken

  • Christian Böttcher
    vonChristian Böttcher
    schließen

Neue Zeit, neues Setting, viele alte Stärken – In Assassin‘s Creed Valhalla dürfen wir endlich auch als Wikinger meucheln. Ob das funktioniert, verrät unser Test.

  • Assassin‘s Creed Valhalla erschien am 10. November 2020 für PS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X, PC und Google Stadia.
  • Raubzüge, Met und ein folgenschwerer Verrat – Ubisoft entführt uns ins 9. Jahrhundert und erzählt eine waschechte Wikinger-Story.
  • Warum alte Stärken das neue Assassin‘s Creed zum Anwärter auf den Thron der Reihe machen, erfahrt ihr im Test.

Montreal, Kanada – Voll auf die Zwölf – Als bei Ubisoft die Planungsphase für den nächsten Teil der historischen Schleich- und Meuchelserie begann, hätte so durchaus das Motto am Diskussionstisch lauten können. Schließlich ist Assassin‘s Creed Valhalla nicht nur der zwölfte Teil der Open World-Reihe, sondern auch ein ganzes Trinkhorn brutaler und rauer als viele es zum Start der Reihe noch erwartet hatten. Wir haben uns in die wilde Welt der Wikinger gewagt und im Test herausgefunden, ob plündernde Nordmänner und filigrane Assassinen sich die blutverschmierten Hände reichen.

Name des SpielsAssassin's Creed Valhalla
Release (Datum der Erstveröffentlichung)10. November 2020
Publisher (Herausgeber)Ubisoft
SerieAssassin's Creed
PlattformPS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X, PC, Google Stadia
EntwicklerUbisoft Montreal
GenreAction-Adventure, Open World

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Story in Episodenform – wie packend ist die Geschichte?

Egal ob antikes Griechenland, altes Ägypten oder die Zeit der Kreuzzüge: Assassin‘s Creed steht seit nunmehr 13 Jahren für historisch bepinselte Open-World-Brecher, die lose vom ewigen Streit zwischen Assassinen und Templern zusammengehalten werden. Daran ändert auch Assassin‘s Creed Valhalla nichts. Einzig die Anzahl der Schauplätze hat sich kurzerhand verdoppelt. Statt wie noch im Vorgänger eine zusammenhängende Welt zu bereisen, dürft ihr im Wikinger-Epos von Ubisoft sowohl in Norwegen als auch England auf Raubzug gehen. Das erfrischend neue Setting verfrachtet euch dabei in die Zeit rund um 875 nach Christus.

Im heimischen Norwegen, wo Hauptfigur Eivor zunächst beide Eltern verlor und schließlich im charismatischen Sigurd einen Bruder um Geiste fand, regiert Harald der Erste und plant, sämtliche Jarls der Nordlande unter einem Banner zu vereinen – ein ambitioniertes Vorhaben, mit dem jedoch nicht alle Wikinger-Clans einverstanden sind. So auch Sigurd, dessen Vater die Thronfolge seines Sohnes ungefragt an Harald abtritt. In seiner Ehre gekränkt, beschließt der machungrige Sigurd, sein eigenes Königreich aus dem Boden zu stampfen – doch nicht in Norwegen. Im sagenumwobenen England soll sein Traum Wirklichkeit werden und so macht er sich auf zu neuen Ufern, Eivor immer an seiner Seite.

Für Ruhm und Ehre: Mit Sigurd, eurem Jarl und Bruder im Geiste, macht ihr euch in Assassin‘s Creed Valhalla auf nach England

Zu einem Großteil findet die Story von Assassin‘s Creed Valhalla also im jungfräulichen England statt, wo sich die nordischen Möchtegern-Eroberer jedoch erst einen Namen machen müssen. Sie brauchen Verbündete und das schnell. So bereist ihr als Eivor die einzelnen Gebiete der gigantischen Insel und werdet bei deren Bewohnern vorstellig. Darin liegt auch der große Unterschied zum Vorgänger Odyssey. Statt einer gradlinigen Story zu folgen, erinnert Valhalla in seinem Aufbau eher an Serien im Episodenformat. Jeder Landstrich kommt mit seinem eigenen Story-Arc daher, der meist in etwa 3-4 Stunden auserzählt ist und nur selten unmittelbaren Einfluss auf die Hauptgeschichte nimmt.

