Looter-Shooter ohne Kompromisse

Outriders im Test: Looten und Bluten bis die Trigger brechen

  • Joost Rademacher
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Outriders stellt euch einem menschenfeindlichen Planeten, blutrünstigen Kreaturen und einer Menge Loot gegenüber. Wir haben uns im Test quer durch Enoch geballert.

Hamburg – Der Kopf pocht und der Nacken tut weh, als ich zum ersten Mal seit Stunden meine Position auf dem Sofa ändere. Wie lange mach ich das hier schon? Ich weiß gar nicht mehr, wann ich mich hingesetzt hab, um mit Outriders anzufangen. Ich weiß nicht einmal mehr, was in den letzten paar Stunden passiert ist. Ich weiß nur, dass ich ballern muss, bis sich jedes dreckige Vieh auf dem Bildschirm in rote Soße verwandelt und seine blauen, lilanen und orangenen Items ausspuckt. Outriders verlangt nur nach zwei Sachen: Loot und Blut. Ob das auch mehr als 20 Stunden lang funktioniert, verrät der Test.

Release (Datum der Erstveröffentlichung)01. April 2021
Publisher (Herausgeber)Square Enix
Serie-
PlattformPS4, Xbox One, PS5, Xbox Series X/S, PC
EntwicklerPeople Can Fly
GenreThird-Person-Shooter

Outriders im Test: Ein Entwickler in seiner Comfortzone

Der grundlegende Aufhänger von Outriders ist nichts Neues. Der Klimawandel hat die Erde wieder einmal dahingerafft, Städte sind durch Naturkatastrophen zerstört worden und die übrigen Menschen reisen in die Tiefen des Weltalls, um ein neues Zuhause zu finden. Klingt verdächtig nach dem ein oder anderen Sci-Fi-Streifen der letzten Jahre. Wo Interstellar aber mit Dimensions-Gewusel die Köpfe der Zuschauer zum Rauchen bringt, lässt Outriders lieber Köpfe mit einer Ladung Blei platzen.

Hat es die namensgebenden Outriders – die menschlichen Vorreiter des interplanetaren Umzugs – nämlich erst einmal auf den Planeten Enoch verschlagen, ist das Chaos schon nicht mehr weit. Die erste menschliche Expedition rund um euren Protagonisten gerät auf dem Planeten in einen (Anomalie genannten) Sturm, der Hauptcharakter wird dabei schwer verletzt und zu seinem eigenen Schutz in eine Kälteschlafkammer gestopft. 31 Jahre später erwacht dieser dann aus seinem Dornröschenschlaf und gerät kurzerhand mitten in einen Krieg zwischen verfeindeten menschlichen Siedlern. Waffe in die Hand, raus aufs Schlachtfeld, ab jetzt regnet es Kugeln.

Outriders: Nach dem Prolog findet ihr euch prompt im Kriegschaos wieder

Der Third-Person-Shooter kommt aus den fähigen Händen vom polnischen Studio People Can Fly. Wie ein Shooter mit Deckungs-Elementen aussehen soll, weiß das Team von seiner früheren Arbeit an den Gears of War-Spielen. Wie man die ganze Action dann auch noch spaßig macht und mit der nötigen Brutalität versieht, das hat People Can Fly mit seinem letzten eigenen Projekt, Bulletstorm, auch schon bestens verstanden. In Outriders spielt das Team also wieder voll nach seinen Stärken – in Sachen Gameplay feuert der Titel nämlich aus allen Rohren.

Outriders im Test: Shooter mit Vier-Klassen-Gesellschaft

Nachdem euer Protagonist aus dem Kälteschlaf aufwacht, entdeckt dieser, dass die Anomalie für einige Veränderungen an ihm gesorgt hat. Diese Veränderung stellt sich in einer von vier Klassen dar. Wahlweise könnt ihr als Technomant, Pyromant, Assassine oder Verwüster den Planeten unsicher machen und jeder der Klassentitel hält in etwa, was er verspricht.

Wer auf kurze Distanzen verheerenden Schaden anrichten will, wird Verwüster oder Assassine, mittlere und höhere Reichweiten sind dagegen als Pyromant oder Technomant besser bedient. Gerade für Einzelspieler sind zwar einige Klassen sinnvoller als andere, aber im Großen und Ganzen sollte hier für jeden Spielstil was zu finden sein. Viel Flexibilität werdet ihr in den Klassen aber nicht haben. Denn Outriders sorgt mit einem cleveren – wenn auch nicht makellosen – Heilungssystem dafür, dass ihr so spielt, wie die vier Wege es vorgeben.

Outriders: Bloß in Deckung bleiben reicht nicht, wenn ihr am Leben bleiben wollt

Anstatt dass ihr euch tonnenweise Medikits einschmeißt oder in der nächstbesten Deckung kauert, bis sich euer Schaden wieder verflüchtigt, hat nämlich jede Klasse eine eigene Form der Heilung. Der Technomant erhält Leben für jeglichen ausgeteilten Schaden, während der Pyromant durch Kills mit seinen Fähigkeiten Lebenspunkte bekommt. Die Nahkämpfer hingegen heilen sich, indem sie Gegner auf möglichst kurze Distanz durchsieben. Wer überleben will, muss sich also die Eigenheiten der gewählten Klasse zunutze machen. Das werdet ihr aber auch wollen. Die Skills und Waffen, mit denen ihr die Gegnerhorden niedermäht, sind die großen Stars von Outriders.

Outriders im Test: Pump rein das Blei

Auf den ersten Blick wirken die Gefechte in Outriders nicht weltbewegend: Fast jedes Kampfareal ist gespickt mit hüfthohen Hindernissen für die nötige Deckung, zwischen denen ihr hin und her huscht und bei Gelegenheit die nächstbesten Gegner mit euren Bleispritzen bearbeitet. Letztere haben es aber in sich, denn egal ob Pistole, Maschinengewehr oder altmodische Pumpgun – die Waffen haben richtig Dampf im Kolben. Da kracht und böllert es, als ob es mit jedem Schuss die Erdkruste aufreißen könnte.

Outriders: Hier wird nicht an Effekten gespart

Noch dazu gibt es ein Trefferfeedback, das sich im Grunde nur als ‚knusprig‘ beschreiben lässt. Neben den Schadenswerten, die aus jedem Treffer hervorsprudeln, spratzt das Blut getroffener Gegner nur so umher. Zusammen mit den wuchtigen Animationen und saftigen Gore-Effekten könnt ihr bei jedem besiegten Gegner ziemlich sicher sein, dass dieser auf jeden Fall mausetot liegen bleibt. Auf die Spitze getrieben wird das nur noch durch die klassenspezifischen Fähigkeiten, die nicht selten für absolute Verheerung auf dem Schlachtfeld sorgen.

Die Auswahl ist bei jeweils acht Skills pro Klasse zwar begrenzt, aber People Can Fly hat dafür gesorgt, dass jeder Skill seine Daseinsberechtigung und entsprechend starke Wirkung hat. Besonders in Kombination miteinander könnt ihr so teilweise ganze Massen von Gegnern in Sekundenschnelle ins intergalaktische Jenseits befördern. In solchen Momenten mutet das Gameplay fast schon mehr wie ein Diablo in Third-Person-Perspektive an. Ähnliches gilt auch für eure Ausrüstung und wie ihr sie verbessert und anpasst.

Outriders im Test: Blau, Gelb, Pink – Scheißegal, bring mir mehr davon

Wie eingangs erwähnt, wird nämlich auch Loot in Outriders ganz großgeschrieben. Der Gameplay-Loop ist das übliche Verfahren aus Gegner töten und neue Waffen erhalten, um noch stärkere Gegner zu töten. People Can Fly treibt den Sammelwahn für Waffen und Rüstungen aber auf die Spitze, indem das Studio die bedeutsam wachsenden Werte der Items mit ein paar wirklich substanziellen Attributen für eure Skills verbindet. Die Rüstungsteile, die ihr benutzt, haben unmittelbare Auswirkung auf die Stärke und Eigenschaften eurer Fähigkeiten, was ihnen eine ungemein hohe Bedeutsamkeit gibt.

