Teil 3 der Dark Pictures Anthology

House of Ashes im Test: Kein Funken Horror und trotzdem schrecklich gut

  • Christian Böttcher
    VonChristian Böttcher
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Zu Halloween will Supermassive Games euch mit House of Ashes das Fürchten lehren. Warum auch ohne ein Fünkchen Horror ein gutes Spiel dabei rumkommt, verrät der Test.

Guildford – House of Ashes ist nicht gruselig. Nicht ein bisschen. Punkt. Ende. Aus. Und das, obwohl Entwickler Supermassive Games den inzwischen dritten Teil der Dark Pictures Anthology, wie schon seine Vorgänger, überpünktlich zum alljährlichen Gruselgeschäft auf den Markt wirft. Bevor alle Halloween-Fans jetzt aber das Handtuch werfen und diesen Artikel wutentbrannt in den Browser-Ruhestand schicken: auch wenn der Horror bei House of Ashes auf der Strecke bleibt, hatten wir richtig viel Spaß mit dem Spiel. Wie das zusammenpasst, verraten wir euch im Test.

Name des SpielsHouse of Ashes
Release (Datum der Erstveröffentlichung)22. Oktober 2021
Publisher (Herausgeber)Bandai Namco Entertainment
SerieDark Pictures Anthology
EntwicklerSupermassive Games
PlattformPS4/PS5, Xbox One/Xbox Series X, PC
GenreAction-Adventure, Horror, Survival

House of Ashes im Test: Die Dark Pictures Anthology hält dem Grusel-Konzept die Treu

Nach Man of Medan und Little Hope ist House of Ashes bereits die dritte Auskopplung der Dark Pictures Anthology von Entwickler Supermassive Games. Mit Until Dawn landete das britische Studio 2016 einen echten Überraschungshit und bedient seitdem voll und ganz das Genre der interaktiven Horrorfilme.

Egal ob Geisterschiffe, Hexenverbrennungen oder verfluchte Zivilisationen aus einer längst vergessenen Zeit: Am grundlegenden Fahrplan hat sich seit Debüt der Anthology so gut wie nichts geändert. Jedes Jahr zu Halloween werden wir in ein neues Setting verfrachtet und dürfen für vier bis sechs Stunden entweder unseren Beschützerinstinkt spielen oder inneren Sadisten übernehmen lassen.

House of Ashes: Pünktlich zu Halloween will Supermassive Games euch das Fürchten lehren.

Das Gameplay beschränkt sich dementsprechend auf das Nötigste. Die meiste Zeit über verfolgen wir die grob vorskizzierte Handlung via Zwischensequenzen und dürfen gelegentlich eingreifen, um für unsere hoffnungslos ausgelieferten Figuren knifflige Entscheidungen zu treffen. Entweder wir führen sie in ihr Verderben oder retten ihnen das Leben. Jede Wahl will also wohlüberlegt sein.

Für zusätzliche Spannung sorgen Quick-Time-Events (QTEs), die ebenfalls maßgeblichen Einfluss auf das Schicksal unserer Schützlinge nehmen. Nur wer das richtige Timing beweist, hält die eigene Figur am Leben. Wie gewohnt funktioniert das Ganze solo wie auch im Multiplayer wunderbar – egal ob online oder gemeinsam auf der Couch. Ein Controller reicht schon aus. Damit bleibt auch House of Ashes die perfekte Alternative zum klassischen Filmabend für alle, die gern selbst eingreifen. Soweit so Supermassive.

Das können wir also gleich vorab verraten: Wer mit dem spielerischen Minimalaufwand der Dark Pictures Anthology bislang nichts anfangen konnte, wird auch in House of Ashes wieder maßlos und voll einkalkuliert enttäuscht. Zwar hat Supermassive Games an einigen Stellen die scharfen Kanten glattpoliert, doch die grundlegende Gameplay-Erfahrung ist noch immer eine absolute Katastrophe – und das sowohl technisch als auch spielerisch.

Gameplay in House of Ashes: Nicht mehr als Quick-Time-Wahnsinn.

Selbst in tödlicher Gefahr bewegen sich unsere Figuren wie in Zeitlupe durch die Spielwelt, die QTEs treten seit Until Dawn uninspiriert auf der Stelle und unseren Entdeckertrieb legt Supermassive dank schnarchiger Sammelobjekte direkt an die Kette. Innovation Fehlanzeige. Doch es gibt Hoffnung für die Zukunft, denn nach dem nächsten Teil „The Devil in me“ legt die Anthology erstmal eine Kreativpause ein.

House of Ashes im Test: Die beste Geschichte der Dark Pictures Anthology

Schade auch, dass sich Zwischensequenzen beim zweiten Durchlauf noch immer nicht überspringen lassen. Die Motivation, die Story mit anderen Entscheidungen nochmal zu erleben, sinkt so auf ein Minimum. Wirklich neu sind in House of Ashes also eigentlich nur zwei Dinge: Das Setting und die Charaktere. So verschlägt es uns in House of Ashes in das Jahr 2003. Der Irakkrieg steht kurz vor dem Ende und eine Truppe US-Soldaten macht sich auf die Suche nach verbleibenden Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein, als sich buchstäblich die Erde auftut und sie allesamt verschluckt.

House of Ashes schickt euch in die Tiefen eines uralten sumerischen Labyrinths.

Versprengt und abgeschnitten von jeglicher Kommunikation offenbart sich ihnen statt Atombomben ein uralter sumerischer Tempel. Der Weg an die Oberfläche ist verschüttet, also begeben sich die fünf tiefer in das finstere Labyrinth. Dort stoßen sie auf gigantische Ritualkammern und längst verlassene Kultstätten. Doch die sind alles andere als verlassen. Eine uralte Bedrohung hat sich unter der Erde niedergelassen und dürstet nach Blut.

Über vier bis fünf Stunden hinweg erzählt House of Ashes die wohl beste Geschichte der bisherigen Dark Pictures Anthology. Und das aus einem ganz konkreten Grund: der mythologische Unterbau stimmt. Endlich gibt uns Supermassive Games wieder ein großes Rätsel, das sich zu knacken lohnt, eine Bedrohung, die zwar absolut tödlich ist, aber in Grautönen wandelt und sich nicht in Schwarz-Weiß-Mustern verliert. Stellenweise fühlten wir uns sogar an absolute Klassiker der Filmgeschichte erinnert.

In House of Ashes erweckt ihr eine monströse Bedrohung zu neuem Leben.

Im letzten Drittel überzeugt House of Ashes mit leichten Alien-Vibes, während sich der Rest der unterirdischen Horrorshow an der Grundidee von The Descent – Abgrund des Grauens entlanghangelt. Klar, auch wenn unsere fünf Höhlenforscher sich immer weiter in die Tiefe wagen, rutscht House of Ashes nur selten in Richtung Meisterwerk ab. Trotzdem bleibt sich Supermassive Games im neuesten Teil treu und schafft eine unangenehm kribbelnde und ständig bedrohliche Atmosphäre, die sich in einem actiongeladenen Finale Bahn bricht.

House of Ashes im Test: Die Sache mit dem Horror in der Dark Pictures Anthology

Doch wie schon bei Little Hope ist genau das die Krux bei der Sache. Denn bei all der Spannung bleibt der Horror leider größtenteils auf der Strecke. So ist House of Ashes zwar unangenehm, gelegentlich etwas eklig und beweist grundsätzlich das richtige Timing bei Jumpscares. All das aber auf einem extrem vorhersehbaren Level. Habt ihr ein Spiel der Dark Pictures Anthology gespielt, kennt ihr sie alle. In Sachen Grusel fehlt es weiterhin an Mut, neue Wege zu gehen und mit unseren Sehgewohnheiten zu brechen. Wir würden uns eine Rückkehr zum hemmungslosen Trash a là Until Dawn mehr wünschen als bierernsten Horror ohne eigenes Profil.

House of Ashes: Ihr müsst den Fluch eines uralten Herrschers ausbaden.

Mit etwas mehr Lockerheit in Erzählung und Figuren ließe sich auch ein weiteres großes Problem von House of Ashes kaschieren: Die Charaktere. Die Hintergrundgeschichten, Beziehungen und Charakter-Quirks der Soldat:innen sind gut angedeutet und schnell findet man unter ihnen Lieblinge und Erzfeinde. Doch unsere Entscheidungen nehmen nicht genug spürbaren Einfluss auf das Miteinander der Figuren, um am Ende wirklich traurig zu sein, wenn zwei von ihnen ins Gras beißen und der vermeintliche Unsympath der Truppe überlebt.

House of Ashes im Test: Das Figurendilemma der Dark Pictures Anthology

Besonders schade, aber auch keine Neuerung der Dark Pictures Anthology: Supermassive Games bekommt es trotz aller Story-Ambitionen nicht hin, den Figuren so richtig Leben einzuhauchen. Nicht, weil sie nicht gut geschrieben wären oder es an fähigen Schauspieler:innen mangelt, sondern vielmehr, weil es an der technischen Umsetzung hapert.

Selbst der kleinste Flirt kann in House of Ashes drastische Konsequenzen haben.

Zwar funktioniert das Motion Capturing der fünf Hauptcharaktere grundsätzlich gut, Emotionen lassen sich an Gestik und Mimik ablesen. Zu oft passiert es aber, dass Gesichtszüge ohne erkennbaren Grund entgleisen, Augen auf Weltreise gehen oder sich Gliedmaßen in bester Exorzismus-Manier verknoten. So bleibt der Cast in seinen Möglichkeiten leider beschränkt.

Auf der PS4 gehören nachladende Texturen leider zum guten Ton und auch der spontane Wechsel zwischen der deutschen und englischen Sprachausgabe mutiert nicht selten zum Stimmungskiller. Glücklicherweise performte die PS5-Fassung von House of Ashes deutlich besser. Am Ende des Tages macht Supermassive Games innerhalb der Dark Pictures Anthology also durchaus technische Fortschritte. Wirklich zeitgemäß sind Optik, Animationen und Performance aber leider noch immer nicht.

House of Ashes im Test: Der beste Teil der Dark Pictures Anthology – nur ohne Horror

House of Ashes im Test: Kein Fünkchen Horror und trotzdem schrecklich gut

Mit House of Ashes erfindet sich weder Supermassive Games noch die Dark Pictures Anthology neu. Technische Patzer, schnarchiges Gameplay aus der Hölle und Figuren so steif wie Sandstein gehören mittlerweile zum Konzept wie die Hockeymaske zu Jason. Auch beim Gruselfaktor fehlt es dem neusten Teil an Mut, mit unseren Sehgewohnheiten zu brechen und neue Wege zu gehen. Wer einen interaktiven Horrorschocker sucht, erlebt eine staubige Enttäuschung. Und trotzdem können wir euch einen Trip in die Ruinen unter dem irakischen Wüstensand nur empfehlen.

House of Ashes erzählt nicht nur die beste Geschichte der Anthology, sondern schafft es über vier bis sechs Stunden, für mächtig Atmosphäre zu sorgen. Der uralte Fluch, mit dem sich die fünf ungleichen Soldat:innen herumschlagen müssen, bietet genug mythologisches Futter und wirft bis zum Ende immer neue Fragen auf. Ständig fühlten wir uns an Klassiker wie Alien oder The Descent erinnert und sabberten nach der nächsten Wendung. Wer mit der Reihe und dem Setting etwas anfangen kann, kommt garantiert auch bei House of Ashes auf seine Kosten – einen Augenöffner für Skeptiker:innen dürft ihr aber nicht erwarten.

ProContra
+ Bestes Setting der Dark Pictures Anthology– Trotz Horror-Grundidee kaum gruselig
+ Gelungene Atmosphäre mit Alien-Vibes– Technisch nicht auf der Höhe der Zeit
+ Starkes mythologisches Gruselfundament– Festgefahrenes Gameplay
+ Gut geschriebene und verflochtene Figuren

Rubriklistenbild: © Supermassive Games

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