Schaurig schönes Spektakel

The Medium im Test: Auf der PS5 der absolute Horror – und das ist gut so

  • Christian Böttcher
    VonChristian Böttcher
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The Medium: Auf der Xbox Series X gut, auf der PS5 noch besser. Warum ihr den Psycho-Horror jetzt unbedingt nachholen solltet, verraten wir euch im Test.

Krakau – The Medium war schon auf der Xbox Series X/S und PC ein verstörend intensives Erlebnis. Auf der neuen Konsole von Microsoft gehörte der Horror-Titel zweifelsfrei zu den Highlights zum bzw. kurz nach dem Release. Ab dem 03. September dürft ihr als titelgebende Weltenwandlerin Marianne auch auf der PS5 drauflosgruseln. Für uns der perfekte Zeitpunkt, dem subtilen Schocker im Test nochmal ordentlich aufs Fleisch zu fühlen. Hört Entwickler Bloober Team von uns ein „well done“ oder bleibt der Horror in The Medium eine „rare“ Erscheinung?

Name des SpielsThe Medium
Release (Datum der Erstveröffentlichung)28. Januar 2021 (Xbox Series X/S/PC) | 03. September 2021 (PS5)
Publisher (Herausgeber)Bloober Team
Serie
EntwicklerBloober Team
PlattformXbox Series X/S, PC, PS5
GenrePsychologischer Horror

The Medium im Test (PS5): Psycho-Horror hat ein Zuhause

Wer Horror sucht, findet bei den Horror-Expert:innen vom polnischen Entwickler Bloober Team für alle Lebenslagen den passenden Albtraum. Mit Layers of Fear, einer psychedelischen Reise in die menschliche Psyche, gelang dem Indie-Studio 2016 der Durchbruch. Seitdem steht das Team vor allem für eins: Zutiefst verstörende Grusel-Eskapaden, die fast unbemerkt in eure Großhirnrinde kriechen und euch erst wieder loslassen, wenn der Kuckuck in eurem Kopf dreizehn schlägt. So zumindest fühlten wir uns nach unserem ersten Durchlauf von The Medium.

Marianne wandelt zwischen den Welten: Fluch und Segen zugleich.

Doch immer der Reihe nach. Schließlich braucht jeder gute Schocker zunächst einmal zwei Dinge: ein gutes Setting und Zeit sich zu entfalten. Durch The Medium fließt eine gute Portion von beidem. Außerdem ist es das bisher wohl intimste Spiel der polnischen Entwickler. Denn der Albtraum beginnt an dem Ort, wo auch Bloober Team seine Wurzeln hat: im verregneten Krakau der 90er Jahre. Dort schlüpfen wir in die Rolle des Mediums Marianne, die seit frühester Kindheit zwischen der Welt der Lebenden und der Geisterwelt wandeln kann – eine Gabe mit Nebenwirkungen, denn die junge Frau wird von finsteren Visionen heimgesucht.

An einem nebelverhangenen See wird ein kleines Mädchen erschossen. Diese Szene läuft in Mariannes Kopf in Dauerschleife. Doch sie kann sich weder daran erinnern, wer das unbekannte Opfer ist noch was es mit dem vermeintlichen Mord auf sich hat. Erst als ihr Vater auf dem Sterbebett liegt, rücken Antworten auf ihre Fragen in greifbare Nähe. Während der Beerdigung erteilt die junge Frau ein schicksalhafter Anruf. Im verlassenen Niwa-Hotel soll sie sich mit einem Mann namens Thomas treffen. Er gibt vor, die Wahrheit hinter ihren Visionen zu kennen. Nur mit ihrer Gabe im Gepäck begibt sich das Medium also auf die Suche nach Antworten und der Albtraum nimmt seinen Lauf.

The Medium im Test (PS5): Atmosphärisch bis in die letzte Fleischwand

Was genau Marianne im gigantischen Hotelkomplex erwartet, wollten wir euch an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Doch wir versichern: in The Medium könnt ihr euch auf eine enorm wendungsreiche Horrorgeschichte einstellen, die eine ganze Weile braucht, bis sie richtig in Fahrt kommt, dann aber aus allen Rohren feuert – und damit meinen wir keine Splatter-Orgien, abgetrennte Gliedmaßen oder Folterszenarien. Stattdessen setzt The Medium auf gekonntes Foreshadowing, atmosphärischen Psycho-Horror und einige wirklich clevere Twists.

Die Rätsel in The Medium variieren stark in ihrem Schwierigkeitsgrad.

Klar, an der ein oder anderen Stelle reißt euch das Spiel mit hektischen Fluchtpassagen oder gut getimten Jumpscares aus eurer Komfortzone. Doch den Großteil der acht bis zehn Stunden Spielzeit vermittelt The Medium seinen Horror über die genial in Szene gesetzt Spielwelt, dissonante Geräuschpanoramen oder Schatten, die bedrohlich über die muffigen Hotelwände kriechen – subtiler eben als beispielsweise bei Resident Evil oder The Evil Within. Im späteren Verlauf verschlägt es das Medium selbstverständlich auch noch an andere Grusel-Schauplätze.

Ob es nun eine Achterbahnfahrt des Grauens oder ein schauriger schöner Spaziergang über den Friedhof sein soll, müsst ihr im Endeffekt selbst entscheiden. Uns hat Bloober Team mit ihrer feingliedrigen Art zu schocken aber spätestens nach Blair Witch das Herz gestohlen – und leider vergessen wieder einzusetzen. In Sachen Story und Atmosphäre ist The Medium für uns also über jeden Zweifel erhaben. Doch wie steht es mit dem Gameplay? Hält das im Vorfeld viel besprochene Dual Reality-Prinzip, was es verspricht?

The Medium im Test (PS5): Doppelt rätselt besser

Wenn Marianne zwischen den Welten wandelt, müssen wir uns das in The Medium nicht vorstellen, wir können es am eigenen Leib spüren – beziehungsweise am eigenen Controller. Sobald sie ein übernatürliches Kribbeln aus der Geisterwelt wahrnimmt, teilt sich der Bildschirm für uns und wir können das Medium sowohl in der echten Welt als auch der Geisterwelt steuern. So bekommen wir als Geister-Marianne Dinge zu sehen, die sich Normalo-Marianne nicht im Traum vorstellen könnte – und umgekehrt. Am Anfang beißt sich das ein wenig mit unseren Sehgewohnheiten, geht aber in kürzester Zeit in Fleisch und Blut über – und sieht nebenbei gesagt auch noch ziemlich cool aus.

Zwei-Welten-Gameplay in The Medium: Innovativ, aber mit Potenzial nach oben.

In den breit gestreuten Rätselabschnitten von The Medium läuft das innovative Spielprinzip zu Höchstform auf. Die geteilte Realität gibt Marianne die Möglichkeit, Wege in der einen Welt zu nehmen, die in der anderen versperrt sind oder Rätsel zu lösen, die nur in der Geisterwelt überhaupt physikalisch möglich wären. Repetitiv oder gar langweilig wird das dynamische Wechseln zwischen den Realitäten nie, wir hätten uns aber trotzdem gewünscht, dass Bloober Team noch etwas mehr aus der genialen Grundidee herausgeholt hätte. Die Vielfalt der Rätsel stimmt, für unseren Geschmack hätten sie aber gern ein Zombiezwinkern knackiger sein dürfen.

Ansonsten mutet das Gameplay von The Medium fast schon wie eine Art Adventure an. Ihr manövriert Marianne von Raum zu Raum und haltet Ausschau nach Hinweisen oder kombinierbaren Gegenständen. So bastelt, knobelt und probiert ihr euch von Rätsel zu Rätsel. Klingt jetzt vielleicht so als wäre The Medium spielerisch aus der Zeit gefallen, ist aber eine ganz bewusste Designentscheidung, wenn ihr uns fragt. Das fokussierte Gameplay gibt Bloober Team mehr Raum für environmental Storytelling, die packende Geschichte und den Aufbau einer unnachahmlich dichten Atmosphäre – frei nach dem Motto „Stärken stärken“ .

The Medium im Test: Ein perfektes Zuhause auf der PS5

Generell ist The Medium ein stimmungsgeladenes Fest für die Sinne – und das insbesondere auf der PS5. Mit den neuen technischen Möglichkeiten der Xbox Series X konnte das Spiel zum Release ordentlich punkten. Ladezeiten gehörten dank der SSD der Vergangenheit an und grafisch machte der Trip ins vergruselte Polen auch ordentlich was her. All diese Vorteile können wir nun auch auf der PS5 genießen – und noch einige mehr. In einem Punkt hechelt Microsoft Sony nämlich noch immer hinterher: Dem Controller. Der sorgt bei The Medium für den letzten Schliff in Richtung atmosphärisches Meisterwerk.

Dank Dual Reality-Feature bietet The Medium enorme Vielfalt für Rätsel.

So kommen die adaptiven Trigger des DualSense zum Einsatz, wann immer Marianne ihre Fähigkeiten in der Geisterwelt einsetzt. Um in der echten Welt beispielsweise das Licht einzuschalten, müsst ihr zunächst eine Energiequelle in der alternativen Realität finden und dort ordentlich Geisterpower nachtanken. Die könnt ihr dann in einen ätherischen Stromkasten entladen, was der Controller mit stetig sinkendem Widerstand quittiert – das steigert die Immersion gewaltig, funktioniert bei Sony-exklusiven Shootern wie Returnal aber noch eine ganze Spur eindrucksvoller.

Wie gut The Medium die Features des PS5-Controllers nutzt, zeigt sich an anderer Stelle jedoch beim haptischen Feedback. Wenn Geist-Marianne sich mit ihrem ätherischen Schutzschild gegen Horden untoter Motten abschirmt, spürt ihr anhand winziger Vibrationen, wie jedes einzelne Insekt mit voller Wucht gegen ihren Schild prallt. Auch beim Zerteilen ekliger Fleischwände, die irgendein perverser Fleischermeister zwischen Levelabschnitten gespannt hat, gibt der Controller ekelhaft fremdartiges Feedback an eure Finger ab – und das ist im Horror-Genre ein echtes Kompliment.

Adaptive Trigger und haptisches Feedback: The Medium holt das beste aus dem PS5-Controller raus.

Zum jetzigen Zeitpunkt würden wir euch also dazu raten, The Medium auf der PS5 zu genießen, auch wenn der Horror-Schocker ursprünglich für die Xbox Series X optimiert wurde. Nicht zuletzt deshalb, weil auch die technischen Pannen, die zum Release auf der Microsoft-Konsole auftraten, nun offenbar der Vergangenheit angehören. Im Test lief The Medium auf unserer PS5 in 4K und mit Raytracing auf stabilen 30 FPS. Aussetzer, Hänger oder ähnliche technische Pannen: Fehlanzeige. Und auch mit ätzenden nachladenden Texturen hatten wir in unseren zehn Stunden mit dem Spiel nicht zu kämpfen. Wenn The Medium auf der Xbox Series X also schon relativ gut war, auf der PS5 erwartet euch Horror in seiner absoluten Form.

The Medium im Test (PS5): Hörgasmus für die Sinne

Was sich hingegen nicht verändert hat, ist der markerschütternde Soundtrack, mit dem The Medium den Horror im Spiel auf ein neues Level hievt. Der stammt noch immer von Bloober Team Hauskomponist Arkadiusz Reikowski und Producer-Legende Akira Yamaoka. Silent Hill-Fans dürften beim letzteren Namen gleich doppelt die Ohren klingeln. Denn er produzierte nicht nur den Soundtrack der legendären Horror-Reihe, sondern auch die Soundeffekte fast im Alleingang. Jetzt nutzt er seine Talent, um The Medium einen Platz an der Sonne im Olymp der Videospiel-Soundtracks zu verschaffen.

Vertonung, Soundtrack und Effekte von The Medium spielen ganz oben mit.

Jedes Musikstück sitzt, jede dissonant angeordnete Tonfolge erfüllt im Hotelkomplex von Niwa ihren Zweck. Wäre der Soundtrack von The Medium nicht so nervenzerfetzend schaurig, wir würden ihn in Dauerschleife über unsere Boxen pumpen. Wir empfehlen euch also, das Spiel über Kopfhörer zu zocken oder aber mit dem entsprechenden Soundsystem im Rücken. Denn wie die beiden Musiker mit auditivem Foreshadowing spielen und uns glauben lassen, wir würden wirklich im beißenden Regen hoffnungslos im Wald herumirren: Das ist im Genre wirklich einzigartig.

The Medium im Test: So gut schlägt sich der Horror-Schocker auf der PS5

The Medium im Test: Auf der PS5 der absolute Horror – und das ist gut so

Psychologischer Horror tropft The Medium aus jeder Pore. Sequenz für Sequenz merkt man dem Spiel an, wie sehr Entwickler Bloober Team für das Genre blutet und stetig besser darin wird, uns mit subtilem Grusel im tiefsten Inneren zu packen. Atmosphärisch erwartet euch auf der PS5 ein echtes Brett, das nicht auf den schnellen Schockeffekt aus ist, sondern sich dank cleverem Foreshadowing und unberechenbaren Wendungen in eurem Gehirn festsetzt wie ein Parasit. Dabei bleibt The Medium zu jederzeit ein Fest für die Sinne. Dazu trägt der absolut bahnbrechende Soundtrack bei, genau wie die Umsetzung des Spiels für die PS5 und ihren DualSense-Controller. Auf der Sony-Konsole bekommt ihr aktuell die beste Version von The Medium serviert. Einzig kleine Schwächen im Gameplay müsst ihr verschmerzen. Wenn Stimmung und Story für euch aber ganz oben auf der blutverschmierten Bucket-List stehen, habt ihr ein Horror-Highlight des Jahres vor euch.

ProCon
+ Wendungsreiche Story– Stark heruntergebrochenes Gameplay
+ Dichte, verstörende Atmosphäre– Einige Trial&Error-Passagen
+ Gutes Pacing– Dual Reality-Feature mit Potenzial nach oben
+ Abwechslungsreiche Rätsel
+ Genialer Soundtrack und starkes Sounddesign
+ Gelungene Sprachausgabe
+ Detailreiche Next-Gen-Grafik

Rubriklistenbild: © Bloober Team

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