Knorke oder Bruchlandung?

Bravely Default 2 im Test: Die 90er haben angerufen

  • Jonas Dirkes
    VonJonas Dirkes
    schließen

Mit Bravely Default 2 katapultiert uns Nintendo in die wilde Welt der JRPGs der 90er Jahre. Ob solch ein Titel auch noch 2021 bestehen kann, lest ihr im Test.

Hamburg – Riiiiiiing. Ja, wer da? 90er wer? Nein, hier ist Switch! S-W-I-T-C-H – Sie sind im falschen Jahrzehnt! Ja gut, dann Tschüsseldorf. Nintendo war dran. Hat sich scheinbar verwählt. Ging um Bravely Default 2. Das Spiel erscheint gerade für die Nintendo Switch und wirkt als käme der Titel grafisch und spielerisch aus einem ganz anderen Jahrzehnt. Da ist uns was eingefallen: Aufmerksame Stammleser werden sich erinnern, dass wir den Titel bereits in den 90ern im Test hatten!

Datum der Erstveröffentlichung26. Februar 2021
SerieBravely-Reihe
GenreRollenspiel, JRPG
EntwicklerClaytechworks Co., Ltd., Team Asano
HerausgeberNintendo, Square Enix
PlattformNintendo Switch

Habt ihr sicher verpasst, weil damals noch der Internet-Anschluss fehlte? Keine Sorge, wir waren im großen Ingame-Archiv, haben die alte Review zu Bravely Default 2 aus unserem Gründungsjahr 1999 heraus gekramt und verraten euch nun quasi im Futur II, ob das japanische Rollenspiel einen Ausflug auf der Switch wert ist. Hier also der kurz vor der Jahrtausendwende veröffentlichte, original Ingame-Testbericht – wie sowas früher noch hieß – zu Bravely Default 2.

Bravely Default 2 im Test: Ein Rollenspiel, das auch aus den 90ern kommen könnte

Oberaffengeil! Nintendo bringt ein neues JRPG. Und das Beste: Kein Import ist nötig, der Titel erscheint sogar mit deutscher Lokalisierung in Europa. Ab dem 26. Februar gibt es Bravely Default 2 in jedem Vedes-Laden oder Videospiel-Händler eures Vertrauens in der Republik zu kaufen. Für das Game sollen Zocker 120 DM blechen. Ganz schön raffgierig, aber Nintendo steht für Qualität. Wir konnten Bravely Default 2 vor allen anderen daddeln und können euch jetzt verraten, ob ihr euren Brustbeutel erleichtern solltet oder das Cash lieber für die andere Top-Titel des Jahres, wie etwa das am selben Tag für die PSone erscheinende Metal Gear Solid, sparen solltet.

In den wenigen zwischen Sequenzen fetzt Bravely Default 2 grafisch wie Final Fantasy VII.

Was geht also ab in Bravely Default? Gar nicht so leicht zu verklickern. So geht es auch unserem Helden Seth. Der ist wie so viele seiner Kollegen in japanischen Rollenspielen an den Strand gespült worden und kann sich wie nach einem gediegenen Techno-Rave in Berlin an nichts erinnern. Alles ratzekahl weg. Seth trifft auf Prinzessin Gloria von Musa und ihren treuen Begleiter Sir Sloan. Gloria ist eine echte Powerfrau und vielleicht sogar taffer als Lara Croft. Sie ist auf der Suche nach vier Elementar-Kristallen – Erde, Wind, Wasser und Feuer. Wer alle vier beherrscht, der entscheidet über das Schicksal der Welt und kann großes Unheil herauf beschwören.

Mit ihrem Königreich im Blick, versucht Gloria das natürlich zu verhindern und Seth schließt sich, samt der Söldnerin Adele und dem Schwarzzauberer Elvis, der Truppe an. Alles Standardkost für JRPG-Hasen. Die Story erfüllt seinen Zweck, fetzt euch vor der Glotze aber nicht so weg wie Kung-Fu in Matrix oder ein Blümchen-Konzert. Fett ist allerdings, dass euch die Story von Bravely Default 1 und Bravely Second komplett schnuppe sein kann. Die Geschichte des neuen Games hat damit nichts zu tun und ist Solo wie Robbie Williams.

Auch wenn der Stil von Bravely Default 2 hübsch sein kann, ist die Grafik ein Stinker – Gerade am Riesen-Röhrenfernseher!

Auch bei der Grafik hat sich Nintendos Entwicklerstudio Claytechworks wohl gedacht: Relax! Manchmal sieht Bravely Default 2 so pixelig aus wie ein schlechtes Spiel auf der PSone. Dufte ist das nicht, gerade da das Spiel bei manchen Charaktermodellen zeigt, dass es auch so beautiful aussehen kann wie die vorgerenderten Zwischensequenzen im vor zwei Jahren 1997 erschienenen Final Fantasy VII.

