Test: A Fisherman's Tale

  • Christian Böttcher
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Aus Innen mach Außen, aus Groß mach Klein - A Fisherman's Tale erzählt ein modernes Märchen in VR. Als liebenswerter Fischer gehen wir unserer Vergangenheit auf den Grund und lösen dabei vertrackte Rätsel. Die Koproduktion von Innerspace VR und dem Fernsehsender Arte setzt dabei wortwörtlich darauf, dass wir um die Ecke denken und erschafft in rund zwei Stunden Spielzeit eine digitale Erfahrung, die wir so schnell nicht vergessen werden. Ob ihr euch volle Fahrt voraus ins stürmische Abenteuer stürzen oder doch lieber abdrehen solltet, verraten wir in unserem Test.

Es war einmal ein Seemann

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Seitdem er seine Crew bei einem furchtbaren Unglück auf See verloren hat, lebt der bescheidene Fischer Bob allein in einem Leuchtturm, abgeschottet von der Außenwelt. Die quicklebendige Holzmarionette lebt ein einfaches, aber zufriedenes Leben. Feste Rituale wie ausgiebiges Zähneputzen oder das Entstauben seiner Lieblingsmuschel gehören ebenso zu seinem Tagesablauf wie seine große Passion: Der Modellbau. Tage und Nächte verbringt er damit, an seinen ausgefeilten Nachbildungen zu arbeiten. Mitten in seinem Wohnzimmer steht obendrein ein detailgetreues Modell seines eigenen Leuchtturms, in dem sogar eine Miniatur seiner selbst Platz findet.

Während einer schicksalhaften Nacht wird der Seemann jedoch von einer düsteren Vision heimgesucht, die sein Leben völlig aus dem Ruder laufen lässt. Als er am nächsten Morgen erwacht und wie üblich aus dem Fenster schauen möchte, erblickt er nämlich keine tosenden Wellen, sondern das Innere seines Domizils und sich selbst wie er aus dem Fenster schaut. Als dann auch noch ein Einsiedlerkrebs aus dem Inneren seiner Muschel mit ihm zu sprechen beginnt, ist es um den perplexen Fischer geschehen. Er muss seiner Vision auf den Grund gehen, auch wenn das heißt, dass er sein Zuhause auf den Kopf stellen muss. Das Ziel: Die Spitze des Leuchtturms.

Leuchtturmception

In insgesamt vier Kapiteln sowie Pro- und Epilog präsentiert euch A Fisherman's Tale ein sympathisches Märchen, welches euch tief in die Seele des hölzernen Fischers eintauchen lässt. Im Fokus steht dabei eine einzigartige Spielmechanik. Während dem Fischer erst langsam dämmert, was es mit dem Haus in einem Haus auf sich hat, haben wir längst verstanden: Im Grunde funktioniert der Leuchtturm als eine Art Matrjoschka, dank der wir in der Lage sind, uns selbst im Modell des Turms beim Rumlaufen und Ausprobieren zu beobachten. Bereits nach wenigen Sekunden stellt uns das Spiel also vor unser erstes Rätsel. Damit er uns den Schlüssel für unseren Leuchtturm aushändigt, sollen wir dem rotzfrechen Krustentier einen Rettungsring besorgen.

Nichts leichter als das, schließlich hängt direkt an der gegenüberliegenden Wand ein solches Exemplar. Einziges Problem dabei: Der Ring passt zwar uns, ganz sicher aber nicht dem kleinen knuffigen Krebs. Fuchsig wie wir sind, beugen wir uns sogleich über das Modell, schnappen uns stattdessen die winzige Replik des Rings von der Wand und bringen sie zu unserem vorlauten Freund - sitzt wie angegossen. Viele der immer komplexer werdenden Rätsel in A Fisherman's Tale machen sich dieses einzigartige Spiel mit Größenverhältnissen und Perspektivwechseln zu Nutze und stellen uns vor Aufgaben, die zum Umdenken animieren, aber nie so schwer sind, dass die Geschichte dabei in den Hintergrund rückt. Vielmehr dieser tollen Gedankenspiele wollen wir euch an dieser Stelle gar nicht spoilern, aber glaubt uns: Es lohnt sich!

Das perfekte VR-Erlebnis für Einsteiger

Auch die recht kurze Spielzeit hat Anteil daran, dass aus dem VR-Abenteuer keine langatmige Rätselorgie erwächst. Sobald wir denken, wir haben eine der vielen cleveren Ideen vollends durchschaut, setzt uns das Spiel direkt die nächste kleine Prüfung vor die Nase - mindestens genauso kreativ umgesetzt. Verblüffend ist das muntere Hin und Her zwischen den Dimensionen allemal, denn sich selbst mit einer riesigen Hand auf den eigenen Kopf zu tippen, nur um dann zu sehen, dass im Modell jede unserer Bewegungen parallel geschieht, ist schon eine offene Kinnlade wert, von den vertrackten Denkaufgaben ganz zu schweigen. Ständig hatten wir das Gefühl, uns in die Welt von Inception verirrt zu haben - nur mit Marionette statt DiCaprio. Die Immersion per VR-Brille tut dann ihr Übriges und macht A Fisherman's Tale - abgesehen von einigen unpräzisen Item-Kollisionen - unglaublich greifbar.

Hilfreich ist in diesem Zusammenhang auch, dass ihr eure Holzarme per Knopfdruck ein- bzw. ausfahren könnt. Spielt ihr mit Roomscaling und bewegt euch im Raum umher, statt die Reise sitzend anzutreten (Was ebenfalls möglich ist), ist das unglaublich nützlich, weil ihr euch so nicht ständig nach heruntergefallenen Gegenständen bücken müsst, sondern stattdessen eure Arme die Arbeit erledigen lasst. Um den Schwierigkeitsgrad euren Bedürfnissen anzupassen, könnt ihr darüber hinaus Hinweise aktivieren, mit denen euch das Spiel immer dann auf die Sprünge hilft, wenn ihr einige Minuten an einem Rätsel verbracht habt - Nicht notwendig, aber gerade für die jüngere bzw. ältere Generation ein nettes Feature. Weil A Fisherman's Tale die Möglichkeiten der virtuellen Realität nahezu perfekt nutzt, nicht allzu lang ausfällt und die Botschaft hinter der Geschichte universell funktioniert, ist es also das perfekte Spiel, um euren Freunden und Familie VR nahe zu bringen, egal in welchem Alter.

Ein märchenhaftes Gesamtpaket

Doch nicht nur spielerisch ist der multidimensionale Selbstfindungstrip ein echter Schatz, auch in puncto Inszenierung macht das charmante Abenteuer einiges her. Zum einen, weil die Fabel in einer toll gezeichneten Spielwelt stattfindet, die voll kleiner, liebevoller Details steckt. Dass Fotorealismus der Atmosphäre in einer VR-Umgebung durchaus schaden kann, hat vor einigen Monaten bereits Transference bewiesen. Wir sind also froh, dass man sich bei A Fisherman's Tale für einen minimalistischen Comic-Look entschieden hat, der wunderbar mit der märchenhaften Grundstimmung des Spiels harmoniert. Auch wenn die Geschichte durchaus ihre finsteren Momente hat, finden Erzählung und Optik immer wieder den Weg zurück auf eine gemeinsame, positive Note - Mag nicht jedem gefallen, uns hat es verzückt.

Besonders hervorheben möchten wir auch die einzigartige Vertonung des Ganzen. Über ein sanftmütiges Voice-Over erfahren wir, was gerade im Seemann vor sich geht, während die übrigen Figuren ihre eigene, kuriose Synchronstimme erhalten haben. Die Texte stecken voller Witz, sind toll geschrieben und erwecken einmal mehr den Eindruck einer cleveren Fabel. Da der deutsch-französische Sender Arte an der Produktion von A Fisherman's Tale beteiligt war, stehen neben der hervorragenden deutschen Sprachausgabe, auch englische und französische Varianten zur Verfügung. Außerdem gesellen sich zwischen die kurzen Monologe immer wieder sanfte Klänge des Meeres, brodelnde Rohre oder gar blubbernde Fische - unaufgeregt, aber sehr atmosphärisch.

Pros

Cons

Fazit

Für kreative Perlen wie A Fisherman's Tale wurde die virtuelle Realität geschaffen. Das rund 2-stündige Abenteuer eines einsamen Seemanns nutzt die Möglichkeiten von Rift, VIVE, PSVR und Odyssey+ nahezu perfekt aus und lässt euch am laufenden Band staunen. Nicht nur, weil das Spiel eine tiefgründige Geschichte in handgezeichneten Mini-Dioramen erzählt, sondern diese Stück für Stück aufbricht, um euch vor kleine Rätsel zu stellen, bei denen euch der Mund offen stehen bleibt. Das kreative Spiel mit der Perspektive und wechselnden Groß-Klein-Variationen ist absolut sehenswert, sodass wir allen Besitzern einer VR-Brille diesen atmosphärischen Schatz für 15€ nur ans Herz legen können.

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