Pose, baby!

New Pokémon Snap im Test: Abgefahrene Fotosafari oder langweilige Bimmelbahnfahrt?

  • Adrienne Murawski
    VonAdrienne Murawski
    schließen

Nostalgia pur – New Pokémon Snap führt endlich fort, was Nintendo vor 22 Jahren begonnen hat. Doch lohnt sich der Rail-Shooter oder landet er nach dem Test im Müll?

Hamburg – Vor knapp 22 Jahren gelang Nintendo und der Pokémon Company ein simpler Geniestreich. Wie wäre es, wenn man einen Rail-Shooter entwickelt, um durch die Lebenswelten der Pokémon zu fahren und Spieler:innen fangen die Monster nicht mit einem Ball, sondern nur mit einer Kamera ein? Gedacht, getan und Pokémon Snap war geboren. Zwei Jahrzehnte später können sich Fans, die das Original kennen (grob also alle über 25), endlich auf die Fortsetzung freuen. Aber hält New Pokémon Snap das, was es verspricht? Der Test wird es zeigen.

Release (Datum der Erstveröffentlichung)30. April 2021
Publisher (Herausgeber)Nintendo, The Pokémon Company
SeriePokémon Snap
PlattformNintendo Switch
EntwicklerBandai Namco Studios
GenreFirst-Person Rail-Shooter, Simulation

New Pokémon Snap im Test: Kindheitstraum wird fortgeführt – oder wird es ein Albtraum?

Wer, wie ich, das originale Pokémon Snap noch vor Augen und damals auch auf der Nintendo 64 gezockt hat, der hat sich vermutlich sehr doll auf diese Fortsetzung gefreut. Zumindest ging mir das so, aber ich bin nicht nur absolutes Pokémon-Fangirl, seit ich mit sechs Jahren meine erste Edition (Silber und Gold) in den Händen hielt, sondern liebe auch die Fotografie. (New) Pokémon Snap ist also ein wahr gewordener Traum für mich, denn ja, ich wollte als Kind Pokémon-Trainerin werden (und danach Fotografin).

Ok, sowohl Pokémon-Trainerin als auch Fotografin hat, zumindest hauptberuflich, nicht hingehauen. Umso schöner, dass ich beides gleichzeitig in meiner Freizeit ausleben kann und beruflich nun sogar New Pokémon Snap teste. Meine Erinnerungen an das Original sind tatsächlich etwas vage, ist ja immerhin auch zwanzig Jahre her. Erinnern kann ich mich aber sehr wohl daran, dass es gar nicht so einfach war, die Pokémon in der perfekten Pose abzulichten. Die Strecken von damals hielten sich aber in Grenzen und eine kurze Recherche zeigt auf, dass es damals tatsächlich nur sieben Level gab. Eigentlich gab es sogar nur sechs Level, denn eins war Mew vorbehalten (und ich habe es damals nicht einmal freischalten können).

Pokémon Snap erschien in Japan erstmal 1999 für die Nintendo 64.

Außerdem gab es im März 1999, als Pokémon Snap in Japan erschien, erst 151 Pokémon und davon waren lediglich 63 im Spiel zu finden. Zwischendurch gab es auf den Strecken also durchaus immer wieder Passagen, die komplett leer waren. Kein Pokémon weit und breit in Sicht. Trotzdem war Pokémon Snap eins meiner liebsten Spiele. Meine Erwartungen an die Fortsetzung sind dementsprechend hoch. Zwei Jahrzehnte Wartezeit sollten sich auf jeden Fall bemerkbar machen, schließlich haben sich die Technik, Grafik und Spielwelten enorm gesteigert. Ob New Pokémon Snap im Test meinen Erwartungen standhalten kann?

New Pokémon Snap im Test: Erfolgreiches Spielprinzip wurde beibehalten

Das Grundkonzept von New Pokémon Snap hat sich schon einmal nicht grundlegend verändert. Noch immer fährt man mit einem automatisch gesteuerten Gefährt, Neo-One genannt (als Anspielung auf das Zero-One aus dem Original), auf einer vorgegebenen Strecke durch die Gegend und kann sich währenddessen umsehen. Dabei erinnert das Neo-One sehr stark an eine gewisse Glaskugel aus einer bekannten Dinosaurier-Verfilmung, passieren kann darin aber nichts. Nintendo ist schließlich kinderfreundlich.