Im malerischen Grantabrycgscir beispielsweise hat die toughe Kriegsherrin Soma mit einem Verräter in den eigenen Reihen zu kämpfen. Den müssen wir entlarven, um uns die Loyalität der ganzen Region zu sichern. Aus dem verschneiten Norden hingegen ruft der legendäre Halfdan Ragnarsson im Kampf gegen die einfallenden Pikten um Hilfe. Problemlöserin Eivor ist stets zur Stelle. Diese Geschichten in der Geschichte sind allesamt spannend geschrieben, abwechslungsreich und stellen uns teilweise sogar vor richtig knifflige Entscheidungen. Das gab es in Ansätzen auch schon in Odyssey, in Assassin‘s Creed Valhalla aber traut sich Ubisoft noch mehr zu – bravo!

Doch dieser neu gefundene Mut hat auch seine Schattenseiten. Denn zwischen den gut getakteten Story-Häppchen zerfasert die Geschichte rund um Sigurd und Eivor an der ein oder anderen Stelle. Immer wieder kam bei uns der Wunsch auf, endlich mehr über die geheimnisvolle Prophezeiung zu erfahren, mit der Eivor noch in Norwegen konfrontiert wurde. Die Enttäuschung darüber, dass nun aber erstmal der nächste Story-Arc auf der Liste steht, war zwar nie besonders groß, flammte aber trotzdem gelegentlich auf. Auch die bei vielen Fans noch immer beliebten Sequenzen außerhalb des Animus (Ja, den gibt‘s immer noch!) fallen in Valhalla traurigerweise recht kurz aus.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Raubzüge, Festungsschlachten – der wohl brutalste Teil der Reihe

Bei all der Politik und den ausschweifenden Machtspielchen soll das gute alte Plündern und Brandschatzen aber natürlich nicht zu kurz kommen. Schließlich haben wir es in Assassin‘s Creed Valhalla mit einem raubeinigen Wikinger-Abenteuer zu tun. Und das merkt man auch. Statt um schattenhafte Meuchelmörder, die im Geheimen arbeiten und ganze Staatsapparate mit nur einem Attentat lahmlegen, geht‘s bei Eivor und ihrer Crew nämlich nur allzu oft um ganz andere Dinge, namentlich: Gewalt, Gier und Genussmittel. Dazu passend kommt Valhalla eine ganze Ecke brutaler daher als noch der Vorgänger – sicher Geschmackssache, aber uns hat der schmutzige Ansatz grundsätzlich gut gefallen, auch wenn die Assassin‘s Creed-Reihe sich damit weit von ihren Wurzeln entfernt.

Flüsse statt Meere – Schiffe spielen in Assassin‘s Creed Valhalla nur noch eine untergeordnete Rolle.

Dieser raue Wind spiegelt sich natürlich auch im Gameplay wieder. Schleichen ist in Assassin‘s Creed Valhalla noch immer ein großes Kernelement, man merkt jedoch deutlich, dass eine ganze Menge spielerischer Passagen dafür ausgelegt sind, mit dem gehörnten Wikinger-Helm voran bewältigt zu werden. Symptomatisch dafür stehen die Raubzüge und Belagerungen, die Ubisoft als große neue Features angekündigt hatte. Ganz nach historischer Vorlage überfallen wir mit unserer Wikinger-Crew Klöster, Abteien und andere christliche Stätten. Einmal ins Kriegshorn geblasen, verlassen wir laut schreiend unser Langschiff und es gibt kein Halten mehr, bis sämtliche Schätze geplündert sind. Mit trickreichen Assassinen hat das nur noch wenig zu tun.

Ähnlich funktionieren die Festungskämpfe, in denen wir uns mit Rammbock und Leiter immer tiefer ins Herz der frühmittelalterlichen Burgen vorarbeiten. In puncto Atmosphäre gehören die Raubzüge ganz klar zu den Highlights von Assassin‘s Creed Valhalla, denn wie bei Serien-Hits a la Vikings oder The Last Kingdom springt auch hier der Wikinger-Funke sofort über. Beim Gameplay hat man offenbar nicht allzu weit geschielt, denn die Parallelen zum Ubisoft-Eigengewächs For Honor sind kaum zu übersehen. Das ist auch gar nicht weiter schlimm, allerdings hätten wir uns bei den Festungsschlachten mehr Interaktivität und Abwechslung gewünscht.

Belagerungen und Raubzüge sind ein atmosphärisches Highlight von Assassin‘s Creed Valhalla, spielerisch aber noch ausbaufähig.