Im Zuge des experimentellen Nintendo Switch-Programms, konnten wir den Titel normal an der Flimmerkiste und an einem Handheld – also sowas wie einem Gameboy Color – auschecken. Vor dem TV-Modus müssen wir euch aber warnen: Der flext euch die Augen weg! An eurem Röhrenfernseher macht Bravely Default 2 keinen Fun, das Game hat da nichts verloren. Das Spiel sieht aus wie seine Handheld-Vorgänger und auf einem ähnlich großen Display solltet ihr es auch spielen. Also lieber ein paar AAA-Batterien mehr einstecken und Bravely Default 2 zwischen Crystal-Pepsi und Discman im Fishbone-Rucksack immer griffbereit haben.

Bravely Default 2 im Test: Gegen das fetzige Kampfsystem kommt kein Breakdance an!

Klingt ja alles erstmal gar nicht so knorke, was der Oberlehrer hier verklickern möchte, denkt ihr jetzt vielleicht. Das Gameplay von Bravely Default 2 ist aber spannender als jede Ausgabe der 100.000 Mark Show und schlagfertiger als Ulla Kock am Brink! Das liegt vor allem am oberaffengeilen Kampfsystem. Das ist wie viele japanische Genregrößen rundenbasiert, also mega classic.

Special ist, dass sich für jedes eurer vier Party-Mitglieder ständig die Frage stellt: Bravely oder Default? Easy gesagt bedeutet das, ihr könnt entweder ganz normal eine Aktion ausführen, auf default gehen – euch verteidigen und eine Zusatzaktion (BP) für die nächste Runde ansparen – oder ihr seid bravely und führt mehrere Aktionen auf einmal aus. Für jeden dieser Zusatzmoves müsst ihr danach aber eine Runde aussetzen. Ausnahme: Ihr habt durch eine Default-Runde einen, zwei oder maximal drei BP angespart. Dann könnt ihr gleich mehrere Angriffe oder Zauber durchführen, ohne den Trouble in der nächsten Runde ausbaden zu müssen.

Wer in den Kämpfen bei Bravely Default 2 bestehen will, muss ein echter Taktik-Meister sein.

Das ist fett taktisch und fordert die grauen Zellen ordentlich zum Schwitzen auf. Die richtige Balance auf seinem BP-Konto zu finden, ist gar nicht so leicht. Gleichzeitig ist Bravely Default 2 krass schwer. Wer immer im Aggro-Modus vermöbelt, bekommt nur auf die Rübe. Passt ihr nicht auf, schmilzt eure Lebensenergie schneller dahin, als ein Ed v. Schleck im Freibad. Und dann heißt es Game Over und das Spiel wirft euch zurück zum Startbildschirm.

Speichern ist nicht ganz so schlimm wie in Resident Evil – es braucht keine Farbbänder oder Schreibmaschinen – aber einfach im Dungeon lässt Bravely Default 2 euch auch nicht speichern. Das könnt ihr nur an speziellen Punkten erledigen. Die gibt es fairerweise meist vor den gediegenen Kämpfen gegen die Obermotze.

Um da bestehen zu können, solltet ihr euch für einen Job entscheiden. No Pressure – ihr sollt nicht arbeiten, so werden einfach die Klassen in Bravely Default 2 genannt. Krieger, Weißmagier, Mönch, Schwarzmagier und so weiter. Hier kann man sich schön austoben und immer mal durchwechseln, wenn es gerade nicht klappt. Steckt ihr fest, lohnt sich auch ein Blick ins unübersichtliche Inventar. Da befinden sich zwar mehr Items als Papiere in eurer Diddlblatt-Sammlung, aber ein neuer Hut oder ein anderes Schwert kann den entscheidenden Boost geben. Eine echte Base für Taktikfüchse ist das.

Bravely Default 2 im Test: Knorke Musik, schwache Inszenierung

Was wir unbedingt erwähnen müssen, ist der wunderschöne Score von Bravely Default 2. Echte Japan-Kenner werden die Filme von Studio Ghibli kennen (nächstes Jahr soll der Film Prinzessin Mononoke auch endlich in Deutschland anlaufen!). An die Musik aus diesen Flimmerstreifen fühlten wir uns bei Bravely Default 2 erinnert. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass, auch wenn die Mukke in Bravely Default 2 wirklich fantastisch ist, sie nicht mit den fetzigen Tracks von Oasis mitstinken kann – Team Noel 4 Ever.

Abgesehen davon ist die Präsentation von Bravely Default 2 aber ziemlich altbacken. Das Spiel wirkt eher wie ein Final Fantasy VI anstatt VII. Starre Erzählscreens, kaum Komfortfunktionen und nur wenig coole Zwischensequenzen. Dafür bekommt man immerhin die englische Sprachausgabe mit deutschen Untertiteln für fast alle der vielen Dialoge spendiert. Wenn man aber sieht, dass Spiele wie Metal Gear Solid für die PSOne unser Geheimtipp für 1999! – sich fast als kleinen Hollywood-Film inszenieren, ist das aber eindeutig zu wenig. Da wäre mehr Moviemania als Textboxen und starre Figuren drin gewesen!

Truff hat sich entschieden einer der Guten in Bravely Default 2 zu werden. Gute Entscheidung!

Wo man allerdings nicht motzen kann, ist der ordentliche Umfang von Bravely Default 2. Den Titelscreen kriegen Spieler nach guten vier Stunden auf die Netzhaut geworfen – da weiß man was für ein Content-Monster hier auf einen wartet. Dazu kommen noch die zahlreichen Nebenmissionen, dessen kleine Geschichten wundervoll ernst genommen wurden und auch abseits der Main-Quest um Seth, Prinzessin Gloria und Co. Spaß machen. Da lernten wir auch den guten Truff kennen! Leider wussten wir nicht wie wir Bilder im streng geheimen Nintendo Switch-Programm machen sollten, deswegen haben wir euch einfach ein Polaroid geschossen.

Am Anfang hatten wir bei Bravely Default 2 mehr Befürchtungen als an Y2K. Das Spiel hätte in Teilen so auch auf dem Super Nintendo erscheinen können! Die Grafik haut Geeks und Nerds nicht vom Hocker, die Story ist solide aber Standardkost und die Präsentation nicht so fetzig wie Final Fantasy VII. Trotzdem konnte Bravely Default 2 unser Herz gewinnen wie Nick Carter von den Backstreet Boys. Das Bravely/Default-Kampfsystem bleibt der Oberhammer und fordert euch zu taktischen Höhenflügen auf, der Schwierigkeitsgrad ist für ein JRPG endlich mal wieder schön knackig und alle Charaktere sind liebevoll geschrieben und vertont. Ein echter Win, wenn man auf solche klassischen Games steht. Unsere Empfehlung: Japano-Freaks und Genrekenner greifen zu, alle anderen spielen Probe. Shibby!

Bravely Default 2 im Test: Fazit zum 90er-Rollenspiel

Bravely Default 2 im Test: Uns hat das JRPG trotz Schwächen sehr gut gefallen

Hier spricht wieder das Jahr 2021. Ganz schön verrückt wie wir vor 20 Jahren noch geschrieben haben! Um Bravely Default 2 aber auch in der Gegenwart etwas einzuordnen, hier noch ein paar abschließende Worte: Wer Komfort und Rücksetzpunkte mag, der sollte einen Bogen um das Spiel machen. Bravely Default 2 ist engstirnig, erbarmungslos und lebt in der Vergangenheit. Zudem ist das Spiel mit der Nintendo Switch am TV wirklich ein Reinfall. Solch einen Pixelbrei haben wir schon lange nicht mehr gesehen. Man merkt einfach, dass es sich hier mehr um einen gepimpten 3DS Titel handelt, der jetzt auf der Switch erscheint.

Aber wenn man einen Softspot für das Genre hat, ist das alles komplett egal. Als Spiel legt Bravely Default 2 nämlich eine fantastische Figur hin. Gerade das Kampfsystem, mit dem ständigen Klauben um BP, ist taktisch, fordernd und spaßig wie in den wenigsten modernen Titeln. Und auch wenn die Story an sich nicht der Bringer ist, macht die Kampagne mit seinen feinfühlig geschriebenen Charakteren auf jeden Fall eine Menge Spaß. Wer also Lust hat, mal wieder ein richtig klassisches JRPG zu spielen, das sich den Zauber der Spiele der 90er bewahrt hat, dann kommt man an Bravely Default 2 nicht vorbei und sollte unverzüglich zuschlagen – dann aber bitte im Handheld-Modus der Switch. 

ProCon
+ Fantastisches Kampfsystem– Technisch sehr schwacher 3DS-Look
+ Knackiger Schwierigkeitsgrad– Zu pixelig für den TV, nur im Handheld-Modus genießbar
+ Sympathische Charaktere– Story ist lahme JRPG-Standardkost
+ Fast durchgängig englische Sprachausgabe– Kaum moderne Komfortfunktionen
+ Traumhafter Score– Unübersichtliches Inventar
+ Ordentlicher Umfang

Rubriklistenbild: © Nintendo | Erstveröffentlichung am 25. Februar 2021

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare