Two Hearts are Better than One

It Takes Two im Test: Zwei wie Karius und Baktus

  • Jonas Dirkes
    VonJonas Dirkes
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EA und Hazelight lassen mit It Takes Two einen reinen Koop-Titel auf Gamer los. Wir haben die spielbare Therapiesitzung für euch im Test genau durchleuchtet.

HamburgCody & May sind zwei wie Podolski & Schweinsteiger, Fred Astaire & Ginger Rogers, ja im Grunde auch Frodo & Sam. Beziehungsweise so ganz stimmt das nicht, sie waren es einmal. Heute reicht es nur noch für Karius & Baktus. Drei Minuten im Kreise schrubben, an die Zwischenräume denken und die Spucke im Waschbecken wegspülen nicht vergessen. Anders gesagt: Die Beziehung ist am Ende. It Takes Two verpackt die letzten Szenen einer Ehe in ein fluffiges Koop-Abenteuer für Zwei – ob Spiel & Spaß in diesem Ehe-Rettungskommando ein gutes Duo abliefern, verrät euch unser Test zum Titel von Entwickler Hazelight.

VideospielIt Takes Two
Datum der Erstveröffentlichung26. März 2021
EntwicklerHazelight Studios
HerausgeberElectronic Arts
Leitender EntwicklerJosef Fares
GenresJump ’n’ Run, Action-Adventure, Adventure
PlattformenPlayStation 4, Microsoft Windows, Xbox Series, PlayStation 5, Xbox One

It Takes Two im Test: Inszenierung Hui, Story Pfui – Zwei wie Brad Pit & Angelina Jolie

Am Anfang war alles so schön. Cody & May trällerten wie Simon & Garfunkel ihr persönliches Liebeslied in die Welt hinaus. Das bekommen wir in It Takes Two aber gar nicht zu hören. Das Spiel beginnt mit dem „Sound of Silence“ und einem Scherbenhaufen. „Hello Darkness my old Friend“ – Diesmal war es das wohl endgültig. Die Scheidung ist beschlossene Sache. Das bekommt auch die Tochter der beiden mit. Die verkriecht sich im staubigen Schuppen und zaubert mit ihren Trauertränen Cody & May versehentlich in die Hüllen ihrer Spielzeugpuppen hinein.

Wäre das nicht schon genug des Guten für unsere Rosenkriegs-Brangelina, wird das Noch-Paar fortan vom manischen Dr. Hakim verfolgt. Hakim ist ein zu Fleisch gewordenes Book of Love, dessen Lettern im Inneren zweifelsfrei von einem spanischen Don Juan zu Papier gebracht wurden. Schrill, nervig, vollkommen psychopathisch trifft es nicht ansatzweise: Hakim ist eine echte Plage. Sein einziger Lebenssinn besteht darin, Essig & Öl-Pärchen wieder zusammenzubringen – koste es was es wolle. 

Die Story von It Takes Two kann sich nicht zwischen Super-Kitsch und Vorhersehbarkeit entscheiden.

Cody & May auf der anderen Seite sind als Sympathieträger allerdings auch keinen Deut besser als das nervige Psycho-Buch. Die zwei meckern und motzen wie Waldorf & Statler, kommen dabei aber nichtmal auf die mieseste Pointe. Hier wird Gift und Galle in Kübeln gespuckt, dass Netzer & Delling im Vergleich wie Superfreunde wirken. Man merkt, warum die Scheidungspapiere so schnell wie irgend möglich unterschrieben werden sollen.

So gesehen sind die beiden als echte Empathie-Killer dann aber doch noch das ultimative Paar à la Bonnie & Clyde. Während das zu Beginn von It Takes Two vielleicht noch Sinn ergibt, geht der Dynamik nach wenigen Stunden aber deutlich die Puste aus. It Takes Two ist vorhersehbar wie der Kuss zwischen der Schönen & dem Biest. Das ist auch das größte Versäumnis des neuen Werks von Entwickler Hazelight, der sich zuvor mit Brothers und A Way Out seine Sporen verdiente. 

Wenn ihr uns fragt, dann ist It Takes Two bisher eines der besten Spiele des Jahres.

Die Story hält einfach nicht was sie verspricht. Wie erzählt wird, ist ziemlich erhaben und spielt definitiv in der oberen Videospiel-Liga mit. Was erzählt wird, landet dann aber in der RomCom-Grabbelkiste des Grauens. Lead Designer Josef Fares (und die Stimme von Dr. Hakim!) kündigte im Vorfeld an, mit It Takes Two eine romantische Komödie zum Spielen abliefern zu wollen.

Sowas gäbe es in der Videospielwelt noch nicht, da wäre es doch eine Sünde, nicht zu den ersten Versoftungen des beliebten Popcorn-Genres zu gehören. So interessant die Idee auch klingt, da hätte man Harry & Sally vielleicht lieber auf Dauerschleife studieren sollen, anstatt einmal auf doppelter Geschwindigkeit und dann mit schmierigen Chipsfingern an der Schreibmaschine ein klappriges Story-Grundgerüst zusammen zu tippen.

It Takes Two im Test: Eine Gameplay-Achterbahnfahrt – Zwei wie R2D2 & C3PO

Spielerisch sollten dann wiederum andere Studios It Takes Two in Dauerschleife studieren. Gameplaytechnisch ist die Paartherapie eine absolute Wucht. Das müssen wir aber etwas genauer erklären, denn eigentlich macht das Spiel nichts außergewöhnlich, sondern alles nur sehr gut. Im Normalfall tingelt man auf der knapp 12-14 Stunden langen Reise durch die Level wie R2D2 & C3PO über Tattooine. Dabei gilt es kleine Rätsel zu lösen, Sprungpassagen zu meistern, Fluggeräte zu betätigen, Dinosaurier-Roboter zu bedienen, Schiffe zu kentern, Eichhörnchen Street-Fighter-mäßig zu vermöbeln, die Zeit umzudrehen, Shooter-Passagen zu überstehen, Zug zu fahren und… ja, was eigentlich nicht? 

It Takes Two ist eines der abwechslungsreichsten Spiele aller Zeiten.

Ein Super Mario Odyssey wirkt neben It Takes Two wie Monotonie in Flaschen. Das siebte Gamewunder dabei: Wirklich alle Passagen spielen sich gut. Es ist wahnwitzig, wie kompromisslos It Takes Two neue Mechaniken einführt und spätestens nach zehn Minuten wieder vollständig fallen lässt, ohne sie später zu recyceln. Hazelight fehlt die obsessive Angst moderner Entwickler-Studios, dass Spieler oder Spielerinnen etwas verpassen könnten – jedes kleine Tröpfchen Gameplay, an dem man gearbeitet hat, muss auch getrunken werden, ansonsten tut sich sicherlich die Erde auf!

It Takes Two enttarnt diese Scharlatanerie auf eindrucksvolle Weise und tanzt zum Hohn noch drei Runden um das Goldene Kalb: „Ruhig Blut, verpasst der Spieler unser irrwitziges Schnecken-Rennen, dann findet er sicher unser Polaroid-Photostudio.“ Diese Furchtlosigkeit hält It Takes Two über die gesamte Spielzeit, zieht das Tempo eigentlich sogar eher noch an.

Der freche Eichhörnchen-Che Guevara bezieht erstmal ordentlich Kloppe von May.

Wie man stets den nächsten Schabernack von Dick & Doof sehen will, muss man auch bei It Takes Two einfach am Ball bleiben, um zu sehen, in welche Welt Hazelight das Pech & Schwefel-Duo als nächstes entführt. Es sei allerdings erwähnt, dass das Ganze grafisch und performancetechnisch auf der PS5 und Xbox Series X eine leicht bessere Figur macht, wobei das nicht so schwer ins Gewicht fällt. Dank Friend’s Pass müsst ihr das Spiel übrigens nur einmal kaufen, um es auf zwei Konsolen spielen zu können.

Das regt zwar dazu an, dass eingespielte Gaming-Duos bei Terminfindungsschwierigkeiten von Bill & Hillary Clinton zu Bill Clinton & Monika Lewinsky werden, aber sei es drum. Eine Sache gibt es aber noch, da tun wir uns nur ein wenig schwer, das öffentlich zu sagen, weil wir niemanden auf falsche Ideen bringen wollen. Kreuzen wir einfach mal die Finger und hoffen, dass EA nicht mitliest: It Takes Two ist mit einem Preis von 40 Euro (gerade geteilt durch Zwei) ein absoluter Schnapper und hätte ohne Probleme als Vollpreistitel verkauft werden können.

It Takes Two im Test: Fazit zum Koop-Abenteuer – Zwei wie John Lennon und Yoko Ono

It Takes Two überzeugt nahezu auf ganzer Linie und gibt neue Impulse für das Medium Videospiele: Für uns Grund für eine 9!

It Takes Two ist ein wahrer Triumph für das Medium Gaming. So abwechslungsreich, so kompromisslos und leichtfüßig wurde noch nie durch die Genres gehüpft, wie in dieser spielbaren Therapiesession. Möchte man verstehen, warum so viele Menschen von Videospielen fasziniert sind, dann kommt man nicht daran vorbei, sich von diesem Spiel in den Bann ziehen zu lassen. Dabei ist es umso ärgerlicher, dass die Story mit ihrem eigentlich universellen Reiz da nicht mithalten kann. 

Wer seinen RomCom-Fix braucht, bleibt bei Harry & Sally. Wer die Messerdrehung im Herzen sucht, der schaut sich Mariage Story an. Versteht uns da nicht falsch, inszenatorisch macht It Takes Two alles richtig, nur an der Narrative hapert es. Es ist wie mit John Lennon & Yoko Ono: „Imagine“ ist noch immer sehr gut, aber die magische Einheit der Beatles ist nunmal gebrochen und die vollkommene Perfektion nicht ganz drin. Am Ende meckern blöde Nörgler wie ich dann wieder an allem rum, sollte Lennon & Yoko, Hazelight & It Takes Two und Cody & May letztendlich aber vollkommen egal sein – All You Need is Love und so. 

ProContra
+ Abwechslungs-Feuerwerk- Story dümpelt vorhersehbar auf der Stelle
+ Perfekter Koop-Spaß- Last Gen-Fassung manchmal mit leichten Rucklern
+ Sehr gelungene Optik und Vertonung
+ Tolle Inszenierung
+ Perfekte Länge mit 12-14 Stunden
+ Dank Friend's Pass nur ein Spiel nötig

Rubriklistenbild: © EA/ingame | Erstveröffentlichung am 30. März 2021

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