Mit dem Rammbock Tore einzureißen macht bei den ersten drei Belagerungen noch richtig Laune, kommt aber leider nie über den Status als nettes Gameplay-Gimmick hinaus. Mehr als zwei Tasten, geschweige denn taktische Finesse, braucht ihr zum Durchbrechen feindlicher Tore nämlich nicht. Trotzdem wirken die groß angelegten Schlachten wie ein sinnvolles Upgrade zu den faden Auseinandersetzungen zwischen Athenern und Spartanern, durch die wir uns noch in Odyssey quälen mussten. Mit etwas Feinschliff und einem Schwierigkeitsgrad, der mehr fordert, könnten wir uns die Belagerungen durchaus auch im nächsten Teil vorstellen.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Die Siedlung kehrt zurück – plündern, bauen, wachsen

Immerhin werden wir nach einem geglückten Raubzug mit einer saftigen Ladung Baumaterial belohnt. Das wiederum benötigen wir, um unsere Siedlung auszubauen. Ja, ihr habt richtig gehört: Assassin‘s Creed 3 klopft an. Wie im Abenteuer von einst können wir nämlich unsere Vorherrschaft in England auch dadurch sichern, dass wir unseren ersten Anlaufpunkt inmitten der Spielwelt Stück für Stück zu einer lebendigen Kleinstadt weitentwickeln. Allzu viel kreative Freiheit dürft ihr dabei jedoch nicht erwarten. Haben wir genügend Ressourcen gesammelt, können wir neue Gebäude mit einem simplen Knopfdruck in Auftrag geben und damit Ravensthorpe, so heißt unsere Siedlung, um ein Gewerbe erweitern.

Im Laufe des Spiels baut ihr eure Siedlung vom winzigen Kaff zur lebendigen Kleinstadt auf – hier schneidet sich Assassin‘s Creed eine Scheibe von Black Flag ab.

Anfangs investieren wir unsere Ressourcen beispielsweise in ein eigenes Assassinen-Büro, um die Jagd nach fiesen Templer-Kultisten zu eröffnen, wie wir sie schon in Odyssey kennen und lieben gelernt haben. Oder aber wir bauen einen Stall, wo wir unsere treuen tierischen Begleiter verbessern. Neue Gebäude schön und gut, doch letztlich sind es deren Bewohner, die den Siedlungsbau überhaupt erst zum interessanten Feature machen. Denn sie erzählen uns Geschichten im Rahmen von Nebenquests, beleben Ravensthorpe mit quietschvergnügtem Geschnatter oder warten schlicht sehnsüchtig darauf, dass wir von unseren Raubzügen zurückkehren. Das hat schon in Assassin‘s Creed 3 super funktioniert und sorgt auch in Valhalla, trotz 0815-Mechanik für ein Plus in Sachen Atmosphäre.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Neue Navigation – Auf der Suche nach Schatz und Story

Raubzüge und der Siedlungsbau sind allerdings bei Weitem nicht die einzigen Neuerungen, die in der Open World von Assassin‘s Creed Valhalla auf euch warten. Nachdem es für die einseitigen Nebenaufgaben von Origins ordentlich Kritik hagelte, bemühte sich Ubisoft in Odyssey, mehr Vielfalt ins Spiel zu bringen. Im neuesten Teil treibt es das Studio mit Sitz in Montreal aber auf die Spitze. Nicht nur gibt es in Valhalla mehr zu tun als je zuvor in einem Assassin‘s Creed, auch die lieblosen Spielzeitstrecker von damals haben größtenteils das Feld geräumt für Nebenaufgaben, die wirklich durchdacht und auch beim zehnten Mal noch unterhaltsam sind. Doch die müsst ihr erst einmal aufspüren.

England und Norwegen: In Assassin‘s Creed Valhalla erwarten euch gleich zwei Schauplätze.

Die Navigation hat in Valhalla nämlich eine Generalüberholung verpasst bekommen. Musste man in Origins noch mühsam alle interessanten Punkte der Karte eigenhändig aufdecken, übernehmen das nun wieder die legendären Synchronisationspunkte für euch – doch es gibt einen Haken. Statt nämlich sofort zu sehen, welcher Schatz bzw. welche Nebenaufgabe an einem Ort auf uns wartet, so wie in Odyssey, leuchtet dort nur ein farblich markierter Punkt auf. Weiße Punkte lassen auf die Anwesenheit von Artefakten wie uralten römischen Masken oder den allseits verhassten fliegenden Codex-Seiten schließen, blaue Hotspots deuten auf eines der neuen World Events hin, während bei gelben Punkten der Loot-Alarm losgeht. Hier warten Ressourcen, Waffen oder Rüstungen.

