Frusttoleranz empfohlen

Little Nightmares 2 im Test: Ein Trial-and-Error Fiebertraum

  • Joost Rademacher
    vonJoost Rademacher
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Zum zweiten Mal wollen die Schweden von Tarsier Studios uns Albträume einjagen. Ob Little Nightmares 2 der kindliche Horror erneut gelingt, erfahrt ihr im Test.

Hamburg, Deutschland – Skandinavische Entwicklerstudios scheinen einfach ein Händchen für Jump ‘n‘ Run-Spiele mit Horrorthema zu haben. In Dänemark zum Beispiel finden wir Playdead aus Kopenhagen, das mit Limbo und Inside zwar nur zwei Spiele produziert, aber jedes Mal einen Hit gelandet hat. Nur knapp 20 Kilometer entfernt, auf der anderen Seite des Öresund, sitzt im schwedischen Malmö der Entwickler Tarsier Studios. Das Studio hat sich 2017 mit Little Nightmares einen Namen gemacht und bringt jetzt den Nachfolger Little Nightmares 2 an den Start. Ob der auch für die doppelte Dosis Albträume sorgen kann, haben wir ausführlich für euch getestet.

Release (Datum der Erstveröffentlichung)11. Februar 2021
Publisher (Herausgeber)Bandai Namco Entertainment
SerieLittle Nightmares
PlattformPS4, PS5, Xbox One, Xbox Series X/S, Nintendo Switch, PC
EntwicklerTarsier Studios
GenreJump 'n' Run, Survival-Horror
Getestete VersionDownload-Version PS4, gespielt auf PS5

Little Nightmares 2 im Test: Zu zweit in die Dunkelheit

Little Nightmares 2 handelt von... ähh.... Dingen... die passieren? Oder so? Okay, einmal ganz von vorne, denn da setzt Little Nightmares 2 auch an. Das Spiel ist zeitlich gesehen ein Prequel von seinem Vorgänger und zeigt Geschehnisse, die stattfinden bevor Six den Schlund betritt und ihm im ersten Teil entkommt. Ihr beginnt und beendet das Spiel als Mono, ein Kind mit einer Papiertüte auf dem Kopf, und findet euch nach einem bedeutungsschwangeren Traum in einer dunklen Wildnis wieder. Hinter euch liegt kurioserweise ein eingeschalteter Fernseher und vor euch die Dunkelheit. Ratet mal, in welche Richtung das Spiel euch von dort an schickt.

Nach der kleinen Einleitung schlagt ihr euch durch die 2,5D-Welt voran und schnell wird klar: Little Nightmares 2 hält sich mit grausamen Fallen nicht zurück und die können für euch jederzeit einen plötzlichen Tod bedeuten. Zum Glück muss aber niemand alleine bleiben, denn schon bald nach Beginn stößt Mono auf ein verwahrlostes Kind, das sich als Six herausstellt und sich ihm kurzerhand anschließt. Von da aus puzzlet, hüpft, schleicht und flüchtet ihr euch als Duo in trauter Zweisamkeit von der Wildnis bis in die blasse Stadt durch und versucht gegen eine neue Vielzahl von grotesken Kreaturen zu überleben.

Ihr merkt, Little Nightmares 2 hält sich in Sachen Erzählung eher zurück und wählt, ähnlich wie sein Vorgänger und andere Vertreter seines super-spezifischen Genres, den Weg der geringsten Exposition. Das bisschen, was an tatsächlichem Plot passiert, bleibt komplett non-verbal und so ist es an euch, aus kleineren Interaktionen und eurer Umgebung allmählich die Einzelteile zusammenzusetzen, wenn ihr euch die eigentliche Story etwas mehr erschließen möchtet. Das nimmt erst ab der Hälfte des Spiels so richtig Fahrt auf und ist für Freunde von konkreter erzählten Geschichten etwas ärgerlich, passt aber perfekt zur im wahrsten Sinne albtraumhaften Atmosphäre des Spiels.

Little Nightmares 2 im Test: Ein Trial-and-Error Fiebertraum

Little Nightmares 2 im Test: Wer braucht da schon einen Fotomodus?

Atmosphäre ist dabei das Stichwort der Stunde, denn die hat dieses Spiel tonnenweise. Soll heißen: Little Nightmares 2 ist wunderbar gruselig und hat ein großartiges Gespür dafür, seine beängstigenden Situationen und seine Welt in Szene zu setzen. Die vielen Setpieces und Umgebungen, die ihr in den rund fünf Stunden Spielzeit überleben müsst, sind vielfältig, finster und strotzen nur so vor kreativen Details. Der morbide Grafikstil aus dem ersten Teil bleibt dabei bestehen und bricht stellenweise zu ganz neuen Höhen auf. Für ein Spiel mit so vielen grotesken Anblicken und haarsträubenden Momenten ist es nämlich unglaublich schön anzusehen.

In Filmen und Spielen gibt es ein Sprichwort, dass sich „every frame a painting“ nennt, also dass jedes pro Sekunde gezeigte Bild ein Gemälde sein könnte. In visuell besonders ansprechenden Medien sollte man zu jedem Zeitpunkt pausieren können und das Standbild würde ein ansprechendes Gemälde abgeben. Little Nightmares 2 verkörpert diesen Gedanken mit Bravour. Es gibt nicht einen Screenshot, der während der Testphase entstanden ist, der nicht mindestens gut aussieht. Besonders die Beleuchtungseffekte und das hervorragende Framing der statischen Kamera wuchten dabei einen Großteil der Arbeit. Besonders toll: das Spiel sieht in Bewegung genauso gut aus.

Little Nightmares 2 im Test: Ein Fest für Augen und Ohren

Die Gegnerdesigns tun dazu ihr Übriges. In jedem der fünf Kapitel des Spiels habt ihr es mit einem Haupt-Antagonisten und kleineren Gegnern zu tun, die euch das Leben schwer machen. Bei diesen Kreaturen lässt Little Nightmares 2 so richtig seine Grusel-Muskeln spielen und serviert ein paar wirklich groteske Wesen, die beizeiten gerne für einen lauten Ausdruck des Ekels sorgen. Wer zum Beispiel einmal den Hals der Lehrerin des Schul-Abschnitts gesehen hat, wird ihn so schnell nicht vergessen. Durch gekonnt eingesetzte Unschärfeeffekte bleiben die ekelhaften Wesen aber oft gerne im Hintergrund verborgen und was wir nicht erkennen können, ist bekanntlich oft das gruseligste.

Little Nightmares 2 im Test: Als Mono stoßt ihr immer wieder auf bizarre Anblicke

Wo ein Augenschmaus stattfindet, soll es aber möglichst auch einen Snack für die Ohren geben. Musik und Sounddesign kann in Horrorspielen einen unerwartet hohen Anteil am Grusel haben und Little Nightmares 2 ist sich dessen bewusst. Musik wird spärlich eingesetzt und ist den Momenten vorbehalten, die sie wirklich verdienen, wie für intensive Verfolgungsjagden oder kleinere Zwischensequenzen zwischen den Helden. Dafür geizt der Rest des Spiels nicht mit knarzenden Klängen von alten und verformten Bodendielen, sich dehnendem Metal und verformenden Gliedmaßen. Das Spiel mit atmosphärischen Klängen sorgt für eine angemessen beklemmende Stimmung.

Little Nightmares 2 im Test: Vielfältige Rätsel, wenig Escort-Stress

Okay okay, genug über Präsentation gesabbert. Ein Spiel kann schließlich toll aussehen und sich trotzdem wie Grütze spielen. Trifft das auch auf Little Nightmares 2 zu? Nein. Okay, zumindest nicht ganz. Das grundlegende Gameplay bleibt sich treu, ihr bahnt euch den Weg durch die Welt, indem ihr Puzzles löst, vor übermächtigen Gegnern flüchtet, kleine Plattforming-Herausforderungen meistert und – jetzt neu – kleineren Gegnern mit rudimentären Waffen ein paar ordentliche Schläge verpasst. Das Pacing der einzelnen Elemente funktioniert dabei ganz gut und keine Sequenz dauert länger als sie willkommen ist.

Dazu bringt das Spiel in jedem Abschnitt neue Mechaniken in den Mix, die den Überlebenskampf frisch und originell halten und super in das Konzept ihrer jeweiligen Umgebung passen. Noch dazu habt ihr mit Six eine Koop-Partnerin, die euch in der Lösung der Rätsel zur Seite steht, euch beim Erreichen hoher Kanten hilft und dabei zum Glück immer selbstständig bleibt. Ihr braucht euch nicht zu Sorgen, dass Little Nightmares 2 an irgendeinem Punkt zu einer Escort-Mission á la ICO verkommt, auch wenn es zu dem Spiel durchaus kleinere Parallelen gibt.

Little Nightmares 2 im Test: Zum Glück seid ihr nicht ganz alleine unterwegs

Dadurch ist das Leveldesign und Rätseldesign von Little Nightmares 2 durch die Bank weg kreativ und spaßig zu lösen, auch wenn einige Lösungswege im gesamten Kontext des Spiels etwas inkonsequent und in ihrer Lösung arg begrenzt sind. Mehrere Herangehensweisen an ein Problem gibt es nicht, habt ihr erstmal einen richtigen Weg durch eine Passage gefunden, könnt ihr davon ausgehen, dass es auch der einzig richtige Weg war. Das ist nichts neues und war schon im ersten Teil der Reihe der Fall, etwas mehr Offenheit wäre aber trotzdem schön gewesen.

Little Nightmares 2 im Test: Wo der Frust einsetzt und sich Tode häufen

Was sich aber im Gegensatz zum Vorgänger geändert hat und so manchem Fan etwas sauer aufstoßen dürfte, ist das erschreckend hohe Aufkommen an Trial-and-Error-Passagen. Immer wieder wird es Momente in der Flucht oder im Kampf geben, in denen ihr fast schon das Zeitliche segnen MÜSST, um den Rhythmus und die erwarteten Aktionen der Situation irgendwie richtig zu lesen und umzusetzen. Das kommt leider viel zu oft vor und kann bei wiederholtem Versagen schnell zu Frustration führen. Schlimmer noch kann es euch aus der Atmosphäre reißen und den gruseligen Impact der Szene mindern.

Little Nightmares 2 im Test: In Situationen wie dieser ist schnelles Denken gefragt

Frech wird es dann, wenn die Situation korrekt gelesen wird und man weiß was zu tun ist, aber die Steuerung nicht ganz mithalten will. Öfters ist es vorgekommen, dass uns ein Tod ereilt hat, nur weil Mono sich an einer Kante nicht festhalten wollte oder weil sein Wendekreis beim Laufen größer ist, als der eines 16-Tonners. Eure Anpassungsfähigkeit mit der teils unnötig behäbigen Steuerung und eure Resistenz gegen Frust beim wiederholten Spielen des gleichen Abschnitts wird also einen nicht unerheblichen Teil am Spaß mit Little Nightmares 2 ausmachen. Zum Glück sind aber Checkpoints fair gesetzt und die Ladezeiten kurz, sodass ihr bei einem Tod nicht mehr als ein paar Augenblicke Fortschritt verliert.

Zum Glück löst sich dieser Knoten allmählich in der zweiten Hälfte des Spiels, wenn man sich weiter an die Absichten und den Stil der Rätsel gewöhnt und auch der Plot von Little Nightmares 2 allmählich an Fahrt aufnimmt. Besonders die letzte Stunde ist nochmal ein Highlight und sorgt für ein beeindruckendes Finale, das alles Geschehene nochmal in einen ganz neuen Kontext setzt. Trotzdem ist der Wiederspielwert nicht gigantisch. Es gibt höchstens ein paar Hüte für Mono zu finden und eine kleine Extra-Szene am Ende des Spiels, wenn ihr alle Sammelgegenstände findet. Das bietet ein wenig netten Fan-Service, aber ob das die 30€ rechtfertigt, bleibt jedem letzten Endes selbst überlassen.

Little Nightmares 2 im Test: Unser Fazit zur fallengespickten Grusel-Reise

Little Nightmares 2: Trial-and-Error-Fiebertraum im Test – so gut ist die Fortsetzung

Ich war mir während des Spielens noch nicht ganz sicher, ob ich Little Nightmares 2 wirklich mag, oder ob mich sein Gameplay auf Dauer doch ein wenig abschreckt. Nachdem ich es aber durchgespielt hab und je mehr ich es wirken lasse, je mehr ich über seine Bilder und Horror-Momente nachdenke, desto mehr geraten meine Frustrationen über das Spiel in den Hintergrund. Ich denke kaum noch an die Stellen, an denen ich in kurzer Zeit mehrfach ableben musste. Viel prominenter sind die vielen Male, in denen die Atmosphäre und die spannenden Setpieces mir die Schauer über den Rücken jagten.

Am Ende ist Little Nightmares 2 ein wenig wie sich tätowieren zu lassen. Es ist die gesamte Zeit über gruselig, kann stellenweise ganz schön schmerzhaft sein und braucht ein wenig Durchhaltevermögen. Hat man es aber erst einmal hinter sich, gerät der Schmerz ganz schnell in Vergessenheit. Stattdessen sieht man das große Ganze als Endergebnis, freut sich über die viele kreative Arbeit und sieht die Schönheit, die eigentlich darin steckt. Und das ist zumindest für mich allemal den Preis wert.

ProCon
+ Zusammenhängende Reise durch fünf grundverschiedene Level- Story kaum vorhanden, nimmt ab zweiter Hälfte erst Fahrt auf
+ Fantastisch-düsteres Grafikdesign und groteske Gegner- Trial-and-Error-Sequenzen werden schnell frustrierend
+ Unheimliches Sounddesign mit tollem Soundtrack- Unnötig träge Steuerung von Mono erschwert Timing in manchen Stellen
+ Atmosphäre, Atmosphäre, Atmosphäre- Wenig Wiederspielwert
+ Clevere Rätsel mit abwechslungsreichen Mechaniken
+ Smartes Koop-Gameplay ohne lästige Escort-Passagen
+ Kurze Ladezeiten und häufige Checkpoints mindern Trial-and-Error-Ärger

Rubriklistenbild: © Tarsier Studios

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