Days Gone im Test: Zombie-Blockbuster mit Ecken und Kanten

  • Marco Kruse
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Nachdem in letzten Jahr mit God of War und Spider-Man gleich mehrere AAA-Knaller PS4-Spieler glücklich gemacht haben, sieht es in diesem Jahr bisher recht spärlich mit Exklusiv-Titeln auf der Sony-Plattform aus. Days Gone ändert das Ganze jetzt schlagartig mit einer neuen IP, auf die seit der E3 2016 viele Spieler sehnsüchtig erwarten. Doch hat sich das Warten auch gelohnt?

Mit dem Bike durch Zombieland

Warum viele Spieler auf Days Gone warten, ist relativ einfach erklärt, denn das Spiel vereint viele Trends wie Open-World, Third Person Shooter sowie Survival-Elemente und mixt diese in ein postapokalyptisches Setting mit jeder Menge Zombies und Bikern. Klingt geil, ist es eigentlich. Bevor wir jedoch zum Aber kommen, hier worum es eigentlich geht: Ihr schlüpft in die Haut des harten, jedoch auch recht smarten Bikers Deacon St. John, der bis zum Beginn des Spiels langsam versucht, mit seiner Frau Sarah, seine Motorradgang-Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Was dazwischen kommt? Nunja, eine kleine aber feine Zombie-Apokalypse, bei deren Ausbruch es unser Held noch gerade so schafft, seine Liebste, wenn auch verletzt, in einen Helikopter zu verfrachten, um sie vermeintlich in Sicherheit zu bringen. Dass dieser Heli ausgerechnet zur "bösen" Forschungsfirma Nero gehört, ist ein unglücklicher "Zufall". Deacon bleibt ebenfalls verletzt mit seinem Buddy, Schwager und - natürlich auch Gangmember - Boozer zurück. Von dieser Stelle aus gehen zwei Jahre ins Land. Deacon ist mittlerweile Witwer und Sarah zusammen mit dem  Helikopter abgestürzt.

Lose Enden

Ab diesem Punkt kommt ihr in die Welt von Days Gone, um viele der Fragezeichen, die sich hier logischerweise ergeben, auszumerzen. Dabei warten, typisch Open-World, jede Menge unterschiedliche Storylines darauf, von euch abgearbeitet zu werden. So erfahrt ihr nach und nach, was eigentlich wirklich mit Sarah passiert ist, wer die bösen Nero-Guys sind, wie hart und weich Männer im Motorradklub sind und was eine Zombie-Apokalypse aus so einer idyllischen Landregion wie Oregon macht, oder besser machen könnte.

Nun kommen wir aber schon zu dem erwähnten "eigentlich", denn wo Idee und Geschichte spannend sind, steht sich Days Gone an vielen Ecken und Kanten selbst im Weg. Bei jeder Storymission bekommt ihr davor, danach, oder zwischendrin Cutscenes auf den Bildschirm geschmettert, die euch nach und nach einen Einblick geben, was so in Deacons Welt passiert ist. Vor allem die Szenen um die Beziehung von Sarah und Deacon besitzen überraschend viel emotionalen Tiefgang, scheitern aber an anderer Stelle wie bei der Geschichte um Schwager Boozer an Belanglosigkeit. Zudem sind viele der Aufgaben, egal ob Haupt- oder Nebengeschichte, recht monoton und laufen immer wieder aufs selbe Ziel hinaus und zwar Zombies den Garaus zu machen.

Kreuz und quer durch die Gegend

Besonders ärgerlich sind hier die Patzer in Sachen Schnitt der Cutscenes, die euch öfter ein Fragezeichen auf die Stirn zaubern. So wird stellenweise schnell vor oder während der Szenen in Örtlichkeiten gesprungen, oder euch Dinge gezeigt, die ihr vorher schon gesehen habt. Zudem wird der Fluss der Geschichte gerne mal vom Gameplay selbst unterbrochen, weshalb ihr nur schwerlich eine Storyline über einen längeren Zeitraum am Stück verfolgen könnt. Gerade zu Beginn hält euch Days Gone unnötig mit Nebengeschichten auf, oder verwickelt euch in ewig lange Kämpfe.

