Damn, Anime got hands

Guilty Gear Strive im Test: Daumenpflaster empfohlen

  • Joost Rademacher
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Guilty Gear geht in die nächste Runde und will die Gunst der Fighting Game Community halten. Ob Prügel-Fans ihr neues El Dorado finden, verrät unser Test.

Hamburg – Die Daumen brennen. Viertelkreis nach Vorne, Dreieck, Double Tap für Dash, schnell Blocken, Counter, dann kommt die Combo. In den letzten fünf Kämpfen bei Guilty Gear Strive hat mein Steuerkreuz mehr Hautschuppen und Schweiß von meinen Fingern abgerieben, als ein Stück Sandpapier es in zehn Jahren könnte. Es ist ein Opfer, das das Prügelspiel verlangt – eins, das ich gerne immer wieder erbringen will. Der neue Ableger der langjährigen Fighting Game-Reihe von Arc System Works kracht auf die heimischen Konsolen wie ein 500 Kilo-Amboss und dürfte Veteranen wie willige Neulinge gleichermaßen mit sich ziehen.

Release (Datum der Erstveröffentlichung)11. Juni 2021
Publisher (Herausgeber)Bandai Namco Entertainment
SerieGuilty Gear
PlattformPS4, PS5, PC
EntwicklerArc System Works
GenreFighting Game

Guilty Gear Strive im Test: Bunt wie ein Cocktail, genauso potent

Zugegebenermaßen, die Guilty Gear-Spiele und andere Titel von Arc System Works haben mich immer etwas abgeschreckt. Als Soul Calibur- und Tekken-Fan wirken klassische 2D-Prügler oft zu methodisch und rigide, als dass ich mich voll auf sie einlassen könnte. Außerdem eilt dem Entwicklerstudio ein gewisser Ruf voraus, dass seine Fighting Games nicht gerade die einsteigerfreundlichsten im Genre wären. Seit Dragon Ball FighterZ hat sich dieses Bild aber ein wenig gewandelt. Nachdem Guilty Gear Strive einige Vorschusslorbeeren aus der Community erhielt, wollte ich meine Zehen schließlich auch in fremde Gewässer dippen.

Das Wasser hat sich nach wenigen Stunden aber als ordentlich starker Cocktail entpuppt. Erst betört Guilty Gear Strive mit seiner knallbunten Optik und einem schmackhaften Einstieg und ehe man sich versieht, sind fünf Stunden vergangen. Strive ist wahrscheinlich der schönste Vertreter von Anime-Fighting Games, der mir je unter die Augen gekommen ist. Jedes Charaktermodell, jede Animation, jeder Angriffseffekt springt mit Hand, Fuß und Schwert voran ins Gesicht und zaubert ein echtes Spektakel auf den Bildschirm.

Guilty Gear Strive im Test: Da schepperts ordentlich

Langjährige Fans werden bei so detaillierten Charakterdesigns nur in den Granny Smith-Apfel beißen und hinnehmen müssen, dass das Roster ein Stück kleiner ausfällt als in früheren Teilen. Zu großen Teilen besteht es aus altbekannten Kämpfer:innen wie May, Axl Low, Sol Badguy oder Faust. Mit Giovanna und Nagoriyaki kommen aber zum Release zwei neue Charaktere dazu, die sich quasi nahtlos in die alte Riege einfügen. Jedes Moveset ist umfang- und abwechslungsreich, aber ich habe nie das Gefühl unter all den Optionen den Überblick zu verlieren.

Guilty Gear Strive im Test: Fighting Game-Lexikon bereithalten!

Der wahre Tiefgang von Guilty Gear Strive kommt nämlich in der Ausführung besagter Moves. Wer diese Art von Fighting Game nicht gewöhnt ist, wird von der Flut an Begriffen wie Roman Cancel, Reversal, Faultless Defense etc. pp. erst einmal abgeschreckt sein. Neben einem Einstiegstutorial für absolutes Frischfleisch stellt das Spiel aber einen echten Batzen an weiteren Missionen zur Verfügung, in denen ihr die großen und kleinen Mechaniken häppchenweise beigebracht bekommt. Manchmal fehlen zwar charakterspezifische Moves, aber nach ein bis zwei Stunden konnte ich selber schon die ersten verheerenden Combos hinlegen.

Zum zur Schau stellen meiner krassen Moves gibt es offline aber eher begrenzte Möglichkeiten. Der Arcademodus ist das übliche Abarbeiten von acht Kämpfen bis zu einem letzten Bosskampf. Nichts besonderes, aber Guilty Gear Strive passt die Schwierigkeit dynamisch der Performance an, damit es immer die passende Herausforderung gibt. Daneben gibt es einen Überlebensmodus und lokale Kämpfe, aber das war‘s auch. Der beiliegende Storymodus, der die Lore von Guilty Gear weiterführt, kommt nämlich komplett ohne Gameplay daher. Story-Fans können sich also gerne einen knapp vierstündigen Anime zu Gemüte führen, alle anderen können ihn aber problemlos links liegen lassen.

Guilty Gear Strive im Test: Hey danke, ich geb mir alle Mühe

Im Kampf gibt sich Guilty Gear Strive offensichtlich auch einige Mühe, mich mit konstanter Ermutigung bei der Stange zu halten. Nach jedem Kampf zeigt das Spiel eine Statistik, in welchen Mechaniken ich mich gut angestellt hab und ob in Sachen Angriff, Abwehr oder Technik noch Verbesserungsbedarf herrscht. Dazu kommen vom Spiel ein paar anfeuernde Sprüche. Nett, auch wenn sie keine wirkliche Substanz haben. Was Profi-Spieler:innen dagegen fehlen dürfte, ist, dass Strive keine Möglichkeiten bietet, die Frame-Daten der einzelnen Angriffe einzusehen, was bei Gameplay auf hohem Level oft unerlässlich ist.

Guilty Gear Strive im Test: Die Schellen schallen um die Welt

Das Fleisch von Guilty Gear Strive liegt aber nicht in Kämpfen gegen KI oder Story-Sequenzen. Diese Reihe – wie viele andere Fighting Games – hat schon immer von echten Kämpfen gegen echte Spieler:innen gelebt. Dank einem unheimlich soliden Online-Modus müsst ihr jetzt nicht mehr eure unwilligen Freund:innen zum Spielen zwingen, sondern dürft Schellen gegen Spieler aus der ganzen Welt verteilen. Dank eines super stabilen Netcodes müsst ihr euch kaum noch Sorgen um Ping machen, selbst Matches mit 150 MS Latenz sind problemlos möglich.

Guilty Gear Strive im Test: In der Lobby findet sich immer jemand zum Vermöbeln

Da Guilty Gear Strive euch jederzeit in eine von 10, nach Fähigkeit aufgeteilten, Ebenen einstuft, solltet ihr jederzeit Matches in eurem Skill-Bereich finden können. In diesen Runden wächst Strive über sich hinaus und bietet wohl die beste kompetitive Online-Erfahrung, die ich in einem Fighting Game in den letzten Jahren hatte. Wenn der Sweet Spot zwischen zwei Spieler:innen erreicht ist, wird jeder Kampf schweißtreibend bis auf den letzten Millimeter des HP-Balkens. Besonders optimistische Individuen dürfen sich jederzeit auch auf höhere Ebenen wagen, um die richtig starken Veteran:innen herauszufordern.

Ihr braucht aber nicht darauf zu hoffen, in eurem Spielverlauf mehr Charaktere und Arenen freizuschalten. Alles, was ihr durch Kämpfe verdient, sind Münzen, die ihr für kosmetische Items ausgeben könnt. Ich selbst hätte mir da zumindest für den Arcade-Modus etwas gewünscht, das ihn noch spielenswerter macht. Ein kleines, aber zeitfressendes Manko ist zuletzt noch, dass die initiale Server-Kommunikation bei jedem Spielstart gut und gerne einige Minuten in Anspruch nimmt. Nervig, das hält Guilty Gear Strive aber nicht davon ab, einer der besseren kompetitiven Prügler der letzten Jahre zu sein.

Guilty Gear Strive im Test: Unser Fazit zum kompetitiven Anime-Prügel-Wahnsinn

Guilty Gear im Test: Unser Fazit zum kompetitiven Anime-Prügel-Wahnsinn

Guilty Gear Strive ist eine Augenweide, in vielerlei Hinsicht. Seine Sammlung aus klassischen und neuen Charakteren ist so abwechslungsreich wie immer, die Inszenierung ist durch detaillierte Models und brachiale Effekte in den Kämpfen aber besser denn je. Noch dazu hat Arc System Works für das leicht überarbeitete Kampfsystem eine nahezu perfekte Balance aus Tiefgang und Zugänglichkeit geschaffen. Für Fans und die, die es werden wollen, bieten sich reichlich Trainingsmöglichkeiten und – dank absolut stabilem Netcode – einer der besten Online-Modi, die es in den letzten Jahren in einem Fighting Game gegeben hat.

Wer nach einem lustigen Prügelspiel zum Button mashen mit Partypotenzial sucht, wird in Guilty Gear Strive wohl nicht das Spiel für sich finden. Dafür sind die lokalen Spielmodi etwas zu schmal aufgestellt. Als Einstieg in die kompetitive Fighting Game-Szene könnte ich mir aber kaum ein besseres Spiel wünschen. Selten habe ich mit Online-Kämpfen in einem Prügelspiel so viel Spaß gehabt, da kann ich auch die etwas längeren Zeiten zur Server-Kommunikation mal hinnehmen.

ProContra
+ Die schönste 2D-Optik, die ein Anime-Prügler je gesehen hat- Kaum Spielmodi abseits von Arcade- und PvP-Kämpfen
+ Toll designte Charaktere mit abwechslungsreichen Movesets- Storymodus komplett ohne Gameplay
+ Umfangreiches Kampfsystem mit extremem Tiefgang- Freischaltbare Extras nur kosmetisch
+ Zugänglich dank lehrreicher Tutorial-Missionen- Nervig lange Server-Kommunikation beim Spielstart
+ Hoher Grundschaden macht Kämpfe kurzweiliger
+ Bombenstabiler Netcode macht Online-Matches praktisch lagfrei

Rubriklistenbild: © Arc System Works/Bandai Namco

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