Die festgelegte Route kann von Spieler:innen nur minimal beeinflusst werden, z. B. indem man zoomt und das Gefährt dadurch etwas verlangsamt oder später auch eine Beschleunigungsfunktion freischaltet. In einigen Leveln können auch alternative Routen entdeckt werden, die etwas Abwechslung in die Fahrt mit der Bimmelbahn, äh dem Neo-One, bringen.

Das Neo-One tuckert unaufhaltsam durch die verschiedenen Landschaften in New Pokémon Snap.

Während das Neo-One also relativ festgefahren in seinen Bewegungen ist, sind es die Pokémon ganz und gar nicht. Es ist daher gar nicht so einfach, die Monster im perfekten Winkel abzulichten, denn manche verstecken sich nicht nur, andere sind auch schneller wieder weg als man Oh Snap! sagen kann. Sobald die Fahrt vorbei ist, zeigt man dem Pokémon-Professor Mirror seine Ausbeute an Fotografien, darf jedoch maximal ein Foto pro Pokémon vorzeigen und bewerten lassen. Im Gegensatz zum Original benötigt der Fotodex in New Pokémon Snap jedoch vier verschiedene Pokémon-Bilder, die mit einer Sternewertung zwischen eins und vier klassifiziert werden. Um eine Seite des Fotodex komplett zu füllen, muss man die verschiedenen Strecken also wieder und wieder abfahren.

Das große Ziel in New Pokémon Snap ist jedoch nicht nur den Fotodex zu füllen, sondern für Professor Mirror das Lumina-Phänomen zu untersuchen. Dieses Phänomen bringt Blumen und auch verschiedene, sehr große Pokémon zum Leuchten. Spieler:innen müssen daher auf jeder Insel die bunten Lumina-Blümchen fotografieren, um in der Story voranzukommen und die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Lumina-Pokémon zu erforschen.

New Pokémon Snap im Test: Abwechslungsreich trotz ständiger Wiederholungen

Normalerweise bin ich weder Perfektionistin, noch mache ich gerne immer wieder das Gleiche. Ich liebe Abwechslung und fürchtete mich daher etwas vor der stetigen Wiederholung der Strecken. Doch das war vollkommen unnötig, denn es gibt mehr als genügend Landschaften zu erkunden. Die Strecken fährt man nicht nur bei Tag, sondern einige auch bei Nacht und jede Strecke kann hochgelevelt werden. Tagesstrecken kann man bis auf Level 3 hochstufen, Nachtlevel und Lumina-Zonen maximal bis Stufe 2. Sobald ein neues Level freigeschaltet wird, tauchen auch wieder neue Pokémon auf, die es abzulichten gilt. Da macht es dann tatsächlich sogar Spaß, alle Level jeder Strecke und somit auch die Geheimnisse aufzudecken. Abwechslung gibt es also genug.

Viele Strekcen in New Pokémon Snap kann man zu verschiedenen Tageszeiten befahren.

New Pokémon Snap hat aber nicht nur die Strecken enorm ausgebaut – wir erinnern uns, im Original gab es lediglich sieben Stück – sondern auch Pokémon gibt es reichlich und nicht nur 63 Exemplare. Zwar habe ich noch nicht alle entdecken können, aber mehr als 200 sind es sicherlich. So manches Monster taucht auf mehreren Strecken auf, andere sind exklusiv nur in einem kleinen Areal versteckt, das man sich erst erarbeiten muss. New Pokémon Snap fordert also definitiv die Sammelsucht und auch den Ehrgeiz der Spieler:innen heraus. Ach, und zehn legendäre Pokémon gibt es auch zu finden. Im Guide sagen wir euch ganz genau wo.

New Pokémon Snap im Test: Rätselraten der anderen Art und Weise

Das Hauptziel von New Pokémon Snap ist natürlich die Füllung des Fotodex. Doch den zu füllen, ist gar nicht so einfach. Denn Professor Mirror hat jeden Fotodex-Eintrag nochmal in vier Kategorien unterteilt. Damit eine Seite komplettiert wird, müssen Spieler:innen die verschiedenen Monster bei den unterschiedlichsten Dingen ablichten. Je seltener ein Pokémon diese Dinge macht (oder auch nicht macht), desto mehr Sterne gibt es dafür. Vier Sterne sollten demnach extrem selten und schwer sein, während das gewöhnliche Verhalten der Pokémon eine 1-Sterne-Bewertung nach sich ziehen sollte.