Die sogenannten World Events sollen als Ersatz für die umfangreichen Nebenquests dienen, mit denen Odyssey vor zwei Jahren überzeugen konnte. Davon gibt es eine ganze Menge, die bunt über die Spielwelt verteilt sind. Doch spalten die kurzen Mini-Aufgaben seit Release von Assassin‘s Creed Valhalla die Gemüter. Die einen halten sie für grottenschlechte, präpubertäre Scherzeinlagen, während andere den gewitzten Anekdoten in Spielform durchaus etwas abgewinnen können. In unserem Test lag die Hit-Rate der kurzweiligen Stories in etwa bei 50:50. Kleines Beispiel gefällig?

In den Katakomben einer größeren Stadt beauftragt uns eine ältere Dame damit, Schlangeneier für sie zu sammeln. Was sie uns nicht verrät: Ihr Plan ist es, damit den größten Furz der Geschichte abzulassen, was sie auch wahnsinnig gackernd tut, sobald wir die Eier bei ihr abgeben. Für jede dieser Fremdschäm-Aufgaben gibt es jedoch ein rührendes Pendant in der Spielwelt, das wirklich funktioniert. Wenn uns ein kleines Mädchen beispielsweise am Fuße eines Baumes beichtet, dass ihr Vater geschworen hat, zu ihr zurückzukehren, bevor das letzte Blatt gefallen ist und wir ihr schonend beibringen müssen, dass es wahrscheinlich keine Hoffnung für ihn gibt, dann werden selbst dem bärtigsten aller Wikinger die Knie weich.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Open World-Aufgaben – so abwechslungsreich wie nie zuvor

Abseits der World Events vertreibt ihr euch mit dem eigens für Assassin‘s Creed Valhalla entwickelten Würfelspiel Orlog die Zeit, stapelt unförmige Steine in einem waghalsigen Balanceakt aufeinander, löst kleine Logikrätsel auf magischen Pilzen oder werdet beim Flyting zur nordischen Battlerap-Legende. Besonders letzteres hat es uns angetan. Denn beim Spottstreit, wie das Ganze auf Deutsch heißt, kommen vor allem Sprachtalente voll auf ihre Kosten. Eure Kontrahenten werfen euch dabei Worthülsen an den Kopf, auf die ihr möglichst schlagfertig und mit entsprechendem Reim antworten müsst. Die Texte sind auch hier toll geschrieben und so können wir mit Fug und Recht behaupten, dass Flyting eines der besten Minigames der jüngeren Videospiel-Geschichte ist.

Die Open-World-Aktivitäten von Assassin‘s Creed Valhalla bieten mehr als genug Vielfalt

Hinzu kommt, dass im neuen Teil auch die Belohnungssysteme größtenteils stimmen. Nur wenige der Nebentätigkeiten erledigen wir für Luft und Liebe. Stattdessen erhöhen wir mit jedem gewonnen Flyting-Battle unseren Charisma-Wert und damit die Chancen, in Dialogen zusätzliche Optionen freizuschalten, dürfen nach einem der optisch beeindruckenden Animus-Puzzle, in denen die Spielwelt plötzlich von Glitches heimgesucht wird, den winzigen Schnipsel eines Story-Videos genießen oder erhalten aus gut versteckten Kisten endlich Nachschub frischer Ressourcen.

Abhängig von Schwierigkeitsgrad und eurer Motivation, auch noch die letzte Kiste der Wikinger-Welt aufzuspüren, könnt ihr mit Assassin‘s Creed Valhalla also gut und gerne mehr als 100 Stunden verbringen. Wir haben in unserem Komplettierungs-Wahn beispielsweise rund 80 Stunden gebraucht, um das Ende der Hauptquest zu erreichen – doch sind noch weit von den magischen 100% entfernt. Lasst ihr alle Nebenschauplätze, Schätze und Höhlennetze achtlos an euch vorbeiziehen, dürftet ihr die Credits nach etwa 50 Stunden sehen. Aber mal unter uns Ragnarstöchtern: Wer macht das schon?

