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Man of Medan: 

Das inoffizielle Sequel zu Until Dawn

Man of Medan im Test: Gruselschocker mit einer gigantischen Schwäche

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Man of Medan: Auftakt einer groß angelegten Gruselreihe nach der Formel von Until Dawn. Im Test klären wir die Frage: Alle Mann an Bord oder rette sich wer kann?

Die MS Horrorklischee legt ab zu neuen Ufern. Mit an Bord: Ingame und der inoffizielle Nachfolger zu Until Dawn. Man of Medan ist der erste Ableger der Dark Pictures Anthology, einer mehrteiligen Reihe, in der Supermassive Games uns auf einen blutigen Querschnitt durch das Gruselgenre einlädt. Erster Ankerplatz dieser von langer Hand geplanten Reise: Ein Geisterschiff aus dem Zweiten Weltkrieg, auf dem fünf junge Erwachsene um ihr Überleben kämpfen – mit euch als Strippenzieher.

Man of Medan: Gemächlicher Auftakt für ein Horror-Großprojekt.

Am grundlegenden Spielkonzept von Until Dawn ändert Supermassive auch mit Man of Medan nicht allzu viel. Wo euch der Vorgänger noch eine Truppe frühreifer Teenager an die Hand gab, die einen Camping-Trip der blutigen Art erlebten, schlüpft ihr nun in die Rolle von fünf Touristen, die weit weniger naiv, dafür aber nicht weniger wagemutig ihrem tödlichen Schicksal in die Arme schippern. Ihr ursprünglicher Plan: Korellentauchen im Pazifik. Als sie während der Reise jedoch auf ein versunkenes Flugzeug stoßen, ist ihre Neugier geweckt und ihr Schicksal besiegelt. 

Lachend in die Kreissäge

Mit dem Ertauchen des mysteriösen Wracks ist die Geschichte von Man of Medan natürlich längst nicht abgeschlossen. Während zwei Mitglieder der Reisegruppe nämlich quietschfidel nach plündernswerten Schätzen an Bord des maroden Fliegers Ausschau halten, muss sich der Rest der Gang mit einer Begegnung der einäugigen Art abgeben. Zyklopen? Aliens? Nein, schlichte Piraten machen dem Urlaub auf hoher See einen Strich durch die Rechnung. Doch wie das Flugzeug im Krieg überschlagen sich auch an Bord der gemieteten Schaluppe schon bald die Ereignisse und Entführte wie Entführer landen im Rumpf eines geisterhaften Kriegsschiffs, das plötzlich aus der Tiefe hervorbricht. Was genau die illustre Truppe dort erwartet, wollen wir auch an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Die Geschichte weiß aber grundsätzlich mit vielen Wendungen und gutem Pacing zu überzeugen.

Man of Medan: Alles beginnt mit einer Gruselgeschichte.

Stattdessen geben wir euch einen kleinen Einblick in die Reisegruppe. Schließlich findet sich an Bord das Who is Who der Trash-Horror-Figuren. Wir stellen vor: Brad (Chris Sandiford), ein unsicherer Streber, der nur mitgekommen ist, damit er endlich die Freundin seines Bruders Alex (Kareem Tristan Alleyne) kennenlernen kann. Der wiederum ist ein gutgebauter Sunnyboy, Medizinstudent und in einer Langzeitbeziehung mit Julia (Arielle Palik). Um die Familienbande noch weiter zu verkomplizieren, hat die stinkreiche, aber clevere Blondine ihren Bruder Conrad (Shawn Ashmore) im Schlepptau, wortgewandt aber ein abgekochter Macho, der sich prompt an Fliss (Ayisha Issa), die exotische Steuerfrau des kleinen Bootes, ranmacht. Sie ist die große Unbekannte der Truppe und wurde lediglich angeheuert, um die jungen Erwachsenen an die richtige Stelle zu kutschieren. 

Von monogamen Stereotypen

Was zunächst nach Reality-TV im Vorabendprogramm klingt, ist selbstverständlich nur emotionale Kulisse, um die fünf reichlich hassenswerten Charaktere im späteren Verlauf peux a peux über die Klinge springen zu lassen. Das hat schon bei Until Dawn hervorragend funktioniert, gelingt Man of Medan aber in noch feineren Nuancen. Die Figuren sind nicht nur reifer inszeniert, sondern auch eine Messerspitze liebenswerter. Soll jedoch nicht heißen, dass wir Alex, Julia und Co. nicht genau so gern in ihr Verderben führen wie damals Emily, Mike und den Rest der strunzdummen Teenie-Bande. Auch in Man of Medan erwischen wir uns regelmäßig dabei wie wir händeringend versuchen, unsere persönlichen Lieblinge zu retten, während wir alle anderen Figuren mit diebischer Freude zur Seebestattung bitten. Einziger Knackpunkt: Selbst in ihrer dunkelsten Stunde wollte uns keiner der Fünf so richtig ans Herz wachsen. Möglicherweise waren es gerade die eindimensionalen, völlig überzogenen Grusel-Stereotypen, die in Until Dawn für Gesprächsstoff und Identifikationsmomente gesorgt haben und denen es Man of Medan in vereinzelten Momenten fehlt.

Die Figuren in Man of Medan: Doch nicht klischeehaft genug?

Angst vor einem verkopften, reichlich ernsten Horrortrip müsst ihr aber selbstverständlich nicht haben. Schon der stimmungsvolle Prolog spielt mit unseren Erwartungen und lässt unsere voyeuristische Ader das ein oder andere Mal ins Leere laufen. Dementsprechend ist auch Man of Medan das perfekte Spiel für einen unbeschwerten Abend zu zweit oder in kleiner Runde - ein Horrorstreifen für alle, die selbst die metaphorische Sense führen wollen. Gut also, dass die Schreiber auch an urkomischen Dialogen und kuriosen Entscheidungen nicht gespart haben. Die Figuren sind schon herrlich überzogen und realitätsfremd, aber wie sie selbst vor dem unmittelbaren Tod noch jeden selbstbewussten Spruch mitnehmen, ist schon fast Blockbuster-reif und grandios unterhaltsam. Als deutliches Downgrade zu Until Dawn stellte sich jedoch recht schnell der Kurator (Pip Torrens)  heraus. Wie zuvor Peter Stormare als geisteskranker Psychiater dient er der Auflockerung zwischen den Kapiteln der Story und steht in direktem Kontakt mit uns als Spieler. Schade nur, dass seine Figur nicht ansatzweise mit dem debilen Charisma seines Vorgängers mithalten kann und der psychologische Faktor aus Until Dawn ebenfalls gänzlich wegfällt. 

Erst Köpfchen, dann Knöpfchen

So neu und erfrischend Man of Medan in Setting und Charakteren aufspielt, so altbekannt fallen die Gameplay-Elemente des interaktiven Gruselfilms aus. Im Laufe der Geschichte erleben wir den Horror im ständigen Wechsel zwischen den Charakteren und können so Erkenntnisse, die wir mit dem einer Figur gemacht habe, für den Rest der Totgesagten anwenden. Anwenden bedeutet in diesem Fall: Gehirn einschalten und im richtigen Moment das Knöpfchen drücken. Auch Man of Medan setzt auf überraschende Quick-Time-Events, die großzügig über die Geschichte verteilt, als kleine Reaktionstests fungieren und nicht selten über Leben und Tod entscheiden. Auf kreativen Einsatz der Eingabegeräte wie im inoffiziellen Vorgänger müssen wir aber leider verzichten. Sorgten in Until Dawn noch Passagen, in denen wir den Controller völlig still halten mussten, für Abwechslung im Gameplay, da sie unseren Drang, die Situation retten zu müssen, konsequent unterwanderten, hat sich Supermassiv entschieden, diese nun komplett aus dem Spielbetrieb zu streichen - wohl um Spieler auf dem PC nicht zu benachteiligen.

Jede Entscheidung zählt - egal wie unbedeutend sie auf den ersten Blick scheint.

Stattdessen visualisiert das Spiel gelegentlich den Puls unser Figur, den wir mit gut getimten Eingaben auf dramatische Art und Weise nachfühlen sollen. Grundsätzlich eine solide Idee, in letzter Konsequenz aber auch nicht mehr als ein QTE 2.0. Abseits davon spielen unsere Entscheidungen eine essenzielle Rolle für den Spielverlauf. Meist gibt uns das Spiel die Wahl aus drei Gesprächsoptionen bzw. Entscheidungen, die mal mehr, mal weniger große Konsequenzen für den Verlauf der Geschichte haben. Neu ist die sogenannte Kursrichtung. Diese erlaubt es uns, gravierende Aktionen im Menü nachzuvollziehen, um später vielleicht darauf reagieren zu können – eine nette Ergänzung, die uns das Gefühl gibt, mehr Einfluss auf die zentralen Ereignisse in Man of Medan nehmen zu können. Selbstverständlich gehört auch konsequentes Absuchen der beengten Räume, in denen das Spiel größtenteils stattfindet, zum spielerischen Alltag dazu. Überall sind kleine Hinweise, Anspielungen oder gar Vorahnungen versteckt. Letztere übernehmen die Rolle der Totems aus Until Dawn und geben uns einen winzigen Blick in die Zukunft unserer Figuren. Wie wir damit umgehen, bleibt unserem ratternden Hirn überlassen, denn selbstverständlich gilt auch in Man of Medan die Regel: Alles kann, nichts muss...am Ende ins Gras beißen.

Jeder stirbt allein - denkste!

Bis zu 69 verschiedene Tode können unsere fünf verschiedenen Charaktere erleiden und auch die Anzahl der möglichen Enden soll Until Dawn deutlich überflügeln. Das jedoch kommt zu einem Preis, denn mit vier bis fünf Stunden Spielzeit ist ein Durchlauf in Man of Medan nur knapp halb so lang wie im erfolgreichen Teenie-Schocker aus 2015. Das jedoch aus gutem Grund, denn das wohl beste Feature des Spiels liegt weder in Gameplay, Setting noch den Charakteren begründet. Man of Medan lässt sich nämlich mit bis zu fünf Personen gleichzeitig spielen - und das mit einem einzigen Controller. Klingt spektakulärer als es ist, bringt aber eine Menge Potenzial mit sich. Selbstverständlich ist es möglich, den Grusel auf hoher See völlig allein im abgedunkelten Kämmerlein zu genießen. Allerdings verfügt Man of Medan - und das gab es bei Until Dawn noch nicht - auch über zwei Mehrspieler-Modi. In "Gemeinsame Story" erlebt ihr das Spiel im Online-Koop mit einem Freund, während in "Filmabend" alle Spieler (lokal) vor einem Bildschirm sitzen und die fünf Freunde gemeinsam auf ihrem Horrortrip begleiten.

Im Filmabend-Modus teilt ihr zunächst alle Charaktere auf.

Besonders im Online-Koop macht das Spiel deutlich, wie viel in Zukunft mit der Dark Pictures Anthology möglich sein wird. Denn statt die Geschichte wie im Singleplayer aus sämtlichen Facetten zu erleben, enthält Man of Medan euch im Koop die eine Hälfte der Handlung ganz bewusst vor. Während Spieler 1 beispielsweise gerade mit Alex und Julia auf Tauchgang ist, erlebt Spieler 2 zur gleichen Zeit die erste Begegnung mit den Piraten an Bord. Seid ihr gemeinsam in einer Szene, könnt ihr genau verfolgen, welche Entscheidungen euer Gegenüber trifft und ihn/sie dabei unterstützen oder aber untergraben. Die gemeinsame Story ist also so etwas wie das Spiel-gewordene Gefangenendilemma. Einzig störend ist es, dass ihr gelegentlich warten müsst, während euer Partner eine Entscheidung trifft. Lockerer geht es hingegen im Modus Filmabend zu, denn hier verteilt ihr vor dem Spiel alle Charaktere auf eine feste Anzahl an Spielern und reicht den Controller einfach weiter, wenn die entsprechende Figur eine Entscheidung treffen muss. Das schafft eine größere Bindung mit eurem gewählten Charakter und sorgt vor allem in größerer Runde für hitzige Diskussionen rund um die getroffenen Entscheidungen - genau so muss es laufen!

Technikhorror 

Was hingegen mehr hinkt als läuft ist die Technik von Man of Medan. Schon in unserer Vorschau zum Spiel fielen etliche Macken auf, die bis zum Release rund einen Monat später leider nicht hinreichend ausgebügelt wurden. Um es kurz zu fassen: Der größte Horror in Man of Medan entsteht nicht aus der dichten Atmosphäre, nebulösen Story oder den großzügig eingestreuten Jumpscares, sondern aus Rucklern, Abstürzen, Grafikbugs und der Steuerung. Wir haben Man of Medan auf der PlayStation 4 Pro getestet und müssen selbst nach dem hastig eingeschobenen Day One-Patch von massiven Rucklern berichten, die sogar dann auftraten, wenn es um für unsere Figuren lebenswichtige Entscheidungen oder QTEs ging. Weniger ärgerlich, aber trotzdem ein Grund für angesäuerte Grimassen: Nachladende Texturen. In Extremfällen dauerte es stolze fünf Sekunden, bis eine Textur im Hintergrund geladen war. Einen Absturz hatten wir glücklicherweise nicht zu verzeichnen, allerdings waren wir damit wohl eher die Ausnahme als die Regel, denn die Berichte von Game-breaking Bugs häuften sich in den vergangenen Tagen.

Man of Medan: Der Horror entsteht nicht nur aus dem Spiel selbst.

Auch über die Steuerung der Figuren können wir kaum lobenden Worte verlieren. Die Animationen der fünf Hauptcharaktere sind größtenteils flüssig und in der Regel auch gelungen. Wenn sie zum Beispiel vom Unterdeck des Bootes wieder an die frische Luft kommen, sieht das richtig knackig und lebensecht aus. Der Weg dorthin ist allerdings mehr als nur beschwerlich. Selbst in der kleinsten Folterkammer haben Alex, Julia, Brad und Co. einen Wendekreis, der durchaus mit dem des Geisterschiffs mithalten kann. Nicht selten navigierten wir uns in eine dunkle Ecke, weil die gespielte Figur sich so gar nicht dahin bewegen wollte, wo wir sie eigentlich hingesteuert hatten. Da es allerdings nur selten spielerische Sequenten außerhalb des QTEs gibt, in denen es wirklich auf Timing ankommt, lässt sich diese Macke mit einem großen Augenzwinkern verschmerzen. Allerdings finden sich abseits davon noch so viele Glitches und Soundbugs in Dialogen, dass wir für den nächsten Teil der Anthology auf ein größeres Zeitfenster für die Entwicklung hoffen.

Fazit

Die Dark Pictures Anthology startet verhalten in eine groß angelegte Reihe, die uns einmal quer durch das Horrorgenre hetzen will. Man of Medan hat die unrühmliche Aufgabe, in die Fußstapfen von Until Dawn zu treten und gleichzeitig die Messlatte für zukünftige Horror-Spektakel von Supermassive zu setzen. Grundsätzlich gelingt dieser Spagat, denn Setting, Charaktere und Story an Bord des ikonischen Geisterschiffs stellen sich bereits nach dem ersten Spieldurchlauf als erfrischende Abwechslung zum festgefahrenen Genre heraus. Trotzdem bleibt der interaktive Gruselstreifen weit hinter den Erwartungen zurück. Zu wenig spielerische Innovationen treffen auf eine katastrophale technische Umsetzung: Eine ebenso tödliche Kombination wie die fünf Teenager, die an Bord blind in ihr Verderben rennen. Wie in jedem guten Horrorfilm gibt es trotzdem einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Das Grundkonzept eines kurzweiligen Schockers funktioniert nämlich auch 2019 noch tadellos und hat mit zwei gelungenen Mehrspieler-Modi ein Fundament gefunden, auf dem die Nachfolger (und davon wird es garantiert einige geben) ein wahres Imperium des Horrors errichten können. Ihr steht auf seichten Horror, sucht aber nach mehr als nur 90 Minuten herrlich überzogener Unterhaltung? Dann ist Man of Medan einen Blick wert. Ihr stört euch an fragmentarischem Gameplay und könnt über technische Macken nicht hinwegsehen? Dann rennt und blickt nicht zurück!

PROS

CONS

+ Erfrischendes Setting

- Technische Patzer

+ Gelungene Inszenierung

- Kaum spielerische Neuerungen

+ Kurzweilige Geschichte

- Uninspirierte deutsche Synchronisation

+ Herrlich überzeichnete Figuren

- Blasse Figur des Kurators

+ Gelungene Horror-Elemente

+ Mehrspieler mit riesigem Potenzial

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