Dem ist aber nicht so, sodass ich teilweise bei der ersten Streckenrundfahrt schon einige 4-Sterne-Fotos knipsen konnte, bei der Suche nach der 1- oder 2-Sterne-Bewertung aber schier verzweifelt bin. Hier wären Tipps teilweise sehr hilfreich gewesen. Tatsächlich gibt es auch eine Art Hinweis, wie man bestimmte Verhalten der Monster triggert. Diese habe ich aber erst sehr spät entdeckt, da sie im Tutorial mit keiner Silbe erwähnt wurden. Und auch hier sind die Hinweise sehr vage formuliert, sodass Spieler:innen sehr viel testen und ausprobieren werden müssen.

Der Fotodex benötigt nun vier verschiedene Bilder, statt nur eines.

Um verschiedene Posen von Pokémon zu triggern, haben Spieler:innen mehrere Möglichkeiten. So können Samtäpfel geworfen werden, um die Monster zu füttern, zu wecken (Dong!) oder auch um sie an andere Orte zu locken – Brotkrumenspur der anderen Art. Lumina-Kugeln bringen Pokémon und Blumen zum Leuchten, triggern aber nicht bei jedem eine besondere Pose und zuletzt gibt es auch noch die gute alte Pokéflöte, die ebenfalls schlafende Pokémon wecken und andere zum Tanzen bringen kann. Wer, wie ich, ungeduldig ist, tendiert dann auch mal dazu, alle drei Dinge auf einmal einem Pokémon an den Kopf zu werfen, um frustriert festzustellen: Nichts davon bewirkt etwas.

Außerdem sind die Wurfbahnen der Samtäpfel und Lumina-Kugeln unterschiedlich, insbesondere auf und unter Wasser. Teilweise muss man mit den Äpfeln also höher zielen als mit den Lumina-Kugeln – für Anfänger:innen eine zusätzliche Herausforderung, für Shooter-Profis sicher ein Klacks.

New Pokémon Snap im Test: Künstlerische Fotograf:innen leider fehl am Platz

Wer gerne und viel fotografiert, wird in New Pokémon Snap vieles über Bord werfen müssen. Denn um die Fotos bewerten zu können, braucht es natürlich einheitliche Regeln. Die nehmen jeglicher Kreativität den Wind aus den Segeln. Für die perfekte Bewertung gibt es Kriterien zu beachten, wie Pose, Blickrichtung, Größe, Positionierung, weitere Pokémon und den Hintergrund. Für den perfekten Score sollte das abgelichtete Monster mittig im Bild und möglichst groß sein, ohne, dass es abgeschnitten oder von etwas anderem verdeckt wird. Die Blickrichtung geht idealerweise direkt zur Kamera.

Die Punktebewertung folgt strengen Richtlinien, die kaum Platz für Kreativität lassen.

Fotografisch sind die perfekten Bilder für den Fotodex also nicht unbedingt Meisterwerke. Dafür hat New Pokémon Snap jedoch den Online-Modus, mit dem man seine schönsten Fotos online stellen und mit der Community teilen kann. Dank der Foto Plus-Funktion kann man die geschossenen Bilder sogar nachträglich nochmal verändern und bearbeiten. In der Online-Community kann das kreative Foto mit dem goldenen Schnitt dann also endlich die Anerkennung bekommen, die es verdient.

Wer die perfekten Fotos (laut Professor Mirror) haben möchte, um den bestmöglichen Fotodex-Score zu bekommen, der muss viel Arbeit und Planung in New Pokémon Snap stecken. Denn für gute Fotos benötigt man auf jeden Fall einen Plan, Fokus und Wissen über die befahrene Strecke. Um Grinding werden Spieler:innen also nicht herumkommen, wenn der gesamte Fotodex komplettiert werden soll.

New Pokémon Snap im Test: Technisch fast nichts auszusetzen

Ansonsten gibt es für mich aber nicht viel an New Pokémon Snap zu meckern. Die Steuerung ist super, denn sie ist veränderbar. So kann man aus vier verschiedenen Profilen wählen und den Auslöser z. B. auf den R- statt auf den A-Knopf legen. Auch die Kamera- und Sensorgeschwindigkeit ist anpassbar und kann nach individuellen Wünschen langsamer oder schneller eingestellt werden. Nur die Nachladezeit der verschiedenen Hilfsmittel könnte noch etwas schneller sein.

Die Steuerung in New Pokémon Snap kann an die Vorlieben der Spieler:innen angepasst werden.

Neben der Steuerung ist auch die Performance und Grafik top. So hat sich New Pokémon Snap definitiv weiterentwickelt und ist sowohl im Handheld- als auch im TV-Modus schön anzusehen. Die Landschaften sind farbenfroh, die Texturen der Pokémon schauen toll aus und der typische Pokémon-Comic-Stil überzeugt.