Outriders: In wenigen Stunden wird euer Charakter zur Kampfmaschine

Zusätzlich baut Outriders noch ein Craftingsystem ein, mit dem ihr frei Schnauze die Attribute, Seltenheit und sogar die Verstärkung eurer Skills verbessern und anpassen könnt. Das System hat keinen unendlichen Tiefgang, bietet aber einiges an Raum zum Experimentieren mit verschiedenen Skills und Anpassungen, um die bestmögliche Kombination für absolutes Chaos in den Kämpfen zu finden. Gepaart mit einem simplen, aber effektiven Skilltree für jede Klasse kann man Outriders in Sachen Charakterprogression wenig ankreiden.

Outriders im Test: Und täglich grüßt das Schlauch-Level

Wenn euch gutes Spielgefühl und Sammeltrieb wichtig sind, habt ihr also alle nötigen Voraussetzungen, um mit Outriders Spaß zu haben. Aber ihr solltet einiges an Toleranz für Monotonie mitbringen, denn mehr als Schießen und Items vergleichen werdet ihr in diesem Spiel nicht machen. Outriders ist bei weitem kein perfekter Titel und das Missions- und Mapdesign stehen ganz vorne in einer Reihe von Problemen, die das Spiel von einem Platz an der Speerspitze des Genres fernhalten.

Habt ihr die ersten Missionen gespielt – naja, dann wisst ihr eigentlich schon, was ihr für die übrigen 20 Stunden des Spiels machen werdet. Jedes Kapitel, jede einzelne Mission führt euch durch einen schlauchig-linearen Abschnitt, in dem ihr alles töten müsst, was sich bewegt, nur um den Weg zum nächsten Abschnitt frei zu machen und das Ganze von vorne zu beginnen. Selbst die Nebenmissionen funktionieren auf die gleiche Weise, nur dass ihr eine Abzweigung von einem Checkpoint ablauft, die genauso wie jede andere Aufgabe in einer Sackgasse endet, von der aus ihr euch zum Anfang zurück teleportiert.

Outriders: Nette Cutscenes, plumpe Dialoge, öde Missionen

Das klingt nicht nur ermüdend, es spielt sich auch so. Jedes einzelne Mal, wenn man erwartet, dass eine Mission mal ein anderes Layout haben könnte, wird man hart auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Selbst Aufgaben, die auf den ersten Blick wie eine Eskortmission anmuten, enden im gleichen Trott von „töte alles was sich bewegt, dann öffne den nächsten Abschnitt“. Wenn selbst eine Sammelquest plötzlich spannend klingt, ist im Missionsdesign etwas gehörig schief gelaufen. Höchstens die gelegentlichen Bosskämpfe streuen ein wenig Abwechslung in die Monotonie.

Auch die Story der Hauptkampagne holt da den Truck nicht aus dem Enoch-Dreck. Nach wenigen Stunden muss man schon aktiv dem Drang widerstehen, unter den plumpen One-Linern der Charaktere nicht einfach jede Zwischensequenz zu überspringen. Im letzten Drittel gibt es ein paar nette Twists und etwas mehr interessantes Worldbuilding, aber bis dahin ist im Kopf der Storyzug schon lange abgefahren. Letzten Endes will man ja doch nur wieder möglichst viele Gegner möglichst spektakulär in ihre Einzelteile zersetzen.

Outriders im Test: Ein vollständiges Spiel mit unnötigen Kinderkrankheiten

Aber auch beim bloßen Ballern hat Outriders im Detail ein paar Wehwehchen. Gerne spinnen mal die Questmarker auf der Minimap und wollen euch partout nicht zeigen, wo ihr hin müsst – hin und wieder schicken sie euch sogar aktiv in die falsche Richtung. Dann hat die – ansonsten echt smarte und taktisch agierende – KI kleine Aussetzer und lässt eure Gegner gern tagträumend im offenen Feld rumstehen. Ist ja ganz schön, dass die Rebellen es sich so gemütlich machen können, wirkt aber unter dem restlichen Schlachten-Chaos etwas fehl am Platz.

Outriders im Test: Looten und Bluten bis die Trigger brechen

Zuletzt müssen wir dann aber noch ein paar Worte über die schon berüchtigten Serverprobleme von Outriders verlieren. Das Spiel rühmt sich schließlich mit seinem Co-Op für bis zu drei Spieler, aber wenn die Server dafür zum Launch schlichtweg nicht funktionieren, macht das keinen guten Eindruck. Umso schlimmer noch, wenn selbst Einzelspieler sich zwingend mit den Servern verbinden müssen und dann ihr 60 Euro-Spiel nicht alleine zocken können. Wer mit Outriders also liebäugelt, sollte zumindest warten, bis Square Enix und People Can Fly die Server auf einen besseren Stand gebracht haben.

Dafür bekommt ihr für eure 60 Euro dann aber auch ein vollständiges Spiel. Das muss man Entwickler und Publisher am Ende zugute halten: Outriders ist kein Service-Game, sondern hat Anfang, Mitte und Endgame und dann habt ihr das Spiel durch. Wer dann noch möchte, kann die Schwierigkeit durch die Weltenstufen dynamisch anpassen. Einen Season Pass oder einen Echtgeldshop sucht ihr außerdem vergebens. In seinem Subgenre von Looter-Shootern ist das neben Titeln wie Destiny und The Division gar nicht mal so geläufig und eine willkommene Abwechslung.

Outriders im Test: Unser Fazit zum Sci-Fi-Looter-Shooter

Outriders: Unsere finale Wertung zum Third-Person-Shooter

Outriders erfindet das Shooter-Rad nicht neu. Das will People Can Fly mit diesem Titel aber auch gar nicht. Das Studio hat sich zweifellos zum Ziel gemacht, das Spielgefühl der Waffen und Skills so weit wie nur irgendwie möglich auf die Spitze zu treiben. Wenn alle Einzelteile ineinandergreifen, funktioniert das auch fast tadellos. Ich bin lange nicht mehr in so hysterisches Gekicher verfallen, wenn ich auf Knopfdruck die halbe Fauna eines ganzen Planeten ausgelöscht habe. Wer schon Fan des Genres ist und großen Wert auf gutes Gunplay und viele Anpassungsmöglichkeiten legt, darf sich praktisch bedenkenlos ins Getümmel stürzen.

Das Gameplay kommt aber auf Kosten von so eintönigem Missions- und Leveldesign, dass man unter all der Ballerei schnell Gefahr läuft, in apathische Teilnahmslosigkeit abzudriften. In Kombination mit einigen kleineren Kinderkrankheiten wird aus Outriders eine umfangreiche Portion Shooter-Kost, die so hyperfokussiert wie unausgewogen ist. Daher ein gut gemeinter Ratschlag für Unentschlossene: Spielt zuerst die kostenlose Demo, denn die zeigt praktisch alles, was das Spiel zu bieten hat. Sollte People Can Fly aber in Zukunft mit variablen neuen Missionstypen nachlegen und die Server stabil halten, könnte Outriders sein volles Potenzial erst noch ausschöpfen.

ProContra
+ Brachiale Schießereien mit fettem Trefferfeedback- Ein einziger Missionstyp und lineare Schlauchlevel
+ Umfangreiche Anpassungsmöglichkeiten für Waffen und Skills- Story leidet unter uninteressanten Charakteren und plumpen Sprüchen
+ 20 Stunden Kampagne plus Endgame-Inhalte- Serverprobleme und Online-Zwang für Einzelspieler
+ Clevere Mechaniken unterstützen Spielstil jeder Klasse- Kleine Aussetzer in UI und Gegner-KI
+ Schwierigkeit dynamisch anpassbar

Rubriklistenbild: © People Can Fly/Square Enix

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