Psychische Abgründe mit

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Psychischer Tiefgang mit Abwegen

  • vonAlexandra Grimm
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Erneut dürfen Fans von Sea of Solitude psychische Abgründe erkunden. Der Director‘s Cut für die Nintendo Switch bietet massig neue Features. Welche das sind, erfahrt ihr im Test.

Berlin, Deutschland – Zwei Jahre ist es nun her, dass Spieler weltweit in die psychischen Gefilde der jungen Frau Kay in Sea of Solitude eintauchen konnten. Damals erschien das Action-Adventure für PC, PS4 und Xbox One. Nun veröffentlichen Publisher Quantic Dream und das deutsche Entwicklungsstudio Jo-Mei Games Sea of Solitude exklusiv für die Nintendo Switch als Director‘s Cut. Damit können Fans nun noch einmal die düstere und emotionale Welt des Spiels erkunden. Dieses Mal jedoch mit besonderen Neuerungen und Features. Wie diese neuen Features aussehen und wie sie das Gameplay von Sea of Solitude Director‘s Cut beeinflussen, erfahrt ihr im Test.

Release (Datum der Erstveröffentlichung)4. März 2021
Publisher (Herausgeber)Electronic Arts, Quantic Dream (Director's Cut)
DirectorCornelia Geppert
PlattformNintendo Switch
EntwicklerJo-Mei Games
GenreAction-Adventure

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Eine Reise in die Psyche einer jungen Frau

In Sea of Solitude geht es, wie der Name schon sagt, um die Erkundung eines Meeres voller Einsamkeit. Dabei erlebt der Spieler die emotionale Verarbeitung von Erlebnissen durch die Augen der jungen Protagonistin Kay. Die Scheidung ihrer Eltern, das Mobbing ihres Bruders in der Schule und andere Probleme bringen Kay immer wieder an ihre Grenzen. Der Spieler erlebt die chaotische Gefühlswelt von Kay, die von positiven Glücksmomenten hin zu gruselig-grausigen Abgründen geprägt ist. Dies zeigt sich vor allem in der Szenerie des Spiels, die sich atmosphärisch je nach Ereignis wandelt.

Das Setting des Spiels wirkt sehr surreal. Der Spieler fährt als Kay in einem kleinen Motorboot durch Berlin, das zur Hälfte unter Wasser steht. Dabei sind die Häuser bunt und das Wasser hellblau. Alles wirkt friedlich und nett. Doch die Idylle währt in Sea of Solitude nicht lange, denn immer wieder zieht ein Sturm mit Regen und Gewitter auf. Dazu kommen hungrige Monster, die den Spieler bei jeder Gelegenheit versuchen, aufzufressen. Als ob das nicht schon genug wäre, ragen gruselige Hände aus dem Wasser hervor, die den Spieler in den Abgrund zu ziehen versuchen. Damit veranschaulicht das Spiel die Psyche von Kay, indem sich sorgenfreie Idylle und bedrohlicher Albtraum abwechseln.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Depressive Abgründe und Verlorenheit in der Spielsteuerung

Kay wirkt geradezu unheimlich mit ihren leuchtend roten Augen. Alles an ihr ist in Schwarz getaucht. Man weiß zu Beginn nicht, wer dieses Mädchen im Körper einer schwarzen Kreatur überhaupt ist. In der einsamen Welt von Sea of Solitude begibt sich der Spieler mit Kay auf die Reise, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Dabei lernt der Spieler die traurige und geplagte Protagonistin mitsamt ihrer Sorgen und Probleme, sowie den schönen Momenten in ihrem Leben, immer mehr kennen. Auf ihrer Reise wird sie von einer strahlend hellen Figur begleitet, die Kay als hoffnungsbringender Wegweiser dient.

Das helle Mädchen, welches als Orientierungspunkt dienen soll, taucht im Spiel nicht gerade häufig auf. Stattdessen ist man während der Erkundung der versunkenen Stadt per Boot oder schwimmend größtenteils auf sich alleine gestellt. Dabei fühlt man sich teilweise so verloren, wie Kay wahrscheinlich in ihrer Gefühlswelt. Wo geht es lang? Besser nach rechts oder geradeaus? Die vielen Möglichkeiten sorgen dafür, dass Spieler leicht fünfmal oder mehr die gleiche Strecke abfahren, bis die Story endlich weitergeht. Außerdem kann es leicht zu Umwegen kommen, wenn man versucht, eine der verheißungsvoll schwebenden Flaschen zu bekommen, die wie Tagebucheinträge weitere Erinnerungen von Kay beinhalten.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Kays Reise verläuft über Berlin, das zur Hälfte unter Wasser steht

Das einzig Leuchtende an Kay selbst ist ihr roter Rucksack, in dem sie während ihrer Reise allen Schmerz und Kummer verschwinden lässt. Dieser wird im Laufe des Spiels immer größer und spiegelt damit die schwere Last wider, die Kay zu tragen hat. Damit symbolisiert der Rucksack die stetig wachsende Depression des jungen Mädchens und zeigt, wie allein sie sich mit ihren Ängsten und Sorgen fühlt. Besonders qualvoll erscheint ihre Lage, wenn sie mit positiven Gedanken in Form eines Lichtstrahls gegen eine gigantische Kreatur ankämpft, die sie selbst als Monster darstellt.

Die Steuerung von Kay war nicht so einfach, wie gedacht. Das richtige Timing beim Springen, um eine rettende Plattform vor schwarzen Kreaturen zu erreichen, gelang nicht immer. Allzu hoch springen können Spieler in Sea of Solitude leider nicht. Daher kann man hier nur mit niedrigen Plattformen oder Leitern höhere Gefilde erreichen. Möglicherweise war dies eine bewusste Entscheidung der Entwickler von Jo-Mei Games, um die schwierige Reise von Kay noch einmal im Gameplay zu verankern und damit für Spieler spürbar zu machen.

Dadurch ist das Vorankommen im Spiel eher langsam, wenn man die Welt gerne etwas ausschweifender erkunden möchte. Auch die schwerfällige Steuerung des Bootes im Action-Adventure ging uns ziemlich auf die Nerven, denn es wendete nicht wirklich so, wie man es immer erwartet hat. Positiv aufgefallen ist jedoch die eingebaute Bewegungssteuerung in Sea of Solitude. Durch den im Joy-Con enthaltenen Gyro-Sensor kann man im Spiel später beispielsweise intuitiv eine Fackel bewegen.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Gruselige Atmosphäre vom Feinsten

Positiv aufgefallen sind uns die kurzen Ladezeiten bei Sea of Solitude auf der Nintendo Switch. Bei der schier endlosen Zahl an Toden, die wir gestorben sind, mussten wir hier zumindest nicht lange auf einen neuen Versuch warten. Die Todesursachen in dem Action-Adventure sind vielfältig: Gruselige schwarze Monster mit roten Augen, die Kindheitsfreunde darstellen sollen, greifen Kay erbarmungslos an, sobald sie sie sehen. Hinzu kommen gigantische Seemonster, die das Meer durchstreifen und uns verfolgen, sobald wir ohne Boot unterwegs sind. Dazu gibt es noch die genannten Hände, die uns in den Abgrund des Ozeans reißen wollen und die Möglichkeit, von einem Hochhaus in die Tiefe zu stürzen.

Gut gelungen ist auch die Vibration der Joy-Con-Controller. Hier gibt es die Funktionen „Aus“, „Medium“ und „Stark.“ Letztere Option empfanden wir als etwas zu viel des Guten. „Medium“ stellte sich angenehm heraus. Die Vibration passt sich gut an die Ereignisse des Spiels an. Sobald man dunkle Gebiete mit Regen, tosendem Wind und Gewitter betritt, vibrieren die Controller zu jedem Donnerschlag. Dadurch hat man das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Besonders die bedrohlichen Momente mit menschenfressenden See-Ungeheuern gewinnen dabei zusätzlich an Intensität.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Kays Familienangehörige wurden durch ihren Kummer und Schmerz in große Bestien verwandelt

Kay hat während des Sea of Solitude ständig mit ihrem Gewissen zu kämpfen. Sie arbeitet alte Wunden und Erinnerungen auf, indem sie gegen sich selbst ankämpft und ihren Familienmitgliedern beim Aufarbeiten hilft. Ihr schlechtes Gewissen darüber, ihrem Bruder nie zugehört zu haben, der in der Schule gemobbt wurde und die Gedanken daran, dass sie Schuld sein könnte an der Scheidung ihrer Eltern, nagen an ihr. Doch im Laufe des Spiels gewinnt sie an Stärke und kämpft gegen ihre Depression und ihre Ängste an.

In Sea of Solitude gibt es nicht nur schöne Szenen, in denen man entspannt durch das überschwemmte Berlin tuckern und auf Dächer klettern kann. Nein. Die vielen Abschnitte, in denen sich Kay ihren Ängsten und Sorgen stellt, sorgen für eine solch gruselige Atmosphäre, dass man sich beim Spielen ausgeliefert und eingeschüchtert fühlt. Oft hilft es nur, auf den richtigen Moment zu warten und den düsteren Kreaturen auszuweichen, um nicht von ihnen übermannt zu werden. Glücklicherweise steht dem Spieler eine Leuchtrakete zur Verfügung. Diese schießt grelles Licht aus, mit dem man die Umgebung beleuchten und teilweise schwarze Kreaturen besiegen kann.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Überarbeitung entfernt alte Macken und bringt zeitgemäße Features

Die exklusive Director‘s Cut-Edition von Sea of Solitude für die Nintendo Switch bringt einige Neuerungen mit sich. Anders als bei der Version von 2019, die für PC, PS4 und Xbox One erschien, wurde das Spiel mit neuen Schauspielern komplett neu vertont. Somit stehen bei Sea of Solitude Director‘s Cut nun verschiedenen Sprachausgaben zur Auswahl: Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Japanisch. Zuvor hatte es das Spiel nur mit englischer Sprachausgabe gegeben. Dazu haben Spieler die Möglichkeit, bei den Untertiteln zwischen elf verschiedenen Sprachen auszuwählen.

Die neue Vertonung des Spiels wirkt qualitativ hochwertig. Die deutsche Synchronstimme von Kay bringt die beängstigenden Gefühle und Qualen glaubwürdig zur Geltung. Der Ton wirkt im Stereomodus fast schon wie Surround-Sound, denn bewegt man die Kamera in Zwischensequenzen, so verändert sich auch die Richtung, aus der die Stimme kommt. Einzig bei der Vertonung der Flaschenpost-Erinnerungen müssen wir Abstriche machen. Hier erscheint das Echo der Stimme von Kay etwas zu grell.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Kay ganz in schwarz trägt ihren leuchtenden Rucksack, der Kummer und Ängste in sich aufnimmt

Mit Kopfhörern kommen die vielseitigen Klänge des Spiels besonders gut an. Wer Sea of Solitude ohne Kopfhörer spielt, sollte die Nintendo Switch etwas lauter drehen oder einen ruhigen Ort aufsuchen, da sonst der Sound untergehen und damit der Nervenkitzel verlorengehen kann. Die Hintergrund-Musik passt gut zur Atmosphäre des Spiels. Mal sind die Klänge durch Klavier und Streicher oder melodischen Gesang leicht und unbeschwert, ein anderes Mal beängstigend und unbehaglich.

Für die Nintendo Switch Director‘s Cut-Edition von Sea of Solitude haben die Regisseurin Cornelia Geppert und das Entwicklungsstudio Jo-Mei Games aus Berlin zusammen mit dem preisgekrönten Autor Stephen Bell das Drehbuch und die Dialoge des Spiels umgeschrieben. Dadurch entstehen glaubhaftere Szenen und bessere Übersetzungen. Ein Beispiel schlechter Übersetzung aus der Version von 2019 ist: Aus „I want to change it, change me“ wurde beispielsweise „Das muss sich ändern. Verändere mich!“ Diese widersprüchlichen Übersetzungen kommen in der neuen Version für Nintendo Switch zum Glück nicht mehr vor. Außerdem wurden die Zwischensequenzen und Animationen aus der ursprünglichen Version erweitert und machen die Story jetzt runder.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Auch entspannte Szenen in Idylle bietet das Spiel.

Neu bei Sea of Solitude Director‘s Cut für die Nintendo Switch ist der Fotomodus. Hierbei müssen zur Aktivierung lediglich der linke und rechte Joystick gleichzeitig gedrückt werden – also genauso wie beim Fotomodus der PS5 von Sony. Danach bieten sich allerlei Möglichkeiten, das perfekte Foto zu konstruieren. Man kann aus dem Bild heraus- und hereinzoomen und die Perspektive nach Belieben ändern. Außerdem lässt sich das Wetter ändern sowie der Fokus. Mit diesem könnt ihr den Hintergrund schärfer oder unschärfer gestalten. Der Fotomodus ist mit seinen vielen Funktionen gut gelungen und dürfte sicher einigen Spielern Freude bereiten. Uns hat er jedenfalls sehr gut gefallen.

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Unser Fazit zum atmosphärischen Spiel mit psychischen Abgründen

Sea of Solitude Director‘s Cut im Test: Starke Message, doch nichts für schwache Nerven.

Sea of Solitude Director‘s Cut glänzt mit seinen Verbesserungen und Features. In einer Zeit, in der Menschen mit Freude Fotos teilen, erscheint der Fotomodus genau zeitgemäß zu sein. Die Sprachausgabe des Spiels, die in der Version von 2019 nur auf Englisch verfügbar war, wurde für eine breitere Masse erweitert und kommt mit besseren Übersetzungen gut an. Lediglich an der Steuerung scheint bis auf die Bewegungssteuerung kaum etwas gemacht worden zu sein. Sie wirkt schwerfällig und umständlich. Trotzdem empfinden wir den Preis von 29,99 Euro für das eindringliche Spielerlebnis als durchaus angemessen. Zum Vergleich: Die PS4-Version von 2019 kostete 19,99 Euro.

Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Einsamkeit als Hauptthema, kommen nicht häufig in Spielen vor. In dieser Neufassung von Sea of Solitude schaffen es die Entwickler von Jo-Mei Games den Kummer und die Ängst sowie die Sehnsüchte der jungen Protagonistin Kay glaubwürdig in Szene zu setzen und für eine abwechslungsreiche und stimmige Atmosphäre zu sorgen. Die Einsamkeit und Verlorenheit, die das Spiel vermittelt, ließ uns in die Abgründe ihrer Psyche eintauchen. Für zart-besaitete Spieler oder diejenigen, die sich leicht fürchten, ist Sea of Solitude nicht das geeignete Spiel. Ob man das Spiel ein zweites Mal spielen würde, bezweifeln wir. Dennoch überzeugt das Action-Adventure mit einer wunderschön gestalteten Welt und praktischen neuen Features. Eines ist klar: Sea of Solitude Director‘s Cut ist ein Spiel, das in Erinnerung bleibt.

ProContra
+ Fotomodus- Schwerfällige Steuerung
+ Gyro-Sensor- Leichter Verlust der In-Game-Orientierung
+ Neue Vertonung- Stimmen-Echo bei Flaschenpost-Erinnerung zu grell
+ Mehr Audioausgaben- und Untertitel-Möglichkeiten- Unzählige Trial-Error-Sequenzen
+ Bessere Übersetzung- Wenig Wiederspielwert
+ Schön gestaltetes Setting
+ Toller Klang
+ Tiefsinnige Story

Rubriklistenbild: © Jo-Mei Games

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