Einzige Ausnahme: Dunkle Szenen, wie beispielsweise in verschiedenen Höhlen, im Handheld-Modus. In diesen Abschnitten konnte man einfach nichts auf dem kleinen Bildschirm erkennen. Diese dunklen Bereiche, ebenso wie Landschaften mit Nebel oder ähnlich diffusen Strukturen, wirkten außerdem sehr flächig und hatten kaum Tiefe. Hier hätte Nintendo ruhig noch eine Schippe drauflegen können. Ansonsten überzeugt das Spiel mit der altbekannten Pokémon-Grafik im 3D-Stil und läuft, bis auf einige sehr kleine Ruckler, flüssig und ohne Probleme.

New Pokémon Snap im Test: Spielatmosphäre mit Sog-Wirkung

Das Beste an der Foto-Simulation ist meiner Meinung nach aber die Spielatmosphäre. Auf der Reise über die verschiedenen Inseln mit unterschiedlicher Flora, Wetterbedingungen und Pokémon, sind Monster und Umgebung nicht nur schön anzuschauen, sondern auch logisch aufgebaut. Tengulist huscht im Nebelwald durch die Baumkronen und ist selten mehr als ein Schatten, Kleoparda faulenzt auf einer Felsformation nahe eines Wasserfalls und Sumpex versteckt sich in einem Sumpf und ist nur schwer herauszulocken.

Die Strecken in New Pokémon Snap sind wunderschön gestaltet und ziehen Spieler:innen in den Bann.

Zudem wurden die Pokémon so programmiert, dass sie sich Charakter-typisch verhalten und ihr Benehmen auch von der Tageszeit abhängig ist. Nachts schlafen die meisten Pokémon und müssen erst geweckt werden, schüchterne Monster laufen weg, wenn man sie mit einem Samtapfel bewirft, während andere mit Freude den Snacks hinterherlaufen und man sie so zu anderen Arealen locken kann. Auch die Hintergrundmusik unterstützt die Spielatmosphäre und fügt sich wunderbar in den Hintergrund ein – wirkt also nicht aufdringlich, mit Ausnahme der Pokéflöte. Deren Gedudel geht mir so schnell auf den Keks, dass ich versuche, sie so wenig wie möglich einzusetzen. Wen die Hintergrundmusik hingegen stört, kann diese ganz einfach in den Einstellungen ausstellen. Damit geht aber auch ein kleiner Teil der Atmosphäre flöten.

New Pokémon Snap im Test: Pokémon- und Fotografie-Fans werden es lieben

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich mit New Pokémon Snap sehr viel Spaß hatte und es noch lange nicht beiseitelegen werde. Schließlich will der Fotodex noch komplettiert werden. Insgesamt ist New Pokémon Snap sowohl für Fans des Klassikers als auch für Neueisnteiger:innen etwas. Man sollte sich vor dem Kauf nur der ständigen Streckenwiederholungen bewusst sein und eine Vorliebe zum Fotografieren sowie zu Pokémon schadet natürlich auch nicht.

New Pokémon Snap bekommt im Test eine Wertung von 8 von 10 Punkten.

Viele Kritikpunkte gibt es nicht, so könnten nur die Zusatzaufgaben etwas besser erklärt sein und bei der Fotoauswahl nochmals aufploppen und auch das Rätseln ist teilweise mehr frustrierend als spannend. Mein bester Tipp: Pro Fahrt nur auf ein Item fokussieren, das man einsetzen möchte und bereits im Voraus planen, welche Monster man wie fotografieren möchte. Ansonsten ist das Spielerlebnis auf dem großen Bildschirm besser, insbesondere auf den dunklen Strecken. Der Spielumfang mit den vielen unterschiedlichen Strecken ist perfekt – weder zu lang noch zu kurz, und bietet genügend Abwechslung – für mich die perfekte Fortsetzung eines unterschätzten Klassikers.

ProKontra
+ Steuerung individuell auswählbar- Zusatzaufgaben schwammig
+ Strecken auch auf Dauer nicht langweilig- Rätselraten kann schnell frustrierend sein
+ Grafik im Handheld- und TV-Modus schön- Sternebewertung nicht immer logisch
+ Herausragende Atmosphäre- Dunkle Orte im Handheld-Modus nicht erkennbar
+ Perfekte Simulation der verschiedenen Pokémon
+ Künstlerische Freiheit wird dank Online-Modus ermöglicht

Rubriklistenbild: © Nintendo (Montage)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare