Test: Rime

  • Christian Böttcher
    vonChristian Böttcher
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Liebevoller Puzzler mit Tiefgang oder langatmiger Shader-Blender? Vier Jahre sind seit der erstmaligen Ankündigung des atmosphärischen Abenteuers Rime vergangen. Fans von Rätselspielen mit Tiefgang freuen sich, denn nun ist der Titel rund um die Insel mit dem mysteriösen Turm in der Mitte erschienen und lädt zur ausführlichen Entdeckung ein. Ab sofort könnt ihr auf dem PC, der PS4, der Xbox One losrätseln. Die Nintendo Switch muss sich noch ein wenig gedulden.Wir haben uns Rime geschnappt und unvergessliche Stunden mit dem wortkargen Protagonisten verbracht.

Nur ein Sandkorn am Strand der Spiele-Intros

In endloser Folge branden Wellen an eine tropische Insel. Die Kamera schwenkt auf einen kleinen Jungen, der an den Strand des tropischen Einland gespült wird und sich nur mühsam aufrappelt. Einige Sekunden später gibt das Spiel den Charakter frei und ihr findet euch fortan in der Rolle des Jungen wieder. Bereits in den ersten Minuten von Rime wird klar: Das grundlegende Setting des Puzzlers wird in 2017 keinen Innovationspreis gewinnen. Helden, die ohne Erinnerung an idyllischen Stränden erwachen, hatten wir in den vergangenen Jahrzenten wahrlich genug.

Nachdem wir uns kurz geschüttelt und den roten Umhang von Sand befreit haben, werden wir ohne viel Federlesen in die Welt von Rime geworfen und machen uns zunächst mit der Steuerung vertraut. Diese kommt mit lediglich vier Knöpfen abseits der Bewegungstasten aus und bleibt im Verlauf des ganzen Spiel auf dieser basalen Ebene. Tutorials suchen wir am Strand vergeblich und so beginnt eine lange, ahnungslose Reise.

Eine kurze Eingewöhnung

In der Nähe entdecken wir raue Klippen mit einer unauffälligen Markierung am Rand. Für uns ein klares Zeichen, dass wir hier hinaufklettern können. Mit der Leertaste bewegen wir uns aufwärts und springen in simpler Plattformer-Manier von einem Vorsprung zum nächsten. Für alle abwärts gerichteten Bewegungen nutzen wir die Shift-Taste. Die häufigen Klettereinlagen in Rime werden dem Namen Jumping-Puzzle allerdings nicht gerecht, denn sie gestalten sich meist mehr als einfach und die Gefahr zu scheitern ist nur minimal.

Zurück auf festem Boden, der von stilisierten Eidechsen und wogenden Büschen im Cell-Shading-Look bevölkert wird, bekommen wir es schnell mit den ersten kleinen Rätseln zu tun. Mithilfe der E-Taste können wir mit Gegenständen interagieren und so zupfen wir flugs eine übergroße Frucht aus einem nahegelegenen Baum, um damit eine Widschweinfamilie, die den Weg blockiert, von einem mysteriösen Schrein wegzulocken. Unser Abenteuergeist ist geweckt und wagemutig berühren wir den Altar. Wo soeben noch unser Finger lag, entspringt dem Gestein eine leuchtende Kugel, die verspielt durch die Luft flitzt, bevor sie am Horizont verschwindet.

Ein langer, stiller Weg

Obwohl unser Held über die ganze Geschichte hinweg kein einziges Wort von sich gibt, zählt er trotzdem zu den lauteren Vertretern seiner Zunft. Wo herkömmliche Protagonisten sich in ellenlangen Monologen und One-Linern ergehen, schreit der Junge im roten Cape. Das ist auf der Insel auch bitter notwendig, denn nur dank der gellenden Rufe, die ihr mit der linken Maustaste auslöst, könnt ihr Fackeln entzünden und die zahlreichen mysteriösen Statuen des Spiel aktivieren.

