Dying-Light-2-Zombies-Sprungangriff
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Dying Light 2: Entwickler versprechen modernes Mittelalter.

Nach 40 Minuten auf der Gamescom

Dying Light 2 in der Gamescom-Vorschau: Modernes Mittelalter ohne Geschichte

  • Jonas Dirkes
    VonJonas Dirkes
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Dying Light 2: Seit Ewigkeiten in Entwicklung - jetzt kurz vor der Fertigstellung. Auf der Gamescom haben wir uns einen Wasserstand zum Zombie-Shooter geholt.

Wenn Techland ruft, dann kann man mit höchster Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass auch wir nicht weit sind. Also haben wir dem polnischen Entwickler auf der Gamescom 2019 natürlich auch einen Besuch abgestattet. Eine knapp 40 minütige Präsentation samt Live-Gameplay hatte man für geladene Presse zusammengeschraubt. Willkommen im “Modern Dark Age“ begrüßte man uns. Gebäude- und Charakterzüge der in Dying Light präsentierten Welt sollen laut eigenen Angaben eine Art modernes Mittelalter erschaffen. Zeitlich siedelt sich das Zombie-Spiel ganze 50 Jahre nach dem ersten Teil an. In den vergangenen Jahren hat das Rad der Zeit nicht nur einiges durchgewirbelt, sondern auch die allgegenwärtigen Zombies weiter mutieren lassen. Ein geschickter Kniff, um die Artenvielfalt der meist so berechenbaren Patronenfutter-Seite zu wahren.

Beherzter Griff in die Klischeekiste

Ihr seid nur ein kleines Rad in einem großen Gefüge.

Die Präsentation beginnt. Ein freundlicher Techland-Mitarbeiter führt uns erläuternd durch das Live-Gameplay, sein Kollege befindet sich am Pad. Laut eigenen Angaben handelt es sich bei ihm um den derzeit besten Dying Light 2 Spieler der gesamten Welt. Wir schlüpfen in die Haut von Aiden Caldwell, wachen vor dem Waschbecken einer Bar auf, wie schon so viele Videospiel- und Filmhelden vor uns. Wir schlagen uns zurück entlang des Tresens, weichen so einigen Trunkenbolden aus und landen schließlich bei unserem Freund Frank. Und hier stoßen wir bereits auf die erste große Schwachstelle des Titels: Die Story von Dying Light ist so belanglos aus diversen Genrekonventionen zusammengeflickt, dass der eifrige Redakteur dieses Vorschauartikels trotz drei vollgeschriebener Seiten Notizen nicht zweifelsfrei rekonstruieren kann, was wann, warum im gezeigten Spielausschnitt wirklich passiert ist. Man könnte diesen Redakteur nun einen Scharlatan nennen oder ihn als unfähig bezeichnen. Letztendlich ist solch eine Präsentation (auf der er sich nunmal befand) aber dazu da, die wichtigsten Informationen über das ihm präsentierte Spiel so einfach wie möglich zu übermitteln. Selbst wenn er beispielsweise mit seinem linken Auge einmal auf sein Smartphone luschern würde (wovon sich dieser Redakteur entschieden distanziert), sollte er in der Regel das Erlebte mit Leichtigkeit wiedergeben können. Dass dies bei der Dying Light 2 Präsentation in diesem Artikel nicht der Fall ist, spricht nicht für die Erzählkunst des gezeigten Storyausschnitts.

Gameplay mit Konsequenzen

In Dying Light 2 hat jede Entscheidung Folgen.

Von nun an wird also das zusammengefasst, an das sich der Redakteur erinnern kann: Wir verlassen mit unserm Kumpel Frank die Bar und stehen aus Gründen auf einer Überführung. Unter uns stiftet ein Pulk an Menschen ziemliche Unruhe, die in Kämpfen ausartet. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und springen mitten ins Geschehen: Ein paar saftige Hiebe links, ein paar spritzige Schläge rechts - ausweichen - und dann immer ordentlich auf das Fressbrett. Köpfe fliegen, die Pressevertreter lachen laut auf. In Dying Light 2 geht es ordentlich rund. Zartbesaitete Seelen sind hier auf jeden Fall an der falschen Adresse. Und selbst wir schwanken während der Gameplay Demo des Öfteren zwischen einem euphorischen “Fuck Yeah!“-Gefühl und Unbehagen. Gewalt ist hier allgegenwärtig, wie sehr sie allerdings nur Selbstzweck ist oder möglicherweise hinterfragt wird, zeigt das fertige Spiel.

Jedenfalls wird unser Kompagnon Frank gefährlich verwundet und wir entscheiden uns dazu, den fiesen Halunken hinterherzujagen, die ihm das angetan haben. Wenn wir wollten, hätten wir uns auch um Frank kümmern können. Dann wären die Übeltäter allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit entkommen. Gewichtige Entscheidungen seien Techland sehr wichtig. Besonders an Dying Light 2 ist, dass die gewichtigsten Taten auch die Spielwelt verändern werden. Bestimmte Gebiete sind beispielsweise überschwemmt. Handelt man im Storyverlauf auf bestimmte Art und Weise, kann sich das Wasser aber wieder legen. Ein muss ist das aber nicht. So werden Spieler spezifische Regionen der Spielwelt gar nicht zu Augen bekommen, wenn sie sich nicht dementsprechend verhalten. Eine “Narrative Sandbox“ nennt man das bei Techland, wie auch immer man diesen PR-Sprech nun deuten möchte. Immer noch auf der Jagd nach den Mördern von Frank (aufgrund unser Entscheidung ist er mittlerweile dahingeschieden), schlagen wir uns mit den bereits bekannten Parcours-Mechaniken der Serie durch Gebäuderuinen und Häuserschluchten. Hier ist Dying Light 2 in Hochform: Schnell, fordernd und leichtfüßig sieht das zum “Zombies Edge“ mutierte Spiel nun aus.

Weglaufen: Eine solide Taktik gegen die Zombiehorde.

Dying Light: Modernes Mittelalter oder veralteter Neuling?

Darauf folgt eine Lücke im Journal des Redakteurs. Mit einem NPC befinden wir uns aus einem unbekannten Grund im Hauptquartier eines mutmaßlich bösen Colonels. Von außen gleicht seine Schaltzentrale tatsächlich etwas einer mittelalterlichen Burg samt Graben. Und jetzt weiß man auch, was mit dem propagiertem Modern Dark Age gemeint ist. Sollte diese wirklich schöne Idee kreativ während des fertigen Spieles verbaut werden, können wir uns auf ein interessantes Gedankenkonstrukt gefasst machen - Gerade wenn nicht bei der Architektur Halt gemacht wird und auch der Habitus der Bevölkerung mitbedacht wird. Durch eine weitere, nicht verstandene Variabel, haben wir in Folge dessen einen Schlüssel für die Basis des Colonels erhalten und treten ohne große Kämpfe einfach ein. Warum auch mal nicht so. 

Der Colonel selbst stellt sich euch nicht in den Weg. Dafür aber sein Stellvertreter.

In einer Halle, die an eine Kathedrale erinnert, konfrontieren wir den scheinbaren Übeltäter. Kämpfen werden wir aber nicht gegen ihn. Er schickt einen seiner Recken gegen uns in die Schlacht. Durch ein Gottesurteil, ein Gericht durch Kampf, wird nun entschieden wer im Recht ist und wieder scheint das Mittelalter durch. Ziemlich elegant. Natürlich teilen wir ordentlich Schellen aus und entscheiden den Kampf für uns. Wir zwingen den Colonel, die Wasserpumpen, welche sich in seiner Gewalt befinden, anzuschalten und der bereits erwähnte zunächst überflutete Stadtteil wird freigeschaltet. Das Licht geht an, wir bedanken uns für die Präsentation und wissen schon jetzt: Das krieg ich doch nie zusammengefasst…

Fazit

Dying Light 2 hat eine Menge Potential, das ist nicht bestreitbar. Die vielleicht etwas zu rasante Präsentation erinnerte uns mit seinen Entscheidungen, dem Pacing und offenen Spielabschnitten ungemein an das letztjährige Gamescom-Gameplay von Cyberpunk 2077 - das ist ja erstmal nichts schlechtes. Anders als bei ihren polnischen Entwicklerkollegen, vermisst man bei Techland allerdings eine eigene narrative Sprache und starke führende Hand, die alles zusammenhält. Klischeefragmente, die jeder schon einmal gesehen hat, sind 2019 einfach überholt, gerade wenn man sich mit seinem vermeintlichen Blockbuster-Spiel gegen den immer weiter voran schreitenden Multiplayer-Trend stellt. Wo Dying Light wirklich punktet ist beim flotten Gameplay. Auch wenn wir das Pad nicht selbst in die Hand nehmen konnten, kann man davon ausgehen, hier voll auf seine Zombie-Parcours-Kosten zu kommen. Was Entscheidungen, Story und New Dark Age (das zumindest in der Präsentation cool umgesetzt war) angeht, heißt es: Warten auf den Release - Der marginal überforderte Redakteur bleibt skeptisch.

Dying Light 2 erscheint 2020 für PlayStation 4 und Xbox One.

Wir haben uns den Shooter bereits vor einem Jahr für euch angeschaut. Unser Dying Light 2 Fazit der Gamescom 2018 findet ihr im entsprechenden Artikel.

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