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John Wick Hex: Eine Überraschung für Fans des Kultfilms.

Breathtaking oder langatmig?

John Wick Hex im Test: Das Spiel zum Actionfilm ist nicht so wie ihr denkt

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John Wick Hex ist das Spiel zum Film, aber alles andere als eine plumper Shooter im Stil von Max Payne. Im Test erfahrt ihr, womit uns das Spiel überrascht hat.

Aus Actionfilm mach Actionspiel. So lautet seit Jahrzehnten die Marschroute, wenn große Blockbuster ihre eigene Videospiel-Adaption spendiert bekommen. Nicht so John Wick Hex. Das Spiel zum Kultfilm mit Keanu Reeves ist nämlich nicht das, was sich Fans des waffenschwingenden Rächers im ersten Moment wohl vorstellen dürften. Euch erwartet keine Bullettime-Orgie im Stil von Max Payne. Stattdessen geht Entwickler Bithell ganz neue Wege und inszeniert John Wick als rundenbasiertes Strategiespiel, das irgendwo zwischen XCOM und SUPERHOT zum blutigen Kugelballett ansetzt. 

John Wick Hex: Action mal anders.

Was im ersten Moment nach einer ziemlich verrückten Idee klingt, entpuppt sich im zweiten als genau das: eine ziemlich verrückte Idee. Denn so ganz rundenbasiert ist das Spiel dann doch wieder nicht. Stattdessen stellt Entwickler Bithell eine Ressource in den Vordergrund, von der wir alle nicht genug kriegen können: Zeit. In jeder Spalte von Keanu Reeves Stundenplan steht in großen Lettern "TOD" geschrieben und so taktieren wir uns in John Wick Hex Sekunde um Sekunde durch eine Verschwörung, die noch vor dem ersten Film stattfindet. Warum das Spiel in die richtige Richtung ballert, am Ende aber an fieser Ladehemmung leidet, verraten wir euch im Test.

Nichts los im Continental – Wo bleibt die Story?

Um keine falschen Erwartungen an die spielerische Umsetzung des modernen Klassikers zu schüren, das Wichtigste vorab: John Wick Hex ist kein Hochglanzprojekt mit AAA-Budget. Stattdessen zeichnet sich das Indie-Studio Bithell Games verantwortlich, welches 2012 seinen Durchbruch mit dem Geometrie-Puzzler Thomas Was Alone feiern konnte. Dementsprechend einzigartig kommt auch der Look ihres neuen Spiels daher. John Wick Hex ist im Stil einer Visual Novel gehalten und präsentiert altbekannte Figuren der Film-Trilogie im schicken Cel-Shading-Look. Dank einer Kooperation mit Lionsgate ist sogar die offizielle John Wick Lizenz mit an Bord.

Ian McShane dürfen wir im Originalton genießen - Keanu Reeves leider nicht.

Fans dürfen sich neben einem Keanu Reeves Lookalike somit auch über die originalvertonten und nachanimierten Schauspieler Ian MCShane (Winston) und Lance Reddick (Charon) freuen, die im Zentrum der recht schnell erzählten Geschichte stehen. Getreu dem Titel stattet ein mysteriöser Mann namens Hex dem Continental einen Besuch ab und hält die beiden Betreiber dort gefangen. Während im Hotel das Für und Wieder seines Plans in nett inszenierten Cutscenes diskutiert wird, muss sich Keanu Reeves an anderer Stelle mit den Handlangern des bärtigen Fremden herumschlagen – und das solange, bis sich die beiden im direkten Duell gegenüberstehen.

Ganz im Stil des Films müsst ihr also auch in John Wick Hex die erzählerische Substanz mit der Lupe suchen. Die meiste Zeit über werfen sich Hex und seine Opfer Stichworte aus dem filmischen Universum an den Kopf, um zumindest die Illusion von Fanservice aufrecht zu erhalten. Mehr als ein müdes Schulterzocken konnte uns die rund 15-stündige Geschichte also nicht entlocken. Nicht zuletzt deshalb, weil Keanu Reeves derzeit wohl voll und ganz mit Cyberpunk 2077 beschäftigt ist und John Wick somit über das komplette Spiel hinweg stumm bleibt – wahrhaft breathtaking also! Wenn die Adaption also nicht mit einer wuchtigen Rachegeschichte punkten kann, dann vielleicht in Sachen Gameplay?

Rundenbasierte Strategie anders gedacht

Keine steile These, denn die spielerischen Elemente von John Wick Hex schaffen es grundsätzlich, die Seele der Filme einzufangen. Bis in die letzte Kugel durchchoreographierte Kampfsequenzen und epische Killserien gehören auch hier zum Alltag – nur, dass wir in diesem Fall zwei Rollen gleichzeitig einnehmen: Die von John Wick und die des Regisseurs. Im Grunde geht es darum, den fähigen Auftragskiller durch recht lineare Level zu bugsieren und auf dem Weg zum Ausgang alles umzumähen, was sich uns in den Weg stellt – im Bestfall möglichst cool. Da wir es bei John Wick Hex aber nicht mit einem Shooter, sondern einer Art rundenbasierter Taktik-Knobelei zu tun haben, ist das leichter gesagt als getan. Jeder Schritt und jede Kugel muss sitzen.

Die Zeitleiste ist das wichtigste taktische Element.

Anders jedoch als beispielsweise beim Genre-Primus XCOM sind John Wick und seine Gegner nicht abwechselnd, sondern gleichzeitig am Zug und statt Aktionspunkten benötigt jeder Move im Spiel eine gewisse Zeitspanne. Die könnt ihr jederzeit am oberen Bildrand in fortlaufenden Zeitleisten einsehen. Schleicht ihr euch beispielsweise an einen nichtsahnenden Gegner heran, kostet euch ein lautloser Takedown rund 0,5 Sekunden. In dieser Zeit läuft das übrige Spielgeschehen jedoch einfach weiter. Hat euch z.B ein anderer von Hex Schlägern bei eurem Attentat entdeckt, kann es also durchaus sein, dass er seine Waffe bereits geladen hat und zum Schuss ansetzt, bevor ihr seinen Buddy erledigt habt. 

Um entsprechend reagieren und taktieren zu können, zeigt euch das Spiel also nicht nur eure eigene Zeitleiste an, sondern auch die aller Gegner, die sich in eurem Sichtfeld befinden. Entdeckt ihr also, dass der zweite Gegner noch 0,8 Sekunden braucht, bevor der Schuss sich löst, könnt ihr beispielsweise selbst zum Schießeisen greifen (0,5 Sekunden), einen Schritt zur Seite treten und hoffen, dass die Kugel verfehlt (0,4 Sekunden) oder ihm eure eigene Waffe an den Kopf werfen (0,3 Sekunden). Die dritte Option gibt euch einen entscheidenden Zeitvorteil und betäubt den Gegner, lässt Keanu jedoch auch ohne Waffe dastehen. Schafft ihr es, in perfekten Zeitabständen gleich mehrere Schurken sauber auszuschalten, fühlt sich das Ganze schon mächtig gut an.

Zeit als Spielelement – Planung ist alles

Wichtig zu wissen: Bis ihr eine Aktion auswählt, könnt ihr so lange über euren nächsten Move nachdenken wie ihr möchtet. Habt ihr euch aber erst einmal entschieden, gibt es kein zurück mehr und John Wick schreitet zur Tat. Kluges Vorausplanen und sinnvolles Zeitmanagement sind also die Kernpunkte, mit denen ihr in John Wick Hex zu Werke geht. Das Spiel hat seinen Namen dabei natürlich von den Sechsecken (Hex), über die sich Keanu Reeves fortbewegt. Doch Zeit ist nicht die einzige Ressource, auf die ihr im Spiel Acht geben müsst. Auch eure Fokusleiste solltet ihr immer im Auge behalten. Fokus braucht ihr für Nahkampfangriffe, Takedowns und Ausweichrollen. 

Jeder Level kommt mit eigenen Herausforderungen.

Auch hier will also vorausschauend gemeuchelt werden. Ist eure Fokusleiste erschöpft, könnt ihr sie zwar innerhalb weniger Sekunden wieder auffüllen, aber in dieser Zeit ist John Wick natürlich anfällig für Überraschungsangriffe. Gleiches gilt für den Umgang mit Leben, Munition und Waffen. Auch Nachladen, Bandagieren und das Aufheben einer neuen Wumme (von denen es eine Handvoll gibt) kostet wertvolle Zeit und kann euch im Kampfgetümmel das Leben kosten. Hinzu kommt, dass Munition und Heilung rar gesät sind und beim Abschluss eines Levels nicht wieder aufgefüllt werden. Denn genau wie das zeitbasierte Grundkonzept ist auch der Spielfortschritt zunächst recht gewöhnungsbedürftig.

Wie es der Zufall will

Insgesamt sieben verschiedene Szenarien erwarten euch im Spiel, jeweils unterteilt in vier bis sechs kleinere Level. Der Clou: Verbände und Munition nehmt ihr am Ende eines Levels mit und so kann es passieren, dass ihr ein komplettes Szenario mit nur zwei Bandagen bestreiten müsst. Ihr könnt die recht kurzen Levelabschnitte zwar jederzeit neu starten, beginnt dabei aber immer mit dem Arsenal, das ihr aus der vorherigen Runde mitgenommen habt – grundsätzlich ein sinnvolles System, allerdings führen Gegner, die nach dem Zufallsprinzip aus allen Winkeln eines Levels geschossen kommen schnell dazu, dass ihr Levelabschnitte dutzendfach wiederholen müsst, um genug Lebenspunkte für den nächsten Abschnitt oder Bosskampf übrig zu haben. 

Die Planungsphase macht das Killer-Leben leichter.

Manchmal manövriert ihr euch deshalb so sehr in die Enge, dass euch nur die Wahl bleibt, eine schwierige Stelle bis zur Perfektion zu spielen oder das komplette Szenario von vorn zu starten. Die Folge: John Wick Hex fühlt sich bisweilen recht unfair an und bleibt in seinen spielerischen Möglichkeiten zu repetitiv, um den hohen Schwierigkeitsgrad zu rechtfertigen. Einziger Lichtblick: Vor jedem neuen Szenario gibt es eine Planungsphase, in der ihr für klingende Münze Bandagen und Waffen in den Levelabschnitten deponiert oder alternativ temporäre Boni erkauft, die euch im kompletten Szenario zur Verfügung stehen. So kosten euch Ausweichrollen beispielsweise nur noch einen statt zwei Fokuspunkte oder ihr könnt Gegner weiter von euch wegstoßen.

Die Unterwelt im klobigen Rückspiegel

Für dringend benötigte Abwechslung im ansonsten recht langatmigen Gameplay sorgen die Schauplätze selbst. Egal ob im neonpinken Nachtclub oder düsteren Lagerhallen: Optisch knüpft John Wick Hex nahezu perfekt an die Stimmung der Filmreihe an und erschafft so zumindest ansatzweise die faszinierende Unterwelt-Ästhetik, mit der uns Chad Stahelski und Co. schon drei Mal in Folge in ihren Bann ziehen konnten. Die Lichtstimmungen innerhalb der Schauplätze sind wirklich gelungen und auch der fetzige Elektro-Soundtrack in den Kämpfen sorgt für Actionfilm-Atmosphäre. Außerdem könnt ihr euch nach jedem abgeschlossenen Level ein schick in Szene gesetztes Replay von eurem gelungenen Durchlauf anschauen.

Durchchoreographierte Action und steife Animationen im Replay.

Auch das ist wieder eine wirklich tolle Idee, die in Symbiose mit dem Stil des Films stehen könnte. Einziges Problem: Selbst wenn ihr den Level mit atemberaubender Präzision, perfekt aufeinander abgestimmten Bewegungsabläufen und kreativ durchgetakteten Killserien abschließt, wirkt es auf den zweiten Blick so als hätte der obercoole Keanu Reeves Platz gemacht für einen schlecht geölten Roboter mit Schwarzhaarperücke. Die Animationen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück, wirken klobig und auch ihre Abwechslung bleibt auf der Strecke. Mehr als drei bis vier verschiedene Bewegungsmuster gibt es schlicht nicht.

Fazit

Das Konzept hinter John Wick Hex ist nicht nur genial, sondern auch grenzenlos mutig. Die actiongeladene Kultreihe nicht als Shooter, sondern als rundenbasierte Taktik-Knobelei zu inszenieren, grenzt schlichtweg an Größenwahn. Und doch gelingt das Wagnis von Entwickler Mike Bithell und seinem Studio. Habt ihr euch erst einmal an den ungewöhnlichen Mix aus XCOM und SUPERHOT gewöhnt, fühlt ihr euch nach jedem perfekt durchchoreographierten Level wie Keanu Reeves in seinen besten Zeiten. Großen Anteil daran tragen auch der stimmige Cel-Shading-Look im Stil einer Visual Novel und der fetzige Soundtrack. Leider verflacht John Wick Hex bereits nach wenigen Stunden und die anfängliche Euphorie um jeden toten Mobster verwandelt sich in nagenden Frust. Nach hinten raus bietet das Spiel zu wenig taktische Möglichkeiten, die immer gleichen Gegner werden stumpf abgefertigt und viele Zufallselemente sorgen dafür, dass Trial and Error-Momente zunehmend die Oberhand gewinnen. Letztlich versucht John Wick Hex  sowohl Film-Nerds als auch Genre-Fans zu bedienen, versandet aber zwischen beiden Gruppen.

PROS

CONS

+ Rundenbasierte Strategie neu gedacht

- Schwache Geschichte ohne Höhepunkte

+ Stimmungsvolle Zwischensequenzen im Visual Novel-Stil

- Zu wenig spielerische Abwechslung

+ Fetziger Elektro-Soundtrack

- Zufallsfaktoren sorgen für Trial and Error-Frust

+ Düsterer Cel-Shading-Look passt perfekt zum Film

- Kaum Abwechslung im Gegnerdesign

+ John Wick Lizenz mit prominenten Sprechern

- Keanu Reeves ohne Synchronstimme

+ Abwechslungsreiche Schauplätze

- Schematischer Spielablauf

+ Nette Replay-Funktion

- Steife Animationen ohne Abwechslung

Auch im bekanntesten Battle Royale-Shooter der Welt fand der brutale Rächer kürzlich Einzug. Auf das John Wick Event in Fortnite folgt nun ein Batman-Crossover.

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