Ein Outlaw sammelt Punkte

Bleibt natürlich die Frage, warum macht ihr das eigentlich? Je nachdem, welcher Mission ihr gerade nachgeht, sammelt ihr Zombieohren, Geld und Vertrauen. Mal ganz abgesehen von Gegenständen während der Aufgaben und Erfahrung durch erledigte Gegner. Alles dies ist wiederum nützlich, um erstens im Charakterlevel aufzusteigen, sodass ihr eure Fähigkeiten verbessern könnt und zweitens, um bessere Gegenstände, Waffen und Upgrades für euer Motorrad in den verschiedenen Camps zu erhalten. Gerade die Fähigkeiten in Kombination mit den Waffen machen euch das Leben und die Missionen deutlich leichter.

Da die meisten Skills aber passiver Natur sind, ist der Fortschritt gerade zu Beginn doch ein wenig gehemmt, egal in welche Verbesserung ihr investiert. Dies ändert sich, nachdem ihr neue Ebenen und Waffen freischaltet langsam, weshalb euch Überleben und Kämpfe ab einem späteren Zeitpunkt merklich leichter fallen und der Gameplay-Fluss deutlich spaßiger wird. Da gerade das Bike ein so wichtiger Bestandteil des Spiel ist, tut ihr gut daran, auch dies möglichst schnell auf Vordermann zu bringen. Denn macht ihr dies nicht, quält euch das Bike unnötig mehr als es das ohnehin schon tut.

Ein Bike euch zu knechten

So haben sich die Entwickler der Bend Studio nämlich dafür entschieden, euch das schnelle Reisen nicht allzu leicht zu machen. Euer Zweirad kann nämlich nicht einfach gerufen werden und tankt oder repariert sich natürlich auch nicht von allein. Hört sich vom Konzept spannend an, ist stellenweise aber eine echte Qual. Gerade das Tanken ist nicht immer planbar und so werdet ihr stellenweise unfreiwillig, selbst zwischen Hauptmissionen, zum Fußgänger. Passiert dies zufällig noch in der Nähe von Zombiehorden, ist das zwar im Sinne des Survival-Genres eine Eins plus, aber nach dem zweiten Mal auch an Nervigkeit kaum zu überbieten.

Viel schlimmer ist es jedoch, dass das Bike auch noch als Trigger für bestimme Missionsaufgaben dient, die primär nichts mit dem Motorrad zu tun haben. So kann Deacon beispielsweise dank Instinksinn á la "The Last of Us" Fährten lesen, um die Spur von Gegnern oder Tieren aufzunehmen. Das funktioniert jedoch nur, wenn das Motorrad genug Sprit im Tank hat. Mit dieser Mechanik im Rücken schickt euch das Spiel stellenweise quer über die Karte, sodass der Tank logischerweise leer geht, nur damit im Anschluss die Nachricht aufploppt: "Sorry, Tank vom Moped ist jetzt leer, ihr könnt diese Fährte (die direkt vor euch auf dem Boden ist) nicht lesen, geht bitte erst Sprit suchen.

Zu allem Überfluss werdet ihr euch ans Fahren mit dem Bike auch erst ein wenig gewöhnen müssen, da dies doch recht träge reagiert. Gerade zu Beginn könnt ihr euch darauf einstellen, dass ihr mal am Baum landet oder die richtige Abfahrt verpasst. Glücklicherweise wird dies mit Eingewöhnung und Verbessern des Drahtesels im Verlauf des Spiels merklich besser. Und hier ein kleiner Tipp: Euer erstes Bike Upgrade sollte in jedem Fall der Tank sein.

Wenn die Karte nicht hilft

Ebenfalls für Frust können auch die Karte und Minimap von Days Gone sorgen. Auch hier müsst ihr euch nämlich erst an die Logik dahinter gewöhnen. Ein gutes Beispiel sind die Zombienester, welche ihr ausräuchern müsst, damit diese nicht mehr wie Karnickel in bestimmten Gebieten auftauchen. Dafür gibt es bestimmte Marker, die euch diese Missionen auf der Karte anzeigen. Dort angekommen irrt ihr jedoch umher, bis ihr merkt, dass der Marker nicht die Mission startet, sondern willkürlich im Gebiet auf der Map platziert ist, in dem ihr nach einer bestimmten Anzahl von Nestern suchen müsst.

Die Geschichte mit dem Swipe

Ebenfalls ein frische, aber nicht ganz zu Ende gedachte Idee sind die Menüs des Spiels. Aufs Touchpad gedrückt, erscheint eine Auswahl, bei ihr nach oben, unten, links und rechts swipen könnt, um an die jeweiligen Punkte wie Storyübersicht oder Map zu gelangen. Dies macht beim ersten Mal zwar noch ein frischen Eindruck, wird aber auf Dauer wegen des ungenauen Touchpads auf dem Controller wirklich unpraktisch. Gerade wenn ihr auf die Karte wollt und im Skilltree landet, kommt mit der Zeit Frust hoch.

Um dies ein wenig zu entschärfen, kommt ihr an die wichtigen Punkte dank Schultertasten auch ohne Swipe, aber ganz ohne geht es halt doch nicht.  Zudem ist zwar der Look der Menüs wirklich schick, jedoch dessen Funktionalität stellenweise fragwürdig. Beispiel: Wollt ihr ins Craftingmenü navigieren, kommt ihr zu einer Übersicht, die euch zwar anzeigt, was ihr craften könntet und was ihr an Materialen benötigt und habt, aber fürs Herstellen müsst ihr wieder zurück ins Spiel. Hier hingegen läuft dies dank gut gedachtem Waffenrad mit einer Auswahl über Analogstick wunderbar flüssig und leicht. Ein bisschen schade ist es am Ende des Tages aber, dass ihr Dinge wie Munition nicht wirklich selbst herstellen könnt, sondern diese immer kaufen oder finden müsst.

Wenn du Zombies siehst ...

Die Konfrontation mit den Untoten ist natürlich ein essentieller Bestandteil des Spiels. In der großen, offenen Welt merkt ihr nämlich schnell, dass die normalen Menschen sich in eigene Verstecke oder größere Camps zurückgezogen haben und ihr beim Reisen von Aufgabe zu Aufgabe der Gejagte seid. Hierbei sind die Zombies zwar nicht sonderlich schlau, aber dafür extrem hungrig auf Frischfleisch und, sobald ihr entdeckt werdet, im Berserker-Modus unterwegs. Dann habt ihr die Wahl zwischen Flucht und Angriff. Eure Entscheidung solltet ihr hierbei immer mit Bedacht treffen, denn ein Zombie kommt meist selten allein und mit nur ein wenig Pech, steht euch gleich ein großer Schwarm gegenüber, der ohne richtige Vorbereitung und Waffen garantiert euer Ableben bedeutet.

Und nicht nur die nur die Horden von Zombies sind ein Highlight von Days Gone, sondern auch, dass es nicht nur eine Art von Zombie gibt, die euch nach dem Fleisch trachtet. Im Verlauf des Spiels kommen immer wieder neue Gegnerarten dazu, die unterschiedliche Gegenmaßnahmen benötigen. Eure Waffenauswahl ist amtlich und teilt sich in unterschiedliche Kategorien vom einfachen Messer bis hin zum  Scharfschützengewehr. Viele Waffen können dank angedocktem Crafting-System auch noch "verbessert" werden. So lassen sich beispielsweise an Nahkampfwaffen wie dem Baseballschläger Nägel anbringen, um noch etwas mehr Durchschlagskraft zu haben, oder Pistolen und Schlitten mit Schrottschalldämpfern ausstatten.

