Test: Gran Turismo Sport

  • Marco Kruse
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Wenn es um virtuelles Rennfahren auf der PlayStation geht, denkt man zwangläufig an einen Namen: Gran Turismo. Doch bisher konnte die Rennspiel-Serie auf der PS4 nur mit Abwesenheit glänzen. Bis jetzt, denn dieser Umstand hat sich nun endlich geändert, weshalb wir für euch auf den Strecken von GT Sport unterwegs waren, um uns Polyphony Digital's PlayStation-Debüt anzuschauen.

Am Fahrwerk geschraubt

Beim Blick auf die Eckdaten von Gran Turismo Sport wird euch sofort eins auffallen und zwar der deutlich abgespeckte Fuhrpark mit gerade einmal über 150 Fahrzeugen. Das mag auf den ersten Blick negativ wirken, ist es am Ende des Tages nicht. Die Auswahl ist gelungen und bietet für jeden die passende Rennsemmel. Das hat noch einen weiteren Vorteil und zwar, dass alle Fahrzeuge bis ins kleinste Details ausgearbeitet sind und nahezu perfekt auf dem Bildschirm daher kommen. Am Ende musste Quantität der Qualität weichen, was wir als sehr positiv empfinden.

Ähnlich sieht auch der Blick auf den Karrieremodus von Gran Turismo Sport aus. Vorbei sind die Zeiten, in denen ihr Führerscheinprüfungen und Rennserien nacheinander abklappern müsst. Naja, zumindest so halb. In GT Sport könnt ihr euch in drei Bereichen austoben: In der Fahrschule, in den Missionen und der Streckenerfahrung. Die Fahrschule ist ein bisschen vergleichbar mit den Führerscheinen und vermittelt euch die fahrerischen Fähigkeiten, um die Autos in GT Sport beherrschen zu können. Hier gilt es beispielsweise, Haarnadelkurven in einer bestimmen Zeit zu meistern.

Neue Herausforderungen

In den Missionen müsst ihr euer erlerntes Wissen um Fahr- und Kurventechniken in kleineren und größeren Herausforderungen anwenden. Im Unterschied zur Fahrschule warten in diesem Modus aber auch Gegner auf der Strecke. Hier gilt es sich beispielsweise an den ersten Platz zu kämpfen, Höchstgeschwindigkeiten zu erreichen und mehr. Im Gegensatz dazu ist die Streckenerfahrung eher dazu da, euch die anspruchsvollen Abschnitte der Kurse näherzubringen, damit ihr in den Rennen gar nicht erst überlegen müsst, wo es lang geht.

Gekoppelt ist all dies an ein Belohnungssystem mit Gold, Silber und Bronze welches in Ingame-Währung, Erfahrung und Bonuswagen resultiert. Auf diesem sitzt euer Fahrerprofil mit Erfahrungslevel, Meilencounter, Kilometerzähler und Ingame-Credits oben drauf. All diese Faktoren schalten Belohnungen frei, die für zusätzliche Motivation sorgen sollen. Wirklich neu ist aber nur der Kilometerzähler, der täglich auf knappe 43 Kilometer angehoben werden muss. Absolviert ihr dieses tägliche Training erfolgreich, gibt es mal kurzerhand einen Bonuswagen.

Doch leider reicht das am Ende des Tages nicht wirklich, um Solospieler wirklich Lange bei der Stange zu halten. Denn so facettenreich sich das Ganze auch auf dem Papier anhört, so schnell endet dies in einer stumpfen Jagd nach goldenen Trophäen, bei der kaum Rennsportflair aufkommt. Gerade der Blick auf die Konkurrenz wie F1 2017 oder Forza zeigt deutlich wie ein guter Karrieremodus in der heutigen Zeit aussehen sollte. Zudem stört eine Sache ungemein und zwar der Online-Zwang für den Karrieremodus, der sogar soweit geht, dass dieser komplett gesperrt ist, wenn ihr mit euer Konsole offline seid.

Wer keine Lust hat, sich diesen Prüfungen zu stellen, der kann von Beginn an im Arcarde Modus Gas geben. Hier findet ihr Einzel-, Zeit-, Drift-, Eignungs-, Splitscreen- und VR-Rennen. Hier heißt es eigentlich nur: Schnell Fahrzeug, Strecke und Auto einstellen und schon kann es losgehen. Schade, dass gerade die Drift Rennen einen so kleinen Stellenwert einnehmen, da diese wirklich spaßig sind und für eine schöne Abwechslung im recht drögen GT Sport Alltag sorgen.

Einsames VR

Ein ganz besonderes Erlebnis ist in jedem Fall der VR-Modus von Gran Turismo Sport. Dank Sonys VR-Brille könnt ihr hier dem echten Autofahren so nah wie noch nie kommen. Gerade in Verbindung mit einem Lenkrad und Sitz ist die Illusion des virtuellen Rennfahrens fast perfekt. Zwar kann die optische Qualität dem normalen Modus nicht das Wasser reichen kann. Streckendetails sind deutlich reduziert und die Auflösung heruntergeschraubt. Zudem seid ihr leider nur mit einem Gegner unterwegs, was deutlich Spannung aus den Rennen nimmt, sobald ihr auf Platz 1 seid. Dies können wir aber alles verschmerzen, da das brillante Fahrgefühl einiges wieder wett macht.

(Fast) echter Motorsport

Eine ganz andere Liga ist hingegen der Online-Modus von GT Sport, der als bisher einziges Rennspiel mit einer FIA-Lizenz glänzen kann. In Zusammenarbeit mit der FIA entstehen so Online-Wettrennen unter echten Bedingungen, deren Sieger auf der jeweils am Jahresende stattfindenden, offiziellen FIA-Gala zusammen mit den Weltmeistern anderer FIA-Rennserien (z.B. der Formal 1, der Tourenwagen-Weltmeisterschaft oder der World Rally Championship) ihren Preis entgegen sollen. Mehr bietet die FIA -Anbindung aber bisher noch nicht, denn die echte Rennlizenz lässt sich mit GT Sport zumindest in fast allen Ländern nicht erringen. Und Obacht. Um den Onlinepart auch wirklich nutzen können, ist eine PS Plus Mitgliedschaft zwangsläufig von Nöten.

Insgesamt merkt ihr GT Sport aber den Fokus auf den Onlinepart deutlich an. Einmal gestartet läuft dieser nämlich butterweich und macht von Beginn an ordentlich Laune. Auch hier geht es natürlich nicht ohne Level, die ihr nach oben treiben könnt und aus diesem Grund findet ihr hier eine Fahrerwertung und Sportsgeistwertung. Erstere sollte selbsterklärend sein und ist deshalb kaum eine Überraschung. Viel interessanter ist jedoch die Sportsgeistwertung, bei dem entsprechendes Verhalten in den Rennen belohnt wird. Wer also rempelt und sein Auto als Geschoss nutzt, der wird im Online Modus von GT Sport nicht weit kommen und zudem irgendwann auch nur mit anderen unsportlichen Fahren in Rennen landen, da dies einen erheblichen Einfluss aufs Matchmaking hat.

Das sorgt aber auch dafür, dass die Rennen tatsächlich sehr fair ablaufen und wenig Frust mit sich bringen. Zudem müsst ihr auch keine Sorgen haben, wenn ihr mal von anderen von der Strecke abgebracht werdet, da solche Manöver nicht nur beim Sportsgeistwert, sondern auch am Ende der Rennen durch Zeitstrafen quittiert werden. Bisher könnt ihr zwar nur an täglichen Rennen und an den ersten Testturnieren teilnehmen, aber das macht schon so viel Spaß, dass ihr schnell alles andere vergessen könnt.

Alles fürs Foto

Wer seinen Gasfuß mal ausruhen möchte, der kann sich im Scapes- oder auch Fotomodus austoben. Hier könnt ihr die GT Sport 3D-Modelle der Fahrzeuge in zweidimensionale Bilder einfügen. Die Ergebnisse sehen dabei fabelhaft aus, auch ohne große Kenntnisse von Fotografie. Und gerade bei diesem extrem aufwendigen und zeitfressenden Fotomodus fallen die Schwächen im Solomodus umso mehr auf, denn eigentlich sollte ein Fotomodus ja eher eine coole Dreingabe sein, anstatt andere wirkliche Spielmodi auszustechen.

Rund ums Auto

Ähnlich schick und umfangreich sind auch die Zugaben rund ums Thema Automobil, die euch Gran Turismo Sport bietet. Vor allem im Brand Central, wo ihr eure hart verdienten Ingame-Credits gegen Fahrzeuge einsetzen könnt, gibt es jede Menge Infos und Videos zu den einzelnen Automarken und deren Geschichte. Wer also schon immer mal wissen wollte, wo beispielsweise der Mythos Mercedes Benz herkommt, der wird hier fündig werden.

Alles an seinem Platz

Finden ist auch gutes Stichwort, weil besonders das neue Interface von GT Sport eine echt Augenweide geworden ist. Es sieht nicht nur wunderschön aus und gestaltet sich super intuitiv, sondern geht auch richtig schnell von der Hand. Die Wechsel zwischen den Seiten und Menü passieren nämlich in Bruchteilen einer Sekunde und warten stellenweise mit hübschen Übergängen oder Animationen auf euch. Die neue Menüstruktur ist besonders beim Karrieremodus innovativ, in dem ihr jetzt nicht mehr immer im Hauptmenü, sondern mit zwei Klicks zu nächsten Prüfung kommt. Ohne Ladezeiten kommt das Ganze dann aber trotzdem nicht aus und so müsst immer ein wenig Geduld haben, wenn ihr ein komplett neues Rennen oder eine neue Strecke laden müsst. Im Vergleich zu GT6 geht dies aber immer noch in Windeseile.

Der Spaß am Fahren

Und auch wenn GT Sport merklich an Inhalt fehlt, kann das Spiel seine Konkurrenz vor allem in einem Bereich ausstechen und zwar beim Fahrgefühl. Sobald ihr nämlich die ersten Kilometer auf der Strecke macht, wollt ihr eigentlich nichts weiter als über die Strecke zu heizen und euch Sekunde über Millisekunde zu verbessern. Damit habt ihr auch relativ schnell das Gefühl, eins mit dem Auto zu werden, womit ihr euch immer weiter in die Grenzbereiche vortasten könnt. Dies gilt vor allem, wenn ihr ein Lenkrad euer Eigen nennt. Schade nur, dass GT Sport hier noch nicht gleich von Beginn an alle Lenkräder voll unterstützt und so konnten wir mit unserem Fanatec CSL Elite die ersten Testphasen kaum etwas anfangen. Mittlerweile geht dies über ein Firmware Update des Herstellers, der aber noch nicht den Support von sämtlichem Zubehör bietet.

Um hier noch mehr als eurem Boliden rausholen zu können, gibt es natürlich wieder jede Menge Einstellungsmöglichkeiten wie Reifen, Getriebe, Stoß, Spur usw. Nur fällt das richtige Tuning fast komplett weg oder ist versteckt worden. Dies hängt wiederum mit dem schlanken Fuhrpark zusammen, weshalb ihr jetzt nicht mehr aus alten Rostlauben verkappte Porschekiller bauen könnt - Schade! Dafür könnt ihr eure Wagen jetzt aber optisch komplett verändern und mit dem neuen Lackeditor aufpimpen, der unzählige Anpassungsmöglichkeiten für euch bereit hält. Diese können dank eures Fahrerprofil auch mit der kompletten Community geteilt und bewertet werden.  

Schicker Lack

Über fast jeden Zweifel erhaben ist jedoch die Präsentation von Gran Turismo Sport und das gilt sowohl für die normale als auch die Pro-Version des Spiel. Freuen könnt ihr euch bei beiden Varianten über butterweiche 60 Bilder in der Sekunde, fast schon erschreckend echte Fahrzeugmodelle und wunderschön ausgearbeitete Strecken. Gerade in Verbindung mit der Vorzeige-HDR-Implementierung wird GT Sport zu einer Augenweide, die alle anderen Rennspiele alt aussehen lässt. Gerade die Wagen selbst sind dabei das absolute Highlight und stehen ihren realen Vorbildern bis auf die kleinste Schraube oder Einstichnaht im Leder in Nichts nach.

Und auch wenn die Streckenauswahl ein wenig geringer ausfällt, können die Kurse mit tollen und liebevollen Details wie Zuschauern, Tribünen, Streckenposten und Aufbauten überzeugen. Hier merkt ihr deutlich, welchen Unterschied das neue Belichtungsmodell macht, welches alles in einem völlig neuem Glanz erstrahlen lässt. Leider ist dieser aber immer gleich, denn dynamische Tag- und Nachtwechsel fehlen den Kursen komplett. Ähnlich abwesend ist leider auch das Wetter in GT Sport, weshalb ihr immer auf trockenen Strecken unterwegs seid. Im Gegensatz dazu waren wir jedoch recht überrascht, dass eine Art Schadensmodell seinen Einzug ins Spiel gefunden hat und so bekommt ihr stellenweise richtige Kratzer im Lack zu sehen. Zwar kann dies nicht vollends überzeugen, ist aber wenigstens vorhanden.

Vroom Vroom

Der größte Kritikpunkt der letzten Jahre war grundsätzlich immer der Motorsound von Gran Turismo und hier gibt es bei Sport endlich Besserung. Viele Motoren klingen jetzt knackig, kraftvoll und kernig, wenn auch stellenweise immer noch ein paar Reisbrenner Sounds vorhanden sind. Über jeden Zweifel erhaben ist jedoch der Soundtrack, welcher besonders auf der Strecke den Spannungspegel  ansteigen lässt. Im Menü bleibt er doch seinen Fahrstuhl-Wurzeln treu und lädt zum entspannten Kopfknicken ein. Nur eine Altlast ist immer noch vorhanden und zwar die Aufprallgeräusche, die egal ob Gegner oder Streckenwand wie bisher den gleichen stumpfen Klang von sich geben.

https://www.youtube.com/watch?v=_zvQho4Ur4Y

Pros

  • Fahrzeugmodelle unglaublich detailliert
  • Unvergleichliches Fahrgefühl
  • Schnelles und übersichtliches Interface
  • VR-Modus ....
  • Packender Onlinemodus
  • Cooler Soundtrack
  • Fotomodus extrem umfangreich
  • Gute Social-Features dank Fahrerprofil
  • Tolle Strecken, die fabelhaft aussehen

Cons

  • Dünner Karrieremodus mit Always-on-Zwang
  • Kein Wetter und Tag/Nacht-System
  • Aufgesetztes Schadensmodell
  • .... der deutlich abgespeckt daher kommt

Fazit

Gran Turismo Sport ist einer dieser Titel, der es einem nicht leicht macht. Einerseits sind Optik und Fahrgefühl der Knaller, aber auf der anderen Seite ist der Inhalt an vielen Stellen einfach zu schmal. Gerade der Karrieremodus nimmt gefühlt eine kleine Nebenrolle ein und sorgt deshalb für wenig Begeisterung, was besonders schade für Fans der Reihe ist. Leider ist die Liste der Mängel diesmal etwas länger und zieht sich vom Always-on-Zwang bis zum fehlenden Wettersystem weiter. Da kommt schnell der Eindruck auf, dass ihr es hier mit einem "Gran Turismo 7 Prologue" zu tun habt. Gran Turismo 7 wird vielleicht schon gegen Ende 2020 auf der PS5 erscheinen. Seid ihr jedoch auf den Strecken unterwegs, habt ihr das schnell vergessen und ertappt euch immer wieder wie ihr Runde für Runde dreht, um auch noch die eine Millisekunde schneller zu werden. Zudem ist Präsentation gerade auf der Pro mit einem entsprechenden HDR Fernseher so gut, dass ihr stellenweise nicht satt sehen könnt.

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