Wie schon in Odyssey jagt ihr auch in Assassin‘s Creed Valhalla dem Orden der Ältesten hinterher.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Spielwelt und Atmosphäre – ein Traum in Grün und Weiß

Dass all die Aktivitäten von Assassin‘s Creed aber auch langfristig bei der Stange halten, ist nur zweitrangig ihrer Vielfalt geschuldet. Denn Hauptattraktion, und wir sind fast schon leid, es bei jedem neuen Teil wiederholen zu müssen, ist und bleibt wie üblich die Spielwelt. Sowohl England als auch Norwegen zeigen gnadenlos eindrucksvoll, wie eine Open World im Jahre 2020 auszusehen und welche Atmosphäre sie zu vermitteln hat. Kleine Anekdote: Wir kamen beispielsweise nicht drum herum, von jeder einzelnen Kamerafahrt beim Synchronisieren neuer Aussichtspunkte zumindest einen Screenshot zu machen – manchmal waren es auch zehn.

Die Landschaft von Assassin‘s Creed Valhalla: So vielfältig und schon wie nie zuvor.

Da wäre zum einen die Vielfalt in der Landschaft. Wer klischeehaft englischen Dauerregen und eintönige Landschaften erwartet, erlebt in Assassin‘s Creed Valhalla garantiert sein saftig grünes Wunder. Denn von kräftig bewachsenen Hügeln und Tälern bis hin zu schneebedeckten Felsmassiven hat die England-Norwegen-Connection ein Mosaik an Szenerien zu bieten, das nur so vor Leben sprüht. Da hilft es auch, dass im neuen Teil die nie enden wollenden Wasserflächen der Ägäis größtenteils wegfallen. Stattdessen schippern wir mit unserem Langschiff munter durch die malerischen Flusslandschaften der frühmittelalterlichen Shires und genießen links und rechts die beeindruckend detailreiche Landschaft sowie die Wikinger-Shanties unserer Crew.

Kaum eine Textur gleicht der anderen und selbst die kleinsten Nebenschauplätze bleiben noch lange, nachdem man weitergezogen ist, in Erinnerung. Und das ist auch gut so, denn rein auf die Fläche gerechnet ist die bespielbare Karte von Valhalla deutlich kleiner als beispielsweise die von Odyssey oder Black Flag. Dafür rückt in London, Winchester, Kent und Co. eben alles ein weniger enger zusammen, was dem Spieltempo enorm zugute kommt. Längen beim Reisen kommen so gut wie nie auf. Und selbst wenn: Wir können und wollen uns am Flickenteppich der englischen Provinzen ohnehin nicht satt sehen. Dafür nehmen wir gern auch den ein oder anderen Abstecher in Kauf.

Heidnische Rituale, christliche Geben und nordische Götter: Die Welt von Assassin‘s Creed Valhalla lebt und lädt zum digitalen Urlaub ein.

Apropos Abstecher: Nicht nur die Landschaft lädt zum Verweilen ein, auch alles, was in ihr kreucht und fleucht, ob feindlich oder freundlich gesinnt, trägt zum Eindruck einer lebendigen Spielwelt bei, die uns voll und ganz in die Zeit der Wikinger eintauchen lässt. Zwei Konflikte stehen dabei im Zentrum. Da wäre einerseits das Wettrüsten zwischen Sachsen und Dänen (bzw. Norwegern), die in jeder Grafschaft um die Vorherrschaft ringen, mal mit diplomatischen Daumenschrauben, mal mit bloßer Waffengewalt. Vor allem aber den ewig schwelenden Konflikt zwischen Christentum, Paganismus und nordischem Polytheismus inszeniert Assassin‘s Creed so atmosphärisch, dass es uns schon fast gruselt. An jeder Ecke stoßen wir auf heidnische Opferrituale, christliche Gebräuche und erleben so das Frühmittelalter aus unterschiedlichsten Perspektiven.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Gameplay und RPG-Elemente – durchdachte Verbesserungen wohin man schaut

Da stört es auch gar nicht groß, dass die Unterschiede im grundsätzlichen Gameplay-Loop zwischen Origins, Odyssey und Valhalla nur minimal ausfallen. Wichtig ist und bleibt: Seit dem Quasi-Reboot der Reihe mit Origins gibt Ubisoft immer mehr Verantwortung an uns Spieler ab und überlässt uns die Zügel bei der Frage, wie genau wir Assassin‘s Creed jetzt eigentlich spielen wollen. Mittlerweile lassen sich Schwierigkeitsgrade für Erkundung, Kampf und Rätsel individuell einstellen und auch bei der Vorgehensweise im Spiel selbst nimmt die Reihe immer mehr Sandbox-Charakter an. Denn Schleichen allein ist schon lange nicht mehr das A und O von Assassin‘s Creed.