... dann hol das Medipack raus

Leider gibt es auch hier ein Aber, denn zwar funktioniert das Run and Gun in der Über-die-Schulter-Perspektive gut, scheitert nur an besonders hektischen Stellen, oder im entsprechendem Schwierigkeitsgrad an der überladenen Steuerung. Damit dies nicht allzu frustig wird, solltet ihr unbedingt in der Steuerung Rollen und Rutschen tauschen. Weil sonst das Ausweichen, was bitter nötig ist, in den Kämpfe auf der rechten Schultertaste liegt, was im Standard Layout bei euch zum Griff ins Leere führen wird. Ist euer Leben, welches sich nicht automatisch erholt, noch dazu niedrig, wird es erst richtig frickelig. Die Einnahme von Medipacks liegt zusätzlich links auf dem D-Pad, was es, auf der Flucht bei gedrücktem linken Analogstick, unmöglich macht, sich zu heilen ohne eine Hand vom Controller zu nehmen.

Aber gerade mit besseren Waffen und Skills geht das Ausmerzen von Zombies dann deutlicher leichter und angenehmer von der Hand. Dann macht es auch merklich Spaß, größere Gruppen und Horden nochmals über den Jordan zu schicken. wobei ihr euch nicht täuschen lassen solltet, denn die großen Horden schließt ihr nicht einfach so weg. Hierfür braucht ihr das richtige Gebiet, die volle Munition und auch die richtige Taktik. Das hat wiederum seinen eigenen Reiz und liefert eine frische spielerische Herausforderung.

Untot aber schön

Wie für einen exklusiven Konsolen-Blockbuster üblich, kann Days Gone gerade bei der Präsentation überzeugen. Das große Oregon überzeugt mit tollen Landschaften, die unterschiedlich und wirklich detailverliebt ausfallen. Besonders freuen könnt ihr euch hierbei über die Atmosphäre, die durch schicke Wechsel der Tageszeiten und Wettereffekte erzeugt wird. Dabei ist es egal, ob ihr nachts durch Wälder dem Sonnenaufgang auf dem Motorrad entgegen donnert, mitten im Flachland auf die Berge schaut, oder es plötzlich in einem der Camps anfängt zu gewittern.

Die Welt von Days Gone ist zu jeder Zeit lebendig und malerisch schön. Gerade auf der PS4 Pro könnt ihr dies in 4K und HDR genießen, was vor allem die Atmosphäre noch dichter und packender einfängt. Nur in Sachen Performance kommen hier sowohl PS4 Pro als auch Basis PS4 manchmal an ihre Grenzen. Gerade bei Zombiehorden kann die Framerate schon mal einen kleinen Absacker machen oder es beim Rumbiken zu minimalen Rucklern kommen. Dies ist aber nicht wirklich störend und beeinflusst die Spielbarkeit von Days Gone nicht.

Weiterer Pluspunkt ist auch der Soundtrack, der das Paket der Präsentation abrundet. Gerade die Umgebungsgeräusche wie das Zwitschern von Vögeln, das ständige Keuchen von Zombies, oder das Brüllen eines Hirsches im Wald, lassen die Spielwelt enorm lebendig wirken. Einher geht dies mit einer tollen musikalischen Untermalung, die Cutscenes und das restliche Gameplay mit der richtigen Stimmung der jeweiligen Situation in Szene setzt. Ein bisschen hinterher ist nur die deutsche Synchronisation der Charaktere, die leider kaum zündet. Dies ist aber kein Manko, da ihr jederzeit zu den Originalstimmen wechseln könnt und zur Not deutsche Bildschirmtexte einschalten könnt.

Pros

Cons

Fazit

Days Gone ist definitiv ein Spiel im Blockbusterformat. Doch leider zündet die tragische Erzählung um den harten Biker Deacon mit weichem Kern nicht vollends, weil wahrscheinlich zu viel versucht worden ist. Zu viele kleine Nebengeschichte, die stellenweise belanglos sind. Zu viele gleiche Missionen, die schnell in monotone Arbeit ausarten. Zu viele Mechaniken, die euch das Leben unnötig schwer machen, oder den Fluss der sonst gelungenen Kämpfe stören. Viel davon vergebt ihr Days Gone dann aber schnell dank der tollen Präsentation, bei der sogar das Überleben nach dem Zombie Apokalypse irgendwie malerisch wirkt.

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