So geht Off-Road

Dirt 5 im Test: Dreck unter den Reifen, Benzin im Blut und Punk im Herz

  • Joost Rademacher
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Wieder einmal schickt Codemasters uns auf die Schlammpisten der Welt. Ob Dirt 5 mit seiner Arcade-Action und punkigen Attitüde punkten kann, zeigt unser Test.

  • Dirt 5 erscheint am 06. November 2020 für PS4, Xbox One und PC dabei jeweils als Launchtitel auf Xbox Series X und PS5.
  • Entwickler und Publisher Codemasters bringt die langjährige Dirt-Reihe wieder in die verspielten Gefilde der Arcade-Rennspiele.
  • Ob ein neues Entwicklerstudio und eine gehörige Portion Farbe reicht, um Dirt 5 aufs Treppchen zu hieven, prüfen wir im Test.

Hamburg, Deutschland – Der Schmutzfink unter den Rennspielen ist zurück auf den heimischen Bildschirmen. Drei Jahre ist es her, seit Codemasters uns in Dirt 4 das letzte Mal in dick bereiften Hochleistungsautos Staub aufwirbeln ließ. Erstmals liegt die Dirt-Reihe nun in den Händen von Codemasters Cheshire, die ehemals unter dem Namen Evolution Studios andere Arcade-Rennspiele wie MotorStorm und DriveClub für Sony entwickelten. In dem neuen Studio wird das Wort Arcade offenbar groß geschrieben, denn Dirt 5 ist so spaßig und zugänglich wie die Reihe es schon lange nicht mehr war.

Name des SpielsDirt 5
Release (Datum der Erstveröffentlichung)06. November
Publisher (Herausgeber)Codemasters
SerieColin McRae Rally
PlattformPS4 (Getestet), Xbox One, Windows, Google Stadia, PS5, Xbox Series X/S
EntwicklerCodemasters Cheshire
GenreRennspiel, Arcade-Racer

Dirt 5: Mit Rollkäfig rund um die Welt

Wenn man es mal ganz grundlegend sieht, ist Dirt 5 allem voran eher ein Nachfolger von Dirt 3 als vom unmittelbaren numerischen Vorgänger Dirt 4. Letzterer spielte sich grundlegend einwandfrei, geriet aber durch etwas sterile Aufmachung und geringeren Umfang recht schnell in Vergessenheit, im Gegensatz zu den früheren Teilen. Hier besinnt Dirt 5 sich nach alten Tugenden und bringt wieder ein bisschen mehr Persönlichkeit, Umfang und Vielfalt ins Spiel. Die Zahl der spielbaren Locations wurde zum Beispiel von 5 auf 10 aufgestockt und stilistisch steht da jede einzelne für sich.

Dirt 5 im Test: So soll sich Offroad im Jahr 2020 spielen

Ob ihr auf den norwegischen Lofoten durch kleine Fischerdörfer brettert, chinesische Bambuswälder durchwalzt oder in italienischen Steinbrüchen Staub aufwirbelt, Dirt 5 bietet eine Menge visueller Abwechslung und detaillierte, organisch wirkende Strecken. Man kauft ihnen ab, dass eine Rennserie gerade einfach aufgetaucht ist und mal eben ein paar Schotterwege für massiv aufgebohrte Rally-Boliden abgesteckt hat. Besonders schön ist das auf den Pathfinder-Events zu merken, bei denen ihr auf Zeit mit einem dick gefederten Rollkäfig auf Rädern das unwegsamste Gelände des Spiels durchqueren müsst und dabei reichlich raue Felsformationen hinter euch lasst.

Apropos Events, hier hat sich auch einiges getan. Dirt 5 bringt viele alte Spielmodi zurück, die im direkten Vorgänger schmerzlich gefehlt haben und setzt sogar noch ein paar Neulinge oben drauf. Da wären so altbekannte Events wie Rally Cross (in diesem Fall heißt es Ultra Cross), Land Rush und Rally Raid, die übliche Rundkurs- und Rallystrecken-Kost bieten. Dazu kommen aber noch die bereits genannten Pathfinder-Events, Sprints auf simplen Kursen mit verrückten Autoklassen, die guten alten Gymkhana-Arenen in den ihr möglichst viele Punkte durch Drifts und Stunts sammelt und zuletzt ein besonderes Highlight in Form von Ice Breaker-Rennen.

Dirt 5: In den Ice Breaker-Rennen geht‘s rutschig zur Sache

Dirt 5: Bombiges Fahrgefühl auf Eis, Schmutz und Straße

Im Ice Breaker verschlägt es euch stets auf komplett vereiste Strecken, in denen ihr nicht nur gegen eure Konkurrenten, sondern auch gegen euer eigenes Fahrzeug und eine Vielzahl enger Kurven ankämpfen müsst. Klingt stressig, macht aber nach der ersten Eingewöhnung unheimlich viel Laune, nicht zuletzt, weil das Fahrgefühl der Autos in Dirt 5 durchweg fantastisch ist. Hier merkt man Codemasters Cheshire die frühere Erfahrung in der Welt der Arcade-Rennspiele sofort an – Dirt 5 steuert sich absolut geschmeidig.

Das liegt unter anderem daran, dass Dirt 5 durch Kurvenverhalten, Beschleunigung und reichlich umherspritzenden Schlamm ein sehr gutes Gefühl für das Gewicht der Autos vermittelt. Das geht aber nicht auf Kosten der Manövrierbarkeit, ihr braucht keine Angst zu haben, dass ihr wie in Dirt Rally 2.0 ständig schwitzen müsst, um euren Wagen unter Kontrolle zu halten. Stattdessen lehnt sich Dirt 5 auch hier wieder mehr an die früheren Teile der Reihe an und gibt euch reichlich Spielraum um auch um schwierigere Kurven zu manövrieren.

Hinzu kommen die unheimlich wuchtigen Drifts, die ihr mit der Handbremse auslösen könnt und schon schafft Dirt 5 das Undenkbare. Es macht aus stressigen, langsamen Haarnadelkurven großartige Möglichkeiten, mit euren Drift-Fähigkeiten richtig zu flexen. Und es fühlt sich dabei einfach wahnsinnig gut an, mit ausgebrochenem Heck und gefährlicher Geschwindigkeit um so einen U-Turn zu ballern. Das ganze bleibt also stark arcadig, Veteranen können aber mehr Realismus hereinbringen, indem sie alle Fahrhilfen abschalten. Enttäuschenderweise gibt es nur keinerlei technische Tuning-Möglichkeiten für diejenigen, die ihren Boliden exakt auf ihre Vorstellungen anpassen möchten.

Dirt 5: Auf vielen Strecken könnt ihr ordentlich mit Schlamm herumschleudern

Dirt 5: Viel zu tun in der Karriere und auf dem Spielplatz

Wer generell wirkliche Rally-Erfahrungen sucht, ist bei Dirt 5 fehl am Platze. Ein klassischer Rally-Modus, in dem ihr über mehrere Etappen hinweg um Bestzeiten fahrt, wurde leider gestrichen. In einer Reihe, die so stark auf dem Rallysport fußt, ist das etwas schade. Ganz ohne die Jagd auf Bestzeiten müsst ihr aber nicht auskommen, ersatzweise hat Codemasters den Playground-Modus eingeführt, in dem Spieler in bester Trackmania-Manier ihre eigenen Strecken bauen und per Internet teilen können, um sich mit anderen zu messen. Eine gute Dreingabe für das zusätzliche bisschen Wiederspielwert.

Eure meiste Zeit in Dirt 5 werdet ihr aber wahrscheinlich im Karrieremodus verbringen. Dieser läuft wieder unter dem Deckmantel des Dirt-Rennfestivals, das auch aus früheren Teilen der Reihe bekannt ist, aber dieses Mal auch ein wenig an Forza Horizon 4 erinnert. Ihr spielt einen aufstrebenden Rennfahrer, der von Dirt-Rennlegende Alex „AJ“ Janiček unter die Fittiche genommen wird. Mit ihm als Mentor fahrt ihr euch an die Spitze der Ranglisten um letztendlich gegen AJ‘s Rivalen Bruno Durand anzutreten. Begleitet wird das ganze von einem Podcast zum Festival, in dem zwei flapsige Moderatoren regelmäßig Infos zum Geschehen abgeben.

Dirt 5: Wenn ihr alle Events gewinnen wollt, seid ihr einige Zeit beschäftigt

Das ganze Storykonstrukt rund um den Karrieremodus ist eher als Füllmaterial gedacht. Die Hauptmotivation liegt mehr darin, Sponsorenziele zu erfüllen, mit verdientem Geld neue Autos zu kaufen und natürlich so viele Rennen wie möglich zu gewinnen. Wenn das einfach möglichst schnell hinter euch bringen wollt, seid ihr nach wenigen Stunden schon am Ende der Karriere angelangt, aber es sind genügend Events verfügbar, dass ihr euch gut und gerne 15-20 Stunden mit dem Karrieremodus von Dirt 5 um die Ohren hauen könnt. Hinzu kommen noch Throwdown-Rennen, in denen ihr 1-gegen-1 fahren müsst oder spezielle Rennbedingungen zwischen euch und den Gegnern herrschen.

Dirt 5: Technisch solide, mit kleineren Aussetzern

Habt ihr aber irgendwann genug davon, Computergegner nass zu machen, könnt ihr noch den Multiplayer von Dirt 5 unsicher machen. Auf den Online-Modus hatten wir vor Release noch keinen Zugriff, wir können also nicht allzu viel dazu sagen. Nur so viel: Neben den üblichen Rennen bietet der Online-Modus zusätzlich noch Partyspiele, die wir unheimlich gerne ausprobiert hätten. Sobald wir uns etwas mehr damit befassen konnten, lassen wir euch mehr dazu wissen. Was wir aber ausführlich ausprobiert haben, ist der Splitscreen. Ja, Dirt 5 hat tatsächlich richtig oldschool einen lokalen Multiplayer.

Dirt 5: Auch im Splitscreen problemlos spielbar

Nicht nur hat Dirt 5 einen lokalen Multiplayer mit Splitscreen, was im Jahr 2020 für Rennspiele leider nicht mehr selbstverständlich ist, er funktioniert auch noch erstaunlich solide. Bis zu vier Spieler können gleichzeitig spielen und auch bei voller Auslastung hält das Spiel seine 30 FPS, chapeau dafür. Generell ist Dirt 5 in Sachen Performance und Technik mindestens solide. Schon auf der Ur-PS4 habt ihr die Wahl, einen Performancemodus zu aktivieren, der auf Kosten der Auflösung die Bildrate auf 60 FPS hochtreibt. Im normalen Modus hält das Spiel allerdings auch stramme 30 FPS und sieht zum Glück auch so schön flüssig aus.

Im gesamten kann Dirt 5 grafisch zwar mit dem schon genannten Genre-Kollegen Forza Horizon 4 nicht ganz mithalten, aber besonders die Wettereffekte wie dichter Schnee oder umher fliegendes Laub machen visuell schon eine Menge her. Damit kommen nur leider auch einige Abzüge, weil auf ein paar Strecken noch gehäuft Grafikfehler in der Beleuchtung auftreten und einige Wettereffekte dermaßen übertrieben sind, dass die Strecke z.B. bei Nacht und Schneesturm kaum noch zu erkennen ist. Das sorgt bei manchen Rennen für einige Frustmomente, weil die KI scheinbar keine Probleme mit den Sichtverhältnissen hat.

Dirt 5: Rennsport? Nee, Punk!

Ein paar Bonuspunkte sammelt das Arcade-Rennspiel sich dafür noch mit seiner wilden, punk wirkenden Präsentation. Dirt 5 nimmt sich selber nicht allzu ernst und bringt sowohl auf als auch abseits der Strecken wieder mehr Farbe und Persönlichkeit ins Spiel. Das beginnt bei den beiden Podcast-Moderatoren, die durchaus mal zum Schmunzeln anregen und endet bei den Ladebildschirmen, die direkt von einer vollgesprayten Skatepark-Wand stammen könnten und einem absoluten Banger von einem lizenzierten Soundtrack. Wir reden hier von Bands wie Wolfmother, Jack White, Pearl Jam, Royal Blood und Dinosaur Pile-Up – besonders Rock-Fans werden also voll auf ihre Kosten kommen.

Dirt 5: Der Arcade-Racer fährt eine unverkennbare Punk-Ästhetik

Bei so einem Gesamtpaket aus Präsentation, Inhalt und Spielgefühl sind die Fehler eigentlich nur noch im Detail zu finden. Wie wir schon angerissen haben, ist Dirt 5 wirklich nicht für Hardcore-Rally-Fans gedacht. Für die wird das Spiel sich etwas unterfordernd und oberflächlich anfühlen. Dann wären da noch die Schnitzer in Sachen Technik und ärgerliche Aussetzer in der Physik, die hoffentlich nach dem Release mit einem Patch gefixt werden und fast alle freischaltbaren Extras bestehen lediglich aus Lackierungsmustern und Stickern, um die freigeschalteten Autos etwas aufzuhübschen.

Dirt 5: Einmal alles in die Waagschale – Unser Fazit zum Schmuddel-Racer

DIRT-5-Test-Wertung.jpeg
ProCon
+ Zugängliche Arcade-Rennaction- Kleinere Fehler in Grafik und Physik
+ Brilliantes Fahrgefühl und Handling- Kein technisches Tuning für Fahrzeuge
+ Vielfältige Rennmodi mit zahlreichen Fahrzeugklassen- Ein klassischer Rally-Modus fehlt
+ Zwei Grafikmodi für jeden Geschmack- Freischaltbare Extras etwas oberflächlich
+ Unmengen an zusätzlichen Inhalten durch Playground
+ Splitscreen für bis zu vier Spieler
+ Punkige Präsentation mit fettem Soundtrack

Immer wenn wir eigentlich nur schnell ein paar Screenshots von Dirt 5 machen wollten, ertappten wir uns nach 20 Minuten dabei, wie wir schon wieder das dritte Rennen in Folge starteten. Das ist eigentlich eins der größten Komplimente, die wir Codemasters neuestem Arcade-Rennspiel machen könnten. Es fühlt sich einfach jedes mal so wahnsinnig befriedigend an, um die Kurve driftend seine Gegner Staub fressen zu lassen. Einfach gesagt bringt Dirt 5 die purste Form von PS-lastigem Rennspaß, den wir in dem Genre seit Jahren gesehen haben.

Kommen dazu noch der Splitscreen, der bombastisch gute Soundtrack und der hohe Wiederspielwert durch den Playground-Modus, kann man Dirt 5 eigentlich wenig ankreiden. Lediglich die technischen Aussetzer in Sachen Physik und Lichteffekten stören beizeiten und Rennspiel-Veteranen werden in dem sehr zugänglichen Gameplay wenig Herausforderung finden. Aber auch das und die etwas oberflächlichen Unlockables können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Dirt 5 eine absolute Freude ist.

Rubriklistenbild: © Codemasters

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