Dementsprechend lässt sich so gut wie jede Situation sowohl kriegerisch als auch heimlich lösen, wobei die Haudrauf-Variante in der Regel die deutlich effizientere und schnellere ist, zumindest auf dem normalen Schwierigkeitsgrad. Um also das Meuchelmörder-Feeling von Altaïr und Ezio neu zu entfachen, müsst ihr euch aktiv für den Stealth-Weg entscheiden, habt aber natürlich immer die Wahl, anders vorzugehen. Nur wird es euch vom Spiel eben nicht mehr so strikt aufgedrückt wie noch vor zehn Jahren. Glücklicherweise gibt Ubisoft uns eine ganze Reihe an Tools an die Hand, um unseren ganz eigenen Spielstil zu entwickeln.

Der gigantische Skilltree von Assassin‘s Creed Valhalla mag auf den ersten Blick abschrecken, lässt sich aber jederzeit zurücksetzen und lädt somit zum Experimentieren ein.

So wurde beispielsweise das Skillsystem von Odyssey komplett umgekrempelt und belohnt uns nun in enger getakteten Zeitabständen mit Skillpunkten als noch im quälend langen Grind des Vorgängers. Für jeden Levelaufstieg – und die werden euch förmlich hinterhergeschmissen, kassieren wir nun zwei Punkte, die wir in den neuen, gigantischen Skilltree stecken können. Je mehr Punkte wir investieren, desto mehr Spielarten schalten wir frei, in deren Zentrum immer eine passive Fähigkeit steht, die eine klare Marschrichtung vorgibt. Praktisch: Unsere Punkte können wir jederzeit zurücksetzen und dementsprechend wild herumexperimentieren.

So erspielen wir uns im Laufe der Zeit beispielsweise die Fähigkeit, je eine Zweihandwaffe in einer Hand zu tragen oder erlernen, selbst Elitegegner mit einem einzigen Angriff aus dem Hinterhalt auszuschalten – eine Wohltat, nachdem das in Odyssey auf den höheren Schwierigkeitsgraden nicht möglich war und Schleich-Gameplay damit endgültig ruiniert war. Den Rest unserer Punkte stecken wir in Werte-Boni wie erhöhten kritischen Schaden, Leben oder Fernkampfschaden. Auch wenn die Punkte irgendwann nur so hereinprasseln und gerade auf den späteren Leveln etwas an Bedeutung verlieren, fühlt sich jeder Levelaufstieg belohnend an.

Bei Waffen und Rüstungen setzt Assassin‘s Creed Valhalla wieder auf seichte RPG-Mechaniken, wirkt aber nie überladen.

Gleiches gilt auch für die weiteren Rollenspiel-Elemente von Assassin‘s Creed Valhalla. Die Waffen- und Rüstungsflut von Odyssey beispielsweise ist Geschichte und so findet ihr im Laufe der Geschichte vielleicht so knapp 30 bis 40 und Rüstungen, die alle mit ihren eigenen Vor- und Nachteilen sowie coolen Styles daherkommen. Frei nach dem Motto „Weniger ist mehr“ fühlt sich so jedes neue Stück Ausrüstung in eurem Inventar an, als hättet ihr gerade den Schatz der Nibelungen geborgen. Hinzu kommen simple, aber gelungene Crafting-Möglichkeiten sowie ein Runensystem, mit dem ihr euren Spielstil noch mehr beeinflussen könnt.

Abschließend bleibt also zu sagen: Nein, ein waschechtes Rollenspiel ist Assassin‘s Creed Valhalla damit noch immer nicht. Ganz im Gegenteil: Im Vergleich zu Odyssey fährt Ubisoft die RPG-Mechaniken noch weiter zurück, doch es bleibt genug Platz, damit sich eure Eivor am Ende des Spiels ganz anders anfühlt als die unsere. Euch erwartet also gewissermaßen ein Action-Adventure-Plus. Vergleicht man den heutigen Standard aber beispielsweise mit dem Gameplay-Loop eines Assassin‘s Creed Brotherhood, stehen wir der aktuellen Entwicklung der Reihe sehr positiv gegenüber.