Vielleicht habt ihr es schon bemerkt: Rime ist kein Spiel, in dem das Gameplay in den Vordergrund gerückt wird. Vielmehr dreht sich alles um die erzählte Geschichte, das selbstständige Entdecken der liebevoll gestalteten Umgebungen und die kurzweiligen Rätsel, in denen das aufs Minimum heruntergebrochene Gameplay Anwendung findet.

Discover Yourself

Der erstmals 2013 auf der Gamescom angekündigte Puzzler wird unter dem Motto "Discover Yourself" beworben. Wer die Handlung von Rime ergründen möchte, fährt mit diesem Credo hervorragend. Die bis ins letzte Detail durchinszenierten Welten laden einerseits dazu ein, sie ohne Vorwissen und ganz persönlich zu erkunden. Andererseits werdet ihr im Verlauf der nebulösen Geschichte, die in Rime erzählt wird, auch einen Einblick in das eigene Repertoire der Emotionen und die damit verbundenen Denkweisen gewinnen können.

Im Grunde versucht Rime – wie ein guter Film – zu zeigen, anstatt zu erzählen. Das fängt beim stummen Protagonisten an und endet beim Erzähler, der schlichtweg nicht vorhanden ist. Alles, was euch das Spiel vermittelt, entfaltet sich über die visuelle oder auditive Ebene. Sei es der zum Erbrechen knuddelige Fuchs, der plötzlich erscheint und euch fortan nicht mehr von der Seite weicht oder der Gänsehaut-Soundtrack von David García Díaz - für sich allein genommen schon ein Meisterwerk: Die unvergleichliche Atmosphäre und die mit winzigen Hinweisen gespickte Geschichte von Rime gehen bis zum Ende Hand in Hand. Und was für ein Ende euch erwartet.

Der Lösung so nah

Als Aufhänger dient dabei zum einen der alles in den Schatten stellende Turm, der euch direkt nach der ersten Biegung erwartet. Er begleitet euch von Level zu Level als faszinierendes Objekt der Begierde und bedrohliches Omen zugleich. Es liegt an euch, seinen Ursprung und Zweck aufzudecken. Hinzu gesellt sich eine unscharfe Gestalt in einem roten Gewand, welche euch an so manchem Ort begegnet und euch immer wieder durch die Finger zu gleiten scheint. Verzweifelt versucht ihr den Turm zu erreichen und die Gestalt zu erwischen, um endlich Antworten auf eure bohrenden Fragen zu erhalten,

Dabei muss allerdings klar sein, dass Rime in seiner Inszenierung vor allem eins tut: Auf etwas hinarbeiten. Wer klar umrissene Themen, Charaktere oder Orte sucht, wird von Rime überrascht werden. Wie schon im geistigen Vorgänger Journey oder im etliche Motive stiftenden The Last Guardian dreht sich auch hier alles um das Gefühl, welches beim Spielen entsteht und die konkreten Inhalte werden schnell zum Beiwerk. Der Titel ist Abstraktion par Excellence und so solltet ihr damit rechnen, euch nicht immer einen Rime auf alles machen zu können, was in der Welt geschieht.

 

Auf den Rime gegangen

Wer den emotionalen Trip richtig genießen will, auf den Rime euch schickt, sollte jedoch in puncto Gameplay zurückstecken können. Das Pacing der Rätsel ist wunderbar umgesetzt. Seid ihr in einem neuen Level angekommen, werden zunächst simple Mechaniken etabliert, die dann Stück für Stück zu komplexeren Passagen ausgearbeitet werden. Es ist die Machart der Rätsel, die uns Sorge bereitet.

