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RAD: Das herrliche überdrehte 80er Roguelite im Test.

Mutantenkopf trifft Baseballschläger

RAD im Test: Das beste und einzige Roguelite im 80er Stil

  • Christian Böttcher
    VonChristian Böttcher
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RAD: Ein Top-down Action-Adventure von Double Fine - Klingt wahnsinnig, ist es auch. Im Test verraten wir euch wie sich das radioaktive Roguelite spielt.

Double-Apokalypse von Double Fine: Mit RAD beweist die amerikanische Kreativschmiede ein weiteres Mal, dass "normal" im Wortschatz von Tim Schafer und Co. keinen Platz findet. Statt nämlich die Cashcow zu melken und ein Adventure nach dem nächsten zu produzieren, wagt sich das Studio mit jedem neuen Projekt in unbekannte Gefilde vor. RAD ist da keine Ausnahme, denn zum ersten Mal versucht sich Double Fine nun an einem Roguelite. Damit jedoch nicht genug, denn wie der Titel zunächst erahnen lässt, erwartet euch keine Post-Apokalypse nach Schema F. Gleich auf zwei niederschmetternde Katastrophen zum Preis von einer dürft ihr euch einstellen.

Nicht eine, sondern gleich zwei Apokalypsen hat die Welt von RAD hinter sich.

Mitten in den blühenden 80ern ereilt die Welt von RAD ein grausames Schicksal. Die Apokalypse kommt und hinterlässt nichts als Chaos und Zerstörung. Erst Jahrzehnte später, in der nicht allzu fernen Zukunft, kann sich die Menschheit von diesem Schock erholen und schöpft neue Hoffnung. Nur, um im selben Moment einer weiteren, alles verschlingenden Apokalypse zum Opfer zu fallen. Klarer Fall von: Karma strikes twice! Als einer von acht Teenagern, die merkwürdigerweise irgendwo im Zeitalter von Walkman, Vokuhila und Knight Rider hängengeblieben sind, obliegt es euch, einen sicheren Hafen für die Verbliebenen zu finden und der Welt neues Leben zu schenken.

Roguelite statt Story-Adventure

Acht aufsässige Teenager retten die Welt - Ihr seid einer von ihnen.

Selbstverständlich braucht ihr dazu eine Handvoll Requisiten, denn die Bewohner des verstrahlten Planeten sind mittlerweile nicht mehr als mutierte Bestien, die eine ordentliche Portion Teenager-Wut verdient haben. Und wie drückt man seinen Weltschmerz am besten aus? Natürlich mit stilechtem Baseballschläger, fetziger Punkfrisur und Classic Rock vom Allerfeinsten. Spätestens jetzt sollte auch dem letzten von euch klar werden: RAD nimmt sich und seine Geschichte nicht allzu ernst. Stattdessen erwartet euch die volle Dröhnung Nostalgie aus den 80ern, gepaart mit futuristischen Stilelementen und einem nur allzu vertrauten Spielkonzept.

Anders als bei vielen anderen Auswüchsen von Double Fine tritt die Story von RAD nämlich recht schnell in den Hintergrund und macht Platz für ein Genre, das seit The Binding of Isaac und Enter the Gungeon seinen zweiten Frühling erlebt: Roguelite. Auf prozedural generierten Karten müsst ihr sogenannte Respiratoren zum Laufen bringen, die dem kargen Ödland neues Leben einhauchen. Erst wenn ihr das komplette Areal bepflanzt und befriedet habt, öffnet sich ein Dimensionstor und ihr dürft euch dem schleimigen Ursprung der Katastrophe stellen: Einem der vielen Endbosse, an denen ihr euch garantiert die spangenbesetzten Zähne ausbeißt. Denn ein Roguelite wäre schließlich kein Roguelite, wenn der Tod nicht elementarer Teil der Spielerfahrung wäre.

Wo die wilden Mutationen wohnen

Ihr gegen den Rest der dreiarmigen Welt.

Zu Beginn einer jeden Runde verfügt euer Held über drei Leben. Erlischt das letzte davon, müsst ihr von vorn anfangen. Selbstverständlich gibt euch RAD aber Werkzeuge an die Hand, die dafür sorgen, dass ihr im nächsten Versuch deutlich besser vorbereitet seid. Einerseits, weil ihr Runde für Runde mehr über die Gefahren der Spielwelt lernt, andererseits, weil ihr für jeden Run, egal ob erfolgreich oder nicht, Erfahrungspunkte kassiert. Mit diesen schaltet ihr Stück für Stück kleine Detailverbesserungen frei, die euch in zukünftigen Runden weiterhelfen. Das können neue Gegenstände im Shop sein oder aber die Bank, bei der ihr überschüssiges Gold einzahlt, das ihr zuvor für das erfolgreiche Niedermetzeln von Mutanten verdient habt. Denn nach jedem erfolgreichen Bosskampf gibt euch das Spiel die Möglichkeit, in eure dekontaminierte Hauptbasis zurückzukehren, um euch für den nächsten Level vorzubereiten.

Die Roguelite-Mechaniken greifen in RAD wunderbar ineinander und sorgen dafür, dass ihr auch nach dem zehnten Game Over-Bildschirm nicht das Gefühl verliert, euch weiterentwickelt zu haben - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich sind auch die stinkwütenden Teenager nicht vor der radioaktiven Seuche gefeit. Je länger ihr euch also dem zerklüfteten Planeten und seinen Monstern aussetzt, desto mehr Mutationen breiten sich in eurem Körper aus. Ein echter Glücksfall, schließlich sorgt jede neue, irrwitzige Mutation dafür, dass ihr noch stärker werdet. 

Mutationen bilden den spielerischen Kern von RAD.

Bis zu drei aktive Exo-Mutationen können gleichzeitig im Körper der Spielfigur wüten, jede von ihnen resultiert in einer einzigartigen Fähigkeit. Es kann also durchaus vorkommen, dass aus eurem Hals plötzlich ein Schlangenkopf sprießt, den ihr per Knopfdruck zu einer praktischen Waffe gegen Mutanten verwandelt. Oder aber euch wächst ein zweiter Arm, den ihr bei Bedarf auf nahende Gegner schleudert. Neben Ausweichrolle und einem gekonnten Sprung wechselt ihr also on the fly zwischen bis zu drei weiteren Fähigkeiten hin und her. 

Grundsätzlich funktioniert das hervorragend, denn die Mutationen sind nicht nur mit viel Liebe zum Detail animiert und zum Schmunzeln komisch, sondern bringen auch spielerische Tiefe in das ansonsten simple Gameplay von RAD. Bis zu drei Mal könnt ihr die aktiven Mutationen pro Runde verbessern - das allerdings nach dem Zufallsprinzip und möglicherweise mit ungewollten Nebenwirkungen. Zusätzlich dazu schaltet ihr an Schreinen in der Spielwelt passive Boni frei, von denen ihr unendlich viele anhäufen könnt. 

Diese Endo-Mutationen versorgen euch beispielsweise mit Immunität gegen Giftpfützen oder erhöhen eure Chance auf kritische Treffer. Haben sich erst einmal fünf bis zehn Mutationen in eurem Teenager breit gemacht, dreht der Baseball-Knabe völlig am Rad - irrwitzige Situationen liefert euch RAD also am laufenden Band. Der Weg dorthin ist jedoch steinig, denn die Auswahl der Mutationen könnte wesentlich größer sein. Das ist vor allem im frühen Spielverlauf ärgerlich, schließlich erlebt ihr die ersten Stunden immer wieder aufs Neue. 

Drei Arme, aber keinen eigenen Kopf

Diese Tore sind der Schlüssel zum nächsten Bosskampf.

Möglicherweise macht sich hier die fehlende Erfahrung im Roguelike-Genre bemerkbar. Gleiches gilt leider auch für neue Waffen und Tränke, die ihr sukzessive freischaltet. Dem mutierten Teenager die Wahl aus sechs verschiedenen Baseballschlägern zu geben, ist in der Theorie eine großartige Idee. Jedes Schlagholz kommt schließlich mit seinem ganz eigenen Look daher. Das Spielgefühl der Waffen ähnelt sich aber dermaßen, dass es spielerisch kaum einen Unterschied macht, mit welchem Knochenbrecher ihr letztlich gegen die Mutantenplage zu Werke geht. 

Auf die ganz großen Innovationen im Genre müsst ihr ebenfalls verzichten. RAD fügt gelungene Spielmechaniken zu einem stimmigen Ganzen zusammen, schafft es aber nicht, eigene spielerische Akzente zu setzen. In Sachen Langzeitmotivation und Tiefgang kann der neuste Streich von Double Fine also leider nicht mit den Platzhirschen The Binding of Isaac und Enter the Gungeon mithalten. Nichtdestoweniger hatten wir im radioaktiven Ödland eine richtig gute Zeit, was wie so oft in alten Stärken des Studios begründet liegt.

Ein Lichtblick ist der zusätzliche Modus "Tägliche Herausforderungen", der euch unter ganz bestimmten Bedingungen auf die Mutantenhorde loslässt. Genau wie bei der normalen Spielvariante kloppt, tretet und mutiert ihr euch hier von Level zu Level - das Ganze allerdings mit einem Twist. Jeden Tag wartet nämlich ein neuer "Spleen" auf euch, der das Spielprinzip ordentlich durcheinanderwirbelt. Es kann also durchaus passieren, dass ihr plötzlich die Fähigkeit verliert, zu springen oder alles durch eine feuerrote Brille seht. Ziemlich cool: Im Online-Leaderboard könnt ihr einsehen, wie gut ihr euch im Vergleich zur Konkurrenz geschlagen habt.

Zwischen Top-down und over the top

Wo es RAD an Substanz fehlt, springt der unnachahmliche Stil des Roguelite in die Bresche. Dass die Ästhetik der 80er auch nach mehr als 30 Jahren noch nicht ihre Halbwertzeit erreicht hat, beweist Double Fine hier auf herrlich überdrehte Art und Weise. Die zerklüfteten Welten des Spiels sind in lebendige Neonfarben getaucht und vollgestopft mit Anspielungen an das bunte Jahrzehnts. Kaum verwunderlich also, dass als Währung in RAD nicht schnöde Goldmünzen, Rubine oder Klunker dienen. Objekt der Begierde ist stattdessen - wie könnte es anders sein - die gute alte Kassette - mehr 80s-Flair geht nicht.

Wilder Mix: Eine Welt geprägt von Rohrenfernsehern, Dauerwellen und Laserkanonen

Seinen selbstironischen Feldzug gegen den guten Geschmack beginnt RAD aber schon, sobald ihr das Spiel nur startet. Im Hauptmenü kommentiert eine basslastige Männerstimme jeden Knopfdruck. Wenn ihr also die Auflösung hochschrauben wollt, ertönt ein inbrünstiges "Graphics", das wir so nur aus zweitklassigen Actionstreifen des Jahrzehnts kennen. Ohnehin sind Sounddesign und Soundtrack zwei große Stärken von RAD. Gut gelaunt oszilliert das Top-down-Abenteuer zwischen Classic Rock, der jeden Schwung des Baseballschlägers mit einer scheppernden Kakophonie der Gewalt unterlegt und treibenden Synthie-Beats, bei denen selbst K.I.T.T. vor Neid die Stoßstange herunterklappt.

An jeder Ecke stoßt ihr auf liebevolle Kleinigkeiten, die daran erinnern, wie gut die Macher von Day of the Tentacle darin sind, charmante Geschichten mit wunderbar schrägen Figuren zu erzählen. Dementsprechend viele Schwächen im Gameplay kann die Inszenierung der Spielwelt ausgleichen, denn die quietschbunten Level laden zum Erkunden ein und bergen im späteren Spielverlauf einige Twists, die den Schwierigkeitsgrad auf ein neues Level heben und gleichzeitig mit den erlernten Mechaniken brechen.

Der Volahila unter den Wartezeiten: Vorne lang, hinten lang

Dem Pseudo-Retro-Motto folgend dürft ihr von RAD allerdings auch keine grafischen Meisterleistungen erwarten. Hie und da finden sich verwaschene Texturen und die Partikeleffekte könnten ebenfalls direkt aus den 80ern stammen. Diese kleinen Macken ändern aber nichts an der Tatsache, dass Grafik, Gameplay und Geschichte super miteinander harmonieren. Das Ergebnis: Ein nostalgischer Trip in die jüngere Vergangenheit, der um einige technische Unsauberkeiten jedoch nicht herumkommt. Für einen Titel, der gerade einmal 6 GB Speicherplatz auf unserer PS4 in Anspruch nimmt, fallen die Wartezeiten geradezu lächerlich lang aus. Unsere Erkenntnis: Bis zu vier Stranger Things-Intros passen in eine herkömmliche Ladezeit von RAD.

Ebenfalls schade: In unsere Testversion hatte sich ein nerviger Bug geschlichen, der immer dann auftrat, wenn wir von Mutanten den finalen Todesstoß kassiert haben. Dieser sorgte dafür, dass das Spiel für ein paar Frames einfror, sobald uns der letzte Schlag trifft. Auf das Spiel selbst hatte der Bug keinen Einfluss, da schließlich schon feststand, dass wir von Neuem beginnen mussten. Trotzdem hinterließ der Bug bei uns regelmäßig das Gefühl, vom Spiel betrogen worden zu sein. Bis zum offiziellen Release am 20. August haben die Entwickler noch ausreichend Zeit, um die Stellschrauben anzusetzen und RAD die flüssige Spielerfahrung zuteil werden zu lassen, die es verdient.

Fazit

PROSCONS
+ Genialer 80er Flair- Zu wenig Vielfalt bei Waffen, Gegnern und Mutationen
+ Vollgepackt mit Anspielungen und liebevollen Details- Viel zu lange Ladezeiten
+ Gelungener Charakterfortschritt- Einige Mutationen deutlich besser als andere
+ Typischer Double Fine Humor- Kaum eigene spielerische Akzente
+ Hoher Wiederspielwert dank Roguelite-Konzept
+ Tolles Weltdesign

Doublefine hat wieder an der Neonröhre genuckelt und ein Roguelite ausgekotzt, das so 80er ist wie das A-Team, Fönfrisuren und Duran Duran zusammen - klingt nach einer fiesen Hasstirade, ist aber unsere verschrobene Art, zu sagen: RAD, wir finden dich klasse! Auch wenn das Top-down-Abenteuer nicht im Ansatz auch nur versucht, das Rad neu zu erfinden, fährt es die nostalgische Schiene so herrlich übertrieben, dass selbst 90s Kids vor Freude zum klischeehaften Freeze-Frame greifen. Double Fine weiß, welches Gefühl ein Spiel vermitteln muss und zeigt, dass Style over Substance als Spielkonzept durchaus funktionieren kann. Wer allerdings einen spielerischen Meilenstein erwartet, dürfte eine herbe Enttäuschung erleben. Das Gameplay lässt zu viel Potenzial liegen und krankt an technischen Unsauberkeiten. Kinder der 80er, Double Fine Fans und Freunde überdrehter Postapokalypsen greifen bedenkenlos zu, alle anderen halten Isaac und Gungirl die Treue.

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