Weniger Müll im Inventar, dafür mehr bedeutende Entscheidungen bei Waffen und Rüstung – Assassin‘s Creed Valhalla krempelt das Loot-System ordentlich um.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Technik, Performance, Präsentation – Augenschmaus mit Makel

Bleibt abschließend noch die Frage zu klären: Wie performt Assassin‘s Creed Valhalla eigentlich in puncto Technik und Präsentation? Schließlich handelt es sich beim Wikinger-Epos nicht um einen Exklusivtitel für die Next-Gen-Konsolen PS5 und Xbox Series X, sondern ein Cross-Gen-Spiel, das obendrein auch noch für die Google Stadia erschienen ist. Im Test lief Valhalla bei uns auf dem PC mit einer Geforce RTX 2080 Ti und einem AMD Ryzen Threadripper 3690X selbst auf höchsten Grafikeinstellungen und in 4K butterweich. Nur in seltensten Fällen tauchte die Bildrate unter 60 FPS und von Crashes blieben wir auch verschont.

Assassin‘s Creed Valhalla ist ein Fest für Augen und Ohren.

Trotzdem liegt das wohl größte Manko von Assassin‘s Creed Valhalla aber in der Technik begraben. Denn Bugs und Glitches finden sich im frühmittelalterlichen London am laufenden MET-er. Egal ob NPCs, die ineinander clippen, sich dreist in Zwischensequenzen durch Wände schieben oder aber unlootbar sind, obwohl sie direkt vor unserer Nase liegen: Die Fehler im Spiel sind in der Regel nicht gravierend, stören das ansonsten stimmige Gesamtkonstrukt aber durch ihre schiere Menge. Besonders ärgerlich wird es, wenn plötzlich der Trigger für ein Story-Element fehlt und wir so gezwungen sind, ganze Questabschnitte noch einmal zu absolvieren.

Hinzu kommt, dass sich auch in Sachen KI seit dem letzten Teil nicht allzu viel geändert hat. Noch immer wandern verbündete NPCs ziellos umher, wenn sie uns doch eigentlich tatkräftig zur Seite stehen sollen, Gegner ignorieren Eivor partout, obwohl sie direkt vor ihnen steht und traditionsgemäß spielen sich auch die Kletterpassagen in Valhalla noch immer einen Tick zu fummelig und unpräzise. Wenn man bedenkt, dass Spiele wie Spider-Man: Miles Morales anklopfen und den Thron spaßiger Parcour-Passagen für sich beanspruchen wollen, ist das wahrscheinlich eine der Baustellen, die Ubisoft ganz oben auf die To-Do-Liste setzen sollte. Man merkt Valhalla also deutlich an, dass Ubisoft den Release pünktlich zum Launch der Next-Gen-Konsolen mit aller Macht einhalten wollte.

Um die ein oder andere technische Unsauberheit kommt Assassin‘s Creed Valhalla leider nicht herum.

Dafür verdient sich die Präsentation von Assassin‘s Creed Valhalla eine Eins mit Sternchen. Auch wenn wir, anders als bei Watch Dogs Legion auf Raytracing verzichten müssen, liefert die AnvilNext 2.0 Engine noch immer atemberaubende Grafik auf höchstem Niveau ab. Die Lichtstimmungen bei Nacht wie am Tag sind ein absoluter Augenschmaus und abseits der kleinen technischen Ungereimtheiten machen auch die Ladezeiten einen guten Eindruck. Die fallen zwar nicht, wie auf der PS5 versprochen, gänzlich weg, bleiben mit nur wenigen Sekunden aber immer im Rahmen. Matschige Texturen suchen wir vergeblich und so gehört Valhalla trotz Cross-Gen-Wurzeln zu den wohl schönsten Videospielen in 2020.

Abgerundet wird die Präsentation durch starkes Sounddesign und eine Top-Vertonung. Der Soundtrack hat genug Power, um auch nach 80 Stunden noch den Wikinger in uns wachzurütteln, fällt aber nie so penetrant aus, dass er uns irgendwann zu den Ohren raushängt. Auch in Odyssey schon genial und hier noch eine Spur atmosphärischer: Die Gesänge und Geschichten an Bord des eigenen Schiffes. Hier trumpfen die inbrünstigen Wikinger-Stimmen richtig auf. Und selbst in den Städten von Assassin‘s Creed Valhalla tobt auditiv das blühende Leben. Überall wird gequatscht, gesungen und gedichtet. Das mag dem ein oder anderen zu viel sein, für uns füllt es die ohnehin schon belebte Spielwelt mit noch mehr Feuer und Leidenschaft. Wir haben das Abenteuer zum Großteil in englischer Sprachausgabe genossen, aber auch die deutschen Synchronstimmen sind absolut gelungen.

Assassin‘s Creed Valhalla im Test: Aus alt mach neu mach gut

Wie die sagenhaften Nornen verwebt Assassin‘s Creed Valhalla alte Stärken der Reihe mit einem erfrischend packenden Setting.

In Assassin‘s Creed Valhalla übernimmt Ubisoft die Rolle der schicksalsträchtigen Nornen. Statt jedoch die Fäden der Vorhersehung zu spinnen, verwebt der Entwickler gekonnt alte Stärken der Reihe mit einem erfrischenden Setting und neuen Ideen. Sei es Social Stealth, die heimelige Siedlung oder die dichte Atmosphäre: Das Wikinger-Abenteuer greift kurzerhand zu Odins Speer Gungnir, pickt damit viele Dinge auf, die in Vergessenheit geraten sind und verbaut sie zu einem Spiel, das nicht nur Fans der Reihe garantiert in Erinnerung bleibt. Hinzu kommt ein bis zum Rand gefülltes Trinkhorn mit abwechslungsreichen Open World-Aufgaben, mutigen Geschichten in Episodenform und Rollenspiel-Mechaniken, die ein paar sinnvolle Verbesserungen erfahren haben.

Nur technisch lässt Valhalla die Axt etwas schleifen und wird geplagt von allerlei Bugs, Glitches und anderen Kuriositäten. Angesichts des gigantischen Umfangs und der Spielwelt, die nicht nur zum mit der Zunge Schnalzen schön, sondern auch so lebendig wie selten ein Assassin‘s Creed-Schauplatz zuvor ist, können wir aber gern über diese kleinen Schwächen hinwegsehen. Wenn nicht gerade ein World Event zum Fremdschämen dabei ist, gibt sich Assassin‘s Creed Valhalla außerdem weitaus blutiger und erwachsener als seine Vorgänger. Wie üblich gilt: Wer mit den Open World-Konzepten von Ubisoft nicht warm wird, plündert besser am nächsten Regal. Sucht ihr aber das abwechslungsreichste und mutigste Assassin‘s Creed seit Black Flag, dann hisst die Segel und macht euch auf zur Plünderfahrt ins malerische England.

ProCon
- Unglaublich atmosphärische und lebendige Spielwelt- Bug und Glitches am laufenden Band
- Packende und wendungsreiche Wikinger-Story- Animationen nicht immer fehlerfrei
- Abwechslungsreiche Open World-Aufgaben- Kopflose KI
- Gelungene Erzählstruktur in Episodenform- Belagerungen und Raubzüge spielerisch verbesserungswürdig
- Gigantischer Umfang
- Altbekannte Gameplay-Elemente sinnvoll eingefügt
- Liebenswürdige, wenn auch recht flache Charaktere
- Sinnvoll heruntergebrochene RPG-Elemente
- Tolles Waffen-, Rüstungs- und Charakterdesign
- Gut gewählte Belohnungs- und Fortschritts-Systeme
- Atmosphärische Sounddesigns und Synchronstimmen
- Viele Einstellungsmöglichkeiten bei Schwierigkeitsgrad und

Rubriklistenbild: © Ubisoft

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Meistgelesen

Resident Evil 8 Village im Test: Der erste Paukenschlag für Horror auf der Next-Gen
Resident Evil 8 Village im Test: Der erste Paukenschlag für Horror auf der Next-Gen
Resident Evil 8 Village im Test: Der erste Paukenschlag für Horror auf der Next-Gen
New Pokémon Snap im Test: Abgefahrene Fotosafari oder langweilige Bimmelbahnfahrt?
New Pokémon Snap im Test: Abgefahrene Fotosafari oder langweilige Bimmelbahnfahrt?
New Pokémon Snap im Test: Abgefahrene Fotosafari oder langweilige Bimmelbahnfahrt?
Test: Final Fantasy X / X-2 HD Remaster (PS3 / PS4)
Test: Final Fantasy X / X-2 HD Remaster (PS3 / PS4)
Test: Final Fantasy X / X-2 HD Remaster (PS3 / PS4)
Animal Crossing: New Horizons (Nintendo Switch) im Test – Darum ist es Trend!
Animal Crossing: New Horizons (Nintendo Switch) im Test – Darum ist es Trend!
Animal Crossing: New Horizons (Nintendo Switch) im Test – Darum ist es Trend!

Kommentare