Hirnschmalz ist zwar kurzfristig notwendig, um die Schiebe- und Placement-Aufgaben zu meistern, aber an Puzzle-Klassiker wie Portal oder den Überraschungshit The Witness aus dem letzten Jahr kommt Rime bei Weitem nicht heran – dazu sind die Rätsel schlicht zu simpel. Knobeleinlagen dienen hier als kurzweiliges Gameplay-Beiwerk und unterstützen dabei lediglich die Inszenierung als Rime zu einem perfekten Hybrid aus Rätseln und Geschichte zu machen. Hier hätten wir uns ein wenig mehr Liebe zum Spielerischen gewünscht.

Oh, du vielschichtige Welt

Neben den gelegentlichen Klettereinlagen, die ebenso etwas fordernder hätten ausfallen können, verbringt ihr den Großteil der Zeit damit, die Welt zu erkunden. Und das mit Recht. Jeder Winkel der im Cell-Shading-Look gehaltenen leicht abstrakten Comic-Welt strotzt nur so vor liebevollem Leveldesign. Denn ihr werdet keineswegs nur mit der tropischen Insel konfrontiert.

Vor allem in der zweiten Hälfte des Abenteuers nehmen Abkürzungen und komplexe Umgebungen immer mehr zu und ihr stellt fest, dass bereits erforschte Gebiete gekonnt mit neuem Leben gefüllt wurden, wenn ihr sie ein zweites Mal bereist. Zuweilen fühlt ihr euch wie in einer Traumwelt, die im einen Moment wie ein tropisches Inselparadies daherkommt und sich bereits im nächsten zu einem düsteren, unwirtlichen Albtraum wandelt.

Selbst vor den allseits verhassten Wasserleveln haben die Macher vom spanischen Entwicklerstudio Tequila Works nicht Halt gemacht. Diese lassen sich butterweich durchschwimmen und dank der reduzierten Gameplay-Mechnaniken steht statt frustigem Taucher-Gefrickel abenteuerliches Entdeckerfeeling auf dem Programm. Dabei sieht Rime zu jeder Sekunde atemberaubend schön aus und lief auf unserem Mittelklasse-PC flüssig und gänzlich Glitch-frei. 

Wer suchet, der findet

Dank der atemberaubenden Kulissen, Schauplätze und Nebencharaktere habt ihr immer die nötige Motivation, auch hinter die allerletzte Ecke zu schauen, um ein Geheimnis zu enthüllen, das euch vorher entgangen ist. Diese Geheimnisse kommen in Form von abstrakten Wandmalereien, atemberaubenden Wasserfällen oder grünen Lichtungen daher, können aber auch in greifbaren Belohnungen resultieren.

Überall auf der Insel sind nämlich sammelbare Gegenstände versteckt, die das Aussehen des Charakters ändern oder euch mit einem exklusiven Schlaflied belohnen. Nach dem ersten Playthrough habt ihr darüber hinaus die Möglichkeit, in die einzelnen Level zurückzukehren, um eure Sammlung zu vervollständigen. Durch die zahlreichen Secrets entsteht schon fast der Eindruck einer offenen Spielwelt.

Pros

  • Atemberaubende Atmosphäre
  • Abstrakte Geschichte
  • Gelungener Spannungsbogen
  • Viele sammelbare Items
  • Gänsehaut-Soundtrack
  • Facettenreiches Leveldesign

Cons

  • Simple Rätsel und Kletterpassagen
  • Kaum Story-Hinweise

Fazit

Rime ist kein Sprint-Abenteuer für Emotionstouristen. Das atmosphärische Puzzle-Abenteuer lässt sich stattdessen Zeit für seine Gänsehaut-Momente, die dank des wunderschönen Soundtracks und der atemberaubenden Bilder und Szenerien nicht selten zu unvergesslichen Erinnerungen werden. Der abstrakte Marathon mit einem tief-emotionalen Zieleinlauf erinnert dabei an Klassiker wie Journey oder The Last Guardian, kann aber über Schwächen im Gameplay nicht hinwegtäuschen. Wer tiefgründige Spiele mit Fokus auf atmosphärischen Erfahrungen liebt, bekommt mit Rime eine liebevolle Indie-Perle par Excellence

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