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Halo Infinite im Test: So müssen sich Konsolen-Shooter im Jahr 2021 anfühlen

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Von: Joost Rademacher

In einem Jahr voller Enttäuschungen hat Halo Infinite die Chance, das Ruder nochmal rumzureißen. Wir haben den Master Chief auf seiner Ringreise begleitet.

Hamburg – Das Jahr 2021 neigt sich dem Ende und hinterlässt bei vielen einen wohl eher faden Nachgeschmack. Nicht nur war dieses Jahr insgesamt ein sehr schwieriges, auch in Sachen Gaming gab es einige Enttäuschungen. Das Shooter-Genre hat es in den Augen vieler Fans besonders hart erwischt. Noch ist aber nicht aller Shooter Ende, ein letztes Ass hat 2021 im Ärmel. Dieses Ass trägt gern Grün und hat ein verdammt gutes Händchen für Schusswaffen. Ganz richtig, Halo Infinite ist da und will das Jahr mit einem Knall beenden. Ob die Zündung gelingt, haben wir für euch getestet.

Name des SpielsHalo Infinite
Release08. Dezember 2021
PublisherXbox Game Studios
Entwickler343 Industries
PlattformXbox Series X, Xbox One, PC
GenreFirst-Person-Shooter

Halo Infinite im Test: Was lange währt, wird endlich gut?

Vor seinem Release hat Halo Infinite es wirklich nicht leicht gehabt. Der ursprüngliche Launchtitel der Xbox Series X hat sich um über ein Jahr verspätet und immer wieder war die Rede von drastischem Personalwechsel bei Entwickler 343 Industries. Kaum jemand wollte da noch so richtig an den Erfolg des Spiels glauben. Ähnlich düster war es auch um den Master Chief selbst bestellt. Halo 5 endete mit einem Cliffhanger und ließ den Spartan ohne Cortana, dafür aber mit einem neuen Halo-Ring am Horizont dastehen.

Dort schließt Halo Infinite mehr oder weniger direkt an. Nach einem Angriff auf die UNSC Infinity durch die Verbannten (bekannt aus Halo Wars 2) schwebt der Master Chief im Kälteschlaf quer durchs All. Ein einzelner Pilot namens Echo-216 liest ihn auf und binnen kürzester Zeit finden die beiden sich auf Halo Zeta wieder, der schwer beschädigt ist. Die Verbannten wollen diesen aber wieder aufbauen, also liegt es an unserem Held in grüner Rüstung, das zu verhindern und die Verbannten auszuschalten. Zur Seite steht ihm dabei die Waffe – eine flapsige KI, die dazu erschaffen wurde, Cortana festzuhalten und zu löschen.

Halo Infinite im Test: Die Marvel-isierung von Halo

Die Prämisse von Halo Infinite ist, so viel liest sich schon aus der groben Zusammenfassung, alles andere als bahnbrechend. 343 Industries ist auf Nummer sicher gegangen und hat keine großen Schritte für die Reihe gewagt. Zugegeben, ein Großteil der Halo-Fans spielt die Spiele nicht wegen der Narrative. Aber der immer gleiche „Wir sind gut, ihr seid böse“-Konflikt zieht kaum, vor allem weil die Verbannten über ihren Kriegspathos hinaus nie so richtig charakterisiert werden. Da schwingen sie große Reden über Kämpfe und Macht und trotzdem bleibt davon nichts wirklich hängen.

Halo Infinite vor Master Chief und blauem Hologram
Halo Infinite im Test: Reden ist Silber, Schießen ist Gold © 343 Industries

Noch unangenehmer ist, dass Halo Infinites Dialoge sich wie das schlechte Klischee eines Marvel-Films anhören. Im Minutentakt feuern Nebencharaktere irgendwelche Witze und Sprüche raus, die die Action ‚cool‘ wirken lassen sollen. In der Folge fällt es aber schwer, die Geschehnisse wirklich ernst zu nehmen. Halo war immer schon cineastisch und voller Bombast, gerade in seinen Zwischensequenzen. Das alles geht hier ein wenig verloren. Zum Glück sind die Charaktere aber gut vertont, was in den wirklich ernsten Momenten zumindest ein bisschen Drama schafft.

Halo Infinite im Test: Das Experiment mit der offenen Welt

Ein bisschen mehr hat sich 343 Industries beim Aufbau des Spiels getraut. Halo Infinite begeht einen Bruch von seinen Vorgängern und schickt uns zum ersten Mal über große Teile des Spiels in eine Open World. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Die Art, wie Halo Infinite seine offene Map präsentiert, ist nicht völlig neu, fügt sich aber durchaus gut in das Halo-Spielgefühl ein. Wir nehmen Vorposten ein, die als Schnellreisepunkte dienen, helfen USNC-Truppen in Not und nehmen Minibosse für neue Waffen aufs Korn. Ein paar Sammelgegenstände dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Diese ganzen Nebenaktivitäten unterscheiden sich nicht wirklich groß voneinander, dafür nehmen sie aber wenig Spielzeit in Anspruch und lassen sich flott hintereinander wegspielen. Es ist eher zwischen den einzelnen Beschäftigungen, dass Halo Infinite ein wenig Leerlauf bekommt. Zwischen den Questmarkern auf der Map fühlt es sich wenig spannend an, Halo Zeta zu durchqueren. Das Handling der Fahrzeuge ist dafür zu hakelig und es gibt es keine großen Anreize, dem eigenen Forscherdrang so richtig nachzugehen. Was ihr auf der Map seht, bekommt ihr auch – darüber hinaus passiert in der offenen Welt leider herzlich wenig.

Halo Infinite Ringe aus Stein auf offenem Feld
Halo Infinite: In der Welt herrscht manchmal einige Leere © 343 Industries

Wem es da mehr nach dem guten alten Halo-Feeling gelüstet, der:die wird sich über die Story-Missionen des Spiels freuen. Die Kampagne schickt den Master Chief immer wieder zurück in lineare Level mit einigen größeren Arealen für Fahrzeugkämpfe. Außerdem muss sich niemand sorgen, dass Halo Infinite durch die offene Welt ein ewig langes Spiel wird. Je nach Spielstil verbringt ihr zwischen 12 und 20 Stunden auf Halo Zeta, eine willkommene Abwechslung gegenüber anderen aktuellen Zeitfressern.

Halo Infinite im Test: Lasst lieber die Waffen reden

Das alles malt bisher ein eher wenig überzeugendes Bild von Halo Infinite. Aber das heißt nicht, dass Halo Infinite insgesamt auch ein wenig überzeugendes Spiel ist. Ganz im Gegenteil – es ist im Kern ein wirklich guter Shooter. Das tatsächliche Gameplay, das von Moment zu Moment stattfindet, macht so viel Spaß wie ich es in Halo lange nicht mehr erlebt habe.

Halo Infinite Wächterstrahler im Kampf
Halo Infinite: Plaquebeseitigung á la Master Chief © 343 Industries

Halo Infinite ist ein schnelles Spiel, mehr noch als die letzten beiden Teile. Eine Taste fürs Sprinten ist jetzt allgegenwärtig, Schüsse auf ungeschützte Köpfe töten auch gerne mal mit nur einem Treffer. Gleichzeitig ist es aber weit weniger hysterisch als beispielsweise ein Call of Duty. Man schießt immer noch aus der Hüfte, die Feuerrate der meisten Waffen ist eher auf der niedrigen Seite, das alles ist immer noch typisch Halo. Dieser Spagat funktioniert erstaunlich gut. 343 Industries hat es irgendwie geschafft, das Spielgefühl von Halo zu modernisieren und hat trotzdem alles behalten, was die Reihe in Sachen Gunplay immer ausgezeichnet hat.

Halo Infinite im Test: Komplett am Haken

Zusätzlich bekommt der Master Chief jetzt noch eine Reihe von Gadgets an die Hand, die das Leben leichter machen. Es gibt einen kurzen Dash für schnelles Ausweichen, einen spontan einsetzbaren Schild oder auch einen Ortungssensor für Gegner in der Nähe, das alles hat seinen Zweck. Der Star der Show und das eine absolut beste Gameplayelement von Halo Infinite ist aber der Enterhaken. Dieses Teil eröffnet unzählige neue Möglichkeiten für Kämpfe, es ist unglaublich.

Alles Interagierbare in Halo Infinite kann in irgendeiner Weise mit dem Enterhaken verwendet werden. Man kann Waffen aus der Entfernung zu sich ziehen, man kann in Windeseile an Gegner heranpreschen, Banshees in der Luft kapern, sich in knappen Situationen auch mal aus der Schusslinie entfernen. Wer hart flexen will, darf natürlich in die Höhe springen und im Flug ein paar No-Scopes verteilen, die Möglichkeiten sind endlos. Gepaart mit vielen Waffen, die man bei Munitionsknappheit immer wieder neu vom Schlachtfeld aufliest, bieten sich besonders in der offenen Welt immer neue Methoden, einen Kampf anzugehen.

Halo Infinite Master Chief zieht sich per Enterhaken an Grund heran
Halo Infinite: Die Haken, min jung! © 343 Industries

In diesen Momenten hat Halo Infinite fast etwas von einer Immersive Sim á la Dishonored. Es gibt Aufgaben und alle nötigen Mittel, um sie auf verschiedene Weise zu lösen. Was ihr damit macht, ist völlig euch selbst überlassen. Besonders witzige Situationen entstehen dabei oft im Zwischenspiel mit der (meistens) smarten KI. Da kann es auch mal passieren, dass euch einer der Verbannten einen Grunt mit scharfen Granaten in den Händen entgegenwirft. Hin und wieder kommt es dazu, dass eure Gegner wie Schießbudenfiguren in der Landschaft rumstehen, aber das war eher die Ausnahme.

Viel ärgerlicher ist es, dass manche der Gegner und besonders einige Minibosse unnötig standfest sind. Natürlich soll ein Boss eine angemessene Herausforderung bieten. Wenn dieser aber Munition aufsaugt, als wären es Staubflusen unterm Sofa, dann wird es mitunter ein bisschen anstrengend. Ihr solltet euch darauf einstellen, dass ihr in der Kampagne mehr als nur einmal das Zeitliche segnet, immerhin sind aber die Checkpoints meistens sehr fair gesetzt, sodass ihr nicht zu viel Zeit verliert.

Halo Infinite im Test: Ein Blick auf den Ring

Was Halo Infinite zum Glück von seinen Wurzeln behalten hat, ist die Erhabenheit seiner Präsentation. Der visuelle Stil der Ringe war immer ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der Reihe und er funktioniert heute noch so gut wie vor 20 Jahren. Infinite mag grafisch nicht die dicksten Bäume ausreißen, dafür ploppen dann doch zu häufig Dinge plötzlich auf und auf Entfernung sehen Umgebungen etwas matschig aus. Wenn man aber auf einer Anhöhe steht, den Blick ein bisschen schweifen lässt und der Rest des Halo-Ringes sich ins Weltall erstreckt, dann kommt schon richtig gut Stimmung auf.

Halo Infinite Warthog auf Straße bei Sonnenuntergang
Halo Infinite: Eine Spritztour bei Sonnenuntergang ist auch mal drin © 343 Industries

Diese Erhabenheit, dieses mystische und majestätische Gefühl von Halo, kommt zuletzt auch akustisch richtig gut durch. Wenn das klassische Halo-Theme nicht gerade mit Pathos durch die Lautsprecher dröhnt, ist Halo Infinite erstaunlich bescheiden in seiner musikalischen Untermalung. Das Sounddesign nimmt nicht Überhand, sondern unterfüttert eher die Kulisse mit leichten Klavieren und kurzen Soundbits. Im Kontrast dazu knallen die Waffen, je nach Größe, ordentlich rein und geben ein schön wuchtiges Gefühl zum Gameplay dazu.

So lässt Halo Infinite mich am Schluss doch weit mehr befriedigt als enttäuscht zurück. Der ständige Humor, der sich durch weite Teile der Story zieht, wird nicht allen gefallen und auch die Open World des Spiels bleibt hinter ihren Möglichkeiten zurück. Dafür macht es spielerisch aber so verdammt viel richtig, dass die größeren und kleineren Problemchen dahinter größtenteils verblassen. Es ist nur eine Schande, dass die Koop-Kampagne noch auf sich warten lässt. Wer die Wartezeit aber nicht hinnehmen möchte, dem:der steht ja wenigstens noch der komplette Multiplayer kostenlos zur Verfügung.

Halo Infinite im Test: Unser Fazit zur Rückkehr des Master Chief

Wertung Halo Infinite 8,0
Halo Infinite: Unsere Wertung zur Rückkehr des Master Chief © ingame

In einem Jahr, in dem First-Person-Shooter und Open World-Spiele ihre Katastrophen und Fehlschläge hatten, ist es eine sehr beruhigende Erfahrung, ein Spiel wie Halo Infinite zu spielen. Halo fühlt sich so gut an wie lange nicht mehr, dank richtig starkem Waffenhandling und Gefechten, die immer wieder neue Taktiken und Herangehensweisen rauskitzeln. Der Enterhaken bringt zusätzlich eine vertikale Achse und viel Dynamik ins Geschehen, was Halo Infinite nur zugute kommt.

Es hapert bei Halo Infinite eher an den Dingen drum herum, die es davon abhalten, ein wirklich geniales Spiel zu werden. Zu plump ist das Storytelling, zu zwanghaft witzig sind die Dialoge. Der Wechsel zu einer offenen Welt ist auch noch nicht ganz ohne Makel gelungen, aber das Potenzial ist zu erkennen. Am Ende kommt es trotz allem nur auf eine Sache an: dass es Spaß macht, abermals in die Horden von Grunts und Brutes zu springen und sie nach allen Regeln der Kunst zu demontieren. Das schafft Halo Infinite in vollen Zügen.

ProCon
+ Geniale Gefechte- Mäßige Story ohne nennenswerte Highlights
+ Bestes Gunplay der gesamten Reihe- Humor in Dialogen zündet nie so richtig
+ Viele Waffen und Gadgets regen zum Ausprobieren an- Der Open World fehlt es an Lebendigkeit
+ Der Enterhaken ist der Star des Spiels- Nebenaktivitäten nutzen sich schnell ab
+ Erhabene Präsentation- Unnötig standfeste Gegner
+ Trotz Open World nicht übermäßig lang

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