2 Stunden angespielt

Guardians of the Galaxy Vorschau: Marvel-Debakel oder Überraschungshit?

  • Christian Böttcher
    VonChristian Böttcher
    schließen

Guardians of the Galaxy tritt ein schweres Erbe an. Warum es aber ganz anders als Marvel‘s Avengers ist und wir deshalb hin und weg sind, verrät unsere Vorschau.

Montreal, Kanada – Lasst uns nicht lang um den heißen Brei herumreden: Mit Marvel‘s Avengers hat Crystal Dynamics ordentlich ins Klo gegriffen. Zwar liefert das Studio noch immer ordentlich Content nach, um die Spielerschaft Stück für Stück wieder für sich zu gewinnen, doch auch ein Jahr nach dem Release hat der spielerische Ausflug ins MCU einen schweren Stand bei Gamer:innen weltweit. Trotzdem wagt sich Publisher Square Enix am 26. Oktober ein weiteres Mal in den Marvel-Kosmos. Wir haben Guardians of the Galaxy rund zwei Stunden angespielt und verraten, warum es kaum etwas mit Marvel‘s Avengers gemein hat und wir deshalb hin und weg sind.

Name des SpielsMarvel's Guardians of the Galaxy
Release (Datum der Erstveröffentlichung)26. Oktober 2021
Publisher (Herausgeber)Square Enix
Serie-
EntwicklerEidos Montreal
GenreAction-Adventure

Guardians of the Galaxy in der Vorschau: Das nächste Marvel-Debakel oder ein Überraschungshit?

Knapp einen Monat vor dem offiziellen Release hatten wir die Möglichkeit, Kapitel 5 von Guardians of the Galaxy anzuspielen. Mehr als ein kurzes Tutorial war uns nicht vergönnt, doch wir konnten den knapp 1-stündigen Spielabschnitt gleich doppelt durchspielen, sowohl auf dem normalen Schwierigkeitsgrad mit englischer Synchronisation als auch dem schweren Schwierigkeitsgrad bei deutscher Vertonung.

Dabei ist uns vor allem eins aufgefallen: Genau wie im MCU hechelt Guardians of the Galaxy nicht den Avengers hinterher, sondern versucht sein eigenes Ding durchzuziehen. Und dafür bekommt Eidos Montreal schon jetzt saftige Vorschusslorbeeren.

Anders als Marvel‘s Avengers blendet Guardians of the Galaxy den Multiplayer-Aspekt ganz bewusst aus. Stattdessen erwartet euch eine spielbare Fassung der Filme, die komplett auf Einzelspieler:innen ausgelegt ist und ihren Fokus ganz klar auf die Story legt. In der Zeit vom Games-as-a-service-Wahnsinn ein gewagter Schritt – der sich unserer Meinung nach aber voll auszahlt.

Mit zahlreichen Outfits könnt ihr eure Guardians of the Galaxy anpassen.

Natürlich geht es aber nicht darum, die Filme eins zu eins nachzuspielen. Eidos Montreal hat selbstverständlich eine völlig neue Geschichte aus dem Hut gezaubert. Auf die bekannten Gesichter der wohl skurrilsten Marvel-Auskopplung müsst ihr aber trotzdem nicht verzichten – also zumindest in der Theorie.

Denn wie schon beim Pilotprojekt von Publisher Square Enix setzt auch Guardians of the Galaxy aus rechtlichen Gründen auf abgespeckte Versionen der Superheldentruppe. Bedeutet: Peter Quill, Gamora, Drax, Rocket und Groot sehen ihren filmischen Vorbildern ausschließlich auf den ersten Blick ähnlich.

Da die Guardians aber nur zum Teil aus menschenähnlichen Held:innen bestehen und sich Groot und Rocket im Grunde kaum von ihren Vorbildern unterscheiden, ist uns dieser Störfaktor bei unserer Anspielsession kaum sauer aufgestoßen. Doch was steht in Guardians of the Galaxy eigentlich auf dem Spiel?

Guardians of the Galaxy in der Vorschau: Story mit alten Bekannten

Wohin uns die Story des Spiels letztendlich führt, konnten wir in unserer kurzen Session natürlich noch nicht herausfinden. Wie üblich sind die fünf ungleichen Held:innen als Söldner:innen im Universum unterwegs, um ein intergalaktisches Kopfgeld nach dem nächsten einzusacken. Das ist auch bitte nötig, denn wie wir zum Start von Kapitel 5 erfahren, steht für die Guardians noch eine Geldbuße bei den Weltraum-Cops von Nova Corps an. An Bord der Milano machen sich die Fünf also auf zur Basis der Organisation.

Dort kommen sie zum ersten Mal mit einer der großen Bedrohungen des Spiels in Kontakt. Die Kirche der Wahrheit, auch in den Comics spielte sie bereits eine tragende Rolle, hat sich offenbar auf der Station eingenistet und indoktriniert massenweise Nova Corps-Soldat:innen, die sich nun den Guardians entgegenstellen. Wir bleiben gespannt, welche Rolle die Kirche der Wahrheit im großen Konflikt von Guardians of the Galaxy letztlich spielen wird. Viel mehr als einen Teaser lieferte Kapitel 5 nicht.

In der Basis von Nova Corp wollen die Guardians of the Galaxy ihre Schulden tilgen – doch damit haben sie nicht gerechnet.

Bevor die Truppe sich jedoch durch die schlauchigen Korridore und Räume der Raumstation kämpft, bekommen wir einen Vorgeschmack darauf, wie sehr Eidos Montreal Story und Figuren von Guardians of the Galaxy in den Vordergrund rückt. An Bord der Milano quatschen wir munter drauflos und können so einiges über unsere Teamkamerad:innen lernen.

Genau wie im MCU-Original sind die irrwitzigen Dialoge zwischen Peter, Rocket und dem Rest der Crew ein echtes Highlight und mach denk einer guten Balance aus Humor und apokalyptischer Panik richtig Laune. Wenn Star-Lord und Rocket sich darum streiten, wer denn nun eigentlich der Kapitän an Bord ist, erinnert das schon sehr an die beliebten Filme aus dem MCU – gern mehr davon!

Viele Entscheidungen in den Dialogen überlässt euch Guardians of the Galaxy allerdings nicht. Erwartet also kein umfangreiches Rollenspiel mit zig Auswahlmöglichkeiten und Dialogbäumen der Mammut Art. Bislang wirkt das Spiel extrem linear, macht daraus auch keinen Hehl. Dass dieser Ansatz absolut funktionieren kann, hat Eidos Montreal schon 2018 mit Shadow of the Tomb Raider gezeigt.

An einer Stelle der Demo müssen wir uns beispielsweise entscheiden, ob wir einen Helm aufsetzen, um mit Nova Corps Kontakt aufzunehmen oder ihn lieber links liegen lassen. Spürbare Konsequenzen hat unsere Entscheidung nur, weil sich die anschließenden Kämpfe verändern. Wie viel Einfluss solche Entscheidungen am Ende auf die Story nehmen, bleibt noch abzuwarten. Das Potenzial für eine packende Story und mächtig Atmosphäre hat Guardians of the Galaxy aber allemal.

Guardians of the Galaxy in der Vorschau: Geniales Gameplay mit dramatischen Schwächen

Doch wie spielt sich Guardians of the Galaxy überhaupt? Im Grunde ist die Kluft zu Marvel‘s Avengers nicht so groß wie man vielleicht meinen sollte. Eidos Montreal hat auch damals schon am Gameplay mitgearbeitet, setzt nun allerdings ein paar andere Akzente. Statt uns alle Guardians gleichermaßen steuern zu lassen, fokussiert sich das Spiel hauptsächlich auf Peter „Star-Lord“ Quill, den Anführer der Truppe. Da wir ab sofort keine menschlichen Mitspieler:innen mehr einspannen können, übernimmt die KI die übrigen vier Guardians, sofern wir ihnen keine direkten Anweisungen geben.

Daraus entsteht ein schneller und dynamischer Mix aus Shooter und Action-Adventure, der in seinen Grundzügen super funktioniert, allerdings an der ein oder anderen Stelle noch so seine Tücken hat. Mit zwei Blasterpistolen im Anschlag treten wir als Star-Lord gegen allerlei Schergen von Nova Corps an und das zumeist in Arena-ähnlichen Kämpfen. Erst wenn alle Gegner besiegt sind, geht es für die ungleichen Fünf weiter. Dabei können wir Gegner aktiv per Tastendruck anvisieren oder in Shooter-Manier in auf sie anlegen.

Guardians of the Galaxy im Zwiespalt: Dynamische Kämpfe gehen auf Kosten der Übersicht.

Zusätzlich dazu verfügen alle Guardians über bis zu vier Fähigkeiten, die wir im Laufe des Spiels freischalten und für jede Figur aktiv einsetzen. Quill beispielsweise kann in die Luft springen und Gegner mit Eisgranaten eindecken, während Gamora dem Fiesling unserer Wahl spontan auf den Rücken springt und mächtig Schaden austeilt. Zusätzlich dazu müssen wir mit Star-Lord aktiv ausweichen, nachladen, Munitionsarten wechseln und gefallenen Kamerad:innen wieder auf die Beine helfen. Ihr merkt schon: Das Gameplay ist mächtig überladen – was aber nicht zwangsweise schlecht sein muss.

Da die Kamera insbesondere in engen Räumen nicht immer so mitspielt wie gewollt und die Guardians während Animationen (die zum Teil mehrere Sekunden andauern) trotzdem den Angriffen der Gegner ausgeliefert sind, ist Guardians of the Galaxy gerade in den ersten Minuten wirklich chaotisch. Warum wir trotzdem mächtig Spaß mit dem Kampfsystem hatten? Weil man sich bereits nach kurzer Zeit an die vielen simultan zu lösenden Eingaben gewöhnt hat und das Gameplay danach extrem viel Raum für Optimierung lässt.

Wenn wir die Fähigkeiten unserer Guardians perfekt mit denen von Star-Lord kombinieren und so zerstörerische Kombo-Ketten vom Stapel lassen, fühlt sich das unglaublich befriedigend an. Gerade, weil die Guardians allesamt ihre eigenen Stärken und Schwächen haben und ihre Fähigkeiten je nach Situation mal besser, mal schlechter eingesetzt sind. Zusätzlich dazu haben wir viele Möglichkeiten, die Guardians mit neuen Skills auszustatten oder Perks für Star-Lord freizuschalten. Trotz schlauchiger Levelarchitektur finden sich am Wegesrand nämlich immer wieder sammelbare Ressourcen, die wir zum Crafting nutzen.

Um der Truppe Bonuswerte zu spendieren, kann Star-Lord mitten im Kampf auch einen sogenannten „Huddle“ einberufen. Er versammelt die Guardians, um sie neu zu motivieren. Der Kampf selbst ist währenddessen eingefroren. Nur mit den richtigen Worten und einer echten Brandrede im Gepäck sichert ihr euch das Vertrauen von Rocket, Gamora und Co. Was nach einem ziemlich innovativen Feature klingt, stellte sich in unserer Anspielsession allerdings als Luftnummer heraus. Hier lässt Guardians of the Galaxy aktuell nicht nur Humor-Potenzial, sondern auch coole Gameplay-Ideen links liegen.

Guardians of the Galaxy in der Vorschau: Marvel-Qualität bei Präsentation und Soundtrack

Optisch muss sich Guardians of the Galaxy nicht vor aktuellen AAA-Blockbustern verstecken. Ein absolutes Grafikmonster dürft ihr beim neuen Spiel von Eidos Montreal aber auch nicht erwarten, schließlich erscheint es nicht nur für PS5, Xbox Series X und den PC, sondern auch die vorherige Konsolengeneration. Der Level, den wir bislang anspielen konnten, bot leider nicht allzu viele Hinweise darauf, wie gut die Atmosphäre am Ende greift. Dazu bietet die Nova Corps Raumstation schlichtweg zu wenig Möglichkeiten, mit vielfältigen Umgebungen und Environmental Storytelling zu glänzen.

Guardians of the Galaxy will euch vor einige knifflige Entscheidungen stellen. Setzt ihr diesen Helm auf?

Technisch lief Guardians of the Galaxy in unserer Anspielsession allerdings einwandfrei, rund und überzeugte vor allem in den Kämpfen mit massig saftigen Partikeleffekten, die aber nie auf die Performance drückten. Für deutsche Filmfans besonders erfreulich: Nicht nur die englische Synchronisation lief in Kapitel 5 auf absolutem Topniveau ab, auch die deutsche Sprachausgabe machte richtig was her, auch wenn wir auf die Originalstimmen aus dem MCU verzichten müssen.

Womit Guardians of the Galaxy in Sachen Präsentation aber mächtig punktet, ist der Soundtrack. Wie die Filme setzt auch das Spiel auf eine breite Auswahl kultiger Songs aus den vergangenen fünf Jahrzehnten. Unter anderem mit auf der Tracklist: Bonny Tyler mit „Holding Out for a Hero“, Internet-Meme Rick Astley mit seinem wohl größten Hit sowie Iron Maiden. Dass die Songs uns auch während der Kämpfe in den Ohren wummern, sorgt für mächtig Atmosphäre und selbstverständlich ist auch für den ein oder anderen musikalischen Gag gesorgt.

Guardians of the Galaxy Vorschau: Fazit zur möglichen Marvel-Wiedergutmachung von Eidos Montreal

Guardians of the Galaxy wirbelt weit weniger Staub auf als Marvel‘s Avengers noch vor einem Jahr – und das ist gut so. Euch erwartet ein reines Singleplayer-Abenteuer, das Story sowie Charaktere in den Vordergrund rückt und mit dynamischen Kämpfen punkten will. Damit erfindet Eidos Montreal das Rad ganz sicher nicht neu, schafft für die Guardians aber einen Rahmen, der perfekt zu ihnen passt. Wie in den Filmen und Comics sind es die skurrilen Figuren, die auch im Spiel voll zur Geltung kommen sollen, da ist kein Platz für Bombast-Multiplayer oder Mikrotransaktionen.

Um kleinere Schönheitsflecken kommt Guardians of the Galaxy aktuell nicht herum, macht vor dem Release aber einen deutlich besseren Eindruck als Marvel‘s Avengers. Das Gameplay überzeugt in unserer Anspielsession mit seiner steilen Lernkurve und verspricht viele taktische Möglichkeiten, lässt bis dato aber die Übersicht vermissen. Irrwitzige Dialoge und das Mit- sowie Gegeneinander der fünf Held:innen sollen schließlich für die typische Guardians-Atmosphäre sorgen. Ob das über die volle Spielzeit funktioniert, lässt sich aber nur schwer sagen. Kurzum: Wir haben richtig Lust auf Marvel‘s Guardians of the Galaxy, sind uns aber noch nicht sicher, ob Eidos Montreal am Ende vielleicht zu wenig gewagt hat, um ein richtig gutes Spiel abzuliefern.

Rubriklistenbild: © Square Enix

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare