Test: Guitar Hero Live

  • Jonas Dirkes
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Huch, sagt mal, welches Jahr ist es? Scheint so, als wäre es 2010 wenn man sich die ganzen Plastikgitarren in den Elektrogeschäften anguckt, die nur auf ihren Verkauf warten. Offenbar ist es aber doch 2015 und sowohl die Rock Band als auch Guitar Hero Serie werfen neue Ableger auf den Markt. Wir haben unsere gitarrenbegabten Finger an Guitar Hero Live gelegt und verraten euch, ob die Neuinterpretation der beliebten Serie etwas taugt, oder ob ihr getrost auf euren alten Klampfen weiterspielen könnt.

Multidimensional

Fangen wir direkt mit dem an, was wohl alle am meisten interessieren dürfte: Die neue Gitarre. Entwickler FreeStyleGames hat sich nämlich von den fünf bunten Tasten der Vorgänger verabschiedet und auf die neue Variante zwei parallele Reihen an schwarzen und weißen Tasten montiert. Von denen gibt es jeweils drei, was die Gesamtzahl an Tasten auf sechs ansteigen lässt. Das hört sich zunächst nach einer marginalen Neuerung an, die Änderungen die diese Designentscheidung mit sich bringen sind allerdings gewaltig.

Von nun an fahren zwar immer nur drei mögliche Noten gleichzeitig den Highway hinunter, ihr müsst diese allerdings aber auch in der richtigen Tonlage anschlagen. Während die schwarzen Noten tiefe Töne repräsentieren, stehen die weißen für höhere Noten. Ihr bewegt euch auf dem Griffbrett also ab jetzt in zwei Ebenen anstatt nur in einer, was selbst alte Guitar Hero Hasen auf dem normalen Schwierigkeitsgrad zunächst zerbrechen und verzweifelt die richtige Taste suchen lässt. Erhöht man dann den Schwierigkeitsgrad auf Fortgeschrittener oder Experte kommen sogar Tastenkombinationen aus mehreren Farben zu Stande und überfluten nahezu den Bildschirm.

Durch das stetige Umgreifen in mehreren Ebenen fühlt sich Guitar Hero Live tatsächlich mehr wie echtes Gitarrenspielen an, als jeder andere Teil der Serie zuvor. Durch die schwarzen und weißen Tasten lassen sich so nämlich rudimentäre Akkordformen bilden die ein C-Dur oder D-Dur schon recht gut imitieren. Außerdem konfrontiert das Spiel den Spieler mit seiner Form eines Baree-Akkords, bei dem ihr beide Tasten aus einer Reihe gleichzeitig drücken müsst. So lässt sich auf den hohen Schwierigkeitsgraden auch etwas bilden, was einem Power-Chord im echten Leben recht nahe kommt.

Das beste an diesem neuen System ist allerdings nicht die Nähe zu einer echten Gitarre, sondern dass selbst geübte Spieler nochmal alles von vorne lernen müssen und am Anfang noch kläglich scheitern werden. Hat man die neue Gitarre erst einmal gemeistert, fühlt man sich nach einem komplett richtig gespielten Solo auf Expert wie ein echter Gitarrengott. Das ist allerdings ein weiter Weg, denn schafft man es noch relativ schnell die mittleren Schwierigkeitsgrade zu meistern, fordert der Experte-Modus eine höllische Konzentration und viel Übung. Zwar bringt einem auch Guitar Hero Live nicht das echte Gitarrenspielen bei, gibt aber einen besseren Überblick über einzelne Gitarrengrundmechaniken als seine Vorgänger.

Good Bye Garagenrock

Die zweite große Neuerung in Guitar Hero Live hat sich direkt im Titel des Spiels versteckt. Der neue Live-Modus möchte euch direkt auf die Bühne werfen und euch zeigen wie es ist, ein riesiges Konzert vor echtem Publikum zu spielen. Dazu wurden reale Filmaufnahmen aus der Egoperspektive verwendet, die sich je nachdem wie gut oder wie schlecht ihr spielt verändern. Einmal zu oft danebengespielt und schon beginnt die Meute euch auszubuhen  und mit Plastikbechern zu bewerfen. Für jeden Song im Soundtrack gibt es dabei eines dieser Videos, dessen Auftritte sich von einem Stadionkonzert, über eine Session in einem riesigen Park bis hin zu einem Gig in einem Club erstrecken.

Wer gerne klein anfangen würde, wird leider enttäuscht, man startet direkt in den großen Stadien und darf der guten alten Garage leider keinen Besuch abstatten. Dabei ist das Ganze aber wirklich lustig, fast schon cheesy produziert und gerade die gecasteten Schauspieler machen einen tollen Job im wiedergeben einzelner Klischees. So gibt es die klassische Rockband, eine Girlgroup oder aber auch eine Folkband, die alle genau so aussehen werden, wie ihr sie euch gerade vorstellt. Ob man die Variante mit echtem oder digitalem Publikum nun bevorzugt ist wohl Geschmackssache, mir gefallen beide gut, wobei mir die alte Version einen kleinen Ticken mehr zusagt.

Sie wollen uns erziehen

Was mir hingegen nicht zusagt ist der neue Karriere-Modus, denn dieser ist im Grunde kaum existent. Der On-Disc Soundtrack des Spiels beinhaltet knapp 40 Songs und diese Tracks spielt ihr einfach in kleinen themenbezogenen Auftritten nacheinander herunter. Dabei könnt ihr weder relevante Extras freischalten, noch überhaupt versagen. Wenn ihr schlecht spielt, spielt ihr einfach schlecht, als einzige Bestrafung muss das unzufriedene Publikum herhalten. Was fatal ist, da man so die Chance verpasst den Spielern seine exzellente Spielmechanik richtig beizubringen. Man hat es einfach nicht nötig Songs zu lernen, um voranzuschreiten, sodass der Großteil der Spieler wohl nie über den normalen Schwierigkeitsgrad herauskommen wird. Richtig spaßig wird das Spiel allerdings erst, wenn ihr eure Lieblingssongs auf Experte meistern könnt.

Ähnlich weichgespült fällt auch der mickrige Soundtrack aus, der sich tatsächlich auf der Disc befindet. Die knapp 40 Songs vermissen jeglichen roten Faden oder Konzept, sodass sich Songs von The Who, Katy Perry, The Gaslight Anthem und Skrillex die Hand geben sollen, was schlicht eine miserable Idee ist. Das Problem liegt wahrlich nicht daran, dass der Soundtrack dieses Mal etwas popiger ausgefallen ist und die wirklich harten Tracks fehlen, sondern mehr daran, dass er schlicht keine Identität besitzt. Es dürfte wohl niemanden geben, für den die Tracklist eine wahre Offenbarung ist. Die Mehrheit wird vielleicht fünf bis zehn Songs mögen und immer wieder spielen, während der Rest auf der Disc verstaubt. Hätte man sich einfach für eine Musikrichtung, sei es Pop, sei es Rock, sei es Metal entschieden, hätten wir gar nicht viel zu meckern, aber im Vergleich zu den sonst so hochwertigen Tracklists der Reihe, besonders Guitar Hero 3, ist die von Guitar Hero Live einfach ein Witz. Des Weiteren sind 40 Songs einfach viel zu wenig, um dauerhaft Spaß am Offline-Modus von Guitar Hero Live zu entwickeln.

Als MTV Pay-TV wurde

Das muss auch FreeStyleGames erkannt haben und hat daher ein faszinierendes Konzept für ihren Online-Modus erfunden. Dieser trägt den Namen Guitar Hero TV und ist im Grunde ein eigener Musiksender, ein kleines MTV zum mitspielen. Auf zwei Sendern läuft stetig ein sich in jeder Woche erneuerndes Programm, in das ihr einfach zu jeder Zeit einsteigen könnt. Während der eine Sender etwas härter ausfällt, gibt es auch für Fans von ruhigerer, popigerer Musik einen eigenen Sender. Spielt ihr online, bekommt ihr sofort neun weitere Konkurrenten zugewiesen, mit denen ihr euch in Echtzeit um den Highscore im jeweiligen Song duelliert. Je besser ihr abschneidet, desto mehr Erfahrungspunkte und Geld erhaltet ihr.

Alle Songs in GHTV sind auch im Einzelabruf verfügbar und hier beginnt es langsam etwas fragwürdig zu werden. Denn um einen Song gezielt spielen zu können, muss man ein Token bezahlen. Diese Token kann man entweder durch sein im Spiel erwirtschaftetes Geld erwerben oder durch Mikrotransaktionen, also durch echtes, reales, wirkliches Geld. Habt ihr keine Tokens mehr übrig, bleibt euch keine andere Wahl, als zufällige Lieder zu spielen oder aber euren Geldbeutel zu zücken. Würde es sich bei Guitar Hero Live um einen Free2Play-Titel handeln, hätte ich absolut kein Problem mit diesem System und würde es gegebenenfalls sogar loben. Allerdings handelt es sich bei Guitar Hero Live um einen Vollpreistitel mit teurer zusätzlicher Hardware, die notwendig ist um zu spielen.

Der nicht immer kostenfreie Einzelabruf von Songs ist außerdem der Todesstoß für alle Highscorejäger da draußen, denn gerade auf Experte ist es absolut lebenswichtig den jeweiligen Song immer und immer wieder zu proben, bis er komplett ins Muscle-Memmory der Finger eingegangen ist. Im Vergleich zum Konkurrenten Rock Band, bei dem es möglich ist all seine Songs seit dem ersten Teil der Reihe immer zum aktuellen Titel mitzunehmen, ist dieser Pay2Play Ansatz einfach nur frech. Dabei ist GHTV im Grunde eine wunderbare Idee, gerade für Partys ist es eine tolle Sache den Fernseher samt Musikvideos (die gibt es im Online Modus anstatt der Live-Auftritte) laufen zu lassen und seine Gäste jederzeit die Möglichkeit geben die Gitarre zu schnappen und loszurocken. Können Spieler allerdings weder richtig auf Highscorejagd gehen noch sonstige Ziele ansteuern, fehlt irgendwie der Anreiz überhaupt zu spielen.

Pros

Cons

Fazit

Dieser Test zu Guitar Hero Live tut mir wirklich in der Seele weh. Müsste ich nur die Spielmechanik bewerten, dann würde ich eine wahre Traumnote vergeben, aber leider ist rund um den Kern des Spiels so einiges schief gelaufen. Angefangen bei der kleinen und schlecht ausgewählten Tracklist, bis hin zum Pay2Play-Konzept im Online Modus macht das Spiel für mich einfach keine runde Figur. Guitar Hero Live ist die Casual-Version, was zunächst ja nichts schlechtes sein muss, eines Guitar Heros geworden, das die komplexeste Spielmechanik der gesamten Serie, wenn nicht sogar des gesamten Genres beherbergt. Zwei Widersprüche, die für mich einfach nicht zusammenpassen. So ist Guitar Hero Live leider weder Fisch noch Fleisch geworden, wobei ich zuversichtlich bin, dass neue Ableger diese Kritikpunkte wieder ausbügeln können und werden. Also in diesem Sinne: Keep